Füllkrug auf die Bank und einen längst abgeschriebenen Spieler in die Startelf: So kann bei 96 der Knoten platzen

Ein 96-Tor hat im Hinspiel nicht gereicht. Foto: Getty Images

Nach dem überragenden Saisonstart und der für einen Aufsteiger fantastischen Hinrunde ist Hannover 96 ins graue Mittelfeld abgerutscht. Es hakt in der Offensive – was kann 96 tun, damit der Knoten platzt? Unser Kolumnist Maxi Fiedler ist auf der Suche nach Antworten – und präsentiert in seiner Kolumne Maxis Meinung eine überraschende Lösung.

Aufgrund der starken Gegner in den kommenden Wochen läuft 96 sogar Gefahr, noch in den direkten Abstiegskampf abzurutschen. Die Ergebnisse der letzten Wochen ließen deutlich zu wünschen übrig. Zwar startete Hannover 96 erfolgreich in die zweite Saisonhälfte, jedoch folgte spätestens nach der unglücklichen Heimniederlage gegen Borussia Mönchengladbach der Sturz Richtung Tabellenende.

Die Gründe hierfür sind vielfältig, doch wenn man auf die letzten Ergebnisse schaut, fällt vor allem eines auf: Es hakt in der Offensive der Roten. Während man sich in der Hinrunde und auch zum Rückrundenauftakt noch auf die Offensive verlassen konnte, ist hiervon so gut wie nichts mehr übriggeblieben. Was über weite Teile der Spielzeit noch als eine der größten Stärken von 96 daherkam, ist nun einer der Gründe, dass die Resultate der letzten Wochen nicht stimmen.

33 Tore konnte die Mannschaft von André Breitenreiter in den bisher 27 Spielen erzielen. In den letzten 8 Spielen waren es jedoch nur magere 5. Das reichte gerade einmal zu einem Sieg gegen den SC Freiburg sowie zu zwei Remis gegen die abstiegsgefährdeten Hamburger und Kölner. Auch wenn die Zielsetzung der Klassenerhalt ist, erscheinen diese Ergebnisse zu schlecht für die Roten, die zu Beginn der Saison noch furios gegen Top-Teams wie Borussia Dortmund und Schalke gewinnen konnten und auch zum Ende der Hinserie gute Resultate gegen Bayer Leverkusen und die TSG Hoffenheim erzielten.

Besonders merkwürdig wird es, wenn man sich die Situation etwas genauer anschaut. Ohne Hintergrundwissen könnte man schnell darauf kommen, dass sich das System geändert hat oder Schlüsselspieler durch Verletzungen ausfallen. Doch dies ist nicht der Fall, im Gegenteil. Jonathas ist nach langer Verletzungspause wieder dabei und auch sonst ist die Offensive abgesehen von kleineren Wehwehchen weitestgehend verletzungsfrei. Doch wenn wir auf die einzelnen Personalien gucken, finden wir schnell den Ursprung der Problematiken.

Niclas Füllkrug:

Der gebürtige Hannoveraner wurde von viele zu Saisonbeginn als nicht bundesligatauglich eingestuft. Doch durch starke Vorstellungen als Joker, vor allem gegen den FC Augsburg und die Verletzung von Jonathas, konnte er sich in die Startelf der Niedersachsen spielen. Mit seiner starken Physis und der für seine Größe durchaus ansprechenden Technik, ist er der beste 96er Torschütze und strahlt quasi permanent Gefahr aus. Jedoch: Nur im Zentrum ist Füllkrug wirklich stark. Zuletzt musste er gegen Dortmund auf dem linken Flügel ran, was ihm von alten Stationen bekannt ist, aber sicherlich nicht so gut liegt wie die Zentrale. Weiterhin bekommt er momentan sehr wenige Chancen, worauf ich später noch eingehen werde.

Jonathas:

Nach äußerst ansprechenden ersten Partien verletzte sich der Brasilianer und fiel lange aus. Bei seinen Auftritten nach dem Comeback im Frühjahr zeigte er sich stark und präsent, braucht aber noch Zeit um sich wieder richtig zu finden. Potentiell ist Jonathas der Stürmer mit der meisten Qualität im Kader. Nur gilt auch für den bulligen Brasilianer: Den Ball halten ist die eine Sache, aber seine Mitspieler müssen ihn für Tore auch in Abschlusssituationen bringen. Aus dem Mittelfeld hat Jonathas in den letzten Spielen jedoch kaum gute Anspiele erhalten.

Martin Harnik:

Der Österreicher und Held der Zweitligasaison ist im Formtief. Seit er 2017 wieder Vater geworden ist, fiel Harnik auffallend oft mit Erkältungen und grippalen Infekten aus. In einem lesenswerten FAZ-Interview sagt Martin Harnik:

„Wir haben ein neugeborenes Kind zu Hause. Das sorgt für mehr Action und bei allen für Schlafmangel. Auch das kostet Kraft und führt auf dem Platz zu kleinen Fehlentscheidungen oder zu einer Sekunde Tiefschlaf. Das lässt sich im Stadion aber in manchen Situationen nicht wiedergutmachen. Genau deshalb macht das Leistungsgeschäft Fußball auch müde.“

Wenn er spielt, zeigt er sich unsicher und nicht selbstbewusst genug um wirklich zum Erfolg zu kommen. In dem aufschlussreichen FAZ-Interview sagte Harnik im Dezember 2017 über sich selbst:

„Ich bin gerade in einer Phase, die mich trotz meiner 30 Jahre und viel Erfahrung immer wieder zum Grübeln bringt. Ich ärgere mich selbst, dass ich so viel nachdenke. Ich hatte schon oft schlechte Phasen und bin wieder rausgekommen. Ich habe nichts verlernt. Aber manchmal will es einfach nicht sein. Man hinterfragt dann: Liegt es an der Ernährung? An der Frisur? Am Schlaf? Ich bin eigentlich an dem Punkt angekommen, an dem ich sage: Mach dich davon frei, mach deinen Job. Das, wonach jeder sucht, ist Konstanz. Dass ich die noch nicht so erreicht habe, wie ich es mir wünsche, ärgert mich maßlos.“

Harnik ist als Kämpfer bekannt und wird alles tun um wieder in Form zu kommen. Die Frage ist, wie er das in den wenigen verbleibenden Spielen rechtzeitig schaffen kann.

Charlison Benschop:

Der sympathische Niederländer ist weiterhin lediglich als Joker zu sehen und spielt keine wirkliche Rolle bei der Besetzung der Startelf. Ergo kann man bei ihm wenig kritisieren: Er bekommt gar nicht erst die Chance sich zu beweisen, was aber auch der Breite des Kaders geschuldet ist.

Ihlas Bebou:

Zu guter Letzt ein Blick auf den Spieler, der sich mit seinen ersten Auftritten direkt in die Herzen der Fans spielen konnte. Bebou ist zwar kein klassischer Stürmer, wurde aber öfter auf der zentralen Position als hängende Spitze eingesetzt. Bei ihm ist die Problematik vielleicht mit am größten. Bebou hat nicht abgebaut und spielt auch nicht schlechter als zu Beginn der Spielzeit. Die Gegner sind lediglich auf ihn eingestellt. Der Togolese bekommt gar nicht mehr die Chance sein Tempo wirklich einzusetzen und sich in die Situationen zu bringen, in denen er so stark ist. Zudem plagt er sich mit kleineren Verletzungen. In der Rückrunde vergab er unkonzentriert mehrere Großchancen – die wohl dramatischste gegen den HSV, als er freistehend und unbedrängt nur den Hamburger Torwart anschoss, obwohl er sich hätte aussuchen können, ob er die linke oder rechte Ecke nimmt oder den Torhüter umdribbelt.

Anhand dieser individuellen Analysen kann man sehen: Es hapert nicht an der Qualität der Spieler oder des Kaders. Zwar scheint es harsch André Breitenreiter für sein System zu kritisieren, hat es doch über weite Strecken der Saison hervorragend funktioniert. Jedoch fehlt momentan die Kreativität und der Spielwitz. Diese Qualitäten brachten 96 auf Schlagdistanz zu den Europa League Plätzen. Momentan muss man sich in die andere Richtung orientieren. Natürlich war auch oft Pech dabei, wie bei den unglücklichen Niederlagen gegen Dortmund, Gladbach und Wolfsburg, sowie dem Last-Minute-Unentschieden gegen den Hamburger SV. Doch darauf kann man keine Rücksicht nehmen. Am Ende zählen die Punkte.

Auch darf man den Einfluss des Fan-Boykotts nicht unterschätzen. Zwar räume ich diesem keine all zu große Bedeutung ein und sehe ihn nicht als wichtigen Faktor an, doch die Mannschaft wirkt trotzdem gehemmter als über weite Strecken der Saison, vor allem nach dem erneuten Einstellen der Unterstützung. Da dieser Konflikt aber nichts mit dem Team zu tun hat, kann man hier keine wirklichen Vorschläge machen oder Lösungsansätze finden.

Was es braucht ist Kreativität und der Mut etwas zu probieren. Gerade in der Offensive scheint dies momentan unabdingbar zu sein. Hannover hat einige Spieler im Kader, die genau dies können. Die Frage ist nur: Wie bringt man sie alle in der Startelf unter oder wie lässt Breitenreiter sein Team am besten auflaufen. Mein Vorschlag wäre das System gegen Leipzig auf ein 4-2-3-1 mit folgendem Personal umzustellen:

Tschauner – Korb, Anton, Sané, Ostrzolek – Schwegler, Fossum – Bebou, Karaman, Klaus – Jonathas

Durch die Verletzung Felipes ist der Platz in der Innenverteidigung wieder frei für Waldemar Anton. Die Entscheidung zwischen Miiko Albornoz und Matthias Ostrzolek ist keine leichte, beide haben ihre Qualitäten. Albornoz ist offensiv stärker, Ostrzoleks defensive Stabilität ist jedoch ebenfalls wichtig. In Anbetracht der starken Leipziger Offensive gehe ich hier mit dem defensiv Stärkeren.

Im defensiven Mittelfeld wird Pirmin Schwegler mit seiner Routine und seinem Spielverständnis benötigt. Dazu hat Iver Fossum seit dem Spiel in Berlin permanent seine hohe Veranlagung gezeigt und wäre als Deep Playing Playmaker zu sehen. Natürlich ist er auch defensiv eingebunden, doch vor allem sein Spielaufbau ist von Bedeutung um die offensive Flaute zu beenden. In dieser Hinsicht ist er einfach besser als ein Bakalorz.

Die offensive Dreierreihe könnte vor allem mit der zentralen Personalie überraschen. Viele Fans würden niemals einen Karaman für Füllkrug bringen. Doch in meinen Augen bringt Karaman etwas sehr Wichtiges mit: Unberechenbarkeit. Mit seiner starken Ballkontrolle, der Beidfüßigkeit und dem Zug zum Tor ist Karaman der richtige Mann für den Job. Zudem wird er auf seine Chance brennen und sich beweisen wollen. Auch kann er mit den beiden schnellen Außenspielern die Rollen tauschen und somit die defensiven Reihen der Leipziger durcheinanderbringen.

Mit Jonathas steht in der Spitze ein absoluter Bulle mit einem starken Torriecher. Er kann die Bälle halten und zu seinen 3 Hintermännern ablegen. Jeder von diesen hat bereits seine Qualitäten als Torschütze bewiesen, genau so jedoch als Vorbereiter. Jonathas ist heiß auf sein nächstes Tor und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er seine Großchance bekommt. Sobald diese da ist, bin ich mir sicher, wird er treffen.

Warum ich ihn lieber in der Startelf sehen würde als einen Füllkrug ist einfach zu erklären. Füllkrug ist der bessere Joker. Ihn von der Bank zu bringen könnte der Faktor sein, der die Spiele kippt und zu Gunsten von 96 entscheidet. Dazu sitzen mit Noah Joel Sarenren Bazee und Linton Maina zwei weitere hochveranlagte Talente auf der Bank, die mit ihrem Spielwitz und ihrer Frische und Unbeschwertheit weiterhelfen können.

Das Problem bei 96 liegt in der Offensive und dort in der Kreativität und Selbstverständlichkeit Tore zu erzielen. Sobald wieder ein, zwei erzielt werden, bin ich mir sicher, dass die Mannschaft von alleine in die Erfolgsspur zurückfindet. Und das hoffentlich bevor man sich im direkten Kampf um den Relegationsplatz wiederfindet. Am besten bereits gegen Leipzig. Traut euch, ihr könnt das!

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