Über Robert Enke, einen 96-Transfer zum FC Barcelona und Tradition als Chance

Ronald Reng: "Die Zeit heilt, sagt man."

Mit Robert Enke verband Per Mertesacker eine tiefe Freundschaft. Mertesacker schreibt in einem Blogeintrag: "Er schenkte mir sein Vertrauen." Foto: Getty Images

Ein Traditionsclub, der seinen Trainer ins Gefängnis schickt. Der gnadenlose Konkurrenzkampf unter Profispielern, der ungewöhnliche Freundschaften entstehen lässt. Die Kommerzialisierung des Sports, die jeden Fußballfan verzweifeln lässt. Um all das geht es in diesem Interview. Es geht aber auch und vor allem um Robert Enke: Um die Freundschaft zu seinem schärfsten Konkurrenten, um seine genetische Veranlagung für Depressionen und um Enkes Torwart-Erfindung, die jeder deutsche Bundesliga-Torwart heutzutage nutzt.

Das Interview mit dem bekanntesten deutschen Sportjournalisten Ronald Reng („Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“), geführt von 96Freunde-Gründer Dennis Draber, ist mehr als lesenswert – bis zur letzten Frage.

Ronald Reng ist der bekannteste deutsche Sportjournalist und -buchautor. Für seine Biografie Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben erhielt er in London die Auszeichnung William Hill Sports Book of the Year, die als bedeutendster Sportbuchpreis der Welt gilt. Mroskos Talente wurde als Fußballbuch des Jahres prämiert. Foto: Deutsche Akademie für Fußball-Kultur

Dennis Draber: Der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger hat bei Robert Enkes Trauerfeier gesagt: „Fußball ist nicht alles. Denkt nicht nur an den Schein, denkt auch an das, was im Menschen ist, an Zweifeln und an Schwächen.“ Acht Jahre später diskutieren wir über systematisches Mobbing bei DFB-Schiedsrichtern. Hat sich wirklich etwas in der Fußball-Welt seit Robert Enkes Tod zum Besseren geändert?

Ronald Reng: Theo Zwanzigers Satz stammt – und ich meine das überhaupt nicht abwertend – aus einer Sonntagsrede. Der Sinn von solchen Trauerreden ist es zu trösten, und ich denke, viele Menschen fanden damals auch Trost in Zwanzigers Gedanken, dass wir menschlich miteinander umgehen sollten. Aber dass als Reaktion auf Roberts Tod alles Schlechte aus dem System Profifußball verschwindet – das konnte nie der realistische Anspruch sein. Und es ist wichtig festzuhalten, dass Robert auch nicht am Fußball erkrankte; er litt nicht an irgendwelchen negativen Erfahrungen wie Mobbing. Er starb an Depressionen.

Viele Indizien sprechen dafür, dass er genetisch anfällig für die Krankheit war, und also auch in einem anderen Beruf krank geworden wäre, als Lehrer, Comedian oder Sportreporter. Wenn wir uns also fragen, ist etwas im Profifußball besser geworden nach Roberts Tod, dann sollte die Frage darauf zielen: Ist der Umgang und die medizinische Versorgung bei Depressionen besser geworden? Und hier, denke ich, muss die Antwort Ja lauten. Es gibt mittlerweile ein Netz von Sportpsychiatern in Deutschland, es gibt Beratungshotlines, eine Depressions-App der Robert-Enke-Stiftung. Ich selbst halte gemeinsam mit Martin Amedick – einem ehemaligen Profi, der einmal unter Depressionen litt – Aufklärungsvorträge in Profivereinen.

Wie viel Freundschaft, Offenheit und Toleranz lässt der Profifußball überhaupt zu? Robert Enke und René Adler, die damals um den Stammplatz im Tor der Nationalmannschaft stritten, wurden in den Medien als erbitterte Konkurrenten dargestellt – in Wahrheit pflegten sie einen freundschaftlichen Umgang. Eine Ausnahme?

So ein offenes Verhältnis, wie es Robert und René am Ende – aber auch erst am Ende – hatten, ist unter direkten Konkurrenten wohl wirklich selten. Der Konkurrenzkampf wird immer als Barriere zwischen einzelnen Spielern stehen, und der eine oder andere wird dabei auch fies, wenn ich daran denke, wie Timo Werner in seiner Zeit in Stuttgart von einem Mitspieler behandelt wurde.

Aber grundsätzlich ist der Umgang unter Profis heute sehr kollegial. Marius Wolf zum Beispiel, der nur ein eher unglückliches Jahr bei Hannover 96 spielte, verbrachte unlängst, als er mit Eintracht Frankfurt zurückkehrte, nach dem Spiel eine Ewigkeit bei seinen alten Kollegen in der Umkleidekabine der 96er. Diese neue Kollegialität liegt auch daran, dass das globale, schnelllebige System Profifußball die Spieler heute ständig zu Vereinswechseln zwingt: Wie kann man als Hannover-Profi Spieler von Eintracht Braunschweig noch als Feinde betrachten, wenn man nächstes Jahr vielleicht schon gemeinsam für Bremen oder Paderborn spielt?

Viele Menschen dachten, dass zwischen Robert Enke und René Adler ein unerbittlicher Konkurrenzkampf um den Platz im Tor der deutschen Nationalmannschaft herrschte. Kaum einer wusste: Die beiden Torhüter waren Freunde. Foto: Getty Images

In Deinem jüngsten Buch Mroskos Talente – Das erstaunliche Leben eines Bundesligascouts geht es um den Talentscout Lars Mrosko, der ein nostalgischer Fußballliebhaber ist. Wie passen Nostalgie und Tradition in eine Fußballwelt, in der arabische Scheichs Ablösesummen von 222 Millionen Euro für einen einzigen Spieler bewilligen?

Der Profisport lebte schon immer in diesem Widerspruch: Einerseits ist es ein schnödes Geschäft, andererseits leben hier viele Menschen romantische Gefühle wie Liebe und Treue aus.

Die Menschen gehen aus ganz unterschiedlichen Gründen zum Fußball: Manche möchten das Spiel einfach nur spielen, manche möchten damit reich oder berühmt werden. Manche möchten im Stadion ihre Liebe zeigen, manche ihre Wut los werden, manche singen, andere sich einmal die Woche als Sieger fühlen. Bislang hat das Spiel das auch ausgehalten, dass alle etwas anderes in ihm suchen.

Um es noch etwas provokanter zu formulieren – erleben wir gerade den schleichenden Abgesang auf den Fußball als faszinierende Volkssportart für jedermann? Millionengehälter, Steuerskandale um Stars wie Messi und Ronaldo, ausländische Investoren, Zerstückelung der Spieltage in der Bundesliga sowie TV-Verträge, bei denen der Fan das Nachsehen hat – entfremdet sich der Fußball von seinen Wurzeln?

Aus deutscher Sicht ist das Gefühl nachvollziehbar, der Fußballmarkt sei gesättigt und zerstöre langsam, ohne es zu merken, durch ein Überangebot und eine Überkommerzialisierung seine Basis: das Interesse der Fans. Aus internationaler Sicht allerdings steht der Fußball gerade vor einem großen Wachstumssprung: Er erschließt Länder wie die USA oder China.

Robert Enke lebte in Spanien und Portugal, spielte hier unter anderem für den FC Barcelona. Foto: Getty Images

Wann – und ob – eine kritische Masse der Zuschauer irgendwann schreit: „Stopp! Das ist nicht mehr mein Spiel, ich gehe nicht mehr hin!“, ist eine spannende Frage. Ich finde, alteingesessene Klubs, die finanziell nicht mehr mit den neureichen Scheich-Klubs mithalten können, müssten viel mehr ihr Anderssein, ihre Tradition als Chance sehen:

So wie Athletic Bilbao. Das ist ein Klub, der seit einem Jahrhundert unverändert nur mit Spielern aus der Region antritt, der aber auch den Trainer zu Leseabenden ins Gefängnis schickt, der beim Abschiedsspiel für den legendären Flügelstürmer Exteberria eine Elf aus hundert Kindern gegen die Profis antreten lässt, der also sehr originelle Ideen hat, um sich in seiner Gegend zu verwurzeln. Und was ist das Ergebnis? Athletic spielt seit Jahren in Spanien meistens oben mit (diese Saison leider nicht), und die Eintrittskarten sind begehrt wie Gold, weil die Menschen spüren: Das ist mein Klub, dieser Klub ist besonders, deshalb möchte ich Teil davon sein.

Warum ist dein Buch Mroskos Talente auch für 96-Fans lesenswert?

Na ja, ich würde mal davon ausgehen, dass sich einige 96-Fans nicht nur für Philipp Tschauner und Oli Sorg interessieren, sondern auch für den Fußball an sich. Ich schrieb das Buch in der Hoffnung, einen lebendigen Einblick in den Betrieb Profifußball zu geben.

Für die Nur-96-Fans ist aber auch etwas dabei: Man erfährt etwa, wie sich Mirko Slomka mit den Jahren – tja, wie soll ich sagen: entwickelte. Oder wie Sportdirektor Schmadtke und Scout Schatzschneider in ihrer gemeinsamen Zeit bei 96 über Transfers diskutierten.

Robert Enke bedankt sich bei den Fans nach seinem letzten Spiel in der hannoverschen Arena beim 2:2 gegen den Hamburger SV, drei Tage vor seinem Tod. Foto: Getty Images

Apropos Scouting – welches Bundesliga-Talent könnte ein kommender Star werden? Und gibt es auch bei Hannover 96 einen Spieler, den Lars Mrosko einem FC Barcelona empfehlen würde?

Florian Neuhaus hat viel, finde ich, der 20-jährige von Mönchengladbach, der derzeit an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen ist. Aber Prognosen sind in dem Alter immer äußerst gewagt: Vom großen 1996er-Jahrgang von Hannover 96 mit Noah Sarenren-Baaze, Tim Dierßen, Valmir Sulejmani und Kevin Wolf schaffte letztlich auch nur Waldemar Anton den Durchbruch im Profispiel.

Was meinen Buchhelden Lars Mrosko betrifft, so empfiehlt er nicht Spieler aus Hannover, sondern neuerdings an Hannover 96: Er arbeitet nun für das Nachwuchsleistungszentrum von 96 als Scout im Großraum Berlin. Aber ich kann ihn ja mal kurz anrufen, wen er von Hannovers Profis gut findet – kleiner Moment …

So, da bin ich wieder. Also, Lars sagt: „Ich würde doch jetzt keinen von 96 wegloben, es läuft doch gut! Eher hole ich noch einen von Barcelona.“ Ob er da an Messi oder Iniesta dachte, sagte er mir allerdings nicht.

Video (oben): Robert Enkes großartige Dreifach-Parade, die als einer der besten Szenen seiner Karriere gilt.

Das Torwartspiel wird Jahr für Jahr feiner. Wie Du in Deinem Buch beschrieben hast, hat Robert Enke akribisch daran gearbeitet, sein Torwartspiel zu verbessern. In Eins-zu-Eins-Situationen war er deshalb stark, weil er ein Knie nach innen beugte, so dass Stürmer ihn nicht mehr tunneln konnten. Hatte Robert Enke noch an weiteren Details des Torwartspiels gefeilt?

Robert war ein Torwart-Bastler, er schraubte immer mal wieder an seinem Spiel herum. So brachte er sich mit 26 noch den sogenannten „argentinischen Abschlag“ bei, bei dem der Torwart den Ball seitlich, auf Hüfthöhe trifft, oft mit Außenrist, um ihm einen besonderen Drall zu gehen.

Oder, noch kurz vor seinem Tod, stellte er sein Stellungsspiel bei seitlichen Flanken um: Er positionierte sich zwei Schritte weiter zur Mitte des Tors, weg vom vorderen Pfosten. Aber als sein Markenzeichen bleibt: das nach innen gebeugte Knie in Situationen alleine vor dem Stürmer. Heute machen das sehr viele Torhüter, und sie wissen gar nicht: Das ist das Enke-Knie.

Mit seinem Können wurde Robert Enke Nummer 1 in der deutschen Nationalmannschaft – hier auf dem Gruppenfoto mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Miro Klose und Lukas Podolski. Foto: Getty Images

Ich habe auch diesen November Deine Biografie über Robert Enke aus dem Regal geholt. Es gibt Passagen, bei denen ich Gänsehaut bekomme. Etwa wenn ich lese, wie gut Robert Enke selbst vor Torwarttrainer Jörg Sievers seine Depression verborgen gehalten hat. Kapitel wie diese sind großartige schriftstellerische Arbeit. Was ist das für ein Gefühl für Dich als Schriftsteller – kann man überhaupt Freude darüber empfinden, wenn Dir jemand sagt, dass Du den Leidensweg eines Freundes gut beschrieben hast?

Als das Buch vor sieben Jahren erschien, war ich in der Tat allenfalls erleichtert über Lob; erleichtert, dass es offenbar kein missratenes Buch war. Die Zeit heilt, sagt man, und die Zeit hat auch mich entspannt: Heute freue ich mich leise, dass vielen Menschen das Buch etwas bedeutet. Auch wenn ich liebend gerne das Ende ändern würde.

Vielen Dank, Ronald, für die spannenden Einblicke! 

Die Robert-Enke-Stiftung unterstützt Projekte, Maßnahmen und Einrichtungen, die über Herzkrankheiten von Kindern sowie Depressionskrankheiten aufklären und deren Behandlung dienen. Spendenkonto Stadtsparkasse Barsinghausen: Kontonummer: 147 751. BLZ: 251 512 70. Stadtsparkasse Barsinghausen.

Per Mertesacker über Robert Enke: „Er ermunterte mich, ich würde meinen Weg gehen, er wies mich auf meine Qualitäten hin – die man als unsicherer 19-Jähriger ja manchmal selbst nicht mehr sieht.“ Per Mertesacker unterstützt die Arbeit der Robert-Enke-Stiftung. Foto: Getty Images

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