„Gänsehaut, als wir im Flieger nach Sevilla „96 – Alte Liebe“ gespielt haben“ – Teil 2 des Interviews mit Anca und Ossy

96-Fans und Rockmusiker: Anca Graterol und Ossy Pfeiffer. Ancas 96-Gitarre ist eine Sonderanfertigung vom hannoverschen Hersteller Duesenberg. Stars wie Bob Dylan, Keith Richards, The Eagles, Bon Jovi und The Bloodhound Gang spielen mit Duesenberg-Gitarren.

Anca und Ossy singen gemeinsam unsere Hymne und gehören mittlerweile einfach dazu. Wir haben uns mit den beiden in Ancas Studio Frida Park in Hannover Oststadt getroffen. In Teil 1 (hier nachlesen) sprachen die beiden über die Entstehungsgeschichte der 96-Hymne und über ihren Kompagnon Dete Kuhlmann. Hier lest ihr den zweiten Teil des Interviews.

Anca, wo hast du denn Ossy kennengelernt?

Anca:
Ich hatte eine Band – meine Schlagzeugerin ist abgehauen und ich hatte keine Lust, einer Neuen das Schlagzeugspielen beizubringen. Da habe ich dann gesagt, wir suchen uns einen anderen Typen. So stießen wir dann auf Ossy.

Aber wir waren nicht von Anfang an ein Paar. Wir waren erst nur gut befreundet und dann irgendwann sind wir zusammengekommen. Ein Jahr später glaube ich, 1992. Also quasi über die Mukke, richtiges Musikerleben.

Wie lief euer erstes Konzert ab?

Ossy:
Ich war ja kein professioneller Schlagzeuger. Ich selber bin von Haus aus Keyboarder. Naja, dann kam der erste Gig, direkt ein Riesending: Das war irgendwo in der Nähe von München, mehrere tausend Leute. Mir ging logischerweise mächtig die Pumpe, ich konnte ja grade einmal ein paar Wochen das ganze Programm von uns! Und man muss bedenken, es gab ja damals auch keine digitalen Hilfsmittel, alles der analoge Mist…

Und dann passierte all das, was schiefgehen kann! Während des Spielens sind mir die Sticks aus der Hand geflogen, die Fußmaschine ist abgebrochen, das Basedrum-Fell ist gerissen – ungelogen alles bei einem Auftritt, was eigentlich in Jahren nicht passiert. Das Snarefell musste dann auch dran glauben. Also wirklich alles, was falsch laufen kann.

Und das beste war, am nächsten Tag lautete der Tenor in der Presse sinngemäß: „Das war der allergeilste Gig seit Ewigkeiten“. Es ging halt alles schief und wir haben es mit Humor dem Publikum verkauft, ganz so, als wäre das ein geplanter lustiger Teil des Programms. Aus der Not eine Tugend gemacht, das kam an bei den Leuten. Aber wir hatten ja auch keine andere Wahl… (lacht)

Alte Plattencover in Ancas „Frida Park Studio“. Sie zeigen die früheren Banderfahrungen von Anca Graterol und Ossy Pfeiffer. Findet ihr Ossy wieder? Kleiner Tipp: Schaut euch mal den Musiker rechts auf der blauen Platte ganz genau an. Ja, genau den mit den langen Locken…!

Wann lief denn mal was im Stadion schief? Also bei der Hymne?

Ossy:
Leider relativ regelmäßig, aber es gibt zwei verschiedene Fehlerquellen. Für die erste Fehlerquelle, die Vergabe der Sende- und Empfangsfrequenzen unserer Mikrofone und in-ears, kann keiner etwas. Viele denken ja, wir singen gar nicht live – aber natürlich ist es live! Wir stehen jedes Mal in N6 und spielen live ohne Playback. Die Musik kommt im Unterschied zum Gesang aus der Dose, weil du schlichtweg keine Band ins Stadion stellen kannst. Das hängt aber auch immer davon ab, wie groß das Spiel ist, sprich wie viele Fernsehteams vor Ort sind etc.

Die zweite Fehlerquelle sind Aussetzer im Playback, also was auf den in-ears gespielt wird. Das passiert fast jedes vierte Mal. Das Problem ist, dass das Playback und der Live-Gesang zeitversetzt sind – mittlerweile haben wir uns an den Zeitunterschied gewöhnt und sind darauf geeicht. Aber es ist nicht ohne!

Der wesentliche Unterschied zu sonstigen Konzerten ist, dass wir im Stadion ja nur diese dreieinhalb Minuten vom Song haben – danach ist das ganze gelaufen. Wenn du bei einem Gig die ersten zwei Lieder vergeigst, hast du noch das ganze restliche Konzert Zeit, die Stimmung zu drehen. Auch beim Fußball: Wenn du dir früh einen fängst, dann hast du noch massig Zeit, um die Atmo wieder auf deine Seite zu bekommen. Wenn bei uns im Stadion was schiefläuft, dann gibt es keine Möglichkeit der Korrektur.

Wann hattet ihr beide das letzte Mal Gänsehaut im positiven Sinne, als ihr die Hymne gesungen habt?

Ossy:
Jedes Mal!

Anca:
Man gewöhnt sich nicht dran, es ist jedes Mal etwas anderes. Die Leute reagieren jedes Mal anders.

Ossy:
Wenn wir nicht jedes Mal Gänsehaut bekämen, dann wären wir Fehl am Platz. Wir sind unglaublich dankbar, das machen zu dürfen, wer kann denn von sich behaupten, dass er regelmäßig vor 40.000 Leuten auftritt? Das ist das Maximum! Das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Und auch wenn wir dann während der Hymne an N6 hochgehen, dann haben wir da immer die gleichen Leute, die wir abklatschen – das ist schon ein geiles Feeling!

Gab es denn ein herausragendes Erlebnis, das alles andere in den Schatten stellt?

Ossy:
Ja, natürlich. Gerade die Europa League-Spiele, wenn du dann spezielle Mannschaften hast, die man nicht immer zu sehen bekommt. Mit den Choreos und der Stimmung, da hat man dann ein internationales Feeling. Dann singst du die Hymne und du merkst, dass du Teil von einer internationalen Nummer bist.

Anca:
Wir haben im Flugzeug auf dem Gang gespielt – das war der Flug nach Sevilla. Das war richtig krass, das war ein Gänsehaut-Erlebnis. Und auch auf einem Marktplatz in Sevilla haben wir dann spontan gespielt. Da haben wir dann schnell die Akustikgitarre ausgepackt und mit den Fans einen kleinen Gig veranstaltet. Das war dann nochmal ein Level mehr als alles andere.

Für Rock-Liebhaber ein Gänsehaut-Video aus dem Jahr 1991: Ancas Band „Big Mama & the Kids“ live

Wie seht ihr eure Verbindung zu der Stadt Hannover?

Ossy:
Wir sind Lokalpatrioten. Für uns beide ist es wichtig: Wenn wir hier schon die Hymne von Hannover 96 singen – die im übrigen nicht nur die Hymne im Fußball ist, sondern mittlerweile  stellvertretend für die Stadt Hannover steht – dann sollen auch die anderen Sachen hier in der Region bleiben. Das fängt beim kleinen Kiosk auf der Ecke an und geht bis hin zu den Klamotten, die man trägt oder zu den Instrumenten, die man spielt.

Ancas 96-Gitarre beispielsweise ist von Duesenberg, das sind super geile Teile und es ist ein Hannoveraner Hersteller. Das ist das eine Gitarrenmodell, welches extra vom Hersteller für Hannover 96 gebaut wurde. Es gibt vier Stück weltweit: Eine spielt Anca, eine ist im VIP-Bereich in einer Glasvitrine, eine ist im werkeigenen Museum und eine wurde versteigert für einen guten Zweck – für knapp 7.000 Euro. Auch die in-ears, die wir haben – viele wollen es nicht hören, aber die sind nunmal von Kind-Hörgeräte. Weil das einfach ein guter Hersteller ist. Und es kommt aus Hannover, das wäre doch total bescheuert, auf was anderes zurückzugreifen. Auch die Mikrofone und Sendestrecken sind von Sennheiser aus der Wedemark – also aus der Region Hannover.

Anca:
Ich finde das so großartig, dass das alles hier ineinander greift. Du musst nicht von woanders was kaufen, schon gar nicht aus Fernost.

Ossy:
Das ist Lokalpatriotismus von seiner schönsten Seite.

96Freunde-Autor Henrik Zinn (r.) und 96Freunde-Leiter Dennis Draber (l.) haben sich mit den beiden Musikern Anca und Ossy in Ancas Frida Park Studio in Hannover Oststadt getroffen – herausgekommen ist eine dreiteilige Interview-Serie über Liebe, Hass, Jubel, Abschied und Versöhnung.

Das war der zweite Teil des Interviews. Im letzten Teil werden Anca und Ossy über die Schattenseiten ihres Musikerlebens sprechen: Über Verfolgung und Zensur in ihren ersten Karrierejahren, über Hass, der ihnen entgegenschlägt, und über Versöhnung mit ihren Hatern. 

Zu Teil 1 des Interviews: „Mit Dete fehlt ein Teil meiner Geschichte“ – über die Geburt der 96-Hymne und das Ende einer Ära

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