„Was die Kollegen spürten, war eine ungewöhnliche Natürlichkeit, die Robert Enke wie eine Aura umgab“

Das Mannschaftsfoto 2004/05 unter Trainer Ewald Lienen. Robert Enke entschied, dass nicht er selbst, sondern der junge Daniel Haas in der Mitte sitzen sollte.
Die Biografie gibt es auch als E-Book unter: www.piper.de/buecher/robert-enke

Neuanfang bei Hannover 96: Beim FC Barcelona wird Robert Enke von Trainer Louis van Gaal vorgeführt. Van Gaal gibt ihm das Gefühl, nichts mehr wert zu sein, schließlich wird Robert Enke von Barcelona eiskalt abgeschoben. Er wechselt zu Fenerbahce Istanbul, doch dort fliegen ihm Münzen, Feuerzeuge, Flaschen um die Ohren – geworfen von den eigenen Fans im eigenen Stadion. Der verzweifelte Robert Enke lässt seinen Vertrag auflösen und versinkt in einem tiefen Loch. 

Er wusste, dass er krank war. Doktor Geldschläger hatte es ihm erklärt. Es hatte nichts damit zu tun, dass er sich gehen ließ, dass er sich mal zusammenreißen musste. Sein Gehirn war derzeit nicht mehr in der Lage, Stress ausreichend zu verarbeiten, in sein Nervensystem drangen nur noch negative Reize vor, Angst, Wut, Verzweiflung. Wenn Mediziner seinen Kopf aufschnitten, würden sie feststellen, dass unter anderem der präfrontale Cortex unteraktiv war, in dem, vereinfacht gesagt, der menschliche Antrieb entsteht, deshalb fühlte er sich so schlaff, und so gab es für jede Facette seines ihm selbst unerklärlichen Verhaltens eine medizinische Erklärung.

Robert und Teresa Enke verheimlichen die Erkrankung. Im Profifußball durfte niemand von dieser Krankheit erfahren. Nach einer Leihe bei CD Teneriffa kommt Robert Enke zur Ruhe und erholt sich. Kurze Zeit später holt ihn 96-Trainer Ewald Lienen im Sommer 2004 nach Hannover.

Wenn er an die Depression dachte, war er in der Lage, aus der eigenen Haut zu schlüpfen und mit Abstand und Selbstironie auf den »Robbi mit dem kaputten Kopp« zurückzublicken, wie er den Menschen, der nicht er war, nannte. »Teneriffa war mein Kururlaub«, sagte er. »Aber ich weiß, es hätte auch ganz anders laufen können. Ich war weg vom Fenster. Außer Lienen wäre wohl niemand mehr auf die Idee gekommen, mich noch einmal in die Bundesliga zu holen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.«

Was die neuen Kollegen spürten, ohne es in Worte fassen zu können, war eine ungewöhnliche Natürlichkeit, die ihn wie eine Aura umgab, diese Selbstverständlichkeit, den Beruf ohne Selbst­inszenierung und Ellenbogen auszuüben. Das obligatorische Mannschaftsfoto zu Saisonbeginn wurde geschossen, in der Mitte der ersten Reihe sitzt immer der Torwart, umgeben von seinen zwei Ersatzmännern, es ist ein Machtritual, der König auf dem Thron, die Untertanen zu den Seiten. Robert Enke und der Ersatztorwart Frank Juric entschieden, dem 21-jährigen Daniel Haas, dem dritten Torwart, dem Lehrling, den Platz auf dem Thron in der Mitte zu überlassen. Die Geste behielt Robert Enke in all seinen Jahren in Hannover bei.

All die Entspanntheit und Freude konnte allerdings einen Gedanken nicht verhindern, als der Schiedsrichter die neue Bundesligasaison anpfiff. War er noch gut genug für dieses Niveau? Es war fast zweieinhalb Jahre her, seit er das letzte Mal regel­mäßig in einer Ersten Liga gespielt hatte.

Hannover 96 musste bei Bayer Leverkusen antreten. Die Lever­kusener Fans wussten noch, wer er war: der Torwart, dem ihre Elf vor sechs Jahren in Mönchengladbach acht Tore rein­geschossen hatte. Zur Melodie des französischen Kinderlieds Bruder Jakob sangen sie: »Robert Enke, Robert Enke/weißt du noch?/weißt du noch?/kannst du dich erinnern?/kannst du dich erinnern?/2:8, 2:8.«

Da musste er lachen. Er applaudierte den Fans.

Er fing Flanken wie selbstverständlich ab, er ließ die Zu­schauer vor Erstaunen aufschreien, als er zwei herzhafte Schüsse von Dimitar Berbatov parierte. Beim zweiten Versuch tauchte Berbatov frei vor ihm auf, doch der Torwart, die Arme von sich gestreckt, den Oberkörper gerade, das Knie nach innen gebeugt, erschien Berbatov plötzlich riesig. Hannover verlor in der letzten Spielminute 1:2, und der Kicker wählte Robert Enke zum Mann des Tages. Die Sportreporter, die ihn nach Istanbul in ab­soluten Worten für gescheitert erklärt hatten, fragten wie selbstverständlich, ob er wieder an die Nationalmannschaft denke.

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