Ewald Lienen kritisiert DFB-Sportpolitik: „Da krieg ich Pickel!“

Ewald Lienen: "Fußball inzwischen so sehr vermarktet, dass man Fans verliert."

Ewald Lienen kritisiert den Leistungsdruck für Kinder im Vereinsfußball und befürchtet, dass der Fußball seine Fans verliert. Foto: Getty Images

Hannovers Ex-Trainer und St. Paulis technischer Direktor Ewald Lienen  hielt am vergangenen Dienstag ein brennendes Plädoyer für den Erhalt der 50+1-Regel. „Wenn wir 50+1 fallen lassen, geben wir den Fußball aus der Hand!“, äußerte Lienen während seines Gastvortrages auf einer Informationsveranstaltung der Interessengemeinschaft Pro Verein 1896 im Congresscentrum Wienecke XI. Doch auch dem DFB, Schulen und der Politik spricht er eine besondere Verantwortung zu. Von Patrick Schiller

„Der Verein als Kernstück des modernen Profifußballs und seine gesellschaftliche Bedeutung“ lautete der Titel von Ewald Lienens Gastvortrag. „Wir sind dabei, den Profifußball zu überhöhen. Auch ohne Profifußball würden wir morgen alle wieder aufstehen. Die aktuelle Entwicklung ist gefährlich“, urteilte Lienen zur weltweiten Entwicklung des Sports. Der sportpolitisch als sehr aktiv geltende Ex-96-Trainer (2004-2005) ist bekennender Verfechter von 50+1. Die Regel besagt, dass die Stimmmehrheit bei ausgegliederten Profisparten weiterhin bei den Vereinen liegen muss. In seiner Gastrede auf der Informationsveranstaltung von Pro Verein 1896 verdeutlichte er seinen Standpunkt.

Ewald Lienen zur Markennutzung: „Zwei Millionen Euro sind für die doch Peanuts!“

Für ihn handele es sich bei dem Streit innerhalb von Hannover 96 e.V. um „eine Konfrontation, die dringend ausgetragen werden muss.“ Er könne sich aus persönlichen Gründen auf keine Seite schlagen, doch machte deutlich: „Die Basis ist der Hauptverein. Den muss man unterstützen. Warum nicht mit ein bis zwei Millionen Euro im Jahr. Das sind für die doch Peanuts!“ Lienen bezog sich damit auf die vorangegangene Vorstellung eines Informationsfilms von Pro Verein 1896. Darin wurde das neben dem undurchsichtigen Konstrukt bei Hannover 96 auch das Modell der Frankfurter Eintracht dargestellt. Dort erhält der Stammverein jährlich einen einstelligen Millionenbetrag für die Nutzung der Marke „Eintracht Frankfurt“ durch die Spielbetriebsgesellschaft. Die Nutzung der Rechte gilt als eines der Kernthemen von Pro Verein 1896. Die Markenrechte liegen seit 1998 bei der Hannover 96 Sales & Service GmbH & Co. KG, nachdem sie 1998 für 2,7 Millionen DM veräußert wurden. Ein Rückkaufrecht, wie eigentlich von 96-Präsident Kind dargestellt, gibt es nicht. Pro Verein 1896 kritisiert, dass dem Sportverein dadurch hohe zweistellige Millionenbeträge entgehen würden.

Ewald Lienen: Bei Spielen von 7-jährigen Kindern benehmen sich Eltern und Trainer daneben

Lienen äußerte, dass nach der öffentlichen Bekanntgabe seines Gastvortrages bei Pro Verein 1896 seine „Telefone Sturm gelaufen“ seien. Lienens Position ist in Fußball-Deutschland hinlänglich bekannt. Er habe sich stets mit dem Thema Sportvereine beschäftigt und meine damit nicht bloß den Spitzensport. Die Politik käme ihrer Verantwortung gegenüber dem Sport und damit den Kindern und Jugendlichen nicht nach: „Wir tun zu wenig, um Kinder zu erreichen und sie zu einem lebenslangen Sporttreiben zu motivieren!“ Besonders vermisse er in Deutschland eine Art Sportministerium: „Das läuft im Innenministerium. Aber ein Heimatministerium – solchen Leuten möchte ich das Thema nicht überlassen!“, und schickte damit auch vergiftete Pfeile in Richtung CSU-Parteichef Horst Seehofer.

Generell kritisierte Lienen, wie die politischen Akteure die Sportvereine vernachlässigen. Zu oft würden sich Spitzenpolitiker nur bei Top Events zeigen. Dabei seien es besonders „Schulen, Kindergärten und Vereine“, die den Kindern den Einstieg in das öffentliche Leben ermöglichen und damit die Verantwortung hätten, Werte zu vermitteln. Stattdessen würde Institutionen wie der DFB einen falschen Ehrgeiz verbreiten: „7-Jährige müssen in Ligen gegeneinander spielen. Und am Rand pochen Eltern und Trainer mit einem unglaublichen Biss auf Siege. Da kriege ich Pickel!“, wetterte Lienen bei seiner Kritik.

Ewald Lienen zum DFB: Leistungskonzept schadet Persönlichkeit von jungen Spielern

Der DFB habe es versäumt, nach dem WM-Triumph 2014 einen frühzeitigen Umbruch einzuleiten. Man habe abgewartet, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Er führte als positives Beispiel das englische Jugendkonzept an. Dort würden die Teams bis zur U18 nur Freundschaftsspiele und Turniere spielen. Das Leistungskonzept in Deutschland sei dagegen völlig unangebracht: „Fußball ist Spaß. Das kann nur in den Vereinen und nicht in irgendwelchen Internaten ohne die Eltern passieren!“. Somit seien die Vereine für die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen und für das gesellschaftliche Leben generell wichtig. Für Lienen ergäbe sich dadurch eine Verantwortung, die Schulen nicht einfach von sich weisen dürften. Sie müssten den Sport deutlich mehr fördern: „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“.

Ewald Lienen: Extreme Vermarktung lässt Fans abhanden kommen

Ob sich große Investoren auch tatsächlich noch um die Stammvereine kümmern würden, bezweifelt Lienen. So sei die WM-Vergabe an Katar eine Perversion des Sportgedankens, das teilweise sehr angesehene  Engagement bei Paris SaintGermain eher „Greenwashing“ denn tatsächliche Förderung des Vereins. Man habe „den Fußball inzwischen so sehr vermarktet, dass man Fans verliert“, erklärte Lienen und bezieht sich auf die unübersichtliche Vergabe von TV-Rechten und Spielergehältern. „Man hat auch eine soziale Verantwortung. Für mich gibt es keinen anderen Weg als unsere Vereine zu erhalten. Aus vielerlei Gründen, aber auch, um unseren Kindern und Jugendlichen einen Ort mit Werten zu bieten.“, befand Lienen.

Stattdessen würden nun in Hannover Dinge entschieden, die „hätten wir bei St. Pauli niemals machen können. Da hätten unsere die Mitglieder Pickel gekriegt und wären weggerannt. Aber die Leute sind sich halt klar darüber, was einen Verein ausmacht.“

Zum Ende seines rund 50-minütigen emotionalen Rede erntete Lienen stehende Ovationen und tosenden Applaus. Zum Dank gab es für „Zettel-Ewald“ Premium-Dominosteine, Rotwein und einen Antrag auf Mitgliedschaft bei Hannover 96, sowie einen Antrag auf eine außerordentliche Mitgliederversammlung. Er wünsche den Mitgliedern von Hannover 96, die Traumatisierung rund um missachtete Abstimmungsrechte und fehlendes Mitspracherecht überwinden zu können.

Das war ein Beitrag von Patrick Schiller.

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1 Kommentar

  1. Herr Lienen ich schätze Sie als Trainer aber sonst leben Sie im Jahr 1970! Ein Verein wie  Hannover 96 ist ein Wirtschafts unternehmen ,wo mit Fußball Geld erwirtschaftet wird. In Pauli wäre sowas nicht passiert sagen Sie,man sieht wo der Gute Verein spielt.Wollen wir in ein oder 2jahren international Spielen ,braucht man Geld,also Geldgeber und Sponsoren,damit der Fan erträgliche Eintrittspreise erhält.Sie haben Recht das der Verein mit entscheidungen treffen muß. Ich habe vor einigen Wochen geschrieben das sich beide Parteien zusammen setzen müssen und eine für beide Seiten ordentliche Vereinbarung treffen müssen,wir brauchen für und gegen,alles für 96!!

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