»Als ich auflegte«, sagt Sven Ulreich, »hatte ich Gänsehaut.« Robert Enke war am Telefon.

Robert Enke war von 2004 bis 2009 Torhüter bei Hannover 96. Foto: Getty Images
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Die Biografie gibt es auch als E-Book unter: www.piper.de/buecher/robert-enke

Als der junge Sven Ulreich ein unglückliches Spiel macht, wird er von seinem Trainer Armin Veh öffentlich gedemütigt. Das macht den Nationaltorhüter Robert Enke so wütend, dass er den Fernseher anschreit – und den 19-jährigen Nachwuchskeeper Ulreich anruft, um ihm zu helfen.

In diesen Tagen veröffentlichen wir mehrere Auszüge aus der Biografie Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben von Ronald Reng (erschienen beim Piper Verlag) auf 96Freunde.de, um an das Leben von Robert Enke zu erinnern: 

Obwohl zu den Spielen von Hannover 96 unverändert drei­ßig- bis vierzigtausend Zuschauer kamen, spürte er auf einmal viel mehr Blicke auf sich lasten. Das Land wollte sehen, ob er wirklich für die Nationalelf taugte. Die Europameisterschaft 2008 rückte näher, und die Frage nach den richtigen Torhütern wurde zum Volksvergnügen. Konnte Jens Lehmann Deutschlands Num­mer eins bleiben, obwohl er in London beim FC Arse­nal seit Wochen auf der Ersatzbank saß? Musste statt Timo Hilde­brand und Robert Enke nicht zumindest einer der talentierten Jungen René Adler oder Manuel Neuer berufen werden? Endlos waren die Internetumfragen, Experteninterviews, Zeitungskampagnen, der Lobbyismus.

»Enke und wie sie alle heißen kann man vergessen«, sagte Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß, eher werde Bayerns Michael Rensing der nächste Nationaltorhüter. Darauf kam außer Hoeneß niemand. Also sagte sich Robert Enke, das sei viel Lärm um nichts, wichtig sei allein die sachliche Einschätzung der Bundestrainer. »Dass Hoeneß seinen Spieler puscht, das kann er machen, aber er sollte dabei auch den Anstand bewahren. Den hat er verloren«, antwortete er. Es klang souverän. Er dachte selbst, er sei darüber hinweg, sich von solchen Scharmützeln verrückt machen zu lassen. Er musste sich eingestehen, dass er sich geirrt hatte. Kritik wühlte ihn auf.

Hannovers Trainer Dieter Hecking kritisierte ihn ein einziges Mal öffentlich. In einem Testspiel gegen den Grasshopper Club Zürich war Robert Enke an einem Eckball vorbeigeflogen und bei einem Abstoß ausgerutscht. »Er war nicht so konzentriert, wie es vonnöten war«, sagte Hecking den Sportreportern. Es war nur ein Testspiel, es war nur ein dahingesagter Satz des Trainers, es war zwei Tage später vergessen. Nur Robert Enke redete noch drei Wochen später davon, seine Hand verkrampfte sich vor Zorn am Lenkrad. Wie kam Hecking darauf, dass er unkonzentriert gewesen war, wie kam er dazu, ihn öffentlich anzuprangern?

Im April 2008, noch zwei Monate bis zur Europameisterschaft, gewann Hannover 2:1 gegen Eintracht Frankfurt. Robert Enke sah sich zu Hause im Wohnzimmer die Zusammenfassung in der Sportschau an, er blieb sitzen, als sie Leverkusen gegen Stuttgart zeigten. Die Kamera lief genüsslich langsam, als Stuttgarts Torwart Sven Ulreich eine Flanke aus dem Strafraum faustete und Leverkusens Simon Rolfes den Ball aus dem Hinterhalt ins Tor schoss. Minuten später konnte Ulreich einen Fernschuss nicht festhalten, Leverkusens Stefan Kießling nutzte den Abpraller zum 2:0. Am Ende des Beitrags kam Stuttgarts Trainer Armin Veh ins Bild. »Fußball ist manchmal ganz einfach. Wir haben durch zwei Torwartfehler verloren. Das haben alle gesehen. Da bringt es nichts, den Torwart zu schützen«, sagte der Trainer.

Robert Enke wurde vor dem Fernseher wütend. Wie konnte das ein Trainer über seinen Torwart sagen! Zumal das erste Tor kein Fehler, sondern eine ordentliche Faustabwehr von Ulreich ge­wesen war, die unglücklich beim Gegner landete. Dass die Fernsehreporter so etwas nicht erkannten, war er schon gewohnt, aber ein Trainer! Robert Enke schrie den Fernseher an: »Das gibt es doch gar nicht!«

Sven Ulreich fuhr am Tag darauf zu seiner Mutter. Er war 19 und wohnte noch zu Hause. Er hatte erst zehnmal in der Bundesliga gespielt und fragte sich niedergeschlagen, ob es das schon war, ob er seine Chance verspielt hatte. Als sein Handy klingelte, sah er auf die Nummer des Anrufers. Er kannte sie nicht. Einen Moment überlegte er und nahm dann doch ab.

»Als ich die Stimme hörte, bin ich erschrocken«, sagt Sven Ulreich. Robert Enke war dran.

Er kannte Ulreich nicht wirklich. Sie hatten zwei Wochen zu­vor, nach dem Spiel Hannover gegen Stuttgart, drei Minuten miteinander gesprochen, die Handynummer hatte er sich von seinem Handschuhhersteller geben lassen. Robert Enke glaubte, er kenne die Situation, in der sich Ulreich befand.

Sie redeten über eine halbe Stunde. Enke analysierte Ulreichs Gegentore. Was wichtig sei, sagte ihm Robert, waren die Entscheidungen: den ersten Ball zu fausten, sehr gut, und beim zweiten Tor ging Ulreich eigentlich auch richtig runter, der Rest war Pech. Er dürfe nicht verzweifeln, selbst wenn ihn der Trainer nun aus dem Team nehmen sollte, diese öffentliche Kritik von Veh war wirklich das Letzte, aber ihm sei es in Barcelona einmal ganz genauso gegangen, ein blödes Spiel, und er war weg vom Fenster gewesen. Er sei durch ein ganz tiefes Tal gegangen und – das vor allem wolle er ihm sagen – wieder heraus­gekommen. Er werde das auch schaffen. Er habe wirklich enormes Talent. »Als ich auflegte«, sagt Sven Ulreich, »hatte ich Gänsehaut.«

Er wandte sich seiner Mutter zu. »Das war Robert Enke.« Die Mutter wartete auf eine Erklärung, und Sven Ulreich hatte eigentlich keine: »So etwas hat es im Fußball vermutlich noch nie gegeben: dass ein Nationaltorhüter spontan einen unbekannten 19-Jährigen anruft, um ihm zu helfen.«

Ein weiterer Text aus der Robert Enke-Biografie zum Lesen: Bier, Bockwurst und Späße mit Mille Gorgas: Als Robert Enke besondere Freunde bei Hannover 96 fand

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