„Ich bin für Kontrolle durch die Mitglieder“ – Patrick Nösel von Pro Verein 1896 im Exklusivinterview

Hat nicht alle im Verein hinter sich. 96-Präsident Martin Kind. Foto: Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images.

Hannover – Die Mitgliederversammlung von Hannover 96 schlägt bereits im Vorfeld hohe Wellen. Mitglieder kämpfen für mehr Mitbestimmung und gegen die Aufhebung der 50+1-Regel. Ein Vorstandsmitglied verfasst kurzerhand ein Werbeschreiben an die Mitglieder. Das nehmen zwei Aufsichtsräte zum Anlass, sich deutlich zu distanzieren. Im Gespräch mit Patrick Nösel von der Interessengemeinschaft Pro Verein 1896 erfahren wir mehr über die Hintergründe der Anträge.

Herr Nösel, am Donnerstag findet die Mitgliederversammlung des Hannoverschen Sportvereins von 1896 e.V. statt. Sie fordern im Rahmen von Informationsanträgen Auskunft darüber, wie und über welchen Zeitraum Martin Kind den Verein seit 1997 erheblich gefördert hat. Warum tun Sie das?

In Bezug auf die komplette Übernahme der Kontrolle über die Profifußballgesellschaft hat es in den letzten Monaten eine entscheidende Änderung gegeben. Martin Kind hat die absolute Mehrheit an der Gesellschaft von den sogenannten Faninvestoren übernommen. Seither ließ er verlauten, die Übernahme als Privatperson durchführen zu wollen. Dafür muss eine 20-jährige Förderung der Privatperson vorliegen. Als Mitglied möchte ich gern wissen, ob und in welchem Maße der Übernahmeinteressent den Verein überhaupt gefördert hat und darüber hinaus allen anderen Mitgliedern die Chance geben sich ebenfalls persönlich davon zu überzeugen.

Haben Sie Grund, das zu bezweifeln? Immerhin hat sich Hannover 96 in der Zeit infrastrukturell deutlich verbessert.

Das neue Stadion, die bis letzte Saison erfolgreiche Bilanz von 96 in der Bundesliga und auch das neue Nachwuchsleistungszentrum sind alles Dinge, die ausschließlich dem Profifußball zugute gekommen sind. Der Verein hat daran nicht partizipiert. Und auch vor der Ausgliederung der Profigesellschaft muss in den Jahren 1997 bis 1999 eine Förderung etwa in Höhe des Hauptsponsors vorgelegen haben. Ich würde gerne wissen, ob und wodurch dies umgesetzt worden sein soll.

Nun hat Martin Kind den Verein 1997 vor dem finanziellen Kollaps bewahrt und für nicht ganz 3 Millionen DM die Markenrechte von Hannover 96 erworben. Ist das in Ihren Augen keine Förderung?

Nein. Für mich ist das ein ganz normaler Kauf. Der Verein hat Geld von Martin Kind erhalten und ihm dafür die Rechte an der Marke Hannover 96 verkauft. Ein solches Geschäft wird auch im sogenannten DFL-Papier, welches die Ausnahmen von der 50+1-Regel definiert, als anrechenbare Förderung ausgeschlossen. Der Kauf erfolgte zudem gerade nicht durch Martin Kind persönlich, sondern durch die Hannover 96 Sales & Service GmbH & Co. KG, an der Martin Kind seinerzeit lediglich Minderheitsgesellschafter war.

Was haben Sie denn gegen eine Übernahme durch Martin Kind?

Ich bin für die Kontrolle durch die Mitglieder des Vereins. Ich bin nicht gegen Martin Kind. Ich bin überzeugt, dass sich auch bei einer kompletten Übernahme zunächst nicht viel ändern würde. Das verbietet im Übrigen auch die DFL, denn die Förderung müsste fortgesetzt werden. Sprich eine jährliche Förderung des Profifußballs und indirekt auch der Fußballsparte des Muttervereins in der Höhe des Hauptsponsoringbetrages des Profifußballteams. Aber was ist mit den anderen Abteilungen des Vereins und was ist mit den Nachfolgegenerationen des Investors? Es gibt keine Garantie, dass dort nicht der Hannover 96 e.V. fallen gelassen würde. Der Verein ist über 120 Jahre alt und ich möchte, dass er weiterhin handlungsfähig bestehen bleiben kann.

Ein weiterer zentraler Antrag zielt auf eine Satzungsänderung ab. Es soll festgelegt werden, dass die Mitglieder über einen Verkauf der Management-GmbH, die bisher in 100-prozentigem Besitz des Vereins liegt, entscheiden sollen. Klingt vernünftig. Wäre das denn im Moment nicht so?

Nein. Derzeit könnte der Vorstand die Anteile unter Zustimmung des Aufsichtsrats verkaufen.

Die Mitglieder wären im Moment also völlig außen vor?

Ja, das ist richtig, obwohl laut Satzung die Mitgliederversammlung das höchste beschließende Organ des Vereins ist.


Das ist Pro Verein 1896

Nach der Mitgliederversammlung 2015 schlossen sich mehrere Mitglieder zu einer Interessengemeinschaft zusammen. Grund dafür war die Veräußerung sämtlicher Vereinsanteile an der Profigesellschaft, ohne vorhergehende Information. Seither setzen sich die Mitglieder für mehr Transparenz, Mitbestimmung und Erhalt der 50+1-Regel ein.


Und bei Annahme des Satzungsänderungsantrags?

Dann müssten einem Verkauf zwei Drittel der Mitglieder per Abstimmung zustimmen.

Warum wollen Sie, dass die Satzung entsprechend geändert wird?

 Ich finde, dass bei einer dermaßen elementaren Entscheidung mehr als nur die paar Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder beteiligt werden sollten. Diese Entscheidung sollte dem obersten Vereinsorgan, der Mitgliederversammlung, obliegen. Das sagt zumindest mein Demokratieverständnis.

Um solche Fragen zu diskutieren gab es doch die 2015 einberufene Satzungsänderungskommission. Warum wurde das Thema nicht dort besprochen?

Die Satzungskommission wurde wenig transparent zusammengestellt. Die Mitglieder hatten keinen Einfluss auf die Berufung. Außerdem war es nur den wenigsten Mitgliedern überhaupt bekannt, dass die Kommission ins Leben gerufen wurde und man den einzelnen Teilnehmern Vorschläge hätte unterbreiten können. Außerdem ist Vereinsleben ein sich im Fluss befindender Prozess. Die Kommission stellt in meinen Augen kein Ausschlusskriterium für weitere Änderungen und Verbessrungen dar.

Sehen Sie in der 50+1-Regel keine Benachteiligung von Hannover 96 in Bezug auf die erteilten Ausnahmegenehmigungen für TSG 1899 Hoffenheim, Bayer 04 Leverkusen und den VfL Wolfsburg?

Doch. Die haben die anderen 32 Proficlubs aber auch. Deswegen plädiere ich für einen Entzug der Ausnahmegenehmigungen mit einer Karenzzeit von fünf Jahren. Es sollten alle Profiklubs der Regel unterliegen.

Warum plädieren Sie außerdem für den Rückkauf der Markenrechte durch den Verein?

Der Verkauf geschah aus einer Notsituation heraus. Es geht vor allem darum, die finanzielle Zukunft des Vereins sicherzustellen. Im Moment wird das nur durch die vielen Fördermitgliedsbeiträge erreicht. Vor dem Hintergrund der finanziellen Belastung durch das neue Vereinssportzentrum an der Stammestraße sind weitere Einnahmen sinnvoll. Diese sollen durch Lizenzgebühren für die Markennutzung erreicht werden.

Wie soll der Kaufpreis, der sicher mehrere Millionen Euro betragen würde, finanziert werden?

Nach dem sogenannten „Sale-and-Lease-Back-Prinzip“. Der Verein soll die Rechte von der Profigesellschaft zurückerwerben und dafür im Gegenzug auf Lizenzgebühren für die ersten Jahre verzichten. Es müsste direkt kein Geld fließen.

Hannover 96 hat im Namen des Vorstands seine Mitglieder angeschrieben und dafür geworden zumindest den Satzungsänderungsantrag abzulehnen. Wie beurteilen Sie diesen Schritt?

Grundsätzlich finde ich es gut, wenn der Vorstand seine Mitglieder informiert. Wenn ein Schreiben allerdings eine Wahlwerbung beinhaltet, finde ich es äußerst seltsam. Das spricht gegen das Demokratieverständnis des Verfassers. Außerdem würde mich interessieren, wer die Kosten des Schreibens trägt.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie in die Mitgliederversammlung?

Ich hoffe, dass sich die Mitglieder im Vorfeld der Veranstaltung informieren und sich ihr demokratisch vorgesehenes Recht der Mitbestimmung nicht nehmen lassen.

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