„Hannover 96 muss weg vom Graue Maus-Fußball“ – Der Kader muss strategisch geplant werden

96Freunde-Autor Tim Block schreibt über die strategische Entwicklung des Kaders. Für die Kaderzusammenstellung ist Horst Heldt verantwortlich (Photo by PIXATHLON/PIXATHLON/SID/)
Wie kann sich Hannover 96 spielerisch weiterentwickeln? Welche Idee und welchen Fußball möchte man in Hannover zeigen? Es ist wichtig, den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen, sagt unser Autor Tim Block: Weg vom „Graue Maus“-Fußball, hin zu einem dominanterem Auftreten.

 

In Teil 2 seiner großen 96-Analyse nimmt er uns mit auf eine Reise, wie Hannover 96 sich weiterentwickeln kann. Nehmt euch drei Minuten Zeit, der Text ist absolut lesenswert.

 

Teil 1 verpasst? Hier geht es zum ersten Teil von Tim Blocks 96-Analyse („Wir reden viel zu wenig über Fußball“):

 

Sportliche Weiterentwicklung von Hannover 96  – Der nächste Schritt:
Die meisten Teams in der höchsten deutschen Spielklasse definieren sich über das Spiel gegen den Ball, das sie grundsätzlich alle gut beherrschen. Das ist sicher auch ein Verdienst der Identität des deutschen Fußballs. Wenn wir weit zurückdenken, fällt uns sicher auf, dass die Deutschen immer gut darin waren zu verteidigen. Doch eventuell wird genau das zu einem Fluch für die Bundesliga im internationalen Vergleich. Zu diesem Thema werde ich später noch genauer eingehen und auch das Thema 50+1 spielt dort ein Rolle. Nun möchte ich mich aber Hannover 96 zuwenden und ein wenig versuchen darzustellen, wie ich mir eine fußballerische Weiterentwicklung bei unserem Klub vorstelle: 

 

Strategisch:
In meinem Saisonfazit habe ich viel über Formationen geschrieben. Natürlich spielt das auch bei dem Blick nach vorne eine Rolle. In erster Linie, noch bevor man beginnt sich über Formationen sich Gedanken zu machen, muss man sich im klaren sein – und das schließt den Fan nicht aus – welchen Ansatz, welche Idee, welchen Fußball oder gar Identität man in Hannover zeigen bzw. spielen möchte. Wenn diese Frage geklärt ist, sollte man versuchen, nach diesen Vorstellungen den derzeitigen Kader auf den Prüfstand zu stellen um eben auszuschließen, dass man eine unnötige finanzielle Investition tätigt, für einen Spielertypen, den wir nicht optimal in unsere Idee mit einbauen können. Welche Rolle spielen Juniorenspieler in den Planungen? Auch das muss hinterfragt werden und knallhart analysiert werden. Kann uns jemand wie Linton Maina vielleicht in der nächsten Saison sofort helfen? Oder benötigen wir auf der Position einen Spieler, von dem Linton sich etwas abschauen und von ihm lernen kann? All das sind Fragen, die man sich vor der Kaderplanung  stellen muss. Vermutlich (und hoffentlich) ist das schon längst erfolgt. 

 

Sportlich – Taktisch:
In der neuen Saison wird der Blick auf den sportlichen Verlauf von Hannover 96 sicherlich ein anderer sein. In der vergangenen Spielzeit war 96 noch der Aufsteiger, dem keiner eine doch so sichere Saison zugetraut hatte. Nun ist es meiner Ansicht nach wichtig, den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen. Weg vom „Graue Maus“-Fußball, hin zu einem dominanterem Auftreten. Damit soll nicht gemeint sein, dass ich exakt ausgereiften Ballbesitzfußball erwarte (das ging schon einmal unter Tafun Korkut nach hinten los), sondern dass in den Spielen eine Idee erkennbar ist, die in eine solche Richtung geht.

 

Die gegnerischen Mannschaften sollen nicht ins Niedersachsenstadion kommen und uns reagieren lassen, sondern andersrum! Natürlich spielt dabei auch die Formation eine Rolle. Sogar eine elementare. Die Grundlagen dafür müssen stimmen, um die Ziele am Ende auch umsetzen zu können. Überzahl in Ballnähe, ausreichende Anzahl an diagonalen Anspielstationen, Besetzung sämtlicher Zonen in der Breite, ein ausgereiftes Positionsspiel sowie eine gute Staffelung in jeder Situation des Spiels. Um die Staffelung auch stabil aufzubauen, sollte eine lokale Kompaktheit in der zentralen Zone Voraussetzung sein. Denn kurze diagonale Verbindungen offensiv wie defensiv sind notwendig und effektiv, wenn dadurch die Interaktion im Miteinander gut umgesetzt wird.

 

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Ein sehr gutes Beispiel gibt das 4-1-2-3 System. Im 4-4-2 beispielsweise ist das Zentrum zu dünn besetzt, um den Ball auch kontrolliert in die Zonen zu transportieren, aus denen eine Mannschaft Gefahr entwickeln kann. Eine kleine visuelle Veranschaulichung hab ich natürlich auch vorbereitet: 
4-1-2-3 (4-3-3) eine Formation, die 96 sehr entgegen kommen würde. Gegner verteidigt im 4-4-2, unsere Offensive Dreierreihe (Bebou, Füllkrug, Klaus) positioniert sich im Zwischenlinienraum. Die beiden Achter stehen als ”Transporteure“ bereit den Ball weiterzuleiten. Die Außenverteidiger stehen hoch auf Höhe des Sechsers um entweder einzurücken oder sich offensiv anzubieten.
Der tieferstehende Sechser (Schwegler) hat das gesamte Feld vor sich. Der Gegner verteidigt im klassischen 4-4-2: Zwei Viererketten, die ballorientiert verschieben. Das Manko an diesem System für den Gegner ist eine relativ schlechte Tiefenstaffelung, die uns in der Situation einige Möglichkeiten bietet. Wie gut erkennbar, besetzen Bebou, Füllkrug und Klaus (oder wer auch immer zukünftig auf dessen Position spielen wird) die Zwischenlinienräume. Die Außenverteidiger stehen hoch und die beiden Achter (Fossum und Bakalorz) können durch individuelles Abkippen und gute Bewegungen eine jeweilige Anspielstation darstellen um den Ball in die Tiefe zu Füllkrug oder auf die Außenbahnen zu leiten.

 

Eine andere Möglichkeit ist eine fließende Systemwandlung ins 3-5-2 bei der sich der Mittelstürmer in den Zehnerraum fallen lässt, der alleinige Sechser zwischen die Innenverteidiger. Die Innenverteidiger stehen dann breiter als in der oberen Darstellung. Die beiden Flügelspieler füllen den Raum, den der Mittelstürmer hinterlässt, durch Einrücken auf. Das ganze sieht dann wie folgt aus:  
Aus dem 4-3-3 wird 3-5-2! Der Stoßstürmer spielt eine falsche 9, in dem er sich in den zentralen Zehnerraum fallen lässt. Er drückt Schwegler quasi dazu, sich zwischen die Innenverteidiger abzukippen und das Spiel von hinten aufzubauen. Die Achter (Fossum und Bakalorz) können jeder Zeit halblinks oder halbrechts abkippen um angespielt werden zu können. Die Außenverteidiger stehen noch höher und die Außenstürmer füllen den Raum, den Füllkrug hinterließ, auf!
Durch diese wandelbaren Grundformationen hat eine Mannschaft viele Vorteile. Denn dadurch, dass sie den klassischen Grundformationen ähneln und diese symmetrische Strukturen aufweisen, führt das zu klaren Zuordnungen und stabilen Vorgaben. Doch auch das kann nicht immer gut sein, da die Spielrealität nicht immer der theoretischen gleicht. Denn Spieler interpretieren ihre Rolle auf dem Feld unterschiedlich und bewegen sich eben abweichend von strategisch-taktischen Vorgaben intuitiv im Raum. Zudem werden die Staffelungen automatisch asymmetrisch, wenn zum Ball verschoben wird.

 

Die Asymmetrie an sich kann dazu auch bewusst genutzt werden um eigene Stärken und Schwächen des Gegners auszunutzen oder bestimmte Spielertypen einzubinden. Das ermöglicht dem einen Außenbahnspieler auf seiner Seite höher zu stehen, währenddessen sein Pendant auf der anderen Seite ins Zentrum einrückt um beispielsweise eine Zone zu überladen, zwangsläufig entsteht somit ein Freiraum, der bspw. für den nachrückenden Außenverteidiger gedacht ist, der dann durch einen langen Ball in einen Konter geschickt werden soll. 

 

Ihr seht also, dass Fußball weit aus mehr geworden ist als nur rennen, kratzen, beißen. Fußball ist faszinierend strategisch geworden. Lothar Matthäus hat in seiner Karriere viel Unsinn gesagt, aber mit seinem Zitat „Fußball ist wie Schach“ hat er gar nicht so Unrecht.  

 

Teil 1 von Tim Blocks 96-Analyse („Wir reden viel zu wenig über Fußball“) gibt es hier: 

 

1 Kommentar

  1. Wieder etwas gelernt.

    Danke Tim! Danke Jungs!

    Es wäre wunderbar, wenn wir in dem jährlichen nervigen Sommerloch voller blöden Gerüchten öfters so was Lehrreiches lesen würden.

     

    Gerade habe ich gelesen – Es ist aber Fakt, da es von Held bestätigt wurde -, dass Köpke 96 durch seinen Papa!? abgesagt hat. Offenbar will er zu Herta.

    Nachdem er bei HH./AB.  fest zugesagt hat, zeigt uns diese Aktion tatsächlich nicht, was für einen Charakter der Junge hat?

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