Wie Marcus Mann an der 96-Identität bastelt

Die Stimmung auf den Rängen ist gut - dieses Momentum darf Hannover nicht verspielen.

Nach den wichtigen Siegen gegen Bielefeld und Nürnberg fiel nicht nur der roten Fangemeinde ein Stein vom Herzen, auch Sportdirektor Marcus Mann kann nun endlich die Planung für die neue Saison beginnen. 2021 aus Hoffenheim gekommen, läutet er seitdem Schritt für Schritt die Zukunft bei Hannover 96 ein. Einigen Fans geht dies zwar immer noch zu langsam, man würde gerne schon an der Tür zur 1. Liga klopfen. Dass solch ein hohes Ziel aber gewachsene Strukturen braucht, dazu gab mir Fußball-Lehrer Alexander Kiene einen genaueren Einblick…

Es lohnt sich für echte Fußball- und Vereins-Fans, auch abseits des Spielerkaders mal einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, wo Marcus Mann (39) die Struktur und die Abläufe der Fußballabteilung auf den neusten Stand zu bringen versucht… Viele Jahre wurde beim Sportverein im wunderschönen Hannover noch verfahren wie in den 80er und 90er Jahren. Die kurze, kleine, tolle Erfolgsgeschichte der Europa-Jahre überblendete vieles, was längst marode und nicht mehr wettbewerbstauglich im Verein mit sich herum geschleppt wurde. Während andere Vereine sich neu aufstellten, sportlich und wirtschaftlich moderner agierten, tat man in Hannover so, als käme der nächste Erfolg schon irgendwie von alleine wieder an den Maschsee. Scouting und Nachwuchsarbeit sind hier zwei wesentliche Aspekte, die nun endlich aus dem Dornröschen-Schlaf wachgeküsst werden müssen.

Flügelflitzer Momuluh ist eines der aktuellen Aushängeschilder aus der eigenen Jugend

Die viel zitierten Umbrüche konnten nie nachhaltig und erfolgreich sein, weil in den oft übereilten und finanziell billigen Entscheidungen kein weiterer Plan steckte. Seit Sommer 2022 gibt es mit Achim Sarstedt einen neuen sportlichen Leiter und ein neues Konzept an der Akademie, das besser auf den Profi-Bereich abgestimmt ist. Die neue 96-Idee wurde von Marcus Mann angestoßen, der bereits erfolgreich am NLZ der TSG Hoffenheim gearbeitet hatte. Diese Vorgabe eines 96-Weges ist von großer Wichtigkeit, wie der in Hannover bestens bekannte Fußball-Lehrer Alexander Kiene betont.

Der Verein (bzw die Fußball-Profiabteilung) in Person von Marcus Mann muss endlich eine eigene Spielidentität vorantreiben. Man kann eine nachhaltige Entwicklung nur aufbauen und zum Erfolg führen, wenn man sehr transparent und konsequent einen Weg vorgibt und Menschen an Bord hat, die diesen Prozess mit Leidenschaft und Herzblut vorantreiben. Der Leiter des NLZ übernimmt damit für die Zukunft eine tragende Rolle. Seit letztem Sommer ist an der Akademie mit ihren U-Mannschaften ein erster Frische-Kick zu erkennen und sie soll nicht mehr „nur“ die Außenstelle in der Eilenriede sein. Die Durchlässigkeit zu den Profis soll verbessert und den Talenten mehr Chancen gegeben werden, sich zu empfehlen. Dies wiederum fördert die Motivation und auch die Attraktivität nach Außen hin. Nach dem Motto: seht her, Hannover 96 ist wieder ein Sprungbrett in den Profibereich! Seit dem Arbeitsbeginn von Marcus Mann haben mehrere Nachwuchs-Kicker einen Profivertrag ergattern können, von dem beide Seiten profitieren können. Damit steht man in der Liga auf Platz drei der Clubs, die die meisten im Verein ausgebildeten Spieler im Kader haben (aktuell 5 Spieler)!

Liebe Leser, wie Ihr bereits merkt, schreibe ich hier vieles in der Zukunft, denn Hannover muss die nötigen Schritte erst noch gehen, Dinge ins Laufen bringen und eine neue, verbindliche 96-Struktur schaffen. Das verlangt Kontinuität. Ob das also alles in zwei, drei oder mehr Jahren geschafft wird, hängt davon ab, ob man die richtigen Entscheidungsträger an Bord hat und das Projekt tatsächlich anschiebt. Der Preis für weiteren hausgemachten Stillstand wäre verherend.

Durch die Umstellungen im NLZ sollen künftig mehr Nachwuchstalenten Auftritte im Niedersachsenstadion ermöglicht werden

Neben dem Platz:

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Bei dieser Identität geht es generell um die Idee und einen Stil, für welche Art und Weise des Fußballs man stehen möchte und wie man es dann im Verein von oben bis unten strukturell umsetzen möchte. Denn so kann man die Menschen im Verein und insbesondere die Fans und das Umfeld mitnehmen (Identifikation) und auch die Durchlässigkeit über den Jugend- bis in den Profibereich erhöhen.
Zunächst geht es aber immer um Werte, für die der Club stehen möchte und entsprechende Verhaltensweisen im Miteinander. Wie wollen wir zusammen leben, wirken und miteinander arbeiten? Möchte ich eher wie Bayern oder Leipzig sein, wie Dortmund, oder vielleicht wie Freiburg oder St. Pauli?
Wenn man ehrlich ist, hatte Hannover 96 zuletzt ein runter gerocktes Image und nicht immer die beste Außendarstellung, obwohl man in der Region und ganz Niedersachsen eine riesige Fan-Basis besitzt. Marcus Mann ist angetreten, um schlechten Schlagzeilen aus dem Verein und ausbleibendem sportlichen Erfolg entgegen zu wirken und den HSV wieder in die Erfolgsspur zu führen. Dafür wurde er mit einem Vertrag bis 2027 ausgestattet. Ein umfangreiches Projekt, das seine Zeit braucht.

Hannover 96 muss sein Image aufpolieren – Fußball wie gestern gegen Nürnberg ist ein guter Anfang

Um die Identität im gesamten Verein zu verankern und zu stärken, dient die Profimannschaft immer als Vorbild. Hieran können sich alle Fußballer bis runter in die Jugend orientieren, es entsteht ein Leitfaden für den gesamten Verein. Und jeder Jugendliche kennt, wenn er die einzelnen Stufen durchlaufen hat, die Werte und Prinzipien im Verein. Letztlich geht es immer darum, den Club stärker miteinander zu vernetzen und die Zukunft im täglichen Miteinander zu gestalten. Je mehr Jugendliche man für diesen Weg begeistern und entwickeln kann, je mehr wird der Verein für die sportliche und wirtschaftliche Zukunft davon profitieren. Und desto besser können sich die Fans mit den Jungs, dem Spielstil und der Haltung im gesamten Club identifizieren. 96 hat ein großes Potential in der Stadt, der Region und mittlerweile mit der Infrastruktur/Akademie auch im Verein. Das müssen alle Beteiligten in Zukunft noch viel mehr nutzen, die Menschen für einen Weg begeistern und dadurch auch in eine innovative und erfolgreiche Zukunft führen!

Auf dem Platz:
Kommen wir noch kurz zu unserem Trainer, Stefan Leitl…
Der DFB hat übergreifend für den deutschen Fußball, die Nationalmannschaften und die Talentförderung eine Spielphilosophie und Leitlinien entwickelt, die nun bereits seit mehreren Jahren kommuniziert werden. Diese Spielauffassung ist auch Teil der Trainerausbildung. Zusätzlich bietet der DFB Tools und Ideen an, die man für seine eigene Sichtweise als Trainer nutzen kannst. So muss zum Beispiel im Rahmen der Fußball-Lehrer-Ausbildung auch eine Hausarbeit zum Thema „Eigene Spielauffassung“ geschrieben werden, bei der es um die jeweils eigene Idee des Fußballs mit entsprechenden Werten und Prinzipien geht. Jeder Trainer kann dies für sich selber definieren. Julian Nagelsmann zum Beispiel hat seine „31 Spielprinzipien“ veröffentlicht, die natürlich gerne als Vorbild genommen werden. Und auch 96-Coach Stefan Leitl wird ein umfassendes Playbook entwickelt haben, in dem alle Inhalte seiner Spielauffassung zusammengefasst sind.

Die taktische Ausrichtung von Stefan Leitl trägt Früchte

Beim Spielstil geht es zuerst um eine Haltung auf dem Platz, um sogenannte Attribute, die man von jeder Mannschaft und jedem einzelnen Spieler im Verein sehen möchte. Atletico Madrid mit seinem kampfbetonten, dreckigen Fußball fordert andere Attribute als der Feingeist von Manchester City, Bochum schult seine Spieler anders als Bayern München. Die Idee dahinter sollte klar sein. Schaut man sich nun aktuelle Spiele von Hannover 96 und die Aussagen von Stefan Leitl an, bekommt man auch eine Idee, wie Trainer und Sportchef spielen lassen wollen: am Liebsten flach und geradlinig von hinten heraus, mit Ballkontrolle und mit einem sofortigen Gegenpressig bei Ballverlust. Aktiver, attraktiver, offensiver Fußball, der gegen jeden Gegner aufgezogen wird, egal bei welchem Spielstand. Für diese Identität und den Stil des Fußballs erstellt man natürlich auch die einzelnen Spielerprofile. Man definiert genau, welche Attribute und Verhaltensweisen wir auf jeder Position haben möchten. Das muss genau zu unserem Spielstil passen, um die Kaderstruktur optimal aufzustellen und zu bedienen. Das Thema Kaderplanung ist so extrem wichtig, die passenden Profile und Spielertypen zu finden, um das Puzzle bestmöglich zusammenzusetzen.

Definition:
[Was sind eigentlich Prinzipien? Prinzipien sind erfolgsstabile, taktische Lösungen, die im Training und in jedem Spiel gültig sind. Unabhängig vom Gegner. Unabhängig vom Spielsystem. Unabhängig vom Spielstand.
Sie helfen Spielern bei der Entscheidungsfindung & steigern die Handlungsschnelligkeit. Nagelsmann dazu: “Um der Mannschaft zu helfen. Um im Tun zu bleiben, um im Handeln zu bleiben. Um Flow herzustellen und nicht darüber nachzudenken: ‚Wer muss jetzt nochmal attackieren? Bin ich das?‘
Dann bist du auf diesem Niveau zu spät!”]

In diesem Zusammenhang erklärt Stefan Leitl auf die Frage über (s)einen Rückrundenfehler mit 96

„Meine Herangehensweise, (…) nach der Winterpause zu schnell noch einfacher zu spielen, ein bisschen wegzugehen von der Philosophie, war absolut ein Fehler! Dafür übernehme ich die Verantwortung.“

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Rom wurde nicht an einem Tag gebaut, und auch ein erfrischtes Hannover 96 wird einige Jahre brauchen bis alles rund läuft. Dies wurde übrigens deutlich von Martin Kind und dem stillen Baumeister im Hintergrund, Marcus Mann, nach Außen kommuniziert. Spieler werden im Sommer gehen und neue, zur Spielidee passende Typen kommen. Vorerst ist der Weg das Ziel. Für Fans und Freunde von Hannover 96 wird das noch sehr sehr spannend…

Die Lieblingsfolgen vom 96Freunde-Podcast mit Altin Lala, Florian Fromlowitz und Ewald Lienen. Viel Spaß beim Reinhören!

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