Die erstaunliche Diskussion über Zieler: Warum die Torwartposition die kleinste Baustelle bei Hannover 96 ist. Ein Kommentar

HAZ: "Die sportliche Leitung will eine neue Nummer eins holen."

Ron-Robert Zieler soll laut der "HAZ" als Nummer 1 im Tor von Hannover 96 abgelöst werden. Foto: Getty Images

Die Personalie Ron-Robert Zieler ist plötzlich zu einer zentralen öffentlichen Diskussion im Umfeld von Hannover 96 geworden. Wie viel Wahrheit und wie viel mediale Zuspitzung in dieser Diskussion steckt, ist für Außenstehende nicht leicht auszumachen – ein genauer Blick lohnt sich dennoch. Inhaltlich ist die Diskussion allerdings unnötig, denn sie lenkt von den eigentlichen Großbaustellen bei Hannover 96 ab. Eine Einordnung.

Vergangene Woche schien es, als hätte der hannoversche Boulevard aus der sprichwörtlichen Mücke einen Elefanten gemacht. „Kocak: Kritik an 96-Weltmeister Zieler“, lautete die aufmerksamkeitsstarke „Bild“-Titelzeile, die beim genauen Studieren des Textes aber nicht das halten konnte, was sie versprach. Denn im Text selbst fand sich gar keine direkte Aussage von Kocak zu Zieler. Das Kocak-Zitat, auf dem die Überschrift beruhte, lautete bloß: „Wir lassen nicht viele Chancen zu. Aber die Bälle, die kommen sind halt drin…“. Inwieweit dieses harmlose, eher beiläufige Zitat wirklich als „Kritik an 96-Weltmeister Zieler“ verstanden werden sollte – Interpretationssache. Den Namen „Zieler“ nahm Kocak jedenfalls nicht in den Mund, er sprach nicht mal explizit die Torhüterposition an. Seine Feststellung „Darmstadt macht mit zwei Schüssen zwei Tore und gewinnt das Spiel dann mit einem Standard“ ließ sich wohl eher als Kritik an der gesamten 96-Hintermannschaft verstehen.

Zielers Name fiel bei Kocak jedenfalls nicht – auch wenn die Überschrift dies suggerierte.

Man hatte als Außenstehender den Eindruck, dass hier etwas heißer gekocht wurde, als es tatsächlich war – zumal die „Bild“ ein paar Tage später selbst zurückruderte und nun titelte: „Nur im Tor ist alles klar.“ Also offenbar viel Aufregung um nichts.

Madsacks Medien legen sich fest: Zieler steht zur Disposition

Insofern überraschte es sehr, dass die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ in ihrer gestrigen Print-Ausgabe mit der Schlagzeile „Zieler auf dem 96-Prüfstand“ aufmachte. Der „Sportbuzzer“ ging sogar noch eine Nummer weiter und legte sich in der Überschrift fest: „Hannover 96 will eine neue Nummer eins: Was passiert jetzt mit Ron-Robert Zieler?“. Interessant ist, dass diese „Sportbuzzer“-Überschrift gar keinen Interpretationsspielraum mehr lässt. Während die HAZ-Schlagzeile „auf dem Prüfstand“ ja nur impliziert, dass bei den 96-Verantwortlichen über Zielers Leistungen ergebnisoffen diskutiert wird, aber eben noch nicht final entschieden wurde, wie es auf der Torhüterposition nun weiter geht (schließlich wird ja noch „geprüft“), drückt die Sportbuzzer-Überschrift mit erstaunlicher Eindeutigkeit aus: Zuber und Kocak haben sich bereits entscheiden, sie wollen einen anderen Stammtorhüter.

Im Artikel selbst benutzte dann aber auch die HAZ eine Formulierung, die quasi keinen Interpretationsspielraum mehr zulässt: „Zielers Leistungen werden als nicht ausreichend beurteilt, um aufsteigen zu können. Die sportliche Leitung will eine neue Nummer eins holen.“ (HAZ, Print-Ausgabe vom 24.06.2020, Seite 16)

Die hundertprozentige Gewissheit, mit der Madsacks „Sportbuzzer“ die Überschrift „Hannover 96 will eine neue Nummer eins“ veröffentlicht und auch die HAZ in ihrem Artikel über Zielers Zukunft spricht, lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Es muss ein sogenanntes Hintergrundgespräch zwischen Madsack-Journalisten und 96-Verantwortlichen gegeben haben.

Hintergrundgespräche: Ein bewährtes Mittel im Journalismus, um an Informationen zu gelangen

Diese Hintergrundgespräche sind keinesfalls etwas unübliches, sondern Gang und Gäbe – zum Beispiel im Berliner Politikbetrieb. Beide Seiten profitieren von diesen Hintergrundgesprächen: Die Journalisten, weil sie an exklusive Informationen gelangen und mit hoher Treffsicherheit eine aufmerksamkeitsstarke Titelschlagzeile veröffentlichen können. Und die Informanten, weil sie ein Thema in den Medien platzieren können, das ihnen wichtig ist, ohne dabei wörtlich zitiert zu werden.

Erfahrene Journalisten veröffentlichen in der Regel nur Infos aus Hintergrundgesprächen mit Informanten, die sie seit langem kennen und denen sie vertrauen. Denn wenn sich Informationen aus einem Hintergrundgespräch im Nachhinein als falsch erweisen und trotzdem zuvor in der Zeitung veröffentlicht wurden, würde das natürlich ein schlechtes Licht auf die Arbeit des Redakteurs werfen. Dem will man als gestandener Redakteur verständlicherweise vorbeugen. Insofern verlässt sich der Journalist normalerweise nur auf Informanten, die er gut kennt und die mit hoher Regelmäßigkeit korrekte Informationen liefern. Bei besonders brisanten Hintergrundinfos würde ein erfahrener Redakteur zudem in einem zweitem Hintergrundgespräch mit einer weiteren Person versuchen zu überprüfen, inwieweit die brisanten Infos wirklich wahrheitsgetreu sind.

Die HAZ im Artikel „Zieler auf dem 96-Prüfstand“ (Print-Ausgabe vom 24.06.2020): „Zielers Leistungen werden als nicht ausreichend beurteilt, um aufsteigen zu können. Die sportliche Leitung will eine neue Nummer eins holen.“

Kurzum: Bei der Gewissheit, mit der HAZ und „Sportbuzzer“ über die Sichtweise des 96-Managements auf Zieler schreiben, ist davon auszugehen, dass es mindestens ein Hintergrundgespräch mit einer sehr vertrauenswürdigen Quelle gab.

Vorausgesetzt, die Informationen von Madsack sind korrekt (und darauf deutet bei solch einer mit Gewissheit formulierten Überschrift alles hin), stellt sich natürlich die Frage: Was heißt das für Hannover 96?

Viele Baustellen bei Hannover 96 – die Torhüterposition ist die kleinste. Foto: Getty Images

Eine komplett überflüssige Baustelle

Meine Meinung: Hannover 96 eröffnet sich mit der Zieler-Diskussion eine Baustelle, die für viel Aufregung im Umfeld sorgt – und die eigentlich keine Priorität hat. Denn dringende Baustellen gibt es reichlich – und zwar auf nahezu jeder Position:

Im Sturm (auslaufender Vertrag von Weydandt, auslaufende Leihen von Teuchert und von Guidetti),

im Mittelfeld (Handlungsbedarf auf den offensiven Außen – erst recht, wenn Maina gehen sollte),

in der Außenverteidigung (die Verträge aller (!) Außenverteidiger – Jung, Korb, Horn, Albornoz, Ostrzolek – laufen Ende Juni aus),

in der Innenverteidigung (nur Hübers und Franke spielten zuletzt ordentlich, wenn auch nicht immer gut (Stichwort Eckenverteidung), zudem haben beide eine längere Verletzungshistorie).

Baustellen gibt es also eigentlich genug. Genau genommen überall. Nur nicht im Tor.

Trotzdem wird nun offenbar ein neuer Torhüter gesucht. Ob hier die Prioritäten von Hannovers sportlicher Leitung richtig gesetzt werden, darf zumindest bezweifelt werden.

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3 Kommentare

  1. Diesem Kommentar ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Eine völlig unnötige Baustelle die jetzt eröffnet wird. 

    Wir haben weiß Gott genug andere Probleme. Auch die Überlegungen Maina zu verkaufen, ist so überflüssig wie ein Kropf. Super finde ich auch, alle Linksverteidiger gehen zu lassen. Ja, warum nicht. Es warten bestimmt schon Hunderte super Linksverteidiger darauf, diese freien Stellen zu besetzen. 

    Wenn ich mir die letzten Jahre so ansehe, da wollen bestimmt ganz viele gute Spieler für die Roten spielen. Natürlich ist das alles purer Sarkasmus. 

    Ich bin ja echt gespannt wie ein Flitzebogen, mit welcher Mannschaft Hannover, in der nächsten Saison um den Aufstieg mitspielen will.

    Zur Erinnerung, Herr Kind hat vor dieser Saison klar gemacht, dass der Aufstieg in zwei Jahren geschafft werden muss.  

    Wenn aber ein totaler Umbruch für die neue Saison vorgenommen werden soll, dann habe ich, trotz meiner Positiven Grundeinstellung, echte Zweifel, ob wir eine so starke Mannschaft zusammen bekommen.

    Na gut, warten wir es einfach ab, und hoffen auf das Beste. Nur eins vorweg, lasst das " Tafelsilber " , dort wo es ist. Nämlich bei 96.

    In diesem Sinne, auf einen schönen Sieg gegen Bochum. 

    Viele 96 Grüße, euer Harry96               Niemals allein.

  2. Da muß ich widersprechen. Zieler war mal gut, ist aber jetzt ein absolutes Sicherheitsrisiko. Ein Torwächter sollte seine Abwehr stärken und sicher machen. Das kann er nicht und rennt wie ein hilfloses Huhn herum. Esser war besser … und Zieler zurückzuholen, war Slomkas Verdienst. Zieler muss weg und zwar ganz schnell!

  3. Als Zieler letztes Jahr zurück geholt wurde, und ein super Torwart Esser, völlig Grundlos zur Nr. 2 gemacht wurde, fand ich das völlig daneben. Das muss ich , auch als Slomka Befürworter, Slomka vorwerfen. Das war eine völlig unnötige Personal Entscheidung. Mir wäre es auch lieber gewesen, wir hätten Esser noch bei uns. Trotzdem, wir habe echt ganz andere Baustellen.

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