Bei geplantem Umbruch: Was passiert mit Bakalorz und Co?

An den Ligabetrieb ist dieser Tage nicht zu denken, das Corona-Virus blockiert (zu Recht) unser‘ aller Leidenschaft. Die beteiligten Akteure machen aktuell abseits des Platzes auf sich aufmerksam. Mit Spenden in Millionenhöhe möchte man den stark in Mitleidenschaft gezogenen Familien, den Unternehmen und den Gesundheits-Einrichtungen durch die Krise helfen. Auch wenn der Volkssport Fußball zurzeit eine absolute Nebensache ist, irgendwann wird auch hier der Betrieb wieder aufgenommen. Die Frage nach der Beendigung der aktuellen Spielzeit ist nach wie vor ungeklärt, daher richten viele Teams ihre Aufmerksamkeit bereits auf die kommende Saison. So auch Hannover 96 in Person von Gerhard Zuber. Viele Verträge laufen aus, Klauseln müssen gezogen bzw. missachtet werden. Martin Kind hat (mal wieder) einen großen Umbruch angekündigt, schließlich soll in der neuen Saison definitiv der Aufstieg her. In unserem Dreiteiler beschäftigen wir uns mit den Spielerreihen im 96-Team und den möglichen Veränderungen. Heute widmen wir uns dem Mittelfeld.

Die Leistungen der Mittelfeldakteure stehen symptomatisch für die bisherige 96-Saison. Lange Zeit war keine Einheit zu erkennen, die individuellen Spielideen waren nicht aufeinander angepasst und die Profis standen sich gegenseitig im Weg. Mit Beginn der Rückrunde haben sich die taktischen Vorgaben von Kenan Kocak etabliert, die Dominanz im Zentrum des Spielgeschehens wurde stetig größer. Die beiden Siege aus den letzten zwei Duellen hat man maßgeblich Marvin Bakalorz und Co. zu verdanken. Auffällig ist auch die Verbesserung in der Defensivarbeit. In der Rückserie kassierte man durchschnittlich „nur“ noch 1,125 Gegentreffer pro Partie – die Rückwärtsbewegung und das Engagement haben sich deutlich verbessert. Trotz des positiven Trends wird auch das Mittelfeld nicht vom Umbruch verschont bleiben, immerhin stehen hier gleich neun Spieler unter Vertrag (wir sehen Genki Haraguchi und Philip Ochs als linke Mittelfeldspieler an, nicht als Flügelstürmer (s. Transfermarkt.de)).

Eine Auslese im zentralen Mittelfeld fällt schwer…

Trotz des dürftigen Tabellenplatzes gibt es mehrere Leistungsträger im 96-Team. Die Personalie Waldemar Anton haben wir bereits in unseren ersten Teil erwähnt, es zeichnet sich jedoch ab, dass er in der kommenden Spielzeit vermehrt als Mittelfeldspieler agieren wird. Hier überzeugte der 23-Jährige mit starken Leistungen, gegen Nürnberg bildete er mit Dominik Kaiser die Doppelsechs. Anton brillierte unter anderem mit einer Passquote von 86 Prozent, auch seine Zweikampfquote (aktuell 68 Prozent) wird konstant besser. Außerdem fiel in den letzten Monaten sein überdurchschnittliches Engagement auf dem Platz auf. Er arbeitete unermüdlich und war sowohl im Angriffsspiel als auch im Defensivspiel fleißig eingebunden. Sein Vertrag läuft noch bis zum 30.06.2021, die Verantwortlichen wollen ihn mit allen Mitteln halten.

Auch an Dominik Kaiser bestehen keine Zweifel. Der Winterneuzugang erweist sich als wahres Schnäppchen (die Ablöse betrug nur 400 Tsd. Euro), seit seinem Transfer kam er in sieben Spielen zum Einsatz (eine Vorlage). Das Vertrauen in den 31-Jährigen ist groß, zweimal durfte er die Truppe bereits als Kapitän aufs Feld führen. Im zentralen Mittelfeld hat er sich schleichend einen Stammplatz ergattert. Vom Zweikampfverhalten her ist er zwar deutlich schwächer als Anton (61 Prozent gewonnene Zweikämpfe bei durchschnittlich 13,56 Zweikämpfen pro Partie), sein Stellungsspiel macht diese kleine Schwachstelle jedoch wett. Durchschnittlich unterbindet er 3,45 Konter pro Spiel, hinzu kommen 6,75 wichtige Balleroberungen pro 90 Minuten. Für eine Sechser ist Kaiser sehr offensiv ausgerichtet. Pro Partie gelingen ihm 0,54 progressive bzw. dynamische Läufe, außerdem kann er durchschnittlich 1,62 Abschlüsse verzeichnen. Kaiser wird in der kommenden Spielzeit ein zentraler Pfeiler des 96-Mittelfelds sein.

Dominik Kaiser kommt immer besser in Fahrt und hat sich einen Stammplatz ergattert

Marvin Bakalorz hat den Transfer von Kaiser am deutlichsten zu spüren bekommen. Der etatmäßige Kapitän hat die unangefochtene Startelfgarantie verloren, nichtsdestotrotz kommt er auf 17 Einsätze. Gegen Nürnberg wurde er das erste Mal seit 14 Spieltagen absichtlich (Baka verpasste drei Spiele aufgrund von Blessuren) vernachlässigt, das positive Endergebnis (3:0) spricht nicht wirklich für den 30-Jährigen.  Im Vorfeld dieser Spielzeit verlängerte er seinen Vertrag bis 2022 und schlug lukrativere Angebote aus, nun muss er konstante Leistungen abliefern. Statistisch gesehen ist Bakalorz der schwächste zentrale Mittelfeldspieler. Er gewinnt durchschnittlich nur 58,3 Prozent seiner Zweikämpfe, außerdem unterlaufen ihm 9,09 Ballverluste pro Spiel. Seine Passgenauigkeit liegt bei 77,8 Prozent, ebenfalls kein herausragender Wert. Auch im Angriffsspiel zieht Baka den Kürzeren. Durchschnittlich gelingen ihm 0,92 Abschlüsse pro Duell, die Genauigkeit seiner Flanken lässt zu wünschen übrig (29,3 Prozent, bei Kaiser liegt diese bei 34,7 Prozent). Marvin Bakalorz hat zweifelsohne das Potenzial zum Stammspieler und Teamleader, er wird sich jedoch mächtig ins Zeug legen müssen. Es gibt einen offenen Kampf um die zwei Sechser-Positionen, der Kapitän hat die schlechteste Ausgangslage. Die Vereinsführung darf jedoch nicht die Kämpfermentalität vergessen. Er kann das Team mit seinem Charakter pushen, ein entscheidender Faktor für die letzten Züge eines jenen Pflichtspiels. Bei den Anhängern hat der gebürtige Offenbacher ein sensationelles Standing, allein aus diesem Grund wäre die Trennung von Marvin Bakalorz ein riesiger Fehler! Gleiches gilt im Übrigen für Edgar Prib. Statistisch sind die beiden Profis gleichauf, Prib gelang lediglich eine Vorlage mehr. Auch Eddy ist eine Identifikationsfigur, ein Verbleib ist Pflicht!

Der vierte zentrale Mittelfeldakteur ist Marc Stendera. Der 24-Jährige hat die Station Hannover 96 als seine zweite Chance angesehen – diese hat er genutzt. In 14 Spielen gelangen ihm 3 Vorlagen (plus sein nicht gegebenes Traumtor gegen Darmstadt). Charakterlich bringt der Ex-Frankfurter die gleichen Qualitäten mit wie Marvin Bakalorz. Stendera ist ein wahrer Antreiber und will das Spielgeschehen von der ersten Sekunde an kontrollieren. Trotz der kurzen Zeit im Team von 96 traut er sich seine Mitspieler in die Mangel zu nehmen. Doch auch mit Kritik an seiner eigenen Person kann er gut umgehen. Die Statistiken bestätigen das Aufstreben seiner Person: Seine Passquote liegt mittlerweile bei konstanten 80 Prozent und auch die Zweikampfwerte werden immer besser (auch wenn die Quote derzeit bei nur 56,5 Prozent liegt). Seine Schnelligkeit und die Dribbelstärke (57 prozentige Erfolgsquote) qualifizieren ihn für einen Einsatz als Zehner. Durchschnittlich schließt er 1,75 Mal pro Partie ab und startet 0,75 progressive Läufe. Damit ist er einer der wichtigsten Zuarbeiter für die Stürmer. Der ehemalige U21-Nationalspieler ist nur bis zum 30.06.2020 an Hannover 96 gebunden, eine zeitnahe Verlängerung ist das Ziel.

Die Youngstars…

Die Youngstars im Mittelfeld der Roten müssen derweil zittern. Niklas Tarnat (21) und Justin Neiß (19) kamen bei den Profis noch nicht zum Zug. Zusammen konnten sie zwar 29 Einsätze bei der Reserve verzeichnen, der erhoffte Durchbruch blieb aber aus. Im letzten Sommer sorgte Mirko Slomka für die Beförderungen, seither wurde sie komplett fallengelassen. Der Unmut seitens der Spieler ist groß und auch der Verein hat sich sichtlich mehr erhofft. Ein Leihgeschäft könnte der nächste Schritt Richtung Profidasein bei den Niedersachsen sein.
Ein Leihgeschäft oder gar einen Verkauf hat auch Florent Muslija zu befürchten. Der 21-Jährige galt als großer Hoffnungsträger, bei seinen 16 Einsätzen (1 Tor) lief er seiner eigenen Form oft hinterher. Sein Tempospiel mündete zu oft in Ballverlusten und auch im Spielaufbau scheint er gedanklich langsamer zu schalten als seine Kollegen. Seine Fehlpassquote liegt bei 33 Prozent, Flanken sind ebenfalls kein effizientes Mittel (80,7 Prozent der hohen Hereingaben werden vom Gegner abgefangen). In direkten Duellen will Muslija oft zu viel und verrennt sich in den gegnerischen Reihen (Zweikampfquote von 46 Prozent). 76 Prozent der durchschnittlichen 10,91 Ballverluste unterlaufen während des Aufbauspiels. Der kosovarische Nationalspieler hat noch einen Vertrag bis zum Sommer 2022, zuletzt baute Kocak nicht auf Muslija. Von den letzten möglichen 630 Spielminuten stand er nur eine einzige auf dem Platz. Für den Durchbruch bei Hannover ist es nicht zu spät, ein Leihgeschäft würde seiner persönlichen Entwicklung guttun. Angesichts der angespannten finanziellen Lage wäre ein Transfer ebenso nachvollziehbar.

Der lange Weg nach oben…

Es läuft im 96-Dress. Haraguchi hat sich zur Identifikationsfigur entwickelt

Einen erstaunlichen Wandel hat Genki Haraguchi durchlebt. Der Japaner steht bereits seit zwei Jahren bei 96 unter Vertrag, den wirklichen Durchbruch gab es erst jetzt. In 23 Spielen gelangen ihm vier Treffer und eine Vorlage, der 28-Jährige zählt somit zu den besten Scorern von Hannover 96. Trainer Kocak baut auf den Nationalspieler – und dieser zahlt das Vertrauen mit guten Leistungen zurück. Die große Waffe ist seine Flexibilität. Haraguchi switcht zwischen offensiven Mittelfeld und linken Mittelfeld hin und her, seine Stärken kommen auf beiden Positionen zur Geltung. Die Passquote von Haraguchi ist gut (79,8 Prozent), besondere Beachtung verdienen jedoch seine langen Bälle in die Tiefe. In 60 Prozent der Fälle kommen diese beim Mitspieler an, der beste Wert aller 96-Spieler. Darüber hinaus sucht er die Zweikämpfe mit seinen Gegenspielern und erarbeitet sich durch seine Dribblings (Erfolgsquote von 55 Prozent) den nötigen Raum. Durchschnittlich gelingen ihm 0,64 gefährliche Steilpässe pro Spiel, die Pässe in das letzte Dritte haben eine 69 prozentige Genauigkeit. Seine Mitspieler wissen ob seiner offensiven Stärken, mit 19,91 Zuspielen zählt er zu den gefragtesten Anspielpartnern im Angriffsspiel. Ein Wechsel von Haraguchi ist ausgeschlossen.

Für eine finale Bewertung von Philipp Ochs ist es noch zu früh, der ehemalige Hoffenheimer hat sein Talent aber schon unter Beweis gestellt. In seinen ersten 100 Minuten im 96-Dress gelang ihm direkt ein Treffer. Ochs wurde in den drei Spielen jeweils im offensiven Mittelfeld eingesetzt, allen voran von seiner offensiven Zweikampfführung werden die Roten profitieren. Auch Ochs hat ein großes Kämpferherz, immerhin fiel er knapp vier Monate aufgrund einer Sprunggelenkverletzung aus. Das Comeback bei Hannover 96 verdient große Anerkennung. Auf ihn wird man in Zukunft bauen können.

 

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