Tarnat, Soto & Co: Wie könnte eine junge Startelf von Hannover 96 aussehen?

Hannover 96 braucht junge, hungrige Spieler

Der junge Niklas Tarnat sammelte bereits bei Bayern München erste Erfahrungen. Foto: Getty Images

Mit welchen Spielern könnte ein Neuanfang gelingen? Wie könnte eine junge, unverbrauchte Startelf von Hannover 96 aussehen? Darüber hat sich unser Autor Tim Block Gedanken gemacht. Viel Spaß beim Lesen!

Von Tim Block

Im Fußball gibt es zahlreiche Schlagwörter, die man in den Mund nehmen kann um die aktuelle Situation von Hannover 96 zu umreißen. Eines davon, das besonders wehtut: „Identifikationsdefizit“. Das Gefühl der Identifikation lässt der Kader gänzlich vermissen.

Die sportliche Leitung ist im vergangenen Sommer ein großes Risiko eingegangen und hat Spieler verpflichtet, die in ihren ehemaligen Klubs verrufen waren – als „Stinkstiefel“ oder „Stimmungskiller in der Kabine“. Bei Wallace ist zumindest erkennbar, welches Potenzial er im Stande wäre abzurufen, währenddessen Bobby Wood dies noch unter Beweis stellen müsste. Spätestens seit den letzten Niederlagen gegen Stuttgart (1:5), Leverkusen (2:3) und Augsburg (1:3) ist aber zumindest eines klar. Es wird – und muss – frischen Wind in Hannover geben. Die Äußerungen der verantwortlichen Personen lassen darauf schließen, dass es im Sommer einen ligaunabhängigen Umbruch geben wird, wie es ihn in der Messestadt selten zuvor gegeben hat.

Die Mannschaft soll und wird ein neues Gesicht bekommen. Noch nicht ganz klar ist, wie sich das konkret äußern wird. Vier Nachwuchsspieler werden hoffentlich dauerhaft bei den Profis weilen. Chris Gloster, Sebastian Soto, Julian Klar und Niklas „Tanne“ Tarnat verfügen über eine große Portion Potenzial und könnten ein Teil des neuen Hannover 96 werden. Mit Hilfe der weltgrößten Scouting-Datenbank, auf die normalerweise Profi-Scouts zurückgreifen und wir nun auch bei 96Freunde für redaktionelle Zwecke benutzen, habe ich mir jeden einzelnen Nachwuchsspieler genauer angesehen.

So könnte die neue junge Startelf von Hannover 96 aussehen.

Julian Klar: Der intelligente, dynamische Verteidiger

Der von Blau-Weiß Linz an die U19 von Hannover 96 ausgeliehene Innenverteidiger machte bereits zum Ende der vergangenen Hinrunde auf sich aufmerksam, als er vermehrt mit den Profis in Verbindung gebracht wurde. Für seine sehr guten Auftritte in der U19 unter Stefan Schmidt wurde er zum neuen Jahr mit einem Platz im Wintertrainingslager der Profimannschaft belohnt. Schon damals erhielt Julian Klar viel Lob für seine Aktionen.

Intelligenter Instinktfußballer: Julian gehört zu diesen sehr jungen Innenverteidigern, die die wichtigen Dinge, wie Stellungsspiel, Laufweg, Zweikampfverhalten und Timing, instinktiv richtig machen. Das sind untrügliche Anzeichen, die eine sehr gute Grundlage versprechen, um Bundesligaprofi zu werden. Die talentfreien Eigenschaften (z.B. Robustheit, Körperbau) kann er sich im Kraftraum oder mit dem Athletiktrainer antrainieren.

Dynamisches Spiel: Seine dynamische Art zu Verteidigen macht ihn besonders interessant. Er verteidigt den Ball nicht nur schlau, sondern kommuniziert parallel mit seinen Mitspielern und ist gedanklich seinem Gegenspieler stets einen Schritt voraus. Wird ein Ball in seinen Raum gespielt und der Angreifer bewegt sich zum Ball, eilt er schnell hinaus und klärt den Ball. Kommt er eine Sekunde zu spät und der Stürmer kommt an den Ball, ist er in der Lage, dem Gegenspieler aus einem defensiven Bewegungsablauf heraus zu folgen und ihn daraufhin zu stellen.




Fühlt sich wohl im hohen Raum: Auch das moderne Spiel eines Innenverteidigers beherrscht Julian Klar. Er dribbelt sehr gut an und auch zwischen zwei Gegenspielern hindurch. Wenn das Team von Stefan Schmidt höher im Raum verteidigt, bereitet ihm das keine Probleme. Die Parallele ist das eben angesprochene Dribbling in die Tiefe: Verteidiger, die sich in jenen Szenario unwohl fühlen, trauen sich nicht, mit dem Ball in den 6er-Raum vorzudringen. Das entspricht jedoch nicht mehr dem Anforderungsprofil an einen modernen Verteidiger.

Chris Gloster: Der dynamische Wingback

Der amerikanische U20-Nationalspieler kam 2017 aus der Fußballakademie der NY RedBulls und ist seitdem im U19-Team unserer Roten eine echte Stütze auf der linken Verteidigerposition. Sein großes Laufpensum und das hohe Tempo, gepaart mit seiner Athletik, machen schnell klar, weshalb er die Anforderungen der NY RedBulls-Philosophie erfüllte.

Seine Fähigkeiten passen sehr gut zu einem athletischen Wingback  im 3-4-1-2 System. Im Aufbauspiel verhält er sich offensiv, da er sich traut, deutlich über die Mittellinie hinaus in die Hälfte des Gegners einzudringen. Um diese signifikante Szenerie im Spiel des Chris Gloster zu vermitteln, hier eine virtuelle Step-by-Step Bilderstrecke:

Typischer Bewegungsablauf eines Wingbacks in der Bundesliga: Offensiver Laufweg in die gegnerische Hälfte um zonal im bestimmten Szenario eine Überzahl generieren zu können. Team Rot wird das spiel gleich verlagern, oder das Pressing des Gegners anders bekämpfen.

Team Rot verlagert das Spiel auf die linke Außenbahn, wo Gloster nun in die Tiefe sprinten wird, um sich anzubieten. Der Gegner reagiert darauf mit defensivem Muster mit der Idee, Team Rot auf den Außen fest zu pressen. 

Verlagerung und Übergangsspiel funktioniert insoweit, so dass der Gegner nun zum Handeln gezwungen wird. Mann gegen Mann verteidigen (Ballführenden attackieren), den Raum verteidigen (Deckungsschatten nutzen und Gegner stellen). Gloster hat nun zwei offensive Optionen. Option 1: kurzer Pass hinter die Abwehrkette in den tiefen Raum, in jenen der linke offensive Flügelspieler startet.

Option 2: Flanke auf den kurzen Pfosten. Den Ball attackiert der Stürmer (9er) um zum Torabschluss zu kommen.

Ein direktes Einbinden in den Spielaufbau kann ich nicht zwangsläufig empfehlen. Hierbei hat Gloster noch Verbesserungsbedarf,  wenn es darum geht, organisatorisch eingebunden zu werden. In der jetzigen Verfassung sollte man ihn in Situationen zu bringen, in denen er seine Schnelligkeit ausspielen kann. Die Kombinationsstärke  (Doppelpass / kurzer Ball u. Lauf  in die Tiefe) in Verbindung mit seiner Dynamik ist definitiv ein Mittel, um in der Bundesliga gut zu performen.

Niklas Tarnat: Der spielintelligente Ankersechser

Der Sohn vom ehemaligen 96-Spieler und heutigem NLZ-Leiter steckt voll mit Talent und tollen Begabungen! Insbesondere das Passspiel ist seine Qualität. Mit einem Wert von 89% Passquote ist Niklas Tarnat ganz klar der Anker-Sechser im Aufbauspiel der zweiten Mannschaft von Hannover 96. Mit seinen 20 Jahren hat er auch schon einiges an Erfahrung gesammelt. Einige Spiele in der Youth-League (Champions League der Junioren) für den FC Bayern München stehen zu Buche. Die Möglichkeit, sich mit den Besten der Besten in der eigenen Altersklasse messen zu können, hat nicht jeder Fußballer. Niklas Tarnat hat nicht nur ein sehr gutes Passspiel und Auge für Mitspieler, sondern auch für Muster beim Gegner. Wenn sich ein entfernter Raum eröffnet, chipt er den Ball mit Druck durch das Zentrum hinter die gegnerischen Sechser oder zwischen die Innenverteidiger (das nennt man auch „filtrierter Pass“). Aber auch der lange Ball auf den Außenspieler und zeitgleich hinter die Kette gelingt ihm fast immer. Hier ist ebenso wichtig, die sich auftuende Situation vorschnell zu erkennen und zu reagieren.

Sebastian Soto: Der schnellere „American Lars Stindl“

Der 18 Jahre alte Amerikaner dreht in der U19-Mannschaft so richtig auf. Mit 13 Toren und vier Vorlagen ist er einer der torgefährlichsten Juniorenspieler des Landes. Bereits zum ersten Mal im vergangenen Winter machte er auf sich aufmerksam und wurde folgerichtig in den Kader des Trainingslagers der Profis eingeladen. Sichtbar wurde schnell, dass sein Talent durchaus für die 1.Bundesliga reichen kann. Wenn auch gleichermaßen seine körperliche Beschaffenheit noch ein wenig Fleiß und harte Arbeit vertragen könnte… Dennoch ist nur wenig Negatives über sein Spiel zu sagen. Er verfügt über einen großartigen ersten Kontakt und wirkt manchmal mehr gestaltend als vollstreckend mit. Sein niedriger Körperschwerpunkt ermöglicht es ihm, stressige Situationen selbst zu lösen und sich dem Zweikampf zu entziehen. Nicht außer Acht lassen möchte ich seine Kombinationsfähigkeiten auf engem Raum in und um die Box. Er hat das Talent, sich in der höchsten Spielklasse Deutschlands durchzusetzen, benötigt aber wie jeder Stürmer auch die Möglichkeit sich auszuzeichnen. Ob das im jetzigen Abstiegskampf so gut für seine Entwicklung ist, stelle ich mal zur Diskussion. Die kommende Zweitligasaison dürfte hingegen wie die Faust aufs Auge für Soto passen.



Fazit

Hannover 96 befindet sich, mitten in einer laufenden Saison, im Umbruch. Es ist viel Bewegung in den Verein gekommen. Offensichtlich ist, dass sich hier einiges tun wird. Spannend ist die Frage, in welche Richtung sich Hannover 96 entwickelt. Nicht ganz unerheblich ist bei jener Planung die Ligazugehörigkeit. Tendenziell gehen Kind und das Umfeld vom Abstieg aus – das Ziel ist es, direkt wieder aufzusteigen. Insgesamt will Hannover 96 im Bereich der Kompetenz breiter aufgestellt sein. Ähnliches prangerte ich vor wenigen Monaten bereits an, wie ihr hier lesen könnt. Zu hören war immer wieder davon, einen neuen Trainer zu installieren, der für frischen Wind sorgen soll – ähnlich wie vor drei Jahren Daniel Stendel, nur stärker in der Kommunikation nach außen und weniger dogmatisch als Stendel es war. Eine dringende Empfehlung von mir ist, sich mit Stefan Schmidt zu beschäftigen.

Auch auf der Position des Sportdirektors wird sich aller Voraussicht nach etwas tun. Mit Jan Schlaudraff plante man ursprünglich noch als Assistenten im Sportmanagement. Sollte Hannover 96 nicht mit Horst Heldt weiterarbeiten wollen – was sich bereits abzeichnet – ist ein denkbares Szenario, dass Jan Schlaudraff in Absprache mit dem neuen Trainer den Kader für die neue Saison zusammenstellt.

Unabhängig von Namen ist es aber von besonderer Wichtigkeit, dass Hannover 96 aus dieser chaotischen Saison gelernt hat. Es muss der Anspruch sein, Trainingsplätze auf Top-Niveau zu haben, im Bereich Ernährungssteuerung mit Fokus auf Verletzungsprävention Top-Niveau zu erreichen, die Breite der medizinischen Abteilung auszubauen und eine ausgeklügelte Transferstrategie zu etablieren, die den Verein und die Stadt verkörpert. Die Durchlässigkeit der Nachwuchsspieler aus der Akademie und die Kommunikation zwischen NLZ und „Robert-Enke-Straße“ muss sich ebenfalls deutlich verbessern. Es gibt viel zu tun! Also lasst uns die Ärmel hochkrempeln und schon jetzt die Planung für die neue Zweitligasaison anpacken.



2 Kommentare

  1. Die größte Schwachstelle sind m.E. die Außenverteidiger. Schaut euch doch mal Jonas Morisson aus der U23 an. Der ist unheimlich schnell und kampfstark.

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