Über Hass, Zensur und Versöhnung – Anca und Ossy sprechen über die Schattenseiten ihres Künstlerlebens

Anca und Ossy im Interview: "Man wusste nicht, was man am nächsten Tag essen sollte"

Anca und Ossy - hier mit Teresa Enke in der Mitte - sind die beiden Stadionsänger von Hannover 96. Sie singen live vor jedem Heimspiel in der Nordkurve die Hymne "96 - Alte Liebe".

Nicht nur Spaß und Anerkennung, sondern auch Beleidigungen, Zensur und Hass gehören zum Künstlerleben von Anca und Ossy dazu. Im letzten Teil unseres Interview sprechen wir mit den Stadionsängern Anca und Ossy über die Schattenseiten ihres Berufs. Wir haben uns mit den beiden in Ancas Studio Frida Park in Hannover Oststadt getroffen.

In Teil 1 (hier nachlesen) sprachen die beiden über die Entstehungsgeschichte der 96-Hymne und über ihren Kompagnon Dete Kuhlmann. In Teil 2 (hier nachlesen) ging es um Gänsehaut-Erlebnisse in Sevilla. Lest hier den dritten und letzten Teil des Interviews.

Die Art und Weise des Umgangs miteinander lässt auch manchmal in Hannover zu wünschen übrig – trotz allem Lokalpatriotismus. Oder wie nehmt ihr beide das wahr, Anca und Ossy?

Ossy:
Das ist das, was mich richtig ankotzt, da wird mir richtig schlecht. Der Leitspruch von Hannover 96 ist: „Niemals Allein!“ Wofür steht das eigentlich? Das steht für: Alle gemeinsam, zusammen. Gemeinschaft. Für Anca und mich ist das eine Lebenseinstellung. Man hilft sich gegenseitig, man scheißt auch keinen an.

Wie zum Teil mit uns – aber vor allem mit Anca als Frau – umgegangen wird, ist absolut unter der Gürtellinie! Da ging es dann um solche Social Media Kommentare wie „Sie singt wie ein fickender Frosch“. Das ist aber noch eins der Harmlosesten. Und das alles findet in großen 96-Gruppen statt, die von sich behaupten, das Nonplusultra zu sein – im wahrsten Sinne des Wortes. Da wird Gemeinschaft nach außen hin kommuniziert, aber genau das Gegenteil findet statt! Es geht nicht nur um Anca, da werden generell Leute niedergemacht – auf beschämende Art und Weise – und da denkt man sich: „Alter, was denkt ihr euch denn? Das ist ein Mensch auf der anderen Seite!“

Anca:
Am Anfang habe ich echt gesagt, ich mache das nicht mehr mit. Das schadet mir mehr als alles andere, das verletzt meine Seele und tut mir weh. Ossy musste mich wirklich bitten, dass ich weitermache. Das Problem in den Netzwerken ist, die Leute werden mit Aufmerksamkeit belohnt, wenn sie frech sind. Wenn einer sagt, „sie singt wie ein Fickfrosch“, dann stimmen viele andere direkt ein. Und das steigert sich immer weiter, das ist wie eine Spirale, einer befeuert den anderen.

Ossy:
Ich hab tatsächlich die übelsten Kommentare einfach mal für mich gesammelt und Screenshots davon gemacht. Vielleicht veröffentliche ich das irgendwann mal. Das ist schon hart.
Ich wurde auch lange Zeit mal als „der schwule griechische Freund von Dete“ bezeichnet. Das ist ja irgendwo noch ein bisschen lustig, aber es gab wirklich auch Sachen – und da hört es für mich auf, wenn es gegen Anca geht – da dachte ich mir nur: Alter, hast du sie noch alle?! Ich habe immer höflich auf die Kommentare geantwortet – ich habe auch meine Reaktionen abgespeichert.

Ich habe öfters auch gesagt: „Vielen Dank für die konstruktive Kritik. Im Übrigen: Ihr seid jederzeit bei uns zu Kaffee und Kuchen eingeladen.“ Und es sind tatsächlich zwei bei uns zu Hause vorbei gekommen. Zwei von den richtigen Hatern. Und nach wenigen Minuten hieß es dann von denen: „Achso, ja ihr seid ja eigentlich doch ganz nett.“ Ja bitte, was haben die Leute denn für ein Bild? Aus welchem Grund hasst ihr uns, was haben wir euch denn getan?

Anca:
Meine Diagnose: Denen fehlt einfach Liebe – es kümmert sich anscheinend keiner.

Der Hass wirkt erst recht sinnlos, weil es uns in Hannover vergleichsweise gut geht. Zwar gibt es auch in unserer Stadt Ausnahmen, die man nicht verschweigen sollte – aber der Großteil darf sich nicht beklagen. Ihr habt am eigenen Leib erfahren, wie es anders sein kann. Mögt ihr da noch etwas erzählen?

Anca:
Ich komme aus Rumänien – da könnt ihr euch vorstellen, wie es unter dem Diktator Nicolae Ceausescu, also unter Kommunismus und Verfolgung, war. Gerade als Musikerin hatte man mit etlichen Zensuren zu kämpfen. Um den damaligen Irrsinn an ein paar Kleinigkeiten zu verdeutlichen: Man durfte nicht das Wort „Schwarz“ in einem Lied verwenden. Wir als weibliche Musikerinnen standen unter genauester staatlicher Beobachtung, mussten uns genau überlegen, was wir als Band anziehen dürfen. Im Fernsehen wurden wir rausgeschmissen, weil wir eine Frauenband waren und keine BHs anhatten – lauter solcher Sachen.

Auch mit dem Essen gab es Probleme. Man hat nicht immer Fleisch, Zucker oder Mehl gefunden. Man wusste nicht, was man am nächsten Tag essen sollte.

Ich kam dann hier nach Deutschland, obwohl ich es in Rumänien mit meiner Band recht weit geschafft hatte, und musste wieder von vorne anfangen. Da haben wir auch knapp ein Jahr lang nicht wirklich was zu Essen gehabt – keiner von uns wusste damals, dass wir Hilfe hätten bekommen können. In dieser Zeit habe ich mir immer gesagt: Egal was passiert, ich bleibe Musikerin. Dafür schlafe ich auch unter der Brücke. Da haben mir alle gesagt, dass ich verrückt bin. Deutschland sei schließlich nicht Rumänien…. Und heute treffe ich Leute, die mir damals vom Musikerleben abgeraten haben und die jetzt ihren Hut ziehen und sagen: „Chapeau“.

Daher mein Motto: Wenn man etwas will, dann schafft man es auch!

96-Fans und Rockmusiker. Ancas 96-Gitarre ist eine Sonderanfertigung vom hannoverschen Hersteller Duesenberg. Stars wie Bob Dylan und Bon Jovi spielen mit Duesenberg-Gitarren.

Ossy:
Bei mir ist es ähnlich, allerdings nicht aufgrund des Kommunismus. Ich bin im Krieg geboren, in Beirut im Libanon. Ich stamme aus einer christlichen Familie, weswegen meine Familie damals schon aus Ägypten in den Libanon geflohen war. Lange Zeit lebten dort ja Christen und Muslime friedlich auf einem Raum, doch irgendwann ist das System einem um die Ohren geflogen und es gab Bürgerkrieg. Dann sind wir 1976 geflohen. Mit einem Koffer, meine Mutter hochschwanger – wirklich das komplette Programm. Und wir wurden hier wirklich super aufgenommen!

Ich kenne also dieses Gefühl der „Vertreibung“. Wir hatten es zwar einfacher, weil meine Großeltern in Deutschland lebten, mein Vater Deutscher ist, aber dennoch kennt man das Gefühl, nicht gewollt zu sein – und auch zu wissen, dass man nicht mehr in die Heimat zurückkehren kann, weil da rumgeballert wird.

Da hat auch der Verein Hannover 96 ein paar echt geile Aktionen gemacht. Es gab beispielsweise öfters Spiele, bei denen Flüchtlinge kostenlos ins Stadion durften. Damals hat meine Mutter mitgeholfen, da sie fließend arabisch spricht. Anca hat auch mitgeholfen. Da gab es so ein schönes „Niemals Allein-Feeling“. Da hat man echt gemerkt, dass Fußball verbindet. Man muss sich einfach mal ein bisschen zurücklehnen und sich besinnen. Ich sitze an einer warmen Heizung, ich drücke auf einen Knopf und dann kommt Kaffee – das ist doch alles schön und Luxus.

Anca:
Ich freue mich, dass ich das kennengelernt habe, denn jetzt kann ich das hier alles schätzen.

Ihr habt vor knapp einem Jahr mit eurer Band das erste Album veröffentlicht. Wie sehen da eure Zukunftspläne aus, Anca und Ossy?

Ossy:
Die Band Ignore the Sign gibt es eigentlich schon seit 2011/12. Anfangs war es ein Soloprojekt von mir (Osssy), trotzdem mit gleicher Besetzung wie die heutige Band.

Irgendwann habe ich mich aber mit dem Einzelnamen nicht mehr wohlgefühlt und wir haben einen Bandnamen gesucht – wir sind schließlich Teamplayer. Anca kam dann auf die Idee, dass wir uns einfach bei uns selbst bedienen können. Wir hatten einen Song mit dem Titel „Ignore the Sign“ – und dann haben wir die Band einfach umbenannt. Also offiziell war das Album letztes Jahr das Debütalbum, es gibt aber schon zwei Alben davor.

Und Pläne gibt es keine konkreten. Wir wissen, dass Rock/Hardrock eine schmale Nische ist und wir hoffen natürlich, dass wir weiterhin Alben machen, aber unter dem Strich sind wir aktuell super zufrieden. Das wissen die wenigstens, aber auch international läuft es geht: Wir laufen in Amerika, Japan… wer sich wirklich für uns interessiert, der soll einfach mal unsere Namen googlen, da kommen weltweit so einige Ergebnisse.

Wie beurteilt ihr die jetzige Situation im Verein?

Ossy:
Sehr kompliziert. Wir beide befinden uns ja hauptsächlich auf der Gefühlsebenen. Wir sind Künstler und wir sind dafür da, den Song so zu performen, dass wir einen geilen Anstoß hinbekommen. Es schmerzt dann natürlich immer mehr, wenn man verliert, verliert und verliert. Weil das Publikum dann auf nichts mehr reagiert.

Ich kann es dann einfach nicht verstehen, dass dann stellenweise der Support eingestellt wird – egal aus welchen Gründen. Es gibt einen guten Vergleich: Wenn wir spielen würden – also beispielsweise im ausverkauften Capitol – und jedes Mal wären ein paar Dutzend Leute dabei, die Plakate hochhalten würden auf denen stehen würde „Ossy du Sohn einer Hure“… das würde ich mir genau einmal anschauen. Dann würde ich vorne Bescheid sagen und die rauswerfen lassen. Der kommt schließlich zum Konzert und bremst das dann aus – das geht nicht. Das kann er mir meinetwegen nach dem Konzert selbst ins Gesicht sagen, irgendwo privat, aber nicht während des Konzerts, da hat das nichts zu suchen.

Anca:
Und wenn keiner klatscht, dann kannst du auch keine Power geben. Das ist für die Spieler genau das gleiche.

Ossy:
Dann heißt es immer, die verdienen ja genug Geld… Nein! Das interessiert in dem Moment nicht, was ich für eine Gage bekomme. Das ist diese Gefühlsebene, die viele eben nicht verstehen. In dem Moment bist du ein Mensch wie jeder andere.

Angenommen, wir stehen nächstes Jahr wieder kurz vor Aufstieg – Platz 3 in der Liga, Relegation, gleich findet das alles entscheidende Rückspiel bei uns im Niedersachsenstadion statt. Und jetzt wird euch beiden gesagt, ihr geht vor dem Spiel in die Kabine und müsst die Ansprache vor den Spielern halten. Was gebt ihr denen mit auf den Weg?

Ossy:
Puh, das ist ’ne harte Aufgabe! Ich würde gar nicht auf das sportliche eingehen und auch keinen Druck aufbauen. Man muss auch nicht nochmal erwähnen, um was es alles geht – das weiß jeder Einzelne. Ich würde einfach versuchen, alle Protagonisten irgendwie in den Arm zu nehmen, alle fassen sich an die Hände und jeder schaut sich gegenseitig in die Augen. Einfach versuchen Kraft mitzugeben. Einfach ein gutes Gefühl erzeugen. Positiv denken und das Gruppengefühl stärken.

Anca:
Genau sowas machen wir auch immer vor unseren Konzert. Das gibt Power!

Vielen Dank für dieses ehrliche Interview, Anca und Ossy. Bis bald im Stadion!

96Freunde-Autor Henrik Zinn (r.) und 96Freunde-Leiter Dennis Draber (l.) haben sich mit den beiden Musikern Anca und Ossy in Ancas Frida Park Studio in Hannover Oststadt getroffen – herausgekommen ist eine dreiteilige Interview-Serie über Liebe, Hass, Jubel, Abschied und Versöhnung.

Zum Weiterlesen:

Teil 1 (hier nachlesen): „Mit Dete fehlt ein Teil meiner Geschichte: Über die Geburt der 96-Hymne und das Ende einer Ära“

Teil 2 (hier nachlesen): „Gänsehaut, als wir im Flieger nach Sevilla die 96-Hymne gesungen haben“

 

 

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