„Einer von uns ist plötzlich Profi“: Enke-Biograf Reng im Interview über neue Wege in der Nachwuchsarbeit und erfolgreiche Strategien im Profifußball

Per Mertesacker, Miroslav Klose und Robert Enke spielten gemeinsam in der Deutschen Nationalmannschaft. Foto: Getty Images
Die Biografie ist im Online-Shop von Piper bestellbar.

Der Biograph von Robert Enke, Ronald Reng, hat das Buch „Miro“ veröffentlicht: Eine bemerkenswerte Biographie über den bodenständigen Weltmeister Miroslav Klose, der sich vom Straßenfußballer bis ganz nach oben gearbeitet hat. Anlass genug für ein 96Freunde-Interview mit Ronald Reng – über den verwöhnten Fußballnachwuchs, über das Spannungsverhältnis von Geld und Tradition und über ungewöhnliche Ideen im Profifußball. 

Veranstaltungstipp: Am Dienstag, 24. September, liest Ronald Reng in der Buchhandlung Decius (Marktstr. 51, 30159 Hannover) aus seinem Buch »Miro«. Infos und Online-Tickets gibt es hier.

Von Dennis Draber

96Freunde: Ronald, in Miroslav Kloses Generation war es nicht selten, dass Profifußballer kein Fußballinternat besucht haben und erst im Erwachsenenalter zum Profi wurden. Klose hat zum Beispiel eine Zimmermannslehre absolviert – und als er 20 Jahre alt wurde, hatte er gerade erst eine Saison für die SG Blaubach-Diedelkopf in der siebten Liga gespielt. Heutzutage gibt es das kaum noch: Lebensläufe wie der von Ex-Kreisligastürmer Hendrik Weydandt sind die große Ausnahme. Findest Du das eigentlich bedauerlich?

Ronald Reng: Aus Sicht eines Fans ist das tatsächlich schade: Bevor die Nachwuchsleistungszentren vor rund 15 Jahren starteten, konnte das Publikum noch oft den Eindruck haben, einer von uns, den Fans und Amateurfußballern, ist plötzlich Profi. Das war rührend und sorgte auch für Verbundenheit von Publikum und Verein: Auf der anderen Seite stand „einer von uns“. Andererseits ist der Fußball, den wir heute sehen, so viel besser, schneller, spektakulärer geworden, weil die Profis in den Jugendinternaten dramatisch besser ausgebildet werden.

96Freunde: Die Nachwuchsarbeit ist enorm professionell geworden. Man kann es zu Recht skeptisch sehen, dass junge Schüler im Alter von 14, 15 Jahren ihr Elternhaus verlassen, um in ein Fußballinternat zu gehen, dass hunderte Kilometer von der Heimat entfernt ist. Dennoch gibt es innovative Konzepte wie das von Athletic Bilbao. Kannst Du uns schildern, was dieser Club anders macht als andere?

„Bei Bilbao stammen 85 Prozent der Erste-Liga-Mannschaft aus der eigenen Ausbildung“

Ronald Reng: Ich war als Übersetzer für eine Delegation des VfB Stuttgart kürzlich ein halbe Woche in der Jugendakademie von Athletic, und ich staunte. Weil Athletic sich selbst verpflichtet, nur mit Basken zu spielen, hat es eine andere Dringlichkeit, Spieler aus der Region selbst auszubilden – und deshalb in den jüngsten acht Jahren  sehr bewusst die Jugendarbeit forciert. Zum Beispiel gibt Athletic eine Million Euro per anno für 21 Jugendtrainer aus, die gar nicht im Verein trainieren, sondern bei Amateurklubs in der Region die 8- bis 12-Jährigen. So soll das Niveau der Grundausbildung in der Provinz in der Breite gehoben werden. Alle Jugendtrainer im Verein, egal ob U13 oder U19, werden gleich bezahlt, um zu zeigen: Jede Ausbildungsstufe ist gleich wichtig.

Es gibt in jedem Jahrgang zwei Mannschaften: Team „Geburtsmonat Januar bis Juni“ und Team „Juli bis Dezember“. Denn man hat gemerkt, dass Kinder, die spät im Jahr geboren sind, körperlich bis 15, 16 in ihrer Entwicklung den  Januar-Kindern sehr hinterherhinken und deshalb oft beim Scouting übersehen werden. Vor dem Training erklären statt des Trainers stets drei, vier Kinder ihren Mitspielern die Trainingsinhalte des Tages, damit sie darüber nachdenken, warum sie was trainieren. Und so könnte ich noch eine halbe Stunde Besonderheiten aufzählen.

Vor rund zehn Jahren hatte Athletic wirtschaftlich zu kämpfen, weil sie baskische Profis für teures Geld einkaufen mussten. Heute stammen 85 Prozent der Erste-Liga-Mannschaft aus der eigenen Ausbildung, und darüber hinaus wurde mit dem Verkauf von selbstausgebildeten Fußballern wie Kepa (zu Chelsea) und Llorente (heute Napoli) über 100 Millionen Euro an Ablöse eingenommen.

96Freunde: Junge Fußballer sind oft mit Anfang zwanzig bereits Millionäre – Geld zu verdienen stellt dann kaum noch einen Anreiz da. Einige Spieler wie Miroslav Klose haben zwar eine ausgeprägte intrinsische Motivation – zum Beispiel, weil sie etwas ihrem strengen Vater beweisen wollen – doch das ist nicht immer der Fall. Wie können Vereine verhindern, dass junge Spieler „satt“ sind, bevor ihre Profikarriere richtig begonnen hat?

„Bis zu 5000 Euro Monatsgehalt für einen deutschen U19-Spieler“

Ronald Reng: Das ist in der Tat ein neues Phänomen: Viele talentierte Jugendfußballer erleben ihre „Profikarriere“ heute von 12 bis 19. Da spielen sie in Jugendligen, die sich Bundesliga nennen und bei internationalen Turnieren auch gegen Inter Mailand oder Barcelona. Auch sind Monatsgehälter von 1500 bis 5000 Euro für Stammspieler – nicht Ausnahmetalente! – in der U19 vieler Bundesligaklubs mittlerweile Normalität. Dann kommen sie im Gefühl, schon wer zu sein, in den Männerbereich und müssen abrupt merken, dass sie nur einer von vielen sind. Das ist nicht für jeden einfach.

96Freunde: Ganz konkret: Was sind die zwei, drei spannendsten Ideen und Einfälle, denen du bei deinen Recherchen begegnet bist, wie Vereine die Identifikation zwischen Spieler und Verein/Stadt steigern? Nicht überall gibt es einen verrückten Zeugwart wie Mille Gorgas und eine „Kabine Zwei“, in denen die Spieler sich untereinander und damit auch das Vereinsumfeld schätzen lernen.

Ein spektakuläres Foto aus dem Jahr 2007: Robert Enke im Duell mit Miroslav Klose. Foto: Getty Images

Ronald Reng: Originelle Ideen gibt es viele: Hertha BSC zum Beispiel macht ein sogenanntes „Kieztraining“, das heißt die Bundesligamannschaft trainiert einmal im Monat auf dem Platz eines Berliner Amateurklubs, was guten Anklang findet. Athletic Bilbao veranstaltet ein Fußballfilm-Festival in der Stadt. Doch das sind nicht mehr als nette Details. Ich denke, ein Verein, der es geschafft hat, eine besondere Verbindung zur ganzen Region zu etablieren, ist derzeit Eintracht Frankfurt. Der wichtigste Faktor dabei war ganz schnöde: unerwarteter Erfolg. Aber eben auch eine klare Positionierung auf allen Ebenen: Wir sind eine Mannschaft, die mehr kämpft als andere, ein Verein, der geradlinig für Werte wie Gemeinsamkeit einsteht und vorlebt, ein Klub, der seine Fans schätzt. Hannover 96 steht leider seit zwei, drei Jahren sehr für das andere Extrem: Was passiert, wenn keine Gemeinsamkeit innerhalb des Klubs und mit dem Publikum besteht.

96Freunde: Wo wir gerade das Thema Geld angesprochen haben – jeder Fußballverein scheint nach noch mehr Geld zu streben, um teure Transfers zu tätigen. Die Suche nach neuen Investoren geht in den Augen der Fans oft mit einem Verlust von Tradition und Identifikation einher. Es gibt aber manche Profivereine, die versuchen, sich in einer Nische zu positionieren, die ihre ganze Strategie danach ausrichten und damit langfristig Erfolg haben. In Deutschland etwa der „Ausbildungsverein“ SC Freiburg. Kannst du uns weitere Beispiele nennen und deren strategisches Konzept etwas detaillierter erklären?

„Mainz und Hoffenheim setzen Strategien mit jungen Spielern radikal und erfolgreich um“

Ronald Reng: Mainz 05 ist bei der Nachwuchsarbeit ähnlich radikal wie Athletic Bilbao und im Ansatz ähnlich erfolgreich: Sie nehmen praktisch nur Kinder aus der Region und halten spürbar länger an den eigenen Spielern fest als andere Vereine.  Hoffenheim unter Sportdirektor Alex Rosen setzt – fast unbemerkt übrigens – in Deutschland am besten das Konzept um, Spieler zu entwickeln, sie mit hohen Gewinnen weiterverkaufen, wieder Spieler der zweiten Reihe zu kaufen und sportlich dabei nicht wirklich Substanz zu verlieren. In den jüngsten sechs Jahren erzielte Rosen einen Transferüberschuss von 40 Millionen Euro, und doch war es die erfolgreichste Zeit des Klubs. Allerdings ist es schwierig, mit dieser Import-Export-Strategie in die absolute Spitze vorzustoßen.

96Freunde: Wir haben jetzt viel über Nachwuchsarbeit und unterschiedliche Konzepte von Vereinen gesprochen. Bei welchem Verein fühlte sich Miroslav Klose eigentlich am wohlsten?

Ronald Reng: Miroslavs wahrer Verein war die Nationalmannschaft. Dort hatte er den besten Tore-Schnitt, dort reiste er, gerade in den späten Jahren nach 2010, immer mit dem Gefühl an: Ich komme nach Hause.

96Freunde: Danke für deine Zeit und das Gespräch!

Das Interview führte Dennis Draber.

Ronald Reng. Foto: Peter von Felbert

Und nicht vergessen: Die Lesung aus der Miroslav Klose-Biografie „Miro“ mit Ronald Reng findet am 24. September in Hannover bei der Buchhandlung DECIUS in der Marktstr. 51, 30159 Hannover statt. Beginn der Veranstaltung ist um 20 Uhr. Eintrittskarten erhaltet ihr vor Ort, telefonisch unter (0511) 3647610 und online unter decius-hannover.buchhandlung.de/shop/magazine/146294/ronald_reng.html

Zum Weiterlesen: Ein Gespräch mit Ronald Reng über Robert Enke, einen 96-Transfer zum FC Barcelona und Tradition als Chance

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