Fragwürdiges Interview: Von Harnik kann Füllkrug noch viel lernen. Ein Kommentar zu Füllkrugs „Werder TV“-Interview

Harnik hat vorgemacht, wie ein Abschied mit Stil funktioniert

Niclas Füllkrug steht dem Bremer Youtube-Kanal Rede und Antwort, obwohl er noch bei Hannover 96 unter Vertrag ist. Martin Harnik hingegen nahm sich letzte Saison Zeit für ein persönliches Abschiedsvideo an die 96-Fans. Screenshots: Werder-TV / Inside 96

Mit einem merkwürdigen Auftritt vor der Werder Bremen-Kamera sorgt Niclas Füllkrug bei vielen 96-Fans für Kopfschütteln. Dabei hatte Martin Harnik letztes Jahr eigentlich vorgemacht, wie ein stilvoller Abgang gelingt – selbst wenn man zum wenig geliebten Konkurrenten aus Bremen geht. Ein Kommentar.

Ohne Frage, Niclas Füllkrug ist und bleibt der Derbyheld von Hannover 96 – selbst wenn er am Ende der Saison für rund sechseinhalb Millionen Euro nach Bremen wechselt. Wohlgemerkt: Am Ende der Saison. Noch aber läuft die Spielzeit – und auch wenn Hannover 96 so gut wie abgestiegen ist, lassen sich zumindest einige Spieler wie Weydandt, Felipe, Bakalorz und Esser nicht hängen, sondern kämpfen um jeden Punkt – wie bei Auswärtsremis in Berlin.

Niclas Füllkrug hingegen scheint schon innerlich mit Hannover abgeschlossen zu haben. Seit gestern ist der Wechsel Füllkrugs zu Werder Bremen offiziell. Heute gibt Füllkrug für „Werder TV“, also im Youtube-Kanal von Werder Bremen, ein sechsminütiges Interview. Darin werden ihm von der Bremer PR-Abteilung „Entweder Oder“-Fragen gestellt. Unter anderem soll er sich zwischen Themen wie „Solo vs. Teamplay“, „Nationalelf vs. Meisterschaft“ oder „Hannover vs. Bremen“ entscheiden.

Dieser Auftritt mutet bizarr an. Nicht nur aus Sicht der 96-Fans, sondern wohl auch aus Sicht seiner Mitspieler. Noch steht Füllkrug formell bei Hannover 96 unter Vertrag, noch sind vier Partien zu spielen, bei denen Füllkrug zumindest noch ein paar Minuten Einsatzzeit bekommen könnte. Stattdessen steht er bereits jetzt „Werder-TV“ Rede und Antwort. Die Tonalität des Videos ist locker, lustig, kumpelhaft. Dass der Club seiner Heimatstadt gerade den bitteren Gang in die zweite Liga antreten muss, sieht man Niclas Füllkrug nicht gerade an.

Für ein kurzes Abschiedsvideo an die 96-Fans hat Füllkrug noch keine Zeit gefunden. Auch auf seinem Instagram-Profil ist kein freundlicher Abschiedsgruß des Ricklingers zu finden. Bis auf ein kurzes schriftliches Zitat auf hannover96.de hinterlässt der Ricklinger keine Abschiedsbotschaft. Stattdessen steht er für Werder-TV vor der Kamera. Es ist auch gar nicht die Antwort an sich, die fragwürdig ist – im Gegenteil: Am Ende äußert Füllkrug bei der Frage „Bremen vs. Hannover“ stärkere Sympathien für die Hannover, das PR-Team von Werder TV loggt beide Antwortmöglickeiten ein. Vielmehr ist es der Zeitpunkt des Interviews: Es geht um die Frage, ob Füllkrug so ein lustiges Video machen muss, während er noch bei Hannover 96 unter Vertrag steht und Weydandt, Esser, Bakalorz & Co um Punkte gegen den (kaum zu vermeidbaren) Abstieg kämpfen.

Wie man es besser macht, zeigte letztes Jahr Füllkrug damaliger Teamkollege Martin Harnik. Obwohl er – als gebürtiger Hamburger und österreichischer Nationalspieler ohne Hannover-Hintergrund – sicherlich nicht dazu verpflichtet war, den 96-Fans Rede und Antwort für seinen Wechsel zu Werder Bremen zu stehen, begründete er in einer Videobotschaft, was ihn dazu bewogen hatte, Hannover 96 Richtung Bremen zu verlassen. Mit den Worten „Hallo liebe 96-Fans, hier spricht Euer Hanno. Ich wollte mich an erster Stelle bei Euch allen bedanken, es waren zwei sehr intensive, tolle Jahre. Mit dem Aufstieg und dem Klassenerhalt haben wir unsere vorgegebenen Ziele am Ende auch souverän erreicht. Das war eine Leistung von allen, Mannschaft, Fans, und Verein!“ beginnt Harniks freundschaftlicher Abschiedsgruß an alle Hannoveraner.





Was der Österreicher Martin Harnik kann, hätte man vom Ricklinger Niclas Füllkrug auch erwarten können. Natürlich ist mittlerweile jedem Fan klar, dass Vereinstreue im Millionen-Business Profifußball eine romantisierte Vorstellung ist. Identifikationsfiguren wie Steve Cherundolo, der sein Leben lang nur bei einem Verein als Spieler unter Vertrag stand, werden die absolute Ausnahme bleiben. Dennoch: Stil kann man selbst im millionenschweren Fußballgeschäft nach außen hin zeigen. Harnik hat es vorgemacht.

Derbyheld wird Niclas Füllkrug immer bleiben. Seinen Status als Publikumsliebling hat er mit dem Video unnötig aufs Spiel gesetzt.

Ein Nachtrag: Gleichzeitig sollte sich die PR-Abteilung „Werder TV“ selbst kritisch hinterfragen, warum sie ihren zukünftigen Spieler Niclas Füllkrug, der ja noch bei Hannover 96 unter Vertrag steht, mit Anlauf in solch ein Interview laufen lassen. Während Füllkrug zwar Bundesligaprofi, aber kein Medienprofi ist, sind die Mitarbeiter von „Werder TV“ genau das: Absolute Medienprofis. Dieses Video lässt sich nur als Stichelei mit Kalkül verstehen. Möglicherweise war Füllkrug anfangs nicht einmal bewusst, wie schräg dieses Video wirken würde. Den PR-Leuten von „Werder TV“ dürfte dies aber von Anfang an klar gewesen sein.

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