Darauf muss 96-Coach Breitenreiter in der Rückrunde aufbauen

Ziel der Mannorientierung ist es, gegnerische Schlüsselspieler aus dem Spiel zu nehmen. Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images .

Hannover – Die Fußball Bundesliga ist nun um eine Hinrunde älter. Hannover 96 schien laut überwältigender Mehrzahl der Expertenmeinungen so gut wie sicher abgestiegen. Doch der Klub belegt in der Tabelle den Platz elf. Nur drei Punkte beträgt der Abstand auf Platz sieben. Hat sich Hannover eines ausgeklügelten Konzeptes bedient? Nein. 

Ziel der Mannorientierung ist es, gegnerische Schlüsselspieler aus dem Spiel zu nehmen. Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images .

Hannovers Schlüssel zum Erfolg

Das Geheimnis heißt: Mannorientierung. Sie hat sehr vielen Gegnern echte Probleme bereitet. In den kommenden Zeilen möchte ich euch kurz näher bringen, was Hannover 96 rein von der Ausrichtung her in der Hinrunde praktizierte. Viel Spaß beim Lesen.

Schalke als Startschuss

Als ich das erste Spiel der Roten live im Stadion verfolgte, wunderte ich mich nach 25 Minuten schon über die hohe Anzahl an „Eins gegen Eins-Duellen“ auf dem ganzen Platz.  Der Gegner hieß Schalke 04. Domenico Tedesco saß ganz frisch auf der Trainerbank. Nach dem, was ich in Aue und Hoffenheim von ihm kannte und gesehen habe, war ich mir sicher, dass wir gegen diesen Gegner kein echte Chance haben würden. Nach weiteren 20 Minuten war dann endlich Halbzeit und ich sagte zu meinen Kumpel Bero und Immo im Block: „Das sieht fast so aus wie Manndeckung, was 96 da spielt – irgendwie spannend, aber auch ungewöhnlich.“

Mannorientierung – Was ist das?

Mittlerweile hat man es in Mannorientierung umbenannt. Das klingt auch wesentlich besser. Was bedeutet der Begriff aber eigentlich überhaupt? Jeder Spieler in der Defensive besitzt eine Zuständigkeitszone. Man könnte es auch „Zonale Manndeckung“ nennen. Befindet sich in der eigenen Zone ein Gegner, wird dieser gedeckt. Das hindert den ballführenden Spieler daran, einen freien Mitspieler anzuspielen. Dadurch erhöht sich der Pressingzugriff. Über Zweikämpfe wird der Ball erobert. Die enge Orientierung am Gegner und das gleichzeitige ballorientierte Verschieben, erzeugt Kompaktheit und Überzahl in Ballnähe. Durch Decken der möglichen Passoptionen ermöglicht sich der Zugriff auf das Spielgerät

Altes Konzept, neu gedacht

Bereits in den 1980er Jahren erfreute sich die Manndeckung großer Beliebtheit. In den Neunzigern galt sie dann als überholt. Die Zonale Manndeckung ist im Grunde nichts anderes, als eine Weiterenicklung der rigorosen Manndeckung. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied: Gegenspieler ohne Ball werden übergeben: Verteidiger 1 deckt zunächst dem ihm nahen Gegenspieler A. Bewegt sich A aus dem Deckungsbereich von Spieler 1, wird er nicht verfolgt. Spieler 1 verbleibt in seiner Zone und hält somit die Kompaktheit aufrecht. Die Deckung des Gegenspielers A übernimmt nun der Verteidiger, in dessen Zone sich Gegenspieler A befindet.

Zur Passivität gezwungen

Das größte Problem der Mannorientierung ist die dadurch entstehende Passivität. Durch das Verfolgen des Gegners reagiert man und agiert nicht. Durch schnelle Gegenstöße wird man aus den Positionen gezogen. Dadurch entstehen Räume für den Gegner. Hierbei reichen dann schon wenige Meter, um eine Kettenreaktion auszulösen. Passwege können durch kluge Laufwege des Gegners aufgemacht und bespielt werden. Durch die reaktive Deckungsart muss man immer auf die Entscheidung des Gegners “warten” und muss darauf reagieren. Selbst wenn man physisch schneller ist: Der Gegner weiß schon vorher was er macht. Die Zeit bis zur Reaktion des Verteidigers ist oft lang genug, um in den freien Raum zu starten.

Trend in der Bundesliga?

Da sich nicht nur Hannover 96 dieses Mittels bedient, kann man durchaus von einem Trend in der Bundesliga sprechen. Sicherlich ist das derzeit auch ein probates Mittel, dank dessen auch schwächere Teams wie Hannover, Augsburg, Bremen, Frankfurt und Hamburg gegen große Teams wie Bayern, Dortmund und Schalke mithalten können. Ich sehe allerdings die Gefahr, dass sich als Gegenmittel vermehrt auf lange Bälle gesetzt wird und sich dabei nicht auf die individuelle Klasse der einzelnen Spieler verlassen wird.

Nächster Schritt in der Rückrunde nötig

Das Ziel von Trainer André Breitenreiter muss also sein, mehr ins Agieren zu kommen. Dafür muss sich die spielerische Klasse der Einzelspieler und auch das Zusammenspiel der Mannschaft insgesamt verbessern. Gelingt dem 96-Coach dieser durchaus große Schritt, haben die Roten jedenfalls auf keinen Fall etwas mit dem Abstieg zu tun.

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