Abschiedsrede eines 96-Fans: „Die Lust auf meine Roten ist mir völlig vergangen“

Unbeschwerter Jubel: Die Zeiten scheinen lange vorbei.

„Jeder Verein hat die Fans, die er verdient… und die Fans bekommen den Verein, den sie verdienen“, sagt der langjährige 96-Fan Kai Niemetz. „Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass sowohl Martin Kind als auch die IG Pro Verein nach dem Motto handeln: Wenn ich verliere und untergehe, geht Hannover 96 mit unter.“ Seine traurigen Zeilen dürften vielen 96-Fans aus der Seele sprechen. Aber lest selbst!

Nach über 40 Jahren ist mir mittlerweile die Lust auf meine Roten fast völlig vergangen.

Als hätten wir nicht schon im sportlichen Bereich genug Probleme, die schon schwer genug zu ertragen und kaum zu bewältigen sind, nimmt dieses Drama zwischen Verein und der „sogenannten“ Interessengemeinschaft Pro Verein 1896, die eigentlich nur eigene Interessen vertritt (meine jedenfalls nicht!) und deren einziges Ziel ja nur „Kind muss weg“ ist, mittlerweile immer groteskere Formen und peinlichere Ausmaße an, für die ich mich als Fan von Hannover 96 einfach nur noch schämen muss… und zwar für die Handelnden auf beiden Seiten.

Falls sich noch irgendjemand an meine „Wutrede“ vor ein paar Monaten erinnert… es wird nun all das eintreten, was ich damals prophezeit habe: Wir bekommen die Quittung für unsere eigene Dämlichkeit mit einem Jahr Verspätung und geben Hannover 96 der absoluten Lächerlichkeit Preis.

Ich kann und konnte immer mit den sportlichen Unzulänglichkeiten meiner Roten leben. Ich habe immer zu ihnen gehalten. Egal in welcher Liga. Sogar bis in die Drittklassigkeit bin ich ohne Probleme mit ihnen gegangen!

NIEMALS ALLEIN! Dieser 96-Leitspruch ist zu einer lächerlichen Phrase verkommen, die mit der Realität bei Hannover 96 nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.

JEDER ALLEIN. Das trifft es im Augenblick 96 Mal eher.

Auf der einen Seite kann ich die Art und Weise nicht mehr ertragen, wie ein einzelner Mensch Hannover 96 als sein Privateigentum betrachtet und als Spielwiese für Machtkämpfe mit der DFL und DFB missbraucht. Von einer Führungspersönlichkeit wie Martin Kind hätte ich erwartet, dass er auch Minderheiten bei seinen Entscheidungen mitnimmt, Ängste und Befürchtungen beseitigt, Konfliktsituation angemessen moderiert und löst. Leider vergebens.

Und auf der anderen Seite kann ich es nicht mehr ertragen, wie eine Gruppe den Verein durch ihr Verhalten seit Jahren schadet und dabei sogar vor der eigenen Mannschaft keinen Halt gemacht hat. Sie haben letztes Jahr der Mannschaft die Unterstützung versagt, sie im Stich gelassen und das, wo sie doch immer behauptet hatten, die Mannschaft gehe für sie über alles.

Ich habe mittlerweile sogar das Gefühl, dass sowohl Martin Kind als auch die IG nach dem Motto handeln: Wenn ich verliere und untergehe, geht Hannover 96 mit unter. Das ist für mich unerträglich… und… das ist dann eben nicht mehr mein Verein. Leider und so traurig das ist: Jeder Verein hat die Fans, die er verdient… und die Fans bekommen den Verein, den sie verdienen. Und deshalb passen Hannover 96 und die sogenannten Fans, die Ultras in der Nordkurve und der schweigende Rest im gesamten Stadion so wunderbar zusammen…

Ich habe schon viele schlechte und noch mehr sehr schlechte Zeiten bei Hannover 96 erlebt. Doch solch ein Gefühl der Ohnmacht habe ich vorher noch nicht erlebt. Das war es jetzt für mich…  dies ist mein letzter öffentlicher Kommentar zu Hannover 96 gewesen. Auf Wiedersehen und danke fürs Lesen!

Das war ein Gastkommentar von Kai Niemetz.

5 Kommentare

  1. Lieber Kai,

    ich akzeptiere Deinen Ärger – verstehen kann ich ihn nicht. Indem Du sowohl Martin Kinds Verhalten als auch das der Opposition verurteilst, setzt Du beide gleich. Dabei verkennst Du offenbar, daß hier ein ungleicher Kampf um die Zukunft des Vereins stattfindet. Martin Kind agiert aus einer starken Position heraus: Er versucht, alle Macht an sich zu reißen, hat sich Vereinsvermögen gemäß Gutachten von Wirtschaftsprüfern unter Wert unter den Nagel gerissen und ignoriert beharrlich die demokratischen Regeln des Clubs. Zudem hat er dem Verein eine Millionenschuld aufgebürdet, für die er keine Bürgschaft, sondern nur eine Patronatserklärung gegeben hat. Sollte das schieflaufen, ist der Verein mutmaßlich wirtschaftlich am Ende. Es geht hier also um die Existenz des Clubs. Und Du lamentierst darüber, daß die Opposition die Mannschaft nicht unterstützt hat?

    Wie sollte sich die Opposition denn Deiner Meinung nach verhalten? Diskutieren? Demonstrieren? Hat man versucht. Da lacht Herr Kind sich eins. Auf Vereinsversammlungen gegen seine Politik stimmen? Wurde gemacht, doch Herr Kind sieht alle Mitgliedervoten leider nur als Empfehlung an. Abstimmungsverfahren in Vereinsversammlungen wurden von Gerichten als rechtswidrig eingestuft – aber die für Martin Kind günstigen Ergebnisse blieben gültig.

    Du schreibst selbst, daß Du es nicht mehr ertrügest, daß Kind den Verein als Privateigentum betrachtet. Dann müßtest Du eigentlich dankbar dafür sein, daß es Menschen gibt, die versuchen, ihn daran zu hindern. Aber Du willst anscheinend einfach nur in Ruhe Fußball gucken. Das ist ein legitimer Wunsch. Doch es erinnert mich an die Leute in einem politischen Unrechtssystem, die einfach auch nur ihre Ruhe haben wollen, egal, was um sie herum passiert.

    Die Mannschaft ist zweifelsohne wichtig. Aber mir persönlich ist 96, mein Verein, in dem ich Mitglied bin, wichtiger.

  2. Ich kann das Gefühl verstehen… die Begründung hingegen auch nicht. Jeder, der sich ernsthaft bemüht, müsste meines Erachtens erkennen, wer hier eigentlich Opposition ist. Die heilige Dreifaltigkeit aus Investor, Vereinsentscheider und Vereinsaufsicht opponiert gegen alles, was einen Verein oder ein sonstiges demokratisches Gebilde ausmacht. Lügen und betrügen, dass sich die Balken biegen, ausschließlich zum eigenen Vorteil….  mich macht es daher immer wieder traurig, wenn offensichtlich vernünftige Menschen das nicht erkennen wollen oder können und nach dem nächsten Propaganda Highlight wieder auf "die Opposition "schlagen". Man muss Zivilcourage ja nicht aktiv unterstützen, aber verdammen…. Gottseidank ist es nur Fussball. Ich frag mich, wie sich zB Erdogan Gegner manchmal fühlen müssen… 

  3. Auch ich kann diese Begründungen durchaus nachvollziehen. Seit nunmehr 44 Jahren besuche ich, sofern es möglich ist, die Heimspiele des Vereins der mich durch mein bisheriges Leben begleitet hat. Auch wenn die Wohnorte durch meinen beruflichen Werdegang teilweise hunderte von Kilometern entfernt waren habe ich alle Mühe auf mich genommen die Mannschaft und letztendlich auch den Verein in seinen schwierigen Phasen zu unterstützen. Als Beispiel sei der Abstiegskampf nach dem Tod von Robert Enke erwähnt wo ich jedes Heimspiel besucht habe und sicher wie viele andere nach dem 6:1 gegen Borussia Mönchengladbach das sichere Gefühl hatte das hier Mannschaft, Fans und die Stadt wie ein Mann hinter dem Verein stehen und es hat ja dann auch geklappt.

    In der letzten, wie auch in dieser Saison verspüre ich bei Heimspielen nur noch Wut und Verbitterung über den Zustand der Unterstützung im Stadion, der teilweise lächerlichen Versuche des Präsidenten die 50+1 Regel zu umgehen.

    Trotzdem werde ich weiterhin die Heimspiele von meinem Wohnort Hamburg aus besuchen, meine Mitgliedsschaft aufrecht erhalten.

    Ich bin mir aber sicher das Transparente "Kind muss weg" oder die Sprechchöre mit selbigem Inhalt die Situation nicht lösen.

    Gerade in den letzten Tagen haben Fußballfans in ganz Deutschland durch Ihren Stimmungsboykott verhindert das die DFL Spiele zu unsäglichen Zeiten ansetzt. Das sollte allen Mut geben das Protest Veränderungen herbeiführen kann.

    Jedoch Dinge zu boykottieren ohne einen Plan B in der Tasche zu haben bringt niemandem etwas. 

    Warum schauen denn alle neidvoll nach München? Man kann über die dort handelnden Personen denken was man möchte aber man hat dort im Interesse und im Namen des Vereins im Zusammenarbeit mit finanzstarken Partnern über Jahrzehnte ein finanziell unabhängiges Imperium geschaffen. 

    Es muss nicht immer das Sponsoring sein das über Sieg und Niederlage entscheidet wie in Hoffenheim oder Wolfsburg.

    Mainz oder Freiburg zeigen doch das es auch anders geht. 

    Ich hoffe das wir alle einen Weg finden der verhindert das 96 nicht doch einmal untergeht

     

  4. Wechselt einfach den Verein! Per Mertesacker tat es auch. Werder Bremen ist auch nicht so weit weg von Hannover und es ist entspannter. Wir haben in der Vereinsführung Erwachsene und kein Kind!

  5. Es ist schlicht falsch zu behaupten, ProVerein würde dem Verein schaden. Das Gegenteil ist richtig.

    Und die Gleichstellung von Täter und Opfer kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.

    Es kommt mir ein wenig so vor, als hätte Kai sich nicht die Mühe gemacht sich umfassend zu informieren. Klar, das ist angesichts der Presselandschaft in Hannover durchaus mühsam. Aber es hilft am Ende, um die vielen Lügen und Unregelmäßigkeiten, die Verletzungen der Verpflichtungen von Ehrenämter zu wissen … und dann eine bewußte Entscheidung zu treffen.

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