Manipulation bei Bundesligagründung: Deshalb wurde Hannover 96 kein Gründungsmitglied

Ex-Kapitän Steve Cherundolo weiß um die Rivalität zwischen 96 und Braunschweig. Als Kapitän wurde er 2013 gefragt: "Gratulieren Sie Braunschweig zum Aufstieg?" Seine Antwort mit einem schelmischen Grinsen: "Nein." Foto: Getty Images

Dieser Skandal sucht seinesgleichen: Die Bevorzugung von Eintracht Braunschweig gegenüber Hannover 96 bei der Gründung der Bundesliga lief auf höchst ungerechte Weise ab.

Das muss man sich einfach mal bildlich vor Augen führen:

Erst legt der DFB Kriterien fest, nach denen sich die Gründungsmitglieder der ersten Liga zusammen setzen. Doch dann hält der DFB diese Kriterien geheim und lässt die Bewerber um einen Platz in der Bundesliga im Dunkeln.

Als es darauf ankommt, verstößt die 5-köpfige Kommission jedoch mutwillig gegen die eigenen, geheim gehaltenen Kriterien – was dazu führte, dass Hannover 96 nicht Gründungsmitglied wurde, wohl aber Eintracht Braunschweig. 

Insgesamt 16 Vereine durften 1962/63 Gründungsmitglieder werden.

Prominente Traditionsvereine wie Bayern München und Hannover 96 waren nicht darunter vertreten – was damals einen Skandal auslöste:

Die 16 Gründungsmitglieder:

Hertha BSC Berlin
Eintracht Braunschweig
Werder Bremen
Borussia Dortmund
Eintracht Frankfurt
Hamburger SV
1. FC Kaiserslautern
Karlsruher SC
1. FC Köln
Meidericher SV (heute MSV Duisburg)
TSV 1860 München
SC Preußen Münster
1. FC Nürnberg
1. FC Saarbrücken
FC Schalke 04
VfB Stuttgart

Doch wonach setzten sich die Gründungsmitglieder zusammen? Erstmal nach der regionalen Aufteilung. Der Norden bekam beispielsweise 3 Plätze zugesprochen.

Innerhalb der einzelnen Regionen sollte dann eine 12-Jahres-Tabelle den Ausschlag geben.

Dazu sollten zudem sportliche Kriterien und wirtschaftliche Rahmenbedingungen (wie das Barvermögen) sowie technische Voraussetzungen (großes Stadion mit Flutlichtanlage) eine Rolle spielen.

Der Hamburger SV und Werder Bremen waren zweifellos dabei.

Doch dahinter herrschte dichtes Gedrängel in der 12-Jahres-Wertung für die 3 freien Plätze für Norddeutschland:

Die Tabelle: 

  1. Hamburger SV: 518 Punkte
  2. Werder Bremen: 396
  3. VfL Osnabrück: 313
  4. Hannover 96: 309
  5. FC St. Pauli: 303
  6. Holstein Kiel: 294
  7. Eintracht Braunschweig: 276
  8. Arminia Hannover: 103

Der Vfl Osnabrück hätte nach dieser Wertung eigentlich den Platz innegehabt. Die DFB-Begründung war lapidar: Osnabrück sei wirtschaftlich schlecht aufgestellt gewesen.

St. Pauli hatte als zweiter Hamburger Verein von vornerein keine Chance. Auch bei Holstein Kiel gaben angebliche wirtschaftliche Gründe den Ausschlag für den Ausschuss.

Doch dieser Vorwand konnte bei Hannover 96 nicht ziehen.

Denn für den Verein aus der niedersächsischen Landeshauptstadt sprach eigentlich alles:

  1. Langfristiger sportlicher Erfolg (in der 12-Jahres-Wertung vor Braunschweig, dazu deutscher Meister 1954)
  2. Das Stadion: Das Niedersachsenstadion war die größte Sportarena in ganz Norddeutschland
  3. Wirtschaftliche Gründe: Mit einem Barvermögen von damals unglaublichen 300.000 Mark war Hannover 96 finanziell besser aufgestellt als Braunschweig.

Doch Braunschweig hatte einen entscheidenden Vorteil:

Der Rechtsanwalt Dr. Kurt Hoppert, seit 1952 Vereinspräsident von Braunschweig, hatte beste Kontakte zum DFB. Als einziger Vereinspräsident in Norddeutschland plädierte er für die Einführung einer zentralen deutschen Spielklasse – der Bundesliga. Kurzum: Hoppert hatte beim DFB ein Stein im Brett.

Doch willkürlich durfte die Entscheidung für Eintracht Braunschweig natürlich nicht aussehen: Und so wurde die Platzierung in der Abschlusstabelle 1962/63 plötzlich als ein zusätzliches Kriterium herbeigezogen. In der Saison war Braunschweig 3. geworden, Hannover schloss auf Platz 9 ab.

Obwohl die Abschlusstabelle der laufenden Saison anfangs gar kein offizielles Kriterium war, wurde diese eine Saisonplatzierung von der DFB-Komission plötzlich wichtiger als die 12-Jahres-Wertung, wichtiger als die Stadiongröße, wichtiger als das wirtschaftliche Vermögen angesehen!

Diese Entscheidung empörte die Hannoveraner zutiefst. Es war ein Verstärker für die ohnehin schon große Abneigung der beiden Städte. Zwar ist das längst nicht der einzige Grund für die Rivalität zwischen 96 und Eintracht: Die gegenseitige Abneigung reicht bis ins Mittelalter zurück. Mehr dazu hier.

Auch die 96-Kapitäne wissen um die Rivalität beider Vereine. So antwortete Ex-Kapitän Steve Cherundolo 2013 auf die Frage eines Reportes, ob er Braunschweig zum Bundesliga-Aufstieg gratuliere, schlicht mit „Nein“, begleitet von einem schelmischen Grinsen.

Auch Manuel Schmiedebach, heute Kapitän der Roten, ist sich der Rivalität bewusst. Auf die Frage des Schiedsrichters bei der Seitenwahl, ob er beim Münzwurf die blaue oder gelbe Seite der Münze haben wolle, sagte er nur trocken: „Beides scheiße.“ Die ganze Geschichte hier. 

P.S.: Wer die ganze Geschichte im Detail nachlesen möchte, dem empfehlen wir das Buch »Eintracht Braunschweig vs Hannover 96 – Über die Rivalität zweier Traditionsvereine« von Andreas Buchal.

Das sind die 5 wichtigsten Gründe, warum Hannover und Braunschweig sich nicht ausstehen können.

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