„Vielleicht hätten wir vor ein paar Wochen das Spiel noch aus der Hand gegeben“

Linton Maina schoss in der siebten Minute den Siegtreffer für Hannover 96. Trainer Kocak gab sich nach dem Spiel selbstkritisch: "Wir müssen täglich weiter inhaltlich arbeiten. Foto: Getty Images

Es war ein knapper Auswärtssieg, der in die Kategorie „Dreckiger Arbeitssieg“ fällt. Nicht schön anzuschauen, wenige Strafraumszenen, hohe Fehlpassquote. Und dennoch sollte dieser Sieg nicht unterschätzt werden. Dennis Draber war vor Ort und hat im Spielertunnel mit den 96-Spielern gesprochen.

Die Stimmung nach dem Spiel war ausgelassen, die 96-Spieler waren in Feierlaune. Linton Maina stand wenige Meter neben der 96-Kabine und sprach nach der Partie mit den Reportern über sein Tor. Zumindest versuchte er es, denn er wurde dabei immer wieder unterbrochen. Nicht von den anwesenden Journalisten, die ihm aufmerksam zuhörten und seine Zitate in ihre Blöcke notierten, sondern von seinen vorbeikommenden 96-Teamkameraden, die sich für ihn freuten. Florent Muslija umarmte ihn mitten im Interview, während Linton Maina konzentriert versuchte, eine Frage der Journalisten zu beantworten. Kurz darauf kam Hendrik Weydandt vorbei und gab dem verdutzten Maina einen neckischen Klaps auf den Hintern.

Maina: „Ich habe kurz überlegt, ob ich querlege, aber dann dachte ich mir: Ach, schieße ich einfach selber!“

Maina schilderte nochmal, wie er sein Tor erlebt hatte. „Dass es die siebte Spielminute war, das wusste ich nicht, es kam mir eher vor wie die 30. Minute. Es war ein sehr kampfintensives Spiel“, sagte Maina. „Ich habe kurz überlegt, ob ich querlege, aber dann dachte ich mir: Ach, schieße ich einfach selber!“

Das Gespräch mit den Journalisten war rasch vorbei, Maina wurde von seinen Teamkameraden als DJ in der Kabine erwartet. Der Siegtorschütze durfte die Musik aussuchen. „Ich gucke spontan, was ich gleich in der Kabine auflege“, sagte er noch mit einem kurzen Lächeln zu den Reportern und verschwand vorfreudig zum Feiern Richtung Kabine.

Schlaudraff: „Nicht gleich durchdrehen, sondern Abstand schaffen zu den Abstiegsplätzen“

Kurz nachdem Maina Richtung Kabine gelaufen war, erschien ein erleichterter Jan Schlaudraff und stellte sich den Fragen der Reporter. „Das Ergebnis steht über allem. Man muss der Mannschaft ein Kompliment machen“, sagte Schlaudraff und lächelte. „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Trainer es schafft, das mit der Mannschaft wieder in ruhigeres Fahrwasser zu kommen“, sagte der Sportdirektor und fügte mit Nachdruck hinzu: „Also nicht gleich wieder durchdrehen, sondern Abstand schaffen zu den Abstiegsplätzen.“

Schlaudraff lobte Linton Maina für seine Leistung gegen St. Pauli. Maina hatte mit einem fußballerisch feinen Solo und einem perfekten Abschluss ins lange Ecke die Führung erzielt. „Wir wissen, dass Linton die Qualität hat, aber wir haben auch andere Spieler, die die Qualität haben, mit einer Aktion ein Spiel zu entscheiden“, sagte Schlaudraff. „Das hat uns gut getan.“

„Alles reingehauen“: Schlaudraff lobte die Einstellung der 96-Spieler.

Der 96-Sportdirektor betonte, dass der Sieg ohne die kämpferische Mannschaftsleistung nicht möglich gewesen wäre. Darauf könne man in den nächsten Spielen aufbauen. „Es geht darum, alles reinzuwerfen, Flo vorne immer wieder anzulaufen, immer wieder nach innen zu kommen, gegen den Ball zu arbeiten, Genki und Henne mit einzubeziehen. Das ist die Basis, um in der Liga zu punkten.“

Florent Muslija suchte die Zweikämpfe: Nur Weydandt führte mehr Duelle mit dem Gegner

Zum ersten Mal seit langer Zeit geriet der 96-Sieg nicht mehr ernsthaft in Gefahr, die 96-Mannschaft wirkte bis zum Schlusspfiff konzentriert. Auch wenn die Fehlpassquote hoch war (nur 73% der Pässe kamen an, das ist der mit Abstand schlechteste Wert in dieser Saison), blieben spielentscheidende individuelle Fehler aus.

Waldemar Anton, der gegen Darmstadt als Innenverteidiger ein Eigentor produziert hatte, fühlte sich im defensiven Mittelfeld deutlich wohler. Pauli-Trainer Jos Luhukay machte Antons Störungsversuche als entscheidenden Faktor aus, warum Pauli kein flüssiger Spielaufbau gelang. Auch die Leistung von Florent Muslija war bemerkenswert: Im Gegensatz zu früheren Spielen versteckte sich der 21-Jährige nicht, sondern suchte auffallend oft das Duell mit dem Gegner. Insgesamt führte er 34 Zweikämpfe (16 gewonnen), nur Weydandt führte mehr Zweikämpfe mit den Pauli-Spielern.

Trost für den Verlierer: Weydandt tätschelt einem Pauli-Spieler den Kopf.

Kocak: „Das war kein Leckerbissen. Wir wissen, dass wir täglich dran arbeiten müssen“

Schlaudraff betonte, dass Kocak es gelungen sei, den Teamgedanken zu stärken. „Ich glaube, dass der Trainer es geschafft hat, eine Mannschaft auf den Platz zu bringen, die 90 Minuten alles reingehauen hat. Auf jeder einzelnen Position, egal ob defensiv oder offensiv.“ Schlaudraffs abschließende Worte: „Wir haben uns als Einheit präsentiert. Das ist die Basis, um dieser Liga die Punkte zu holen.“

Schlaudraff: „Der Trainer hat es geschafft, eine Mannschaft auf den Platz zu bringen, die 90 Minuten alles reingehauen hat“

Bei der anschließenden offiziellen Pressekonferenz gab sich 96-Trainer Kenan Kocak keine Mühe zu verbergen, dass er trotz des Sieges noch teils sehr unzufrieden ist. „Natürlich müssen wir inhaltlich am eigenen Spiel, am Umschaltspiel nach Balleroberungen arbeiten. Für die Zuschauer war es kein Leckerbissen. Meiner Mannschaft fehlt noch ein bisschen das Selbstvertrauen und die Sicherheit. Wir wissen, dass wir inhaltlich täglich weiter dran arbeiten müssen.“

„Alte Muster“: Kocak mit indirekter Kritik am Slomka’schen Abwehrverhalten





Wer aufmerksam zuhörte, konnte auch einen kleinen Vorher-Nachher-Vergleich in Kocaks Analyse heraushören. Dem neuen 96-Trainer hat es offenbar missfallen, wie Mirko Slomka die Defensivarbeit bei Hannover 96 aufgezogen hat. Kocak spricht von „alten Mustern“, die es abzustellen gilt. „Nach der Führung haben wir passiv agiert, wir haben leider nicht vorwärts verteidigt, sind in unsere alten Muster reingefallen und haben dann fallend verteidigt, so dass Pauli in der ersten Reihe viele Flugbälle auf ihre großen Stürmer spielen konnte“, sagte Kocak.

Kocak: „Die Mannschaft hat um jeden Millimeter gefightet“

Der neue 96-Trainer stellte heraus, dass die Fehler in der Halbzeitpause in der Kabine diskutiert wurden. Sein Forderung, vorwärts zu verteidigen und sich nicht passiv hinten hereindrängen zu lassen, sei von den Spieler in der zweiten Hälfte erfüllt worden. „Das haben wir in der Halbzeitpause angesprochen, sind dann mutiger aufgetreten, haben besser verteidigt und mehr oder weniger nichts zugelassen.“

Kampf und Wille: Spielerisch überzeugte 96 nicht, kämpferisch schon.

Während Kocak sich mit der hannoverschen Spielweise also nicht zufrieden gab und noch viel Verbesserungspotential sah, lobte er den Teamgeist der 96-Spieler. „Die Basis war, dass wir als Mannschaft auftreten. Das hat meine Mannschaft bravourös umgesetzt. Sie hat um jeden Millimeter gefightet“, hob Kocak hervor.

Allein die Tatsache, dass die Spieler als Mannschaft auftreten und füreinander einstehen, war in den letzten Spielen unter Slomka nicht mehr selbstverständlich. Auch wenn noch viel Arbeit auf den neuen Trainer wartet – es scheint sich ein neuer Mannschaftsgeist unter den 96-Spielern herauszubilden, der sich auch positiv auf das Spielerische auswirkt. Bakalorz sagte nach Abpfiff: „Vielleicht hätten wir vor ein paar Wochen das Spiel noch aus der Hand gegeben.“ Das war gegen St. Pauli zum Glück nicht der Fall. Es ist der Anfang einer Entwicklung zu sehen. Endlich.



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