Fast wie bei Stendel: Warum die HSV-Bosse mit der Titz-Entlassung eine Fehlentscheidung getroffen haben

Christian Titz mit ähnlichem Schicksal wie Daniel Stendel

Christian Titz: Einst Hoffnungsträger, jetzt gefeuert. Er teilt das Schicksal von 96-Trainer Daniel Stendel, der die Mannschaft von Hannover 96 erst wiederbelebte und dann vorzeitig gehen musste. Foto: Getty Images

Die Parallelen zur 96-Zweitligasaison sind beim Hamburger SV frappierend – mit einem feinen Unterschied, der den HSV am Ende den Wiederaufstieg kosten könnte. Denn die Titz-Entlassung kommt zu früh und ist den Spielern, anders als bei Daniel Stendel, kaum vermittelbar. 

Bis zuletzt hatte der Hamburger SV vergangene Saison gehofft, dem Abstieg zu entgehen. Doch während sich der HSV in den Vorjahren stets knapp rettete, war der Abstieg am Ende Realität.

Vor zwei Jahren, im Sommer 2016, musste auch Hannover 96 den bitteren Gang in die zweite Liga antreten. Es gibt drei erstaunliche Parallelen zu der Abstiegssaison des Hamburger SV.

  1. In der Abstiegssaison wechselten sowohl der Hamburger SV als auch Hannover 96 zu Beginn der Rückrunde ihre Trainer. Während beim Hamburger SV Bernd Hollerbach die Wende misslang (3 Punkte aus 7 Spielen), war es bei Hannover 96 Thomas Schaaf, der mit einer einmaligen Niederlagenserie zu Beginn der Rückrunde die Hoffnungen auf den Klassenerhalt zerstörte (10 Niederlagen in 11 Spielen).
  2. In der Winterpause der Abstiegssaison verpassten die Sportdirektoren die Chance, mit gezielten Neuverpflichtungen den Kader aufzuwerten. Während beim Hamburger SV Jens Todt und Heribert Bruchhagen in fahrlässige Passivität verfielen, verpflichteten Martin Bader und Christian Möckel bei Hannover 96 sechs Spieler (u.a. Hugo Almeida), von denen sich keiner im Abstiegskampf als nützlich erwies.
  3. Erst im März, zwei Monate vor dem Saisonende, wurden mit Christian Titz und Daniel Stendel neue Trainer verpflichtet, die mit begeisterndem Offensivfußball der Mannschaft und dem Umfeld neues Leben einhauchten. Ähnlich wie beim letzten Heimsieg des HSV gewann Stendels 96-Team gegen Borussia Mönchengladbach in einem denkwürdigen Heimspiel mit Kampfgeist und Siegeswillen. Doch beide Trainerentscheidungen kamen letztlich zu spät. Sowohl Titz als auch Stendel mussten mit ihren Mannschaften den Gang in die zweite Liga antreten.

Stendels Offensivfußball funktionierte in den letzten Erstliga-Spielen großartig, das gesamte Umfeld von Hannover 96 war euphorisiert. In den hannoverschen Tageszeitungen machte in der darauffolgenden Sommerpause sogar das (maßlos übertriebene) Schlagwort „FC Bayern der zweiten Liga“ die Runde. Wer solch überragenden Offensivfußball wie Stendels 96-Team spielt – so der einheitliche Tenor –, der wird doch die zweite Bundesliga ähnlich dominieren wie der Rekordmeister aus München die erste Liga. Das dachten sowohl Medien als auch Fans und wohl insgeheim auch die 96-Verantwortlichen.

Was für ein gewaltiger Irrtum.

In der zweiten Bundesliga weht ein anderer Wind. Zweitligateams wie Sandhausen und Aue versuchen gar nicht erst, spielerisch mit dem übermächtigen Erstliga-Absteiger mitzuhalten. Es ist gar nicht ihr Ziel, gegen den Favoriten zu gewinnen. Diese Mannschaften feiern ein 0:0 gegen den namhaften Absteiger wie einen Sieg. Dafür verbarrikadieren sie sich mit 11 Mann für 90 Minuten in der eigenen Hälfte. Spielerisch sind solche Bollwerke kaum zu knacken, es gelingt nur mit der Brechstange – oder eben gar nicht.

Daniel Stendels Offensivfußball stieß gegen solche Mannschaften schnell an seine Grenzen. Die Euphorie aus den letzten Bundesligaspieltagen war im harten Zweitligaalltag schnell erloschen. Nur zu gut ist den Hannover 96-Fans das 0:0 gegen Sandhausen vor der Winterpause in Erinnerung geblieben, welches die aufkeimende Trainerdiskussion während der Weihnachtswochen stark anheizte.

Mit denselben Problemen hatte zuletzt der Hamburger SV zu kämpfen. In den letzten 4 Spielen spielte Hamburg dreimal 0:0. An der Abwehr der Gegner bissen sich die Spieler von Christian Titz die Zähne aus. Es folgte, überraschend für viele Fans und Spieler, die Titz Entlassung: Der beliebte Trainer musste nach nur sieben Monaten seinen Hut nehmen.

Richtige Kombination aus Vertrauen und Druck

Mit den selben Problemen hatte Trainer Daniel Stendel ebenfalls in der Hinrunde zu kämpfen. Nach 10 Spieltagen hatte Stendel bereits drei Niederlagen kassiert: 0:2 gegen Dresden, 0:2 gegen Nürnberg, 1:2 gegen Union Berlin. Doch im Gegensatz zu den HSV-Chefs, die Titz nach 10 Spieltagen nun entlassen haben, stärkte Martin Kind dem Publikumsliebling Daniel Stendel den Rücken. Jedoch erhöhte er gleichzeitig den Druck. Diese Kombination aus Vertrauen und hohem Druck zahlte sich aus: Bis Anfang Februar verlor Stendels Team kein einziges Spiel mehr, holte aus den nächsten neun Pflichtspielen sechs Siege und drei Unentschieden.

Erst am Ende der Saison, am 26. Spieltag, als die Harmonie zwischen Stendel und der Mannschaft Risse bekam und die Bild-Zeitung mit grenzwertigen Methoden Daniel Stendel unter Beschuss nahm, zog der 96-Präsident die Reißleine, entließ Stendel und holte André Breitenreiter. Es war gewissermaßen die Trumpfkarte, die Martin Kind ausspielte. Der letzte Joker, den sich der 96-Präsident bis zum Ende aufbehalten hatte. Und auch wenn die Art und Weise der Trennung von Stendel mehr als unschön war, so war sie sportlich zum Zeitpunkt des 26. Spieltags konsequent und richtig. Anders die Titz-Entlassung: Während die 96-Spieler nicht mehr das beste Verhältnis zu ihrem Trainer Daniel Stendel hatten (wenngleich die öffentlich loyal waren und keinesfalls gegen den Trainer gespielt haben!), ist die Titz-Entlassung den HSV-Spielern um Aaron Hunt und Fiete Arp nicht vermittelbar.

Diese Trumpfkarte, den Trainerwechsel-Joker, der den Spielern normalerweise einen kurzfristigen Schub bringt, haben die Bosse des Hamburger SV nun schon nach 10 Partien mit der Titz-Entlassung gespielt.

Sehr früh. Wahrscheinlich zu früh.

Denn der kurzfristig positive Effekt eines Trainerwechsels nutzt sich meistens nach wenigen Spielen schnell wieder ab, hat der Hamburger Sportpsychologe Olaf Kortmann in einem Gespräch mit der WELT analysiert. Nach einem kurzen Hoch fällt das Team wieder auf das Ausgangsniveau zurück, das die Mannschaft vor dem Trainerwechsel hatte.

Mit dem Wechsel von Stendel zu Breitenreiter am 26. Spieltag hatte Hannover 96 in der Endphase des Aufstiegskampf den positiven Schub bekommen, der am Ende den Ausschlag gab. Ob beim Hamburger SV dieser positive Effekt vom 10. bis zum 34. Spieltag anhält, ist hingegen unwahrscheinlich. Es scheint, dass HSV-Boss Hoffmann die Trainerwechsel-Jokerkarte mit der Titz-Entlassung nach dem 10. Spieltag zu früh gezogen hat.

1 Kommentar

  1. Hallo,

    Ich finde das nimmt irgendwie Züge an die nicht mehr zu ertragen sind.

    Eigentlich bringt ein Trainer eine gute Leistung, es läuft mal zwei Spiele nicht ganz so gut – warum auch immer – und schon kann er gehen. Das kann doch nicht der Ernst der Vereine sein. 

    Gleiches war bei 96 in Liga Zwei unter Stendel. Ich bin selbst Hannoveraner und konnte die Entscheidung nicht nachvollziehen. Breitenreiter ist ein guter Trainer, aber 96 hätte es auch mit Stendel in die Bundesliga geschafft!

    Wann nimmt dieser Wahnsinn im Trainergeschäft endlich ein Ende? Vereine wie Freiburg zeigen doch, dass es auch anders geht!?!?

    LG

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