„Kind muss beim Hannover 96 e.V. Platz machen“ – Ein Gastkommentar

Es war nicht die Woche von Martin Kind. Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images

Hannover – 96-Clubboss Martin Kind ist angezählt. Nicht erst seit vergangener Jahreshauptversammlung, bei der weder Vorstand noch Aufsichtsrat durch die Versammlungsmitglieder entlastet wurden. Inzwischen kämpft er an zahlreichen Fronten gleichzeitig um das Überleben: Gegen die DFL, Mitinvestoren, Fans, Mitglieder, Aufsichtsräte und die öffentliche Meinung.

Mäzen, Retter und Vorreiter. Das hätte Martin Kinds Rolle in der Geschichte von Hannover 96 sein sollen. Doch die Realität sieht inzwischen anders aus: Kaum jemand glaubt mehr, dass der geschickte Unternehmer und Asket sein Lebensziel, 96 unabhängig von 50+1 machen zu können, tatsächlich erreichen wird.

„Ich arbeite unentgeltlich, ehrenamtlich, damit andere Millionen verdienen. Da muss man ja auch ́ne Klatsche haben“, zitierte ihn einst das Wall Street Journal Deutschland.

Doch zu aufmerksam beäugen Kritiker und Institutionen nunmehr jeden Schritt, den Kind wagt, um die gesamte Macht innerhalb des Konstruktes Hannover 96 zu erhalten. Und immer mehr Menschen bezweifeln, dass er den Sportverein so gefördert hat, wie er es ihnen lange glauben machen wollte.

Selbst seine Kritiker bescheinigen Martin Kind, dass er den Club in wirtschaftlich katastrophalen Zeiten übernommen und durch Professionalisierung und die notwendige Ausgliederung der Profimannschaft in ruhigeres Fahrtwasser gesteuert hat. Martin Kind hat rund um 96 viel bewegt und Gelder herangeschafft, wie es 1998 vermutlich niemand mehr für möglich gehalten hätte. Dafür gebührt ihm Anerkennung und Respekt.

Vermutlich hätte man ihm eines Tages sogar ein Denkmal für seine Verdienste um den Hannoverschen Sportverein v. 1896 vor der HDI-Arena gebaut. Denn dieses hätte ihm selbst seine schärfsten Kritiker nicht verwehrt, wäre sein Ringen um die Macht im Club mit der Zeit nicht zu seiner persönlichen Mission geworden.

Stets hatte er betont, ehrenamtlich und somit unentgeltlich seine Position als Geschäftsführer und Vereinspräsident auszuüben. Nachträglich lässt Kind sich dies offenbar aber vor der DFL zur Machtübernahme anrechnen. Dazu die 96-Anteilsverkäufe zwischen 96-Vorstand (Kind) und dem 96- Vereinspräsident (Kind) für einen Preis, dessen Angemessenheit man zumindest anzweifeln darf. Diese Handlungen und noch viele mehr vergifteten nachhaltig das Klima innerhalb des Vereins und bei den Fans. Auch das oft gelobte “Hannover-Modell” bröckelt: Teilhaber Wilkening siegte gerade im Streit um Gewinnausschüttungen gegen seine Partner von der Sales & Service.

Das war definitiv nicht Martin Kinds Woche.

Die Kommunikation mit der DFL ist derart vergiftet, das merkt man nicht nur an der Pressemitteilung von Hannover 96 zum abgelehnten Antrag oder den wiederkehrenden Spitzen der DFL gegen den Großunternehmer. Der Klageweg für Kinds Anliegen ist inzwischen unausweichlich. Und mit Kinds Ansehen in der Liga sinkt auch das von Hannover 96.

Besonders die Pressemitteilung von Hannover 96 zum Ablehnungsbescheid stieß zahlreichen Mitgliedern übel auf: Da sie Kinds Vorstand zum Großteil wegen des Antrages nicht entlasteten, beurteilten viele diese 96-Pressemitteilung eher als rechtsirrig als die Beurteilung der DFL, wie es 96 in der Pressemitteilung tat.

Immerhin: Durch die Ablehnung könnte zumindest im Stadion die Stimmung wieder einkehren. Grund zum Feiern gibt es vorerst für viele, besonders für die aktive Fanszene und all jene, die Kinds Vorgehen bisweilen kritisiert hatten.

Für Kind gibt es bei Hannover 96 nichts mehr zu gewinnen. Vor allem nicht im Stammverein. Seine Klage wird sich voraussichtlich über Jahre hinziehen und ein Erfolg ist nicht garantiert. Erst kürzlich hat der EUGH die Verbandsautonomie gestärkt und 1860-Investor Ismaik kassierte eine Abfuhr vom Bundeskartellamt. Selbst wenn Kind eines Tages erfolgreich sein sollte und 50+1 tatsächlich fällt, kann sich die Entscheidung hierzu über Jahre hinziehen.

Und dann? Gleiches Recht für alle! Hannover-Modell passé

Vereine wie Bayern, Dortmund, Schalke, Frankfurt, Gladbach, Bremen, Berlin, Mainz, Stuttgart sowie die Zweiligisten HSV und Köln wären für Investoren sicherlich attraktiver. Wolfsburg, Hoffenheim, Leipzig und Leverkusen wären weiterhin finanziell vor 96. Damit wäre 96 selbst bei einem Fall von 50+1 weiterhin im unteren Drittel und ein Wettbewerbsvorteil dahin. Da stimmt die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht.

Stattdessen sollte Kind jetzt die richtigen Schlüsse ziehen, um wenigstens einen Teil der öffentlichen Meinung auf seiner Seite zu wahren. Und auch um den Frieden im Verein wieder herzustellen. Das kann nur heißen, endlich reinen Tisch zu machen, indem er den 96-Mitgliedern den Antrag, die Begründung und alle Anlagen hinsichtlich seiner Förderung offenbart und in Folge der Nicht-Entlastung des 96-Vorstandes seinen Rücktritt als Vorstandsvorsitzender erklärt. Nur wenn er zumindest an der Vereinsspitze seinen Platz räumt, kann sich dieser von dem Trubel der letzten Jahre und seiner Spaltung erholen.

Ansonsten droht ihm bei den derzeitigen Stimmenverhältnissen mit der Abwahl „seines“ Aufsichtsrates auf der kommenden Jahreshauptversammlung ein Niedergang, den ihm wohl selbst seine schärfsten Kritiker nicht gewünscht hätten.

3 Kommentare

  1. Ein sehr sachlicher und sehr guter Kommentar. Ich kann ihm in allen Punkten uneingeschränkt folgen. Ich sehe auch die "Verdienste" von Martin Kind und sein Engagement. Aber warum hält er stets alle Karten bedeckt? Warum werden die Anträge nicht uneingeschränkt veröffentlicht? Da kann sich jeder ein Bild machen. Er hat im Laufe der Zeit zu viel Porzellan zerschlagen und er kennt leider kein Feingefühl zu leidenschaftlichen Fans des Vereins und der Stadt Hannover. Schade auch, dass alle im Umfeld des Präsidenten insbesondere auch Horst Heldt alles mit der Hannover-Modell-Brille nachplappern und nicht sachlich reflektieren.

    So wie Jogi Löw nach all seinen Verdiensten aus meiner Sicht gehen muss, so muss auch Martin Kind endlich seinen Hut nehmen.

  2. Moin, sehr gut geschrieben, aber leider wird er nicht gehen. Es geht Ihm doch nur um die Marke Hannover 96. Das Ansehen von 96 in Deutschland ist Ihm doch völlig egal. Nach 35 Jahre Dauerkarte kann ich auch Herrn Kind nur Danke sagen für all die Arbeit, die er bis vor 3-4 Jahren geleistet hat.

  3. Ich finde es gut, dass Herr Martin Kind gegen 50+1 vor einem ordentlichen Gericht klagt, damit 50+1 endlich zeitgemäß reformiert wird, damit Deutschland nicht den sportlichen Anschluss an die anderen Top-Liegen in Europa verliert.

    Ich bin für die Zulassung von Investoren in der Bundesliga und den Liegen darunter, die unter Beachtung einiger wichtiger Regeln auch die Mehrheit an Fußballclubs übernehmen können sollen.

    Unter wichtigen Regeln verstehe ich vor allen Dingen:

    1. Die Investoren müssen die Fußballkultur und Fankultur erhalten.

    2. Das Vereinswappen und Farben dürfen nicht verändert werden.

    3. Der Standort des Vereins und der Stadionstandort darf nicht verlangert werden in eine Region / Stadt.

    4. Die Ticketpreise dürfen nicht maßlos erhöht werden.

    5. Der Verein darf finanziell nicht ausgeblutet werden, auch nicht mittel- und langfristig.

    6. Die Investoren stellen für die BRD bzw. EU und deren Politik keine Gefahr dar und beachten in Ihrem Handeln die Werte des Grundgesetzes bzw. der EU-Grundrechtekatar insbesondere die Menschenrechte und zwar weltweit. Punkt 6 sollte vergleichbar auch für Sponsoren der Fußballvereine gelten.

    Über die Zulassung bezüglich Investoren sollten grundsätzlich die Fußballvereine, deren Management und deren Mitglieder entscheiden in einem transparenten verfahren.

    Ich bin auch für ein strängeres Fairplay auf FIFA und UEFA Ebene. Auch sollten Transfersummen und Gehälter inkl. Sponsorengehälter bei Fußballspielern nach oben hin gedeckelt sein, sofern rechtlich möglich und zwar weltweit.

    Bemerkenswert finde ich schon, dass es gegen die Verbindung von Schalke 04 und Gaspromm und deren Leute, die diesen Deal damals eingefädelt haben nicht ständig Proteste gibt aber gegen Herrn Kind, ein Hannoveraner Unternehmer, der Hörgeräte Produziert. Hinter Gaspromm steht der russische Statt und Herr Putin.

    Auchwerden längst zig Außnahmen von 50+1 in der Bundesliga zugelassen und Scheinvereinskonstrukte wie bei RB Leipzig zugelassen, aber Herr Kind darf Hannover 96 nicht übernehmen. Ohne Herrn Kind würde Hannover 96 heute nicht in der ersten Bundesliga spielen und wäre eventl. sogar längst pleite und nicht mehr existent auch im Breitensport.

    Ich möchte noch deutlich Anmerken, dass der Umgang mit Martin Kind in der Öffentlichkeit manchmal in der Art und Weise und im Ton nicht in Ordnung ist und das sage ich als Mainz 05 Fan, Wohnhaft in Mainz.

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