Bier, Bockwurst und Späße mit Mille Gorgas: Als Robert Enke besondere Freunde bei Hannover 96 fand

Auszug aus "Robert Enke - Ein allzu kurzes Leben"

Robert Enke, die Nummer 1 von Hannover 96 und Torhüter der deutschen Fußballnationalmannschaft. Foto: Imago

96-Trainer Ewald Lienen holte Robert Enke nach Hannover. Gemeinsam mit Michael Tarnat, Per Mertesacker, Vinícius – und später auch anderen Mannschaftskameraden wie Hanno Balitsch, Szabolcs Huszti oder Arnold Bruggink – entstand ein besonderer Mannschaftsgeist bei Hannover 96.

Die Biografie „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“ gibt es als Taschenbuch und als E-Book zu bestellen unter: www.piper.de/buecher/robert-enke

In den nächsten Tagen veröffentlichen wir mehrere Auszüge aus der Biografie „Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben“ von Ronald Reng (erschienen beim Piper Verlag) auf 96Freunde.de, um an das Leben von Robert Enke zu erinnern. 

Mittwochs, wenn die Mannschaft zweimal trainierte, blieb eine Gruppe Spieler nach Trainingsschluss noch zusammen. Sie hatten wieder das Stadion bezogen, die Umbauten für die Weltmeisterschaft waren abgeschlossen, doch im Raum hinter ihrer Umkleidekabine sah es alles andere als weltmeisterlich aus. Leere Getränkekisten stapelten sich in den Ecken, es roch nach Schuhcreme. Es war Milles Reich. Zeugwart heißt in der Fußballsprache der Job von Michael Gorgas, dem Mille, er wartet das Zeug, pflegt die Fußballschuhe, kümmert sich um die Sportkleidung. Mittwochs nach dem Training kochte er für die Profis in seiner Kammer Bockwürste aus zugeschweißten Packun­gen. In seinem Kühlschrank hortete Mille Bier mit Zitronengeschmack. Kabine zwei nannten die Fußballer seine Kammer. Hier entstand Erfolg.

Auf Platz zehn der Bundesliga schloss Hannover 96 Robert Enkes erste Saison ab, für den erfolgsentwöhnten Verein war dies beachtlich. Der Trainer mit seinem scharfen Auge hatte Spieler gefunden, die eine Elf besser machten, Robert Enke, Per Mertesacker, Michael Tarnat. Er hatte die Defensive geordnet und die Angriffe choreografiert, es war kein außergewöhnlicher Fußball, bloß einer mit klaren Ideen. Das Fachwissen des Trainers wäre jedoch theoretisch geblieben, wenn Lienen nicht mit seinen Gemeinschaftsaktionen am Esstisch und im Zoo etwas angestoßen hätte. In der Kabine zwei saß der harte Kern der Mannschaft, nach der Sauna nur mit Handtüchern bekleidet, Bockwurst und Bier in den Händen. Michael Tarnat, Frank Juric, Vinícius, Robert Enke und einige mehr, acht bis zehn Mann, später auch Hanno Balitsch, Szabolcs Huszti oder Arnold Bruggink vergnügten sich beim Fachsimpeln und Unsinn machen; und unbemerkt entstand in Kabine zwei ein Mannschaftsgeist.

»Wetten, Mille, dass du es nicht schaffst, 15 Bockwürste mit Brötchen in einer halben Stunde zu essen«, sagte einer der Spieler. Und Mille begann zu essen.

Die anderen holten sich noch ein Bier. Nach 13 Bockwürsten konnte Mille nicht mehr.

»Komm, wir machen ein Siebentagerennen.« Sie stellten Müll­eimer, Wasserkästen und Fußbälle als Hindernisse auf, und Mille kurvte mit seinem Fahrrad durch den Raum, durch den Parcours, »schneller, Mille«, aus der Kurve um den Mülleimer warf es ihn, er stürzte schlimm. Aber Mille stimmte in das Ge­lächter der Fußballspieler ein. Er fühlte, den Narr zu geben sei die wichtigste Aufgabe eines Zeugwarts.

»Es ist schön, Erfolg zu haben. Aber noch schöner ist es, Erfolg mit Freunden zu haben«, sagte Robert Enke. »Mannschaften mit einem Zusammenhalt wie unserem findet man selten im Profifußball.«

Robert Enke nahm Rosenthal in den Arm und sprach ihm Mut zu

In der Umkleidekabine saß er neben Michael Tarnat. Tarnat war bereits 36, er hatte bei Bayern München und bei der Weltmeisterschaft 1998 für Deutschland gespielt. Tarnats Vorstel­lungen, wie es in einer Profielf zugehen musste, stammten noch aus der vergangenen Zeit Stefan Effenbergs. Wenn der 20-jährige Jan Rosenthal im Trainingsspiel den Ball mit einem Hackentrick verlor, foulte ihn Tarnat in der nächsten Szene. Die Spielweise würde sich der Junge ganz schnell abgewöhnen. Robert Enke nahm Rosenthal in den Arm und sprach ihm Mut zu, als er den Jungen nach einem schlechten Spiel verzweifelt, hyperventilierend in der Toilette fand, über das Waschbecken gebeugt.

Innerlich war ihm die harte Art der Effenberg-Generation noch immer suspekt. Aber anders als damals in Mönchengladbach stand er nun nicht mehr auf der Seite derer, die einsteckten, sondern bei denen, die den Takt vorgaben. Michael Tarnat war einer seiner besten Kollegen in der Mannschaft. Tarnats kompromisslose, oft auch witzige Art, Missstände anzusprechen, half dem Team, so viel war ihm jetzt klar. Aber er fand auch eine Antwort auf eine Frage, die er sich acht Jahre zuvor in seinen ersten Wochen in Mönchengladbach gestellt hatte: Musste er auch so sein? Er musste nicht, und er würde es auch nie sein wollen.

Herzlichen Dank an Ronald Reng und den Piper Verlag für die Genehmigung, diesen Auszug zu veröffentlichen. Die Biografie gibt es als Taschenbuch und als E-Book zu bestellen unter: www.piper.de/buecher/robert-enke

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