„Verstehen, was abgeht: Hannover 96 muss weg vom Graue-Maus-Fußball!“

96Freunde-Autor Tim Block schreibt über die strategische Entwicklung des Kaders. Für die Kaderzusammenstellung ist Horst Heldt verantwortlich (Photo by PIXATHLON/PIXATHLON/SID/)

Die WM ist vorbei, die neue 96-Saison beginnt. Horst Heldt hat den Kader geplant, André Breitenreiter bereitet die 96-Spieler auf die Saison 2018/19 vor. Zeit für eine Bestandsaufnahme. Zeit für einen Blick zurück und einen Blick nach vorn. Das Erfolgsgeheimnis von Breitenreiter, neue Spielerverpflichtungen, die Identität des Fußballs und die wertvollsten 96-Spieler: In seinem Bestandsaufnahme lässt 96Freunde-Autor Tim Block kein Thema aus.

In den letzten Wochen haben wir seine Analyse schon abschnittweise veröffentlicht – für alle, die sie im WM-Trubel verpasst haben, gibt es sie jetzt nochmal am Stück. Nehmt euch die 5 Minuten, es lohnt sich! 

Seit ich denken kann, interessiere ich mich für Fußball und seit ähnlich langer Zeit bin ich Fan von Hannover 96. In den ganzen Jahren, die ich Hannover 96 nun begleite, habe ich so etwas wie in dieser Spielzeit noch nicht erlebt. Die letzte Saison war einzigartig. Einzigartig, weil sich quasi alles nur um Nebenkriegsschauplätze drehte. Wenn ich ehrlich bin, lohnte sich ein tieferer Blick auf das sportliche Geschehen der Bundesliga nicht wirklich. Die Qualität des Fußballs an sich hat Federn gelassen. Doch warum eigentlich? Diese und einige wenige Fragen habe ich mir gestellt und bin teilweise sogar zu einer zufriedenstellenden Antwort gelangt. Eines gleich vorweg – Es wird in diesem Artikel nicht um „50+1″ , „Fanszene“ oder ähnliches gehen. Hier und heute geht es nur um den Fußball, um Trainer, um Identität des Fußballs und vieles mehr. Viel Spaß beim Lesen. 

Zu Beginn der letzten Saison wurde in den Gazetten von „Abstiegskandidat Nummer 1″ gesprochen. Doch Hannover 96 wehrte sich dagegen und zeigte in der Anfangsphase, warum es schwierig geworden ist, eine wirkliche Prognose abzugeben. Zumal sich das Bild der Bundesliga auch sehr verschoben hat. Niemand kann mehr sagen: „Die, Die und Die spielen sicher um die Meisterschaft.“ „Die, Die und Die kämpfen um die internationalen Ränge.“ „Die, Die und Die spielen definitiv gegen den Abstieg.“ Der 1.FC Köln, von dem alle „Experten“ ausgingen, dass der Effzeh im oberen Tabellendrittel landet, ist abgestiegen. Den VfL Wolfsburg, der wieder einmal einen hohen finanziellen Aufwand betrieben hat, ordnete man ebenfalls im oberen Tabellendrittel ein. Doch der Werksklub musste um den Verbleib in der ersten Liga spielen.

Und der Abstiegskandidat Nummer Eins ? Der hat sich am vorletzten Spieltag sicher gerettet und konnte vorzeitig die neue Saison planen. Am Anfang der Saison startete 96 fulminant und gewann gegen Mainz, Schalke und Hamburg. André Breitenreiter entwickelte in der Sommerpause einen taktischen Plan, mit dem er Erfolg haben sollte. Weitestgehend agierte Hannover 96 aus der Fünferkette heraus im 5-3-2 oder 5-2-3. Ziel des Ganzen: Defensiv sicher stehen – und wenn es möglich ist, dem Gegner durch einzelne Konteraktionen gefährlich werden und auch zum Torabschluss kommen. 

Um das visuell noch einmal zu erläutern, habe ich euch eine Szene gebaut, die typisch für unsere Hinrunde gewesen ist. Aus dem 5-2-3 wird in der Rückwärtsbewegung ein kompaktes 5-4-1, womit 90% der Bundesligamannschaften Probleme haben, weil es sehr wenige Mannschaften gibt, die sich in einer solchen Situation spielerisch behelfen können.

 

Hannover in rot, der Gegner in weiß: Das hannoversche 5-2-3 wird gegen den Ball zu einem sehr kompakten 5-4-1 mit klaren 1-gegen-1-Zuordnungen im letzten Drittel und auch im Mittelfeld. Füllkrug stellt die einzige Pressingspitze dar, die intervallmäßig den ballführenden Spieler anläuft. Der Gegner wird in diesem Szenario entweder zum langen Ball gezwungen, oder er hält den Ball so lange, bis 96 offensiver wird und ins Pressung geht.

Zugespitzt ausgedrückt: Die meisten Gegner verfallen in Hektik und schlagen den Ball lang nach vorne. Was bei näherer Betrachtung natürlich kompletter Quatsch ist, weil – seien wir mal ehrlich – es ist nie eine erfolgsbringende Idee einen langen Ball zu spielen, wenn die gegnerische Abwehr im Schnitt über 1,90 Meter groß ist. Darüber hinaus lassen sich aber mit dem 5-4-1 klare Zuordnungen schaffen. Die direkten Gegenspieler unserer Abwehrkette habe ich graphisch direkt mit unseren verbunden um das nochmal zu veranschaulichen. Aber nicht nur in der Abwehrreihe, sondern auch im Mittelfeld werden deutliche Zuständigkeiten sichtbar.

Der klare Nachteil ist jedoch, das das Pressing bzw. das höhere anspruchsvollere Pressing dabei sehr vernachlässigt wird. Neben dem sehr mannorientierten Spiel unserer Roten (deren Idee es ist, den Gegner auf das eigene Niveau hinunter zu ziehen) zeichnete uns in dieser Saison aus, dass es unserem Cheftrainer gelang,  die Mannschaft perfekt auf den Gegner einzustellen. Auch das ist ein Grund, weshalb es selten Spiele gab, in denen der Gegner uns haushoch überlegen war. Zu jedem Zeitpunkt konnten wir im Spiel dem Gegner unbequem werden. Doch auch die Variabilität des Trainers, die auf  Formationswechsel oder In-Game-Coaching bezogen ist, wurde mit der Zeit zum Aushängeschild des „Hannoveraner-Fußballs“!

Insgesamt ließ André Breitenreiter zehn (!) unterschiedliche Formationen spielen. Hier eine kleine Auflistung und zusätzliche Daten:

 

Formation
Minuten
Torschüsse
Tore
4-4-2
610
94
10
3-4-3 / 5-2-3
573
53
2
3-4-2-1 / 5-2-3
465
64
9
4-3-3
371
54
6
4-1-4-1
283
47
3
3-4-1-2 / 5-2-1-2
256
48
7
4-2-3-1
185
34
2
3-1-4-2 / 5-1-2-2 
169
15
2
4-2-2-2
92
9
1
4-1-2-1-2
75
6
0
Interessant ist, wie sehr man sich in seinem Gefühl täuschen kann und wie schnell man zu einem Urteil kommen kann, obwohl die tatsächlichen Fakten am Ende ganz anders aussehen. Denn wie sich nun herausstellt, ist in finaler Betrachtung das klassische 4-4-2 die Formation der Saison von Hannover 96. Ob ich das nun gut finden soll, oder nicht, lasse ich mal offen. Einen noch viel interessanteren Aspekt finde ich aber, dass wir im 4-4-2 System den höchsten xGA-Wert (11,35) und zugleich auch den höchsten xG-Wert (9,90) erspielt haben.  Insgesamt liest sich unsere Statistik so, dass es ein deutliches Übergewicht an erfassten Daten gibt, die belegen, dass unsere Gegner eine höhere Chance hatten ein Tor zu erzielen als wir. Auch hier habe ich eine kleine tabellarische Erläuterung zusammengestellt.

 

Formation
xG
xGA
xGD
4-4-2
9.90
11.35
-1.45
3-4-3 / 5-2-3
3.36
8.02
-4.66
3-4-2-1 / 5-2-3
6.71
9.35
-2.64
4-3-3
5.78
3.49
+2.29
4-1-4-1
5.01
4.65
+0.45
3-4-1-2 / 5-2-1-2 
4.68
1.54
+3.14
4-2-3-1
3.23
3.91
-0.68
3-1-4-2 / 5-1-2-2 
1.37
4.41
-3.04
4-2-2-2
0.38
0.85
-0.47
4-1-2-1-2
0.25
2.59
-2.34

Dazu ein kurzes Fazit:  Wenn ich mich nüchtern an den gespielten Formationen entlang hangele und die Daten genauer anschaue, ist es vereinfacht gesagt so: „In 75% unserer Partien, die wir mit 3er/5er-Kette gespielt haben, war die Wahrscheinlichkeit höher, dass der Gegner ein Tor erzielt, als umgekehrt.“ Und: „In 50% der Spielminuten, die wir ein System mit Viererkette gespielt haben, haben wir mehr Spielanteile gehabt, die auf eine höhere Chance des Torerfolgs hinweisen.“ Sicherlich ist jedem 96-Fan klar, dass einige Gegner, auf die wir treffen, tendenziell eine größere Chance haben zu gewinnen. Die typische Rolle des Underdogs. Aber welchen interessanten ausgehenden Punkt die Summieruung der erfassten Daten in Bezug auf die Wahl der Formation hat, hat auch mich überrascht. Denn der Wert des „expected-Goal-Against“ ist wesentlich geringer (-2.29), wenn André Breitenreiter auf eine Viererkette umstellte, oder die Mannschaft von vornherein so in die Partie schickte, als wenn unsere Roten in der Fünferkette agierten (-7.20)! Bevor ich mich nun aber mit der Frage „Wie geht es nächste Saison sportlich weiter?“ beschäftige, möchte ich vorher zum Fazit vom Fazit kommen.

Fazit vom Fazit

Die oben angeführten Daten und Zahlen sollen in keinster Weise die Arbeit von André Breitenreiter schlecht dastehen lassen. Ich möchte auch nicht die Arbeit die Spieler, die Hochleistungssportler sind, kritisieren. Die Mannschaft und der Trainer haben einen guten Job verrichtet. Es geht mir persönlich auch nicht ausschließlich um Hannover 96, sondern teilweise auch um die Bundesliga, die dieses Jahr keinen guten Fußball gespielt hat. Es gibt wenige Ausnahmen, die eben nicht den selben destruktiven Ball spielen, der sich ausschließlich auf das Zerstören und Verteidigen beschränkt. Eine davon ist – Achtung! – Hannover 96. Wer hätte das gedacht?

Hätte man mich nach der Hinrunde gefragt, welche Mannschaften viel zerstören und viel über den Kampf erreichen will, hätte ich unsere Roten dazugezählt. Doch in der Rückrunde ist ein Entwicklungsprozess, ein anderer Gedankenanstoß, ja ein anderer Ansatz nach und nach probiert worden. Von Rückschlägen hat man sich nicht beeindrucken lassen, sondern hat gut und ruhig weitergearbeitet. Und das war bekannterweise nicht ganz so einfach.

Sportliche Weiterentwicklung von Hannover 96  – Der nächste Schritt:

Die meisten Teams in der höchsten deutschen Spielklasse definieren sich über das Spiel gegen den Ball, das sie grundsätzlich alle gut beherrschen. Das ist sicher auch ein Verdienst der Identität des deutschen Fußballs. Wenn wir weit zurückdenken, fällt uns sicher auf, dass die Deutschen immer gut darin waren zu verteidigen. Doch eventuell wird genau das zu einem Fluch für die Bundesliga im internationalen Vergleich. Zu diesem Thema werde ich später noch genauer eingehen und auch das Thema 50+1 spielt dort ein Rolle. Nun möchte ich mich aber Hannover 96 zuwenden und ein wenig versuchen darzustellen, wie ich mir eine fußballerische Weiterentwicklung bei unserem Klub vorstelle:

Strategisch:

In meinem Saisonfazit habe ich viel über Formationen geschrieben. Natürlich spielt das auch bei dem Blick nach vorne eine Rolle. In erster Linie, noch bevor man beginnt sich über Formationen sich Gedanken zu machen, muss man sich im klaren sein – und das schließt den Fan nicht aus – welchen Ansatz, welche Idee, welchen Fußball oder gar Identität man in Hannover zeigen bzw. spielen möchte. Wenn diese Frage geklärt ist, sollte man versuchen, nach diesen Vorstellungen den derzeitigen Kader auf den Prüfstand zu stellen um eben auszuschließen, dass man eine unnötige finanzielle Investition tätigt, für einen Spielertypen, den wir nicht optimal in unsere Idee mit einbauen können. Welche Rolle spielen Juniorenspieler in den Planungen? Auch das muss hinterfragt werden und knallhart analysiert werden. Kann uns jemand wie Linton Maina vielleicht in der nächsten Saison sofort helfen? Oder benötigen wir auf der Position einen Spieler, von dem Linton sich etwas abschauen und von ihm lernen kann? All das sind Fragen, die man sich vor der Kaderplanung  stellen muss. Vermutlich (und hoffentlich) ist das schon längst erfolgt.

Sportlich – Taktisch:

In der neuen Saison wird der Blick auf den sportlichen Verlauf von Hannover 96 sicherlich ein anderer sein. In der vergangenen Spielzeit war 96 noch der Aufsteiger, dem keiner eine doch so sichere Saison zugetraut hatte. Nun ist es meiner Ansicht nach wichtig, den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen. Weg vom „Graue Maus“-Fußball, hin zu einem dominanterem Auftreten. Damit soll nicht gemeint sein, dass ich exakt ausgereiften Ballbesitzfußball erwarte (das ging schon einmal unter Tafun Korkut nach hinten los), sondern dass in den Spielen eine Idee erkennbar ist, die in eine solche Richtung geht.

Die gegnerischen Mannschaften sollen nicht ins Niedersachsenstadion kommen und uns reagieren lassen, sondern andersrum! Natürlich spielt dabei auch die Formation eine Rolle. Sogar eine elementare. Die Grundlagen dafür müssen stimmen, um die Ziele am Ende auch umsetzen zu können. Überzahl in Ballnähe, ausreichende Anzahl an diagonalen Anspielstationen, Besetzung sämtlicher Zonen in der Breite, ein ausgereiftes Positionsspiel sowie eine gute Staffelung in jeder Situation des Spiels. Um die Staffelung auch stabil aufzubauen, sollte eine lokale Kompaktheit in der zentralen Zone Voraussetzung sein. Denn kurze diagonale Verbindungen offensiv wie defensiv sind notwendig und effektiv, wenn dadurch die Interaktion im Miteinander gut umgesetzt wird.

Ein sehr gutes Beispiel gibt das 4-1-2-3 System. Im 4-4-2 beispielsweise ist das Zentrum zu dünn besetzt, um den Ball auch kontrolliert in die Zonen zu transportieren, aus denen eine Mannschaft Gefahr entwickeln kann. Eine kleine visuelle Veranschaulichung hab ich natürlich auch vorbereitet:

 

4-1-2-3 (4-3-3) eine Formation, die 96 sehr entgegen kommen würde. Gegner verteidigt im 4-4-2, unsere Offensive Dreierreihe (Bebou, Füllkrug, Klaus) positioniert sich im Zwischenlinienraum. Die beiden Achter stehen als ”Transporteure“ bereit den Ball weiterzuleiten. Die Außenverteidiger stehen hoch auf Höhe des Sechsers um entweder einzurücken oder sich offensiv anzubieten.

Der tieferstehende Sechser (Schwegler) hat das gesamte Feld vor sich. Der Gegner verteidigt im klassischen 4-4-2: Zwei Viererketten, die ballorientiert verschieben. Das Manko an diesem System für den Gegner ist eine relativ schlechte Tiefenstaffelung, die uns in der Situation einige Möglichkeiten bietet. Wie gut erkennbar, besetzen Bebou, Füllkrug und Klaus (oder wer auch immer zukünftig auf dessen Position spielen wird) die Zwischenlinienräume. Die Außenverteidiger stehen hoch und die beiden Achter (Fossum und Bakalorz) können durch individuelles Abkippen und gute Bewegungen eine jeweilige Anspielstation darstellen um den Ball in die Tiefe zu Füllkrug oder auf die Außenbahnen zu leiten.

Eine andere Möglichkeit ist eine fließende Systemwandlung ins 3-5-2, bei der sich der Mittelstürmer in den Zehnerraum fallen lässt, der alleinige Sechser zwischen die Innenverteidiger. Die Innenverteidiger stehen dann breiter als in der oberen Darstellung. Die beiden Flügelspieler füllen den Raum, den der Mittelstürmer hinterlässt, durch Einrücken auf. Das ganze sieht dann wie folgt aus:

 

Aus dem 4-3-3 wird 3-5-2! Der Stoßstürmer spielt eine falsche 9, in dem er sich in den zentralen Zehnerraum fallen lässt. Er drückt Schwegler quasi dazu, sich zwischen die Innenverteidiger abzukippen und das Spiel von hinten aufzubauen. Die Achter (Fossum und Bakalorz) können jeder Zeit halblinks oder halbrechts abkippen um angespielt werden zu können. Die Außenverteidiger stehen noch höher und die Außenstürmer füllen den Raum, den Füllkrug hinterließ, auf!

 

Durch diese wandelbaren Grundformationen hat eine Mannschaft viele Vorteile. Denn dadurch, dass sie den klassischen Grundformationen ähneln und diese symmetrische Strukturen aufweisen, führt das zu klaren Zuordnungen und stabilen Vorgaben. Doch auch das kann nicht immer gut sein, da die Spielrealität nicht immer der theoretischen gleicht. Denn Spieler interpretieren ihre Rolle auf dem Feld unterschiedlich und bewegen sich eben abweichend von strategisch-taktischen Vorgaben intuitiv im Raum. Zudem werden die Staffelungen automatisch asymmetrisch, wenn zum Ball verschoben wird.

Die Asymmetrie an sich kann dazu auch bewusst genutzt werden um eigene Stärken und Schwächen des Gegners auszunutzen oder bestimmte Spielertypen einzubinden. Das ermöglicht dem einen Außenbahnspieler auf seiner Seite höher zu stehen, währenddessen sein Pendant auf der anderen Seite ins Zentrum einrückt um beispielsweise eine Zone zu überladen, zwangsläufig entsteht somit ein Freiraum, der bspw. für den nachrückenden Außenverteidiger gedacht ist, der dann durch einen langen Ball in einen Konter geschickt werden soll. 

Ihr seht also, dass Fußball weit aus mehr geworden ist als nur rennen, kratzen, beißen. Fußball ist faszinierend strategisch geworden. Lothar Matthäus hat in seiner Karriere viel Unsinn gesagt, aber mit seinem Zitat „Fußball ist wie Schach“ hat er gar nicht so Unrecht.

Ich dachte eigentlich, dass letzte Saison durch den Abstieg von Darmstadt 98 ein deutlicher Qualitätsanstieg auf dem Bundesliga-Rasen stattfinden würde. Doch irgendwie scheint der Virus des „Zerstören – langer Ball – Duell um den zweiten Ball -Torabschluss“ paralysierende Auswirkungen auf einen großen Teil der Bundesliga zu haben. Denn nicht nur in dieser Saison (aber hauptsächlich) werde ich beim Schauen eines Fußballspiels das Gefühl nicht los, dass – zugespitzt ausgedrückt – niemand so wirklich den Ball haben will. Aber noch viel schlimmer war es, als mich das Gefühl überkam, als wisse auch niemand so recht, was man mit dem Ball eigentlich anfangen soll. Diese Entwicklung macht mir schon leichte Sorgen und natürlich habe ich mir auch darüber für den Saisonrückblick meine Gedanken gemacht und bin zu der ein oder anderen These gelangt.

Ich behaupte: Wäre in den letzten Spielzeiten der Bundesliga wesentlich mehr Wert auf „Qualität im Spiel“ , „Qualität mit Ball“ und die offensive Idee vom Fußball gelegt worden, dann würden wir die Grundsatzdiskussion rund um 50+1 mit dem Argument „Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit“ gar nicht führen! 

Mein Eindruck ist, dass es in vielen deutschen Vereinen immer noch an professionellen Strukturen mangelt. Dass viel zu viele Vereine überhaupt nicht nachhaltig handeln, weil sie viel zu schnell in Panik geraten. Die Leidtragenden sind am Ende die Trainer. Auf dessen Position herrscht heutzutage eine immense Fluktuation. Hand aufs Herz: Wie soll denn auch jemals ein Trainer versuchen, in Ruhe eine Idee zu entwickeln, wenn er Angst haben muss, nach drei Niederlagen entlassen zu werden? Die Vereine trudeln teilweise identitätslos und ohne spielerischen „roten Faden“ durch die Saison und merken es offenbar gar nicht. Zumindest nicht, wenn es mal einigermaßen ruhig läuft.

Sobald jedoch Vereine in Abstiegsnot geraten oder ihre Ziele um Meilen verfehlen, müssen Trainer und Sportdirektor unmittelbar gehen. „Umbruch“ oder „Neustart“ nennt man das in Deutschland. Na dann mal Glückwunsch! Es gibt vermutlich kaum eine Nation, die so oft einen Neustart innerhalb der Vereine anstrebt wie Deutschland. Doch woher kommt das eigentlich? Woher kommt es, dass Vereine sich so, wie zum Beispiel Kaiserslautern, in den Abgrund schießen? Und da mir diese Fragen keine Ruhe ließen, möchte ich eine zweite These aufstellen:

Schneidet der deutsche Fußball vielleicht auch deshalb nicht so gut ab, weil ein Großteil der Fans (oder der Konsumenten, wenn man es  ganz nüchtern und emotionslos ausdrücken möchte) überhaupt nicht mehr versteht, was dort auf dem Rasen passiert? Und ist es vielleicht so, dass das stärkste Kontrollorgan – die Fans und Mitglieder eines Vereins – sich viel zu wenig über das unterhalten, was auf dem Feld geschieht? Dass sie Zusammenhänge im Fußball nicht mehr verstehen und somit ihrer Kontrollfunktion überhaupt nicht nachkommen können?

Zuallererst möchte ich keiner Einzelperson irgendeine Schuld zuweisen. Das wäre nicht nur überheblich, sondern auch unfair. Um aber zu erklären, wie ich zu dieser These kam, muss ich ein wenig zurückblicken. In der letzten Saison spielte Borussia Mönchengladbach in der Europa League gegen den AC Florenz. Ich saß in einem italienischen Restaurant und am Nebentisch saßen vier italienische Fußballfans, die über ein Smartphone Sky-Italia laufen hatten. Als ich in einem Augenblick überblickte, erschien auf dem Bildschirm Jan Henkel. Der ehemalige Sky-Reporter ist derzeit für Eurosport tätig und spricht fließend italienisch, weshalb er ins Studio von Sky-Italia zugeschaltet war. Als die Sequenz mit dem Deutschen vorbei war, brabbelten die vier wie wild durcheinander!

Ich lehnte mich rüber und erkundigte mich bei den Italienern, zu was Herr Henkel befragt worden ist. Einer der Florenz-Anhänger erklärte mir, das der Reporter Herrn Henkel gefragt habe, welchen taktischen Unterschied es machen würde, wenn Raffael statt Lars Stindl hinter dem Stoßstürmer spielen würde und umgekehrt. Ich war, um ehrlich zu sein, sprachlos und begeistert zugleich, weil mir klar wurde, dass diese Frage die italienischen Fans wirklich interessierte! Schockiert war ich eigentlich nur, weil ich mich an die letzte Pressekonferenz bei Hannover 96 erinnert fühlte, bei der ein Lokalreporter allen Ernstes die stupide Frage stelle, ob der Trainer seine Jungs nochmal richtig heiß gemacht habe.

„Der Unterschied des Interesses zwischen einem italienischem Fußballfan und einem deutschen Lokalreporter ist also so gigantisch?“ Dieser Gedanke schoss mir durch die Kopf, als ich zu erklären begann, dass man in Hannover besonders stolz darauf ist, dass ein so toller Typ wie Lars Stindl in der Europa League spielt. Im Anschluss löcherten mich die AC-Fans mit lauter Fragen über Lars Stindl und seine spielerischen Qualitäten. Es war nicht nur sehr angenehm, sondern gleichwohl interessant zu sehen, welchen Stellenwert der Fußball (und dessen tiefe Gier, ihn verstehen zu wollen!) in der italienischen Gesellschaft eingenommen hatte.

Vielleicht sollten wir in Deutschland damit auch langsam beginnen. Versuchen zu verstehen, was im Fußball abgeht, um die eigenen Vereine auch für das zu kritisieren, was auf dem Rasen geschieht. Sie an Nachhaltigkeit und zukunftstauglichen Konzepten zu messen und zu bewerten. Zu hinterfragen, was im Verein eigentlich los ist. Warum der Verein keine hohen Transfererlöse erwirtschaftet? Warum die Nachwuchsarbeit vernachlässigt wird? Weshalb wieder Anteile veräußert werden müssen? Und, ob die Lösung langfristigen Erfolgs wirklich darin liegt, die 50+1 Regel abzuschaffen, nur weil man sich einen Geldregen erhofft. Denn nur weil eventuell mehr Kapital zur Verfügung steht, wird dadurch der Fußball nicht besser! Und wisst ihr warum? Weil die handelnden Personen den Fußball nicht verstehen!

Liebe Leser, ihr habt’s geschafft. Danke für die Zeit, die Ihr euch genommen habt, um meine Saisonanalyse zu lesen. Entschuldigt, dass ich mich nicht kürzer gefasst habe. Und denkt dran: Verstehen wollen, was abgeht! Das sollte der Antrieb eines jeden Fußballfans sein. Euer Tim Block.

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