Die Zwischenbilanz zum Trainingslager-Start – zwei Szenarien für die nächsten Wochen

Ein Umbruch muss mit Fingerspitzengefühl begleitet werden

Konstruktive Kritik muss erlaubt sein: Der sportlich vertretbare Umbruch lief bisher unschön.

Während der FC Bayern München gegen Paris Saint-Germain das Triple geholt hat, ist Hannover 96 zum Trainingslager im österreichischen Stegersbach angekommen. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Ein kurzer Blick zurück: Der Saisonabschluss war versöhnlich, nach dem 2:0-Erfolg gegen Bochum – Doppelpack Ducksch – und Platz 6 in der Abschlusstabelle herrschte gute Laune im 96-Umfeld. Der sportliche Aufwärtstrend in der Rückrunde war unverkennbar, nach einem 14. Platz in der Hinrundentabelle gab es einen 4. Platz in der Rückrundentabelle, punktgleich mit dem Drittplatzierten VfB Stuttgart. Die Rückrundenoffensive war mit 34 Toren die erfolgreichste der Liga, Marvin Ducksch (10 Tore) und Edgar Prib (5 Tore) waren die besten Rückrundentorschützen.

„Was mich irritiert, ist, dass es gerade am Ende der Saison gute Ergebnisse gab. Du gehst mit einem positiven Gefühl raus, diesen Schwung hätten sie in die Spielzeit mitnehmen können. ‚Never change a winning team‘, heiß es – und dann wirfst du plötzlich alles um.“ Mit diesem Worten fasste Mentaltrainer Matthias Herzog, der einst mit André Breitenreiter zusammengearbeitet hatte, in einem HAZ-Interview treffend die Gefühlslage vieler 96-Fans zusammen (Print-Ausgabe der HAZ vom 20.08.).

„Ohne Herz, mit Verstand“?

Möglicherweise muss man den Umbruch bei Hannover 96 aus zwei Perspektiven beleuchten: Der sportlichen und der menschlichen. Ohne sich nochmal in Details zu verlieren (wir haben unsere konstruktive Kritik am Vorgehen der sportlichen Leitung bereits hier, hier, hier und hier im Detail vorgebracht), könnte man die menschliche Perspektive kurz und bündig mit „ohne Herz“ zusammenfassen. Was in den Jahren zuvor weder bei Michael Tarnat, Christian Schulz, Leon Andreasen oder Manuel Schmiedebach gelang, gelang dieses Mal auch nicht bei Edgar Prib und Ron-Robert Zieler. Hannover 96 tut sich seit Jahren schwer, verdienten Spielern einen würdigen Abschied zu bereiten. Leider.

Ob man die sportliche Perspektive hingegen mit „mit Verstand“ zusammenfassen kann? Das bleibt zum jetzigen Zeitpunkt fraglich. Einiges macht Mut, anderes wirft Fragen auf. Neuzugänge wie Sei Muroya, Mike Frantz und Kingsley Schindler sind zweifellos wichtige sportliche Verstärkungen, mit Franck Evina und Valmir Sulejmani wurde gezielt die zweite Reihe gestärkt – hier hat Gerry Zuber wie erhofft geliefert.

Ob die Trennung vom formstarken Edgar Prib wirklich notwendig ist, zumal Pribs Vertrag nur noch ein Jahr läuft, bleibt fragwürdig – falls Prib kommende Saison wider Erwarten nicht an seine starke Form angeknüpft hätte, hätte man den Vertrag nach der kommenden Saison einfach geräuschlos auslaufen lassen können. Dass die Kaufoptionen bei Cedric Teuchert und Jannes Horn trotz der viel betonten Handlungsfähigkeit („Wir sind handlungsfähig und handlungswillig“, Martin Kind, 30.06.) nicht gezogen wurden, nun aber mit Blick auf fehlende Spieler der Zeitverzug bedauert wird („Wir haben Zeit verloren“, Martin Kind, HAZ vom 22.08.), hinterlässt ebenfalls Fragezeichen.

Ein Umbruch wie ein lauwarmes Herri – das beste Bier schmeckt nicht, wenn es falsch serviert wird

Dennoch ist es zu früh, sich über den dünnen Kader zu mokieren, das Transferfenster hat noch bis zum 5. Oktober geöffnet. Im Markt ist bisher wenig Bewegung drin, das wird sich jedoch in den nächsten Wochen ändern. Für gut vernetzte Manager wie Gerry Zuber wird sich die Möglichkeit zur Verpflichtung weiterer Leistungsträger auftun – Mut macht das Beispiel Ihlas Bebou, der auch erst zu Beginn der Saison 2017/18 bei Hannover 96 unterschrieb.

Die 96-Offensive hinterließ bei den Testspielen bisher einen guten Eindruck. Dass die 96-Defensive zu dünn für Aufstiegsambitionen besetzt ist, wird der sportlichen Leitung hoffentlich aufgefallen sein – spätestens beim ersten Gegentor durch den KFC Uerdingen, als der Drittligist freies Geleit in der 96-Abwehr bekam.

Etwas lakonisch könnte man den Umbruch wohl mit einem lauwarmen Herri vergleichen. Die beste Biermarke schmeckt nicht, wenn sie falsch serviert wird. Anders ausgedrückt: Gegen einen sportlichen Umbruch (der dann aber auch einen leistungsfähigeren Kader zur Folge haben muss!) ist nichts zu sagen – dieser Umbruch muss jedoch mit viel Fingerspitzengefühl begleitet werden. Ob der 96-Kader nach dem Umbruch leistungsfähiger ist als zuvor, ist Stand heute offen – dass der Umbruch zwischenmenschlich unschön gehandhabt wurde, lässt sich aber bereits heute feststellen.

Gegen einen sportlichen Umbruch (der dann aber auch einen leistungsfähigeren Kader zur Folge haben muss!) ist nichts zu sagen. Dieser Umbruch muss jedoch mit viel Fingerspitzengefühl begleitet werden.

Zwei Szenarien für die Hinrunde

Eine Glaskugel für die Hinrunde besitzt niemand. Dennoch wird ziemlich sicher eins der beiden folgenden Szenarien eintreten. Szenario 1: Erwischt Hannover 96 einen guten Start inklusive Derbysieg am dritten Spieltag, werden die meisten 96-Anhänger wohl der Meinung sein: „Klar ist solch ein Umbruch nicht schön, aber der Erfolg gibt dem Trainer doch Recht.“ Szenario 2: Sollte der Hinrundenstart holprig geraten, wird Kenan Kocak ähnlich schnell und hart in der Kritik stehen wie Mirko Slomka im vorherigen Jahr. „Ich sehe mehr Risiko. Wenn die Entwicklung von Beginn an nicht stimmt, kann die Stimmung schnell mal kippen“, sagt Sportpsychologe Matthias Herzog im HAZ-Interview.

Trotz aller Querelen, trotz aller haarsträubenden Fehler, die Hannovers sportliche Leitung im Umgang mit Zieler & Co. gemacht hat – wir wünschen dem 96-Team, dass sich Szenario Nummer 1 bewahrheitet. In diesem Sinne: Auf ein produktives Trainingslager!

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