Europaheld, Derbyheld, Aufstiegsheld, Kapitän: Tschüs, Schmiede!

Schmiedebach verlässt Hannover 96 endgültig

Manuel Schmiedebach sammelte mit einer emotionalen Ansprache viele Pluspunkte bei den Fans von Hannover 96. Seit 2008 war er bei Hannover 96 und erlebte seitdem alles mit - den Selbstmord von Robert Enke, die Europa League-Zeit mit Sevilla und Kopenhagen, den Derbysieg und den Wiederaufstieg 2017. Foto: Getty Images

Bei der Aufstiegsparty am hannoverschen Rathaus vor genau zwei Jahren hatte ein Spieler die Herzen der Fans erobert, der zuvor allenfalls geachtet und respektiert, aber nicht geliebt wurde: Manuel Schmiedebach. Nun verlässt der treueste Profi von Hannover 96 den Verein endgültig, nachdem er von André Breitenreiter vor einem Jahr aussortiert wurde: Der an Union Berlin ausgeliehene Schmiedebach steigt in die erste Liga auf, es greift eine Kaufoption.

Im Stadion wurden in den vergangenen Jahren oftmals Salif Sané, Ihlas Bebou oder (etwas länger her) Didier Ya Konan mit eigenen Fanliedern und Sprechchören von den Anhängern gefeiert, aber nicht Manuel Schmiedebach. „Schmiede“ ist abseits des Platzes eher ein leiser Typ – es sei denn, es gibt etwas zu feiern. Auf dem Rathausbalkon bei der 96-Aufstiegsfeier vor zwei Jahren lernten die Fans ihren damaligen Kapitän nämlich von einer anderen Seite kennen: Schmiedebach machte Stimmung mit den Fans. Ob er ein paar Bier zuvor auf dem Balkon getrunken hatte, ist zwar nicht überliefert, jedoch war der Kapitän in überschwänglicher Stimmung. Mehrfach stimmte er mit den begeisterten Fans ein „Scheiß Peine-Ost“ an oder forderte sie auf, mit ihm „Humba Humba Humba Täterä!“ zu singen.

Trotz dieser ausgelassenen Stimmung platzierte Schmiedebach in seiner Ansprache aber auch ein paar vereinspolitische Themen: Er machte auf ironische Weise über die hohen DFB-Strafen gegen Hannover 96 wegen Pyrotechnik aufmerksam: „Damit könnten wir einen guten neuen Spieler verpflichten, aber wir zahlen halt lieber für Pyro.“ Er bedankte sich ehrlich und aufrichtig beim ehemaligen Coach Daniel Stendel und dessen Trainerteam und würdigte seinen Verdienst für den Aufstieg: „Nächstes Thema: Daniel Stendel. Wir haben 46 Punkte mit ihm zusammen geholt. Man muss es honorieren! Wir haben Punkte mit denen zusammengeholt, die uns heute das ermöglicht haben, was wir jetzt haben. Wir sind aufgestiegen, mit jedem einzelnen der Personen, die davor tätig waren – und diese Personen möchte ich honorieren.“

Und Schmiedebach machte damals eine Liebeserklärung an die Stadt Hannover und seine Fans: „Die ganze Stadt hat hinter uns gestanden. Die ganze Stadt war euphorisiert. Die ganze Stadt hat gesagt: Wir kommen in die erste Liga!“ Als die Fans laute „Schmie-de-bach!“-Rufe anstimmen, ist er sprachlos: „Ich weiß gar nicht mehr, was ich zu euch sagen soll!“

Seit 2008 war Schmiedebach bei Hannover 96 unter Vertrag. Obwohl Schmiedebach erst 30 Jahre alt ist, hat er so ziemlich alles bei Hannover miterlebt, was das Fan-Gedächtnis jüngerer 96-Fans geprägt hat:

2009: Den Selbstmord von Robert Enke.

2010: Die wundersame Last-Minute-Rettung unter Mirko Slomka in Bochum.

2011: Den vierten Platz in der Bundesliga.

2011/12: Siege gegen Sevilla, Kopenhagen, Brügge und Lüttich.

2012: Das Europa League-Viertelfinale gegen Atlético Madrid.

2012: Die neuerliche Qualifikation für die Europa League.

2013: Das bittere Zerbrechen der Erfolgsmannschaft mit Abschieden von Schmadtke und Slomka.

2014: Ein Jahr der Stagnation.

2015: Die Rettung am letzten Spieltag zu Hause gegen Freiburg unter Michael Frontzeck.

2016: Den Abstieg mit Anlauf und der Wiederaufbau unter Daniel Stendel,

2017:  Der Derbysieg unter André Breitenreiter und der direkte Wiederaufstieg.

Wow! Wo gibt es das heutzutage noch, dass ein Spieler so viele prägende Jahre bei einem einzigen Klub auf dem Platz miterlebt?

Auch abseits des Platzes ist Schmiedebach ein bodenständiger, sympathischer Mensch. Er gibt trotz Millionengehalt seine Pfandflaschen persönlich im Supermarkt zurück und fährt lieber Bahn statt Porsche. Mit seiner Bescheidenheit ist er eine Ausnahmeerscheinung in der Bundesliga. Seine familiären Wurzeln in Venezuela haben ihn geprägt – Schmiedebach weiß, was es heißt, ums Überleben kämpfen zu müssen. 

Dass der gebürtige Berliner auch Humor hat, bewies „Schmiede“ mehrfach. Drei Beispiele zum Schmunzeln:

Das Magazin 11Freunde wollte von ihm wissen, ob es nicht außergewöhnlich ist, dass er kein dickes Auto fährt. Schmiedebachs freche Antwort: „Wieso? Marco Reus fährt doch auch mit der Bahn!“ 

Vor dem Auswärtsspiel gegen St. Pauli war Schmiedebach als Kapitän zur Seitenwahl bei Schiri Felix Zwayer. Auf die Frage, welche Seite der gelb-blauen Münze er denn gerne hätte, antwortete er trocken: „Beides scheiße.“ Physiotherapeut Ralf Blume hat diese lustige Szene als Video festgehalten:

Und, ganz aktuell: Bei der Aufstiegsparty von Union Berlin versuchte Schmiedebach den Trainer Tim Walter anzurufen – live auf der Stadionbühne. Der ehemalige Coach von Holstein Kiel hatte zuvor gegen Union Berlin gelästert: „Wir müssen uns dran gewöhnen, dass wir gegen solche Truppen, die nicht am Fußball spielen interessiert sind, besser spielen.“ Walter ging zwar nicht an sein Handy, aber Schmiedebach hinterließ ihm eine lustige Nachricht auf dessen Mailbox: „Hier sind die, die nicht Fußball spielen können, aber trotzdem aufgestiegen sind.“ Die Fans feierten ihn für diese lustige Aktion.

Jetzt müssen wir uns daran gewöhnen, dass Schmiedebach, nach zehn Jahren im 96-Trikot, zukünftig erste Liga spielt, während sich Hannover in der zweiten Liga durchschlagen muss.

Europaheld, Aufstiegsheld, Kapitän: Danke für alles, Schmiede! 

 

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