„Wir reden viel zu wenig über Fußball!“

André Breitenreiter: Trainerfuchs und stiller Sympathieträger (Photo by PIXATHLON/PIXATHLON/SID/)

Das Erfolgsgeheimnis von Breitenreiter, neue Spielerverpflichtungen, die Identität des Fußballs und die wertvollsten 96-Spieler: In seinem dreiteiligen persönlichen Saisonfazit lässt 96Freunde-Autor Tim Block kein Thema aus. Nur über die ewige „Fan“-Diskussion verliert Tim erstmal kein Wort. Stattdessen widmet er sich ganz dem Fußball. Viel Spaß beim Lesen von Teil 1!

Seit ich denken kann, interessiere ich mich für Fußball und seit ähnlich langer Zeit bin ich Fan von Hannover 96. In den ganzen Jahren, die ich Hannover 96 nun begleite, habe ich so etwas wie in dieser Spielzeit noch nicht erlebt. Diese Saison war einzigartig. Einzigartig, weil sich quasi alles nur um Nebenkriegsschauplätze drehte. Wenn ich ehrlich bin, lohnte sich ein tieferer Blick auf das sportliche Geschehen der Bundesliga nicht wirklich. Die Qualität des Fußballs an sich hat Federn gelassen. Doch warum eigentlich? Diese und einige wenige Fragen habe ich mir gestellt und bin teilweise sogar zu einer zufriedenstellenden Antwort gelangt. Eines gleich vorweg – Es wird in diesem Artikel nicht um „50+1″ , „Fanszene“ oder ähnliches gehen. Hier und heute geht es nur um den Fußball, um Trainer, um Identität des Fußballs und vieles mehr. Viel Spaß beim Lesen. 

 

Sportliches Fazit – Hannover 96 :

 

Zu Beginn der Saison wurde in den Gazetten von „Abstiegskandidat Nummer 1″ gesprochen. Doch Hannover 96 wehrte sich dagegen und zeigte in der Anfangsphase, warum es schwierig geworden ist, eine wirkliche Prognose abzugeben. Zumal sich das Bild der Bundesliga auch sehr verschoben hat. Niemand kann mehr sagen: „Die, Die und Die spielen sicher um die Meisterschaft.“ „Die, Die und Die kämpfen um die internationalen Ränge.“ „Die, Die und Die spielen definitiv gegen den Abstieg.“ Der 1.FC Köln, von dem alle „Experten“ ausgingen, dass der Effzeh im oberen Tabellendrittel landet, ist abgestiegen. Den VfL Wolfsburg, der wieder einmal einen hohen finanziellen Aufwand betrieben hat, ordnete man ebenfalls im oberen Tabellendrittel ein. Doch der Werksklub musste um den Verbleib in der ersten Liga spielen. Und der Abstiegskandidat Nummer Eins ? Der hat sich am vorletzten Spieltag sicher gerettet und konnte vorzeitig die neue Saison planen.

 

Nun möchte ich nach einer kurzen Ausschweifung doch zum Sportlichen zurückkehren. Wie etwas weiter oben im Text geschrieben, wehrte sich Hannover 96 gegen das Urteil der Experten. Am Anfang der Saison startete 96 fulminant und gewann gegen Mainz, Schalke und Hamburg. André Breitenreiter entwickelte in der Sommerpause einen taktischen Plan, mit dem er Erfolg haben sollte. Weitestgehend agierte Hannover 96 aus der Fünferkette heraus im 5-3-2 oder 5-2-3. Ziel des Ganzen: Defensiv sicher stehen – und wenn es möglich ist, dem Gegner durch einzelne Konteraktionen gefährlich werden und auch zum Torabschluss kommen. 

 

Um das visuell noch einmal zu erläutern, habe ich euch eine Szene gebaut, die typisch für unsere Hinrunde gewesen ist. Aus dem 5-2-3 wird in der Rückwärtsbewegung ein kompaktes 5-4-1, womit 90% der Bundesligamannschaften Probleme haben, weil es sehr wenige Mannschaften gibt, die sich in einer solchen Situation spielerisch behelfen können.

 

Hannover in rot, der Gegner in weiß: Das hannoversche 5-2-3 wird gegen den Ball zu einem sehr kompakten 5-4-1 mit klaren 1-gegen-1-Zuordnungen im letzten Drittel und auch im Mittelfeld. Füllkrug stellt die einzige Pressingspitze dar, die intervallmäßig den ballführenden Spieler anläuft. Der Gegner wird in diesem Szenario entweder zum langen Ball gezwungen, oder er hält den Ball so lange, bis 96 offensiver wird und ins Pressung geht.
Zugespitzt ausgedrückt: Die meisten Gegner verfallen in Hektik und schlagen den Ball lang nach vorne. Was bei näherer Betrachtung natürlich kompletter Quatsch ist, weil – seien wir mal ehrlich – es ist nie eine erfolgsbringende Idee einen langen Ball zu spielen, wenn die gegnerische Abwehr im Schnitt über 1,90 Meter groß ist. Darüber hinaus lassen sich aber mit dem 5-4-1 klare Zuordnungen schaffen. Die direkten Gegenspieler unserer Abwehrkette habe ich graphisch direkt mit unseren verbunden um das nochmal zu veranschaulichen. Aber nicht nur in der Abwehrreihe, sondern auch im Mittelfeld werden deutliche Zuständigkeiten sichtbar. Der klare Nachteil ist jedoch, das das Pressing, bzw das höhere anspruchsvollere Pressing dabei sehr vernachlässigt wird. Neben dem sehr mannorientierten Spiel unserer Roten (deren Idee es ist, den Gegner auf das eigene Niveau hinunter zu ziehen), zeichnete uns in dieser Saison aus, dass es unserem Cheftrainer gelang,  die Mannschaft perfekt auf den Gegner einzustellen. Auch das ist ein Grund, weshalb es selten Spiele gab, in denen der Gegner uns haushoch überlegen war. Zu jedem Zeitpunkt konnten wir im Spiel dem Gegner unbequem werden. Doch auch die Variabilität des Trainers, die auf  Formationswechsel oder In-Game-Coaching bezogen ist, wurde mit der Zeit zum Aushängeschild des „Hannoveraner-Fußballs“ ! Insgesamt ließ André Breitenreiter zehn (!) unterschiedliche Formationen spielen. Hier eine kleine Auflistung und zusätzliche Daten: 

 

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Formation
Minuten
Torschüsse
Tore
4-4-2
610
94
10
3-4-3 / 5-2-3
573
53
2
3-4-2-1 / 5-2-3
465
64
9
4-3-3
371
54
6
4-1-4-1
283
47
3
3-4-1-2 / 5-2-1-2
256
48
7
4-2-3-1
185
34
2
3-1-4-2 / 5-1-2-2 
169
15
2
4-2-2-2
92
9
1
4-1-2-1-2
75
6
0
Interessant ist, wie sehr man sich in seinem Gefühl täuschen kann und wie schnell man zu einem Urteil kommen kann, obwohl die tatsächlichen Fakten am Ende ganz anders aussehen. Denn wie sich nun herausstellt, ist in finaler Betrachtung das klassische 4-4-2 die Formation der Saison von Hannover 96. Ob ich das nun gut finden soll, oder nicht, lasse ich mal offen. Einen noch viel interessanteren Aspekt finde ich aber, dass wir im 4-4-2 System den höchsten xGA-Wert (11,35) und zugleich auch den höchsten xG-Wert (9,90) erspielt haben.  Insgesamt liest sich unsere Statistik so, dass es ein deutliches Übergewicht an erfassten Daten gibt, die belegen, dass unsere Gegner eine höhere Chance hatten ein Tor zu erzielen als wir. Auch hier habe ich eine kleine tabellarische Erläuterung zusammengestellt.

 

Formation
xG
xGA
xGD
4-4-2
9.90
11.35
-1.45
3-4-3 / 5-2-3
3.36
8.02
-4.66
3-4-2-1 / 5-2-3
6.71
9.35
-2.64
4-3-3
5.78
3.49
+2.29
4-1-4-1
5.01
4.65
+0.45
3-4-1-2 / 5-2-1-2 
4.68
1.54
+3.14
4-2-3-1
3.23
3.91
-0.68
3-1-4-2 / 5-1-2-2 
1.37
4.41
-3.04
4-2-2-2
0.38
0.85
-0.47
4-1-2-1-2
0.25
2.59
-2.34
Dazu ein kurzes Fazit:  Wenn ich mich nüchtern an den gespielten Formationen entlang hangele und die Daten genauer anschaue, ist es vereinfacht gesagt so: „In 75% unserer Partien, die wir mit 3er/5er-Kette gespielt haben, war die Wahrscheinlichkeit höher, dass der Gegner ein Tor erzielt, als umgekehrt.“ Und: „In 50% der Spielminuten, die wir ein System mit Viererkette gespielt haben, haben wir mehr Spielanteile gehabt, die auf eine höhere Chance des Torerfolgs hinweisen.“ Sicherlich ist jedem 96-Fan klar, dass einige Gegner, auf die wir treffen, tendenziell eine größere Chance haben zu gewinnen. Die typische Rolle des Underdogs. Aber welchen interessanten ausgehenden Punkt die Summieruung der erfassten Daten in Bezug auf die Wahl der Formation hat, hat auch mich überrascht. Denn der Wert des „expected-Goal-Against“ ist wesentlich geringer (-2.29), wenn André Breitenreiter auf eine Viererkette umstellte, oder die Mannschaft von vornherein so in die Partie schickte, als wenn unsere Roten in der Fünferkette agierten (-7.20)! 

 

Bevor ich mich nun aber mit der Frage „Wie geht es nächste Saison sportlich weiter?“ beschäftige, möchte ich vorher zum Fazit vom Fazit kommen.

 

Fazit vom Fazit

Die oben angeführten Daten und Zahlen sollen in keinster Weise die Arbeit von André Breitenreiter schlecht dastehen lassen. Ich möchte auch nicht die Arbeit die Spieler, die Hochleistungssportler sind, kritisieren. Die Mannschaft und der Trainer haben einen guten Job verrichtet. Es geht mir persönlich auch nicht ausschließlich um Hannover 96, sondern teilweise auch um die Bundesliga, die dieses Jahr keinen guten Fußball gespielt hat. Es gibt wenige Ausnahmen, die eben nicht den selben destruktiven Ball spielen, der sich ausschließlich auf das Zerstören und Verteidigen beschränkt. Eine davon ist – Achtung! – Hannover 96. Wer hätte das gedacht? 
 
Hätte man mich nach der Hinrunde gefragt, welche Mannschaften viel zerstören und viel über den Kampf erreichen will, hätte ich unsere Roten dazugezählt. Doch in der Rückrunde ist ein Entwicklungsprozess, ein anderer Gedankenanstoß, ja ein anderer Ansatz nach und nach probiert worden. Von Rückschlägen hat man sich nicht beeindrucken lassen, sondern hat gut und ruhig weitergearbeitet. Und das war bekannterweise nicht ganz so einfach. 

Das war Teil eins von Tim Blocks großem Saisonfazit. Teil zwei folgt!

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