Wahlanalyse zum Erdrutschsieg: Vier Gründe, warum Kramer die bessere Wahlkampfstrategie hatte

Ähnliche Themen, andere Strategie - warum die Opposition bei der letzten Wahl verlor und nun haushoch gewann

Carsten Linke ist zum Aufsichtsrat gewählt worden. Sebastian Kramer wird der kommende Präsident von Hannover 96.

Der klare Wahlausgang war kein Zufall. Er war das Ergebnis einer klugen, ausgefeilten Wahlkampfstrategie, die man sonst nur von professionellen Politikern kennt. Eine Wahlanalyse.

Der gestrige Abend war ein Lehrstück der Demokratie – weil er zeigte, wie man dank guter Vorarbeit Wahlen mit erheblichem Vorsprung gewinnen kann. Mit einer hervorragend ausgearbeiteten Wahlkampfstrategie gewann das Team um Carsten Linke alle fünf Sitze im Aufsichtsrat von Hannover 96.

Der große Vorsprung überraschte selbst Sebastian Kramer. „Dass es so klar ausfällt, hätte ich nicht erwartet“, sagte der kommende Präsident von Hannover 96 am Samstagabend. Doch der deutliche Ausgang war kein Zufall – denn Kramer und Linke machten im Wahlkampf alles richtig.

Obwohl es bei der vorherigen Aufsichtsratswahl im Jahr 2016 schwerpunktmäßig um die ähnlichen Themen ging (Markenrechte, 50+1, Hannover-Modell), verlor die Opposition damals die Wahlen. Dieses Mal gewann sie die Wahlen haushoch – mit fast den gleichen Inhalten, aber einer komplett anderen Strategie.

Wir haben uns an einer Wahlanalyse versucht – und vier Gründe identifiziert, die der Opposition die notwendigen Stimmen verschafften, die ihnen bei der vorherigen Wahl trotz ähnlicher Themen noch gefehlt hatten.

Grund 1: Carsten Linke als Leuchtturm

Im Zentrum der Wahlkampagne stand lange Zeit Carsten Linke – und das, obwohl Linke weder Präsident noch Aufsichtsratschef wird. Linkes Nominierung war ein geschickter Schachzug: Der Ex-Profi genießt großes Renommée im gesamten Umfeld von Hannover 96. Der beliebte Aufstiegsheld wurde Carsten Linke sogar in den NDR-Sportclub eingeladen. Mit Linke besaß die Opposition ein echtes Aushängeschild. Der ehemalige Verteidiger von Hannover 96 war im Wahlkampf wie ein Leuchtturm, der als Publikumsliebling medienwirksam viel Aufmerksamkeit auf sich zog. Das Kuriosum: Linke strebte gar keine überragende Position in erster Reihe an, weder als Präsident noch als Aufsichtsratschef. Auch seine Äußerungen waren nicht wirklich außergewöhnlich. Er bemängelte zwar fehlende Demokratie im Verein – doch das taten zuvor bereits hunderte engagierte Fans und andere Aufsichtsräte wie Kramer und Nestler, ohne dass sie in den NDR-Sportclub eingeladen wurden. Linke gab sich sogar gemäßigt in seinen Ansprüchen, als er versprach, nicht in die Profifußballsparte reinzuregieren. Eine Revolution waren Linkes Aussagen definitv nicht. Kurzum: Es war vor allem der Name „Carsten Linke“, der für positive Berichterstattung in den Medien sorgte. Durch die Nominierung des „Fußball-Gotts“ stand es bereits 1:0 für die Opposition. Denn einen ähnlich schillernden Namen konnte das Herter-Team nicht aufbieten.

Grund 2: Mobilisierung durch taktische Fehler des 96-Vorstands

Am Ende ist es bei Abstimmungen nicht entscheidend, wie viele von den formell Wahlberechtigten jemanden gut oder schlecht finden. Nein, am Ende ist es ausschlaggebend, wie viele von den Wahlberechtigten auch tatsächlich ihre Stimme abgeben. Stichwort „Mobilisierung“. Und hier tat der 96-Vorstand um Martin Kind und Uwe Krause wirklich alles, um unfreiwillig die gegnerische Seite zu mobilisieren. Zwar lässt sich darüber streiten, ob die Verschiebung der außerordentlichen Mitgliederversammlung und die aufgeschobene (Nicht)-Herausgabe der Email-Adressen rechtens war oder nicht. Doch durch die vielen Gerichtsverfahren und die ständigen Einsprüche bescherte Martin Kind unfreiwillig der Opposition maximale Aufmerksamkeit. In den Wochen vor der Aufsichtsratswahl waren die außerordentliche Mitgliederversammlung und der Email-Streit ständiges Objekt der Presseberichterstattung und Dauerbrenner auf Facebook und Twitter. Unabhängig davon, wer in diesen juristischen Grenzbereichen nun Recht hatte oder nicht: Die Opposition konnte dadurch ihre Mitglieder mobilisieren. Denn diese Themen waren viel greifbarer als abstrakte Diskussionen um KGaA-Anteile. Etwas zugespitzt formuliert: Der 96-Vorstand um Kind und Krause war der beste Wahlkampfhelfer der Opposition. 

Die beiden Torten-Grafiken zeigen die Stimmenverteilung bei der letzten Wahl und bei der diesjährigen Wahl. In rot ist die Kind-Seite dargestellt, in grün die Opposition, in gelb die unabhängigen Kandidaten. Obwohl ähnliche Inhalte im Wahlkampf dominierten, verlor das Kind-Lager im Vergleich deutlich, während die Opposition stark zulegte. Grafiken: 96Freunde

Grund 3: Zeitpunkt der Kandidaten-Präsentation

Das Team um Michael Dette und Karsten Surmann gab bereits Mitte Februar ihre Kandidatur bekannt – zu einem relativ frühen Zeitpunkt. Kurz darauf stand schnell fest, dass Matthias Herter als Präsident kandidieren würde. Die Story war jedoch schnell erzählt, weil es sich zwar allesamt mit recht einflussreiche Persönlichkeiten handelte, aber kein großer Überraschungskandidat dabei war. Weil das Konzept auch schon früh präsentiert wurde, gab es keinen erzählerischen Spannungsbogen, den das Herter-Team aufbauen konnte. Die Luft war schon wenige Tage nach Bekanntgabe der Kandidatur heraus. Ebenfalls nicht zu unterschätzen: Die aktive Fanszene hatte genug Gelegenheit, um Dette, Herter und ihr Konzept bei den Heimspielen öffentlichkeitswirksam auf Bannern und Spruchbändern zu kritisieren. Besser war das Timing bei der Opposition. Hier wurde im Februar nur das Konzept vorgestellt – daraufhin ging in den sozialen Netzwerken das Rätselraten los, wer denn kandidieren würde. Tagelang wurde die Information gestreut, dass auch ein großer Name darunter sei – die Spannung stieg unter den 96-Fans, wer dies sein könne. Als Carsten Linke dann am 5. März seine Kandidatur offiziell bekannt gab, war das ein perfekter Zeitpunkt: Es waren noch knapp drei Wochen bis zur Versammlung – genug Zeit, um Medienauftritte wie im NDR-Sportclub zu absolvieren, aber nicht zu viel Zeit, dass Zuschauer und Leser von der Omnipräsenz Linkes gelangweilt waren. Die Bekanntgabe der Kandidatur von Sebastian Kramer als Präsidentschaftskandidat rund eine Woche vor der Versammlung war zwar kurzfristig, schadete aber nicht – im Gegenteil, sie brachte nochmal frischen Wind auf der Zielgeraden.



Grund 4: Sachlichkeit, Demut und Koketterie als langweiliger Buchhalter

Sebastian Kramer gelang es, sich in der öffentlichen Wahrnehmung ein Stück weit von der aktiven Fanszene und ihren Pöbeleien gegenüber Martin Kind abzusetzen. Auf die Frage „Bedauern Sie die Beleidigungen?“ antwortete Kramer im Sportbuzzer-Interview demütig:

„Ja, die gehen zu weit. Lieber Martin Kind, Beleidigungen sind etwas, was überhaupt nicht geht. Es gibt immer Leute, die über das Ziel hinausschießen. ‚Kind muss weg‘ steht dafür, dass wir Dinge verändern wollen. Wer weiß, vielleicht steht da ja irgendwann ‚Kramer muss weg‘.“

Mit diesen Aussagen schaffte es Kramer, auch gemäßigte Kind-Skeptiker auf seine Seite zu ziehen, denen die Pöbeleien der Ultras genauso zuwider waren wie die Tricksereien des 96-Vorstands. Kramer inszenierte sich nicht als Speerspitze der Pro Verein-Bewegung, sondern positionierte sich als überparteilicher und präsidialer Kandidat, der Vorsitzender aller 96-Fans sein will. Auffällig ist auch die Wortwahl Kramers in seinen Interviews: Er vermied es, in seinen Statements zuzuspitzen oder den Gegner direkt zu attackieren – ganz anders als es Mitglieder der aktiven Fanszene bisher in der Öffentlichkeit getan haben. Stattdessen kokettiert Kramer sogar mit seinem Beruf als Buchhalter: In einer Pressemitteilung von Pro Verein hebt er seinen „Sinn für Genauigkeit und Ordnung“ hervor, „eine Eigenschaft, die ihn selbst manchmal nerve“. Indem Kramer das Berufsbild des biederen Buchhalters in den Vordergrund hebt, setzt er einen Kontrapunkt zum öffentlichen Erscheinungsbild der Ultras, die Martin Kind mit teils aggressiven Beleidigungen verspotteten. Mit seiner Entschuldigung für diese Beleidigungen und seinem Saubermann-Image als ordnungsliebender Buchhalter konnte sich Kramer erfolgreich als überparteilicher, präsidialer Kandidat profilieren – eine vielfach bewährte Wahlkampfstrategie, mit der zum Beispiel auf internationaler Ebene Barack Obama und Emmanuel Macron erfolgreich waren.

Fazit

Der Erdrutschsieg von Kramer und Linke, bei denen jeder der fünf Pro Verein-Kandidaten mehr als doppelt so viele Stimmen holten wie der Sprecher des Kind-freundlichen Lagers Michael Dette, hat am Samstag gezeigt, dass Kramer und Linke die deutlich bessere Wahlkampfstrategie hatten. Während das Pro Verein-Lager bei der letzten Aufsichtsratswahl noch scheiterte, obwohl damals bereits viele inhaltlichen Themen des Wahlkampfs (Markenrechte, 50+1, Hannover-Modell) dieselben waren, zeigt, dass es kein Zufall war, dass Kramer und Linke mit solch einem Vorsprung gewonnen haben – sondern das Resultat der besseren Wahlkampfstrategie.


Die medienwirksame Kandidatur von Publikumsliebling Carsten Linke, der klug gewählte Zeitpunkt der Kandidaten-Nominierungen, die sachliche Selbstpräsentation des Präsidentschaftskandidaten und die hohe Mobilisierung der eigenen Leute, die durch taktische Fehler des Kind-Lagers begünstigt wurde, verschafften der Opposition die notwendigen Stimmen, die ihnen bei der vorherigen Wahl trotz ähnlicher Inhalte noch gefehlt hatten.

3 Kommentare

  1. Ihr habt zwei Umstände für das Ergebnis bei der letzten Wahl vergessen (es ging ja um letztendlich 5 Stimmen!):

    1. Zum damaligen Zeitpunkt war ProVerein nicht in der Lage oder willens, 5 Kandidaten aufzustellen, sodass Raum für Stimmen an weitere Kandidaten war und daraus folgend

    2. es gab die Kandidatin v. Lintel, die sich nicht äusserte und weiterhin auf dem Ticket "Fanaufsichtsrätin" reiste, obwohl sie schon lange ihre ehemaligen Werte aufgegeben und ins Kind-Lager gewechselt hatte. Gegen die wurde damals kein aggressiver Wahlkampf geführt, und so bekam sie quasi als "Beifang" Stimmen aus dem Lager der Opposition. 

    Es war also eher die damalige Rücksichtnahme auf ehemalige Bündnisse und Freundschaften, die den Verlust des dritten AR-Mandats nach sich gezogen hat.

    Dies ändert natürlich nichts daran, dass man dieses Mal extrem viel richtig gemacht hat – und nicht zu vergessen, man hat im Vorfeld die drei AR-Mitglieder von Martin Kinds Gnaden zum Rücktritt gezwungen, wodurch keine erfahrenen Bewerber mehr zur Verfügung standen.  

     

  2. Hey Stefan, danke für deinen Kommentar zu Veronika von Lintel – du hast Recht, das sollte nochmal erwähnt werden.

    Sebastian Elvers hatten bei der MV 2016 ganze 25 Stimmen gefehlt, damit es 2016 3:2 gestanden hätte. Von Lintel hatte 382 und Elvers 358 Stimmen. Sprich, wären 2016 nur 25 Pro Verein-Anhänger mehr eingetreten (oder hätten anders abgestimmt), wäre die Situation eine andere gewesen. De facto war die Verbundenheit der Szene zu Veronika von Lintel (oder auch der Antritt von Andreas Hüttl als Quasi-Unabhängiger – aber das ist am Ende natürlich müßig zu diskutieren…) ein ausschlaggebender Faktor.

    Wenn man bedenkt, mit welch emotionaler Wucht der Stimmungsboykott 2017 von der Fanszene Spieltag für Spieltag begründet und durchgezogen wurde, aber ein Jahr zuvor sich nicht genügend Leute gefunden hatten, die ihrer Meinung einmalig auf der MV Ausdruck verleihen wollten, entbehrt das nicht einer gewissen bitteren Ironie.

  3. Sorry, ich hatte beim letzten Beitrag zu schnell gedrückt, daher der unvollständige Name.

    Tatsächlich waren bei der MV 2016 genug Stimmberechtigte anwesend, allerdings hatte die Seite von Herrn Kind leider mit Frau vL. einen Trumpf in der Hand, der stechen konnte, weil

    – die Opposition damals nicht den Eindruck erwecken wollte, den gesamten AR zu übernehmen (daher keine 5 Kandidaten) und

    – man sich im Vorfeld nicht klar positionieren wollte, dass Frau vL. die Seiten gewechselt hatte – man vermutete schlicht noch zu viele persönliche Verbindungen zu ihr.

    Dementsprechend wählten die Leute auf Seiten des Herrn Kind dessen Kandidaten und dessen Kandidatin komplett durch, während es auf der Seite der Opposition eben neben den drei Stimmen für die Kandidaten auch Stimmen für Herrn Dr. Hüttl und – viel schlimmer! – für Frau vL. gab.

    Die taktischen Fehler aus dem Jahre 2016 wurden nun zum Glück nicht wiederholt, aber letztendlich sind dadurch 3 Jahre verloren gegangen… wobei ich nicht weiss, ob sich dies am Ende als gut oder schlecht erweisen wird. Immerhin wurden viele Entwicklungen in diesen 3 Jahren viel deutlicher, und dies dürfte bei der Aufarbeitung der Ära Kind nicht ganz unerheblich sein.

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