Gestern war wieder so ein Tag, an dem ich ernsthaft am Verstand mancher Fußballfans gezweifelt habe. Worum es geht? Natürlich um den müden Kick von Hannover 96 gegen Dynamo Dresden.
Machen wir es kurz: Das war kein fußballerischer Leckerbissen. Vor allem die erste Halbzeit von 96 war dürftig. Ideenlos im Spiel nach vorne, zu wenig Tempo, zu wenig Mut im letzten Drittel. Das 0:0 fühlt sich bitter an – insbesondere, weil die Konkurrenz gepunktet hat. Das darf man kritisieren. Das muss man sogar.
Was allerdings anschließend in den sozialen Netzwerken abgeladen wurde, hatte mit sachlicher Analyse wenig zu tun – eher mit digitalem Kontrollverlust.
„Typisch Hannover, lustlos, ideenlos, kraftlos, hirnlos. Haben den Lohn nicht verdient.“
„Mal wieder ein ganz schwacher Auftritt zu Hause. Kein Wunder, dass die Bude nicht voll wird.“
„Über den Aufstieg braucht nun wirklich niemand mehr reden. Wer es nicht mal schafft, gegen den Letzten ein Tor zu machen, hat es auch nicht verdient.“
„Was für ein erbärmliches Ballgeschiebe. Schlimmer als in Chinas korrupter 3. Liga.“
Ganz ehrlich: Habt ihr in den letzten Wochen Cricket geschaut – oder warum blendet ihr komplett aus, was hier gerade passiert?
Dresden ist kein Sparringspartner
Nur weil Dresden vor dem Spiel ganz unten stand, heißt das nicht, dass man im Vorbeigehen drei Punkte einsammelt. Mannschaften mit dem Rücken zur Wand sind unangenehm. Sie kämpfen, sie beißen, sie werfen alles rein. Genau das hat Dresden getan – und dafür gebührt ihnen auch Anerkennung.
Ja, über die Leistung des Schiedsrichters kann man diskutieren. Gefühlt lief nicht jede Entscheidung zugunsten der Hausherren. Aber das taugt nicht als Ausrede. 96 hat sich dieses Unentschieden in erster Linie selbst zuzuschreiben – durch fehlende Durchschlagskraft und zu wenig Zielstrebigkeit.
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Die Faktenlage spricht eine andere Sprache
Was mich allerdings wirklich irritiert, ist diese apokalyptische Grundstimmung. Es wird so getan, als hätte man 0:5 verloren und wäre aus dem Niedersachsenstadion gefegt worden.
Ein kurzer Realitätscheck:
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Seit fünf Spielen ungeschlagen.
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13 von 15 möglichen Punkten in diesem Zeitraum.
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Platz eins in der Formtabelle.
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Nur zwei Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz.
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Noch 33 Punkte zu vergeben.
Nochmal langsam zum Mitschreiben: Dreiunddreißig.
Natürlich war das 0:0 zu wenig, wenn man oben angreifen will. Aber es ist ein Punkt – und vor allem kein Rückschlag, der eine Aufstiegsdiskussion beerdigt. Wer nach einem torlosen Remis sofort die weiße Fahne hisst, sollte vielleicht grundsätzlich hinterfragen, was er von einer Saison erwartet. Ein Durchmarsch mit 20 Punkten Vorsprung?
Aufstiegskampf bedeutet Nervenstärke. Schwächere Spiele gehören dazu. Entscheidend ist nicht, jedes Spiel spektakulär zu gewinnen, sondern in schwierigen Phasen stabil zu bleiben. Und genau das tut 96 aktuell.
Diese Mannschaft hat sich eine breite Brust erarbeitet. Nicht durch Glanz und Gloria, sondern durch Ergebnisse. Und im Saisonendspurt zählen Punkte – keine Schönheitspreise.
Am kommenden Wochenende geht es auswärts weiter, bei Arminia Bielefeld. Kein Selbstläufer. Aber ganz sicher auch kein Grund, sich kleiner zu machen, als man ist.
Also lasst uns die Kirche im Dorf lassen. Kritik? Gerne. Polemik und Weltuntergangsstimmung? Braucht kein Mensch. Hannover 96 lebt. Und der Aufstieg ist alles andere als abgeschrieben.
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