Eine einmalige Chance: Drei Gründe, warum Hannover 96 auf dem Transfermarkt nachlegen muss

Hannover 96 bietet sich eine einmalige Gelegenheit

Auf dem Transfermarkt nachlegen, weil die Konkurrenten schwach sind – ein Widerspruch? Keinesfalls! Drei Gründe, warum Hannover 96 auf dem Transfermarkt nochmal mit Nachdruck aktiv werden sollte.

Von Dennis Draber

Die Chance zum Aufstieg scheint überraschend groß, weil die zweite Liga dieses Jahr definitiv nicht „die stärkste zweite Liga aller Zeiten“ ist. Im Gegenteil! Für Hannover 96 bietet sich eine einmalige Chance, wenn denn noch konsequent auf dem Transfermarkt nachgelegt wird. Mehr investieren – nicht weil die Konkurrenz so stark, sondern so schwach ist: Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aussieht, ist bei genauerem Hinsehen eine einmalige Gelegenheit.

Allzu oft hieß es in den letzten Jahren: „Dies ist die stärkste zweite Liga aller Zeiten!“ oder sogar „Das ist die stärkste zweite Liga der Welt!“ Letztes Jahr in der Saison 2019/20 hörte man diese Sprüche häufig, weil mit Hamburg, Stuttgart, Hannover, Nürnberg gleich vier (vermeintliche) Schwerkaliber mit Erstligaanspruch vertreten waren. Auch in den Spielzeiten 2016/17 und 2018/19, als mit Stuttgart und Hannover bzw. Köln und Hamburg jeweils zwei langjährige Erstligaclubs in die zweite Liga abgestiegen waren, hörte man nicht selten eine dieser Parolen.

(Wieviel Marketing und Übertreibung in diesen Aussagen stecken, steht auf einem anderen Blatt, aber eine Grundtendenz, dass es in den letzten Zweitligasaisons mehrere spielstarke Teams mit berechtigtem Erstligaanspruch gab, lässt sich nicht von der Hand weisen.)

Dieses Jahr ist das definitiv nicht der Fall.

Die zweite Liga ist nicht die stärkste aller Zeiten, sie ist die schwächste seit Jahren.

Grund 1: Enttäuschende Erstligaabsteiger, strauchelnde Favoriten

Mit dem VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld sind zweite starke Mannschaften in die erste Liga aufgestiegen, mit Düsseldorf und Paderborn zwei mittelmäßige heruntergekommen. Der Aufstiegsfavorit Hamburger SV, spätestens seit dem vermasselten Endspurt im Juni 2020 nur noch mit sich selbst beschäftigt, verlor jämmerlich in der ersten Pokalrunde gegen Dresden. Die Erstligaabsteiger Fortuna Düsseldorf und SC Paderborn verloren beide ihre Ligaspiele am 1. Spieltag. Und auch der 1. FC Nürnberg, vor einem Jahr gemeinsam mit Hannover 96 abgestiegen und gelegentlich im erweiterten Kreis der Aufstiegsfavoriten genannt, flog in der ersten Pokalrunde raus und kam am ersten Ligaspieltag nur zu einem Remis.

Von den fünf wertvollsten Mannschaften gelang nur Hannover 96 ein reibungsloser Start in die Saison.

Wenn es nach den Marktwerten der Spielerkader geht, sind laut „transfermarkt.de“ der Hamburger SV (35,88 Mio Euro), Fortuna Düsseldorf (35,85 Mio Euro), Hannover 96 (27,65 Mio Euro), der SC Paderborn (22,48 Mio Euro) und der 1. FC Nürnberg (21,93 Mio Euro) die Favoriten auf den Aufstieg.

Von diesen fünf Mannschaften gelang nur Hannover 96 mit Pokal- und Ligasieg ein reibungsloser Start in die Saison, während Hamburg, Düsseldorf, Paderborn und Nürnberg strauchelten.

Wegen der Schwäche der Konkurrenz scheint die Gelegenheit zum Aufstieg günstig – und es wäre fahrlässig, diese Gelegenheit nicht mit aller Kraft nutzen zu wollen.

Eine günstige Gelegenheit zum Aufstieg – wenn nicht jetzt, wann dann?

Solch eine günstige Konstellation mit schwachen Erstligaabsteigern und kriselnden Favoriten wird es wohl so schnell nicht wieder geben. Hannover 96 sollte mit allen Mitteln diese einmalige Gelegenheit beim Schopfe packen – und deshalb nochmal auf dem Transfermarkt nachlegen, um die anfällige Defensive und die Breite des Kaders zu verstärken.

Doch es gibt noch zwei andere Gründe, warum Hannover 96 dieses Jahr den Aufstieg anpeilen sollte – und dafür auf dem Transfermarkt nachlegen sollte.

Zwei Spiele, zwei Siege: Kaiser und Ducksch haben allen Grund zum Jubeln. Doch für den Aufstiegskampf ist der Kader noch zu dünn.

Grund 2: Der strukturelle Vorteil eines Erstligaabsteigers hält zwei Jahre an

Erstligaabsteiger haben einen strukturellen Vorteil gegenüber anderen Zweitligateams. Das hängt mit mehreren Faktoren zusammen: Der Erstligaabsteiger kann noch von den hohen TV-Einnahmen aus der ersten Liga zehren. Viele Spielerverträge haben eine Dauer von zwei bis drei Jahren und gelten oftmals auch für die zweite Liga – wichtige Spieler bleiben den abgestiegenen Vereinen deshalb zunächst noch erhalten (wie zum Beispiel Salif Sané bei Hannover 96 nach dem Bundesligaabstieg 2016 oder aktuell Linton Maina). Sponsorenverträge, die nach den TV-Einnahmen die zweitwichtigste Finanzierungsquelle für die Vereine sind (übrigens noch vor den Ticketverkäufen und den Merchandisingeinnahmen wie Trikotverkäufen) haben in der Regel eine Laufzeit von mehreren Jahren am Stück, laufen also ebenfalls noch einige Zeit nach dem Abstieg zu guten Konditionen weiter.

Wie lange dieser strukturelle Vorteil hält, zeigt sich sehr gut an der folgenden Tabelle. Hier sind alle Erstligaabsteiger der letzten zwei Jahrzehnte aufgelistet – und wie lange sie brauchten, um den Wiederaufstieg zu realisieren. 20 Absteiger schafften den direkten Wiederaufstieg im ersten Jahr (zum Beispiel Hannover 96 in der Saison 2016/17). 8 Absteiger gelang der Aufstieg immerhin noch im zweiten Jahr nach Abstieg (der Hamburger SV scheiterte im Juni knapp daran).

Wann steigt ein Absteiger wieder in die erste Bundesliga auf? In den ersten zwei Jahren nach Abstieg ist die Wahrscheinlichkeit hoch, danach nimmt sie rapide ab. Quelle: 96Freunde.de

Nach diesem zweiten Jahr scheint der strukturelle Vorteil, den man als Erstligaabsteiger hat, aber wegzubrechen. Hat der Verein auch im zweiten Jahr nach Abstieg nicht den Sprung in die erste Liga zurück geschafft, passt er sich dauerhaft dem Zweitliganiveau an oder rutscht sogar in die Bedeutungslosigkeit ab – mahnende Beispiele sind 1860 München, Alemannia Aachen, Hansa Rostock, MSV Duisburg oder der 1. FC Kaiserslautern.

Grund 3: Der nächste Umbruch wartet schon

Es gab zwar einen Umbruch in diesem Sommer – doch es war kein Umbruch, der auf Jahre Kontinuität in den Kader bringt. Die meisten Spieler sind entweder auf dem Zenit ihrer Karriere oder bereits darüber. Das durchschnittliche Alter der Startelf gegen Karlsruhe betrug 28,2 Jahre. Die beiden Führungsspieler, Kapitän Dominik Kaiser (32 Jahre) und Vize-Kapitän Mike Frantz (33 Jahre), werden altersbedingt nicht noch jahrelang auf diesem Niveau weiterspielen können. Sollte der Aufstieg dieses Jahr nicht gelingen, wird der Umbruch im kommenden Sommer ähnlich radikal und unruhig werden wie in diesem Jahr.

28,2 Jahre war das Durchschnittsalter von Kenan Kocaks Startelf

Auch mit Blick auf diesen sich ankündigenden, altersbedingten Umbruch wäre Hannover 96 gut beraten, bereits jetzt einige junge Spieler zu verpflichten, die den Kader in der Breite verstärken. Dass weitere Verpflichtungen notwendig sind, fordert übrigens nicht nur der Trainer selbst, auch aus dem Spielerkreis werden solche Forderungen laut, was eher unüblich ist. Kapitän Dominik Kaiser wünschte sich öffentlich eine Verstärkung des Kaders.

Hannover 96 ist in Form – im Unterschied zur Konkurrenz. Die 96-Defensive steht jedoch noch nicht erstligareif.

Der Mut zur Investition könnte sich doppelt und dreifach auszahlen

Natürlich ist Kenan Kocak klug, wenn er nach außen hin ein gedämpftes Erwartungsmanagement betreibt und lieber davon spricht, dass man im Aufstiegsrennen nur „ein Wörtchen mitreden“ wolle, aber nicht das Wort vom „alternativlosen“ Aufstieg in den Mund nimmt. Kocak will den Druck von seiner Mannschaft fernhalten – das ist sein gutes Recht als Cheftrainer.

Deshalb ist dieser Text auch gar nicht als Aufruf an die Mannschaft zu verstehen, sondern vielmehr als Aufforderung an Martin Kind und das 96-Management, die günstige Ausgangsposition – schwache Erstligaabsteiger, schwächelnde Konkurrenten – mit mehr Mut und Geld auf dem Transfermarkt konsequent auszunutzen.

Wenn Hannover 96 jetzt noch auf dem Transfermarkt nachlegt und in junge Defensivspieler investiert, könnte es sich am Ende der Saison doppelt und dreifach mit dem Aufstieg auszahlen. Eine wirtschaftliche Gleichung, die auch Herrn Kind gefallen dürfte. Deshalb: Mehr Mut zur Investition, bitte!

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