Peter Rossberg im Exklusivinterview – „Martin Kind wollte nur sein Gesicht wahren“

Martin Kind - Verlierer und Gewinner des Abends (Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images.)

Hannover – Peter Rossberg berichtet erst seit wenigen Monaten von und über Hannover 96. Besonders die Übernahmepläne Martin Kinds stehen im Fokus seiner Arbeit. Im Exklusivinterview mit 96Freunde.de-Chefredakteur Tobias Krause, spricht der BILD-Reporter Klartext. Woran ist die Komplettübernahme von 96 letztlich gescheitert? Wie steht es um die Zukunft von 50+1 und des deutschen Profifußballs?

Herr Rossberg, Sie haben in den letzte Monaten Intensiv die Geschehnisse bei Hannover 96 verfolgt. Welchen Eindruck von den Strukturen konnten Sie gewinnen?

Ich glaube, es ist für jeden leicht zu erkennen, dass die bestehenden Vereins-Strukturen der große Zankapfel ist. Nicht so sehr die Strukturen an sich, aber der Weg dorthin. Ich habe sehr viele Stimmen wahrgenommen, die hinter dem heutigen Status quo Mauscheleien, Tachenspielertricks und Hinterzimmerentscheidungen vermuten. Viele Fans fühlen sich auf dem Weg, den der Verein in den letzten Jahren eingenommen hat, nicht mitgenommen. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Und Kommunikation sowie Transparenz sind, glaube ich, die größten Baustellen.

Martin Kind wollte ursprünglich eine Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel für sich erhalten. Hat Sie seine Ruhigstellung des Antrags überrascht?

Nicht wirklich. Die Recherchen von meinem Kollegen Marc Schmidt und mir hatten im Vorfeld seiner Entscheidung gezeigt, dass die DFL seinen Antrag hätte ablehnen müssen. Der Beschluss dafür war nach unseren Recherchen auch gefasst. Martin Kind hatte schlichtweg die Statuten, die er 2014 selbst abgesegnet hatte, nicht erfüllt. Allein aus Gesichtswahrung blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Antrag ruhen zu lassen. Leider hat er an dieser Stelle nie offen kommuniziert.

Insbesondere die von der DFL vorgeschriebene erhebliche Förderung soll wohl ein möglicher Stolperstein bei den Übernahmeplänen des 96-Klubchefs gewesen sein. Deckt sich das mit Ihren Recherche-Ergebnissen?

Absolut. Ich glaube, Martin Kind hat es in den letzten Jahrzehnten gut geschafft, den Eindruck eines überaus großzügigen Finanziers zu erwecken. Als ich mit meinen Recherchen begann, dachte ich auch noch: Mensch, der Kind hat doch bestimmt Unsummen in den Verein gesteckt. Und dieses Bild vermittelt er bis heute der Öffentlichkeit. Die Wahrheit ist aber eine andere. Unbestritten hat Martin Kind viel Für Hannover 96 getan, aber er hat nicht im Ansatz so viel finanziell aufgewendet wie man glauben könnte und er glauben lassen will. Laut unseren Recherchen war das auch der Hauptgrund, warum die DFL seinen Antrag abgelehnt hätte. Sie haben offenbar nicht mal ein Drittel dessen akzeptiert, was er als Investitionen oder Aufwendungen in seinem Antrag für die Ausnahmegenehmigung deklariert hatte.

Peter Rossberg über 96-Klubchef Kind: „Er hat nicht im Ansatz so viel aufgewendet, wie er glauben lassen will.“ Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images.

Die Fanszene von Hannover 96 befindet sich derzeit in einem Stimmungsboykott. Können Sie die Beweggründe nachvollziehen?

Schwierig, von außen die Situation zu bewerten. Ich kann aber verstehen, dass sich Widerstand gebildet hat, der sich auf sehr unterschiedliche und ungewöhnliche Weise ausdrückt. Ich kann mittlerweile auch nachvollziehen, dass sich Teile der Fans zu einem Stimmungsboykott entschieden haben, weil sie offenbar sonst keine Möglichkeit finden, ihrer Ablehnung der Verhältnisse Aufmerksamkeit zu verschaffen.

96Freunde.de Chefredakteur Tobias Krause hat ein Buch über Hannover 96 geschrieben

Eine geplante Podiumsdiskussion zwischen Fans und Verein wurde seitens Hannover 96 kurzfristig abgesagt. Meinen Sie, dass der Klub überhaupt an einem Dialog interessiert ist?

Diesen Eindruck vermittelt der Verein mit dieser Entscheidung nicht. Die Absage der Podiumsdiskussion erfolgte unter fadenscheinigen Gründen. Vielmehr entstand der Eindruck, dass speziell Kind und Krause (Vorstandsmitglied Uwe Krause, Anm. d. Red.) sachkundigen Diskutanten aus dem Weg gehen wollten. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass für einige Fans einfach sehr viele Fragen offen sind und sie diese von Martin Kind beantwortet haben möchten. Zweifeln am wirklichen Interesse eines Dialoges lässt mich auch die Tatsache, dass sich Personen, die ihre Mitgliedschaft in eine mit Stimmberechtigung umwandeln wollen, mittlerweile persönlich vorstellen müssen. Was soll das für eine Kultur sein?

Vor dem letzten Heimspiel gegen Augsburg, wurde durch den Verein ein Banner verboten, das schon seit Saisonbeginn zu sehen war. Meinen Sie, dass 96 unliebsame Meinungen aus dem Stadion verbannen will?

Der Verein hat sich durch die Verbote einzelner Banner keinen Gefallen getan. Gegen welche Vorschrift sollte etwa der Spruch „Vorstand e.V. abwählen“ verstoßen? Natürlich entsteht der Eindruck, dass etwas unterdrückt werden soll. Gerade weil diese Banner keine beleidigenden oder diffamierenden Inhalte enthielten. Sie waren nach meiner Auffassung durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Auch wenn andere kritische Banner erlaubt waren –  der Verein verhält sich da nicht clever, macht sich angreifbar und schürt neue Befürchtungen.

Die 96-Fanszene geht mit der lokalen Presse teilweise besonders hart ins Gericht. Zurecht?

Ich kann jetzt nur für die letzten acht Monate sprechen. Seitdem ich mich intensiv mit dem Verein und der Berichterstattung über den Verein beschäftige. Ich kann eine gewisse Enttäuschung durchaus nachvollziehen. Ich kenne die Ursachen nicht, aber ich habe mich in den letzten Monaten an einigen Stellen schon gewundert, wieso etwas geschrieben wurde, aber auch warum etwas nicht geschrieben wurde. Damit meine ich zum Beispiel den Antrag Kinds und kritische Fragen, die dazu aufgeworfen wurden. Auch der Blick auf die Opposition ist nach meiner Beobachtung nicht sonderlich differenziert.

Eine Diskrepanz zwischen Ihren Recherche-Ergebnissen und den Berichten im Sportteil der Bild Hannover lässt sich nicht leugnen: Wie kann es dazu kommen?

Erstmal habe ich es ja viel einfacher. Ich sitze in Berlin und habe mit dem ganzen Tagesgeschäft bei 96 nichts zu tun. Ich muss nicht über Transfers, Verletzungen, wichtige Personalien oder die Spiele berichten. Ich hatte aber den Luxus und die Möglichkeit – parallel zu anderen Projekten – monatelang zu der 50+1-Thematik zu recherchieren. In Frankfurt, Hannover oder anderswo. Ich sehe es daher nicht so sehr als Diskrepanz, sondern eher als Ergänzung. Ich bin froh, dass wir bei BILD die Möglichkeit haben, unterschiedlicher Art an Themen wie dieses heranzugehen.


Peter Rossberg ist Chefreporter in der Redaktion BILD Reporter / Investigative Recherche

Quelle: Twitter

 

Lässt aus Ihrer Sicht die hannoversche Lokalpresse eine gewisse Distanz und Neutralität vermissen?

Das will ich aus der Ferne nicht beurteilen. Aber wenn man sich die Personen aus dem Widerstand, oder besser gesagt, der Opposition in Hannover anschaut, frage ich mich, warum sie so selten in den Zeitungen vorkommen. Es ist ja nicht so – wie Herr Kind gerne verbreiten lässt – dass da 500 Bekloppte stehen, die Ihn einfach ablehnen und ohne Argumente gegen ihn wüten. Ich habe den Widerstand in Hannover als sehr heterogen, meinungsstark und sehr detailversessen kennengelernt. Trotz aller Geschmacklosigkeiten, die teilweise in Rufen oder Bannern geäußert werden. Aber nicht nur der Dialog im Verein findet nicht auf Augenhöhe statt, auch die Berichterstattung nicht. Vielleicht fehlt mittlerweile einfach auch der Zugang zu der Opposition. Aber insgesamt scheint die Situation zwischen Teilen der Fans und Medien sehr verhärtet zu sein.

Wie beurteilen Sie grundsätzlich die Entwicklung im deutschen Profifußball?

Als Journalist ist es natürlich eine extrem spannende Phase. Der Fußball steht an vielen Punkten am Scheideweg. Da eröffnen sich viele Aspekte für Recherchen. Als Fan habe ich in der Vergangenheit zunehmend die Lust am Fußball verloren. Meine Kickers mal ausdrücklich ausgenommen.

Die Offenbacher Kickers stehen derzeit in der Regionalliga Südwest auf dem zweiten Rang. Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images.

Sind für die Bundesliga „englische Verhältnisse“ erstrebenswert?

Als Fußball-Fan ist an den englischen Verhältnissen für mich nichts erstrebenswert. Jeder muss das für sich entscheiden: Aber für mich sind das eher abschreckende Beispiele. Damit meine ich nicht nur Ticketpreise oder die Aufsplittung von Spieltagen, sondern die ganze Entwicklung. Nicht umsonst kommen hunderte englische Fußballfans jedes Wochenende nach Deutschland, um Atmosphäre oder Stimmung zu erleben. Die ist in England ja kaum noch vorhanden. Die Vereine haben trotz immenser Fernseheinnahmen horrende Schuldenberge und teils fragwürdige Investoren. Wir sollten England als warnendes Beispiel nehmen. Und auch das Thema Wettbewerbsfähigkeit zählt für mich nicht: die Faszination des Sports und des Zusammenseins orientiert sich ja nicht an der Anzahl von Pokalen oder Champions-League-Siegen.

Kann die Bundesliga im internationalen Vergleich nur durch eine Abschaffung der 50+1-Regel bestehen?

Nein. Wahrscheinlich müssen wir nur noch fünf bis zehn Jahre warten, dann sind viele der großen europäischen Vereine gegen die Wand gefahren und die deutschen Clubs räumen alles ab. Im Ernst: auch wenn es manche langweilig finden, ich halte die finanzielle Situation deutscher Clubs – im europäischen Vergleich gesehen – für eine absolute Errungenschaft. Und dass deutsche Clubs in der Europa-League zum Beispiel stets frühzeitig ausscheiden, hat bei den Gegnern bestimmt auch nichts mit deren finanziellen Mitteln zu tun. Warum sollten wir dieselben Fehler wie andere machen, um kurzfristig vielleicht erfolgreicher zu sein? Aber am Ende ist es eine demokratische Frage: sollte die Mehrzahl der Fans/Mitglieder/Engagierten für eine Abschaffung sein, dann soll es eben auch so sein. Aber bitte nicht hintenrum an Fans und Gremien vorbei.
Eines will ich noch hinzufügen, dass mir sowohl bei der Diskussion rund um 96, als auch bei anderen Themen zu kurz kommt: ich finde es geil wie engagiert weite Teile der deutschen Fan-Szenen (noch) sind. Es ist doch erstmal egal, ob man unterschiedlicher Meinung ist oder welchen Standpunkt jemand in einzelnen Punkten vertritt: Hauptsache man kann sich gepflegt streiten und im Diskurs die beste Lösung suchen. Das sollte vielmehr Respekt verdienen.

Hat man im Profifußball zukünftig nur noch die Wahl zwischen Öffnung in Richtung privater Investoren, oder Absturz in die Bedeutungslosigkeit?

Niemand weiß, wie sich diese teils perverse Spirale weiterdreht. Wieviel Geld noch in diesem Zirkus landen wird. In der europäischen Spitze wird es vermutlich bald so sein, dass sich fast ausschließlich Vereine mit Investoren-Hilfe behaupten werden. Aber ist der Rest deshalb gleich bedeutungslos? Nein…und auch die Fan-Szenen sind hier aus meiner Sicht gefordert. Gerade die,  die sich für 50+1 einsetzen und gegen Investoren stemmen, sollten insgesamt Ihren Support überdenken. Sie sollten verständnisvoller mit ihrem Verein sein, Realitäten akzeptieren und nicht zu viel erwarten. Sonst hat diese ganze Debatte nämlich schnell auch etwas scheinheiliges. Genauso wie die Tatsache, dass es speziell diverse Traditionsvereine in den letzten Jahrzehnten „geschafft“ haben, sich in die sportliche Bedeutungslosigkeit zu manövrieren. Trotz 50+1 und der bestehenden Regelung. Und auch in der Vergangenheit gab es trotz aller Reglements dubiose Investoren, die Scherbenhaufen hinterlassen haben. Das geht mir in der aktuellen Debatte etwas unter.

Wie sieht die Situation bei Ihrem Herzensverein, den Offenbacher Kickers aus?

Tja, was soll ich sagen. Es ist nicht leicht mit dem Verein, aber dafür umso inniger. Aktuell haben wir die Chance über den 2. Tabellenplatz in der Regionalliga Südwest in diese verfluchte Relegation zu kommen. Aber es wird eine ganz enge Kiste. Wie so oft bei uns.

 

4 Kommentare

  1. Tobias Krause, selbst ernannter ''Journalist'', trifft sich also mit einem Journalisten um tiefere Einblicke und Fachkenntnis zu erlangen? Warum nennt er sich dann Journalist? ist es nicht die Aufgabe eines Journalisten dies eventuell selbst zu recherchieren, oder braucht man sowas heute nicht mehr um sich Journalist zu nennen? Reicht es heutzutage ein Taschenbuch mit lustigen Anekdoten für 9,99€ auf Amazon anzubieten und dieses andauernd in den sozialen Medien zu bewerben?

    • Höhlenaufstrich, selbst ernannter "unabhängiger Kritiker", schreibt also einen tiefsinnigen Beitrag als Antwort auf ein fundiertes, sachliches Interview, um Martin Kind zu huldigen? Warum nennt er sich dann unabhängiger Kritiker? Ist es nicht Aufgabe eines unabhängigen Kritikers erst einmal die Hintergründe selbst zu recherchieren und zu verstehen, oder braucht man sowas heute nicht mehr um sich unabhängiger Kritiker zu nennen? Reicht es heutzutage, sich einen lustigen Namen wie "Höhlenaufstrich" zu geben und sich andauernd in Foren unreflektiert zu äußern?

  2. Schließe mich mal meine. Vorrednern an!

     

    Schade das hier inzwischen Krause kritische Post‘s gelöscht werden! Wo er doch so ein freier Journalist ist!

    • Vorredner? Immer die selbe E-Mail Adresse? Ach, bitte. Aber, in Ordnung, wenn Sie Dampf ablassen müssen, tun Sie es. Es ist auch in Ordnung, wenn es Sie nicht interessiert. Dann lesen Sie meine Sachen doch einfach nicht. Ansonsten stehe ich Ihnen gern für ein Gespräch zur Verfügung.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.