„Mit mehr Qualität im Spiel bräuchten wir die 50+1-Diskussion nicht führen“

Martin Kind hat die Grundsatzdiskussion um 50+1 befeuert. Auch wenn er ursprünglich nur einen Ausnahmeantrag für Hannover 96 erreichen wollte. Doch die Diskussion wird nun in einem größeren Rahmen geführt. Nicht zuletzt wegen des schlechten internationalen Abschneidens der deutschen Vereine. Unser Autor Tim Block stellt die These auf, dass diese Grundsatzdiskussion nicht geführt werden müsste, wenn die Bundesligavereine ihren Fokus auf mehr Qualität im Spiel richten (Photo by pixathlon/pixathlon/SID/)
Irgendwie bin ich – und da kann ich sicher nicht nur für mich sprechen – etwas enttäuscht von dem Fußball, den die Bundesliga in den letzten drei Jahren gezeigt hat“, sagt unser 96Freunde-Autor Tim BlockIn Teil 3 seiner großen 96-Saisonanalyse stellt er ein paar Thesen auf, die es in sich haben. Nehmt euch die drei Minuten für diesen lesenswerten Text.

 

Teil 1 verpasst? Hier geht es zum ersten Teil von Tim Blocks 96-Analyse („Wir reden viel zu wenig über Fußball“): http://96freunde.de/wir-reden-viel-zu-wenig-ueber-fussball/

Teil 2 verpasst? Hier geht es zum ersten Teil von Tim Blocks 96-Analyse („Hannover 96 muss weg vom Graue Maus-Fußball“): http://96freunde.de/hannover-96-muss-weg-vom-graue-maus-fussbal/

 

Ich dachte eigentlich, dass durch den Abstieg von Darmstadt 98 ein deutlicher Qualitätsanstieg auf dem Bundesliga-Rasen stattfinden würde. Doch irgendwie scheint der Virus des „Zerstören – langer Ball – Duell um den zweiten Ball -Torabschluss“ paralysierende Auswirkungen auf einen großen Teil der Bundesliga zu haben. Denn nicht nur in dieser Saison (aber hauptsächlich) werde ich beim Schauen eines Fußballspiels das Gefühl nicht los, dass – zugespitzt ausgedrückt – niemand so wirklich den Ball haben will. Aber noch viel schlimmer war es, als mich das Gefühl überkam, als wisse auch niemand so recht, was man mit dem Ball eigentlich anfangen soll. Diese Entwicklung macht mir schon leichte Sorgen und natürlich habe ich mir auch darüber für den Saisonrückblick meine Gedanken gemacht und bin zu der ein oder anderen These gelangt.

 

Ich behaupte: Wäre in den letzten Spielzeiten der Bundesliga wesentlich mehr Wert auf „Qualität im Spiel“ , „Qualität mit Ball“ und die offensive Idee vom Fußball gelegt worden, dann würden wir die Grundsatzdiskussion rund um 50+1 mit dem Argument „Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit“ gar nicht führen! 

 

Mein Eindruck ist, dass es in vielen deutschen Vereinen immer noch an professionellen Strukturen mangelt. Dass viel zu viele Vereine überhaupt nicht nachhaltig handeln, weil sie viel zu schnell in Panik geraten. Die Leidtragenden sind am Ende die Trainer. Auf dessen Positionen herrscht heutzutage eine immense Fluktuation. Hand aufs Herz: Wie soll denn auch jemals ein Trainer versuchen, in Ruhe eine Idee zu entwickeln, wenn er Angst haben muss, nach drei Niederlagen entlassen zu werden? Die Vereine trudeln teilweise identitätslos und ohne spielerischen „roten Faden“ durch die Saison und merken es offenbar gar nicht. Zumindest nicht, wenn es mal einigermaßen ruhig läuft.

 

Sobald jedoch Vereine in Abstiegsnot geraten oder ihre Ziele um Meilen verfehlen, müssen Trainer und Sportdirektor unmittelbar gehen. „Umbruch“ oder „Neustart“ nennt man das in Deutschland. Na dann mal Glückwunsch! Es gibt vermutlich kaum eine Nation, die so oft einen Neustart innerhalb der Vereine anstrebt wie Deutschland. Doch woher kommt das eigentlich? Woher kommt es, dass Vereine sich so, wie zum Beispiel Kaiserslautern, in den Abgrund schießen? Und da mir diese Fragen keine Ruhe ließen, möchte ich eine zweite These aufstellen:

 

Schneidet der deutsche Fußball vielleicht auch deshalb nicht so gut ab, weil ein Großteil der Fans (oder der Konsumenten, wenn man es  ganz nüchtern und emotionslos ausdrücken möchte) überhaupt nicht mehr versteht, was dort auf dem Rasen passiert? Und ist es vielleicht so, dass das stärkste Kontrollorgan – die Fans und Mitglieder eines Vereins – sich viel zu wenig über das unterhalten, was auf dem Feld geschieht? Dass sie Zusammenhänge im Fußball nicht mehr verstehen und somit ihrer Kontrollfunktion überhaupt nicht nachkommen können? 

 

Zuallererst möchte ich keiner Einzelperson irgendeine Schuld zuweisen. Das wäre nicht nur überheblich, sondern auch unfair. Um aber zu erklären, wie ich zu dieser These kam, muss ich ein wenig zurückblicken. In der letzten Saison spielte Borussia Mönchengladbach in der Europa League gegen den AC Florenz. Ich saß in einem italienischen Restaurant und am Nebentisch saßen vier italienische Fußballfans, die über ein Smartphone Sky-Italia laufen hatten. Als ich in einem Augenblick überblickte, erschien auf dem Bildschirm Jan Henkel. Der ehemalige Sky-Reporter ist derzeit für Eurosport tätig und spricht fließend italienisch, weshalb er ins Studio von Sky-Italia zugeschaltet war. Als die Sequenz mit dem Deutschen vorbei war, brabbelten die vier wie wild durcheinander!

 

Ich lehnte mich rüber und erkundigte mich bei den Italienern, zu was Herr Henkel befragt worden ist. Einer der Florenz-Anhänger erklärte mir, das der Reporter Herrn Henkel gefragt habe, welchen taktischen Unterschied es machen würde, wenn Raffael statt Lars Stindl hinter dem Stoßstürmer spielen würde und umgekehrt. Ich war, um ehrlich zu sein, sprachlos und begeistert zugleich, weil mir klar wurde, dass diese Frage die italienischen Fans wirklich interessierte! Schockiert war ich eigentlich nur, weil ich mich an die letzte Pressekonferenz bei Hannover 96 erinnert fühlte, bei der ein Lokalreporter allen Ernstes die stupide Frage stelle, ob der Trainer seine Jungs nochmal richtig heiß gemacht habe.

 

„Der Unterschied des Interesses zwischen einem italienischem Fußballfan und einem deutschen Lokalreporter ist also so gigantisch?“ Dieser Gedanke schoss mir durch die Kopf, als ich zu erklären begann, dass man in Hannover besonders stolz darauf ist, dass ein so toller Typ wie Lars Stindl in der Europa League spielt. Im Anschluss löcherten mich die AC-Fans mit lauter Fragen über Lars Stindl und seine spielerischen Qualitäten. Es war nicht nur sehr angenehm, sondern gleichwohl interessant zu sehen, welchen Stellenwert der Fußball (und dessen tiefe Gier, ihn verstehen zu wollen!) in der italienischen Gesellschaft eingenommen hatte.

 

Vielleicht sollten wir in Deutschland damit auch langsam beginnen. Versuchen zu verstehen, was im Fußball abgeht, um die eigenen Vereine auch für das zu kritisieren, was auf dem Rasen geschieht. Sie an Nachhaltigkeit und zukunftstauglichen Konzepten zu messen und zu bewerten. Zu hinterfragen, was im Verein eigentlich los ist. Warum der Verein keine hohen Transfererlöse erwirtschaftet? Warum die Nachwuchsarbeit vernachlässigt wird? Weshalb wieder Anteile veräußert werden müssen? Und, ob die Lösung langfristigen Erfolgs wirklich darin liegt, die 50+1 Regel abzuschaffen, nur weil man sich einen Geldregen erhofft. Denn nur weil eventuell mehr Kapital zur Verfügung steht, wird dadurch der Fußball nicht besser! Und wisst ihr warum? Weil die handelnden Personen den Fußball nicht verstehen!

 

Liebe Leser, ihr habt’s geschafft. Danke für die Zeit, die Ihr euch genommen habt, um meine Saisonanalyse zu lesen. Entschuldigt, dass ich mich nicht kürzer gefasst habe.

 

Und denkt dran: Verstehen wollen, was abgeht! Das sollte der Antrieb eines jeden Fußballfans sein.  

 

Das war der Teil 3 von Tim Blocks großer Saisonanalyse. Vielen Dank, Tim, für deine scharfsinnigen Worte. Du hast Recht, wir reden halt tatsächlich zu viel über Nebenkriegsschauplätze und zu wenig über Fußball. 

 

Teil 1 verpasst? Hier geht es zum ersten Teil von Tim Blocks 96-Analyse („Wir reden viel zu wenig über Fußball“):

 

Teil 2 verpasst? Hier geht es zum ersten Teil von Tim Blocks 96-Analyse („Hannover 96 muss weg vom Graue Maus-Fußball“): http://96freunde.de/hannover-96-muss-weg-vom-graue-maus-fussbal/

 

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