Du kannst ein zentrales Mittelfeld und damit den Taktgeber einer Mannschaft entkernen. Aber dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn sie ihren „Pull“ verliert, ihren Antrieb und Esprit. Und genau das springt bei Hannover 96 seit Beginn der Saison ins Auge: Wir haben keinen Chef im Zentrum und sind gerade mitten dabei, einen Fehlstart hinzulegen.
Anfang der Saison war es noch nur ein Gefühl, das sich aus meinen Beobachtungen ergab: zu wenig Biss, kein Zug in den Pässen, große Anfälligkeit in der Abwehr und nach einem Rückstand kein Aufbäumen. Ich konnte es aber nicht in Zahlen belegen, zumal dieser Erscheinung immer noch das dominante Spiel von Hannover 96 entgegensteht. Mit Ball im Vorwärtsgang imposant, aber ergebnistechnisch am Ende nicht gut.
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Irgendwie hatte zuletzt das verletzungsbedingte Fehlen von Kapitän Thordarson großen Anteil an unserem Zitterspiel, was dann auch das nächste ärgerliche Ergebnis gegen den Karlsruher SC natürlich erklären würde. Dort holte sich unser robuster Leader schon in der 6. Minute eine gelbe Karte ab und hatte fortan wenig Kredit mehr beim Schiedsrichter. Aus isländischem Starkbier wurde unser Mittelfeld zu einer Cola Light, oder so ähnlich.
Hier liegt der zweite große Knackpunkt neben der mangelnden Effizienz der Stürmer:
Wir hatten im Sommer geglaubt, wir könnten Noel Aseko und Enzo Leopold einfach so ziehen lassen, ohne sie kostspielig ersetzen zu müssen. Stattdessen adelte man Thordarson und gab ihm die Kapitänsbinde. Doch das konnte niemals die Klasse von NA8 und EL6 ersetzen, wie wir nun schmerzhaft lernen.
Taibi, Neubauer und Co. sind sicher fleißige und tolle Fußballer. Lautstarke und zur Not mal eklige Abräumer sind sie aber nicht. Franz Roggow als einzige echte Alternative kam bisher noch nicht in die erhoffte Performance.
Titz-Ball und die flache Hierarchie
Christian Titz ist ein Fan von flacher Hierarchie im Kader, weshalb wir bei den heutigen Spielern wohl auch nie einen Schmiedebach oder Pinto sehen werden. Ganz im Gegenteil bevorzugt er ein geschmiertes Uhrwerk, das sich voll in den Dienst seiner Spielidee stellt. Möglichst wenige Reibereien, Unterbrechungen oder reduzierte Nettospielzeit. Alles ist dem laufenden Ball unterzuordnen, ähnlich einer gut organisierten Ameisen-Armee.
In dieser Interpretation erscheint ein Leitwolf mit einem eskalierenden Rudel natürlich fehl am Platz. Chaos mag der Fußball-Lehrer nämlich gar nicht. Spinnt man diese Annahme weiter, waren Enzo Leopold und Noel Aseko das Maximum, das Titz in seinem System zulassen wollte. Wir erinnern uns, wie soft, lieb und leise Enzo oft auf dem Platz erschien. Aber irgendwie schien es ja zu klappen, denn er ging eine perfekte Beziehung zum Titz-Ball ein.
Der Freitagabend und die neue Statik
Schauen wir mal auf den Freitagabend, die Aufstellung und das Spielsystem:
Titz entschied sich für flinke Füße gegen großgewachsene gegnerische Innenverteidiger. Für viele Fans vielleicht unverständlich, suchte er die Lücken in der Abwehr durch die Halbräume und den bekannten flachen Spielstil, ohne auf einen Zielspieler zu setzen. Und das zu Recht, wenn man die vorab über der Landeshauptstadt niedergegangenen Regengüsse einkalkulierte.
Erkennbar war zudem das klare 3-4-3 der neuen Saison. Hier ist die Absicherung robuster und physischer geworden, hat jedoch spürbar an taktischer Flexibilität und Stabilität bei gegnerischen Umschaltmomenten verloren. So hatte man mit Pichler und Källman zudem noch zwei starke Optionen für die zweite Hälfte. So weit, so gut.
Zunächst hatte man das stark verjüngte und ligaweit laufstärkste Team aus Baden noch unter Kontrolle, indem man einfach immer ein Tor mehr schoss als der KSC. Normalerweise hätte man nach dem 2:1 einfach unlustig einen Korken auf die Flasche machen müssen. Aber was ist dieses Jahr schon normal in Hannover …
Wenn die Bank zum Problem wird
Im weiteren Spielverlauf zeigte sich nach hinten raus, als die Beine müde wurden (Taibi) und auch aufgrund kleinerer Verletzungen (Ghita) gewechselt werden musste, dass man die Bank scheinbar falsch besetzt hatte.
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Ime Okon war der einzige Verteidiger und Franz Roggow der einzig brauchbare defensive Mittelfeldspieler. Alle anderen Jungs: jung, talentiert und toll für den offensiven Außenbereich, aber sicher keine Abwehrexperten oder defensiven, zentralen Abräumer.
Als in der 61. Minute mit Torschütze Marcel Hartel und dem früh verwarnten Thordarson das bis dahin zentrale Mittelfeld raus und duschen ging, kam das Hannoveraner Spiel komplett zum Erliegen. Keine Gegenwehr, keine Kreativität, nix mehr.
15 Minuten später zeigte auch Mittelfeldmotor Waniss Taibi seinen Feierabend an und Christian Titz erlebte angesichts der immer stärker werdenden Karlsruher einen Super-GAU. Tja, und wer hätte ahnen können, dass wir nach dem nicht kompensierten Abgang von Aseko und Leopold plötzlich ein Problem in der Breite des ZM haben würden?
Die Innenverteidigung konnte die Auswechslung von Ghita und Thordarson nicht verkraften. Plötzlich waren das defensive Gegenhalten, die Mentalität und die Physis vom Platz. Hätten beide weitergespielt, wäre der Ausgleich nicht gefallen, da lege ich mich fest.
Das vergessene Vakuum
Man müsste noch einmal nachschauen, wann Ralf Becker noch einen Leopold-Ersatz auf der Agenda hatte. Im Trubel der Suche nach einem glamourösen Mittelstürmer ging die Personalie leise den Bach hinunter. Bei Transfermarkt.de findet sich allein Laurin Ullrich vom VfB Stuttgart als passendes Gerücht, bevor er Mitte August auf Leihe nach Paderborn zog. Ansonsten: nix, nada, Vakuum.
Kann der Trainer etwas dafür?
Klares Nein!
Nach dem ablösefreien Wechsel von Kapitän Enzo Leopold zu Borussia Mönchengladbach im Sommer hat sich das Gesicht und die Statik des Hannoveraner Zentrums grundlegend verändert.
Leopold war der defensive Taktgeber, der über eine enorme Pressingresistenz, hohe Passsicherheit (90 % Passquote) und starkes Antizipationsgeschick verfügte. Seine Abwesenheit beeinflusst nun die defensive Absicherung. Ohne Leopolds Fähigkeit, Pressinglinien durch kluges Andribbeln oder präzise Kurzpässe zu überspielen, setzt Hannover 96 im Zentrum nun verstärkt auf Akteure, die Defizite im Rückwärtsgang haben. Stichwort: „nach vorne verteidigen“.
Da Leopolds Antizipationsstärke bei gegnerischen Kontern fehlt, zieht sich das verbleibende Mittelfeld im defensiven Umschaltmoment oft ein Stück tiefer zurück. Die Absicherung erfolgt weniger durch „aktives Abfangen“ im Halbraum, sondern vermehrt durch ein kompakteres, tieferes Blocken vor der Dreier- beziehungsweise Viererkette.
Die defensive Absicherung leidet am meisten, wenn Hannover selbst im Ballbesitz ist. Titz-Ball ist auch Risiko-Ball.
Da Leopold als verlässliche Anspielstation im ersten und zweiten Drittel fehlt, kommt es im Zentrum zu einer statistisch höheren Fehlerquote im Aufbauspiel. Diese unsauberen Abspiele in der Zentrale führen dazu, dass die Schienenspieler oder Außenverteidiger in der Vorwärtsbewegung erwischt werden.
Die Absicherung im Zentrum muss daher deutlich größere Räume im Sprint rückwärts verteidigen, was die Kompaktheit im Vergleich zur Vorsaison anfälliger macht. Und für müde Beine sorgt.
Das Problem mit der Kondition
Das erklärt dann auch, warum die Mannschaft konditionell in einem schlechten Zustand erscheint. Ab der 70. Minute sehen wir schnaufende Rote aufgrund des anspruchsvollen Systems. In der Folge werden nicht mehr alle erforderlichen Wege gegangen und es kommt zu schlechten Pässen und Abschlüssen. Das ist dieses „Zusammenbrechen“, das wir alle registriert haben.
Leider fehlt uns diese Saison eine starke Bank, um im Spiel nachzulegen. Auch versuchte Christian Titz im Grunde seit der letzten Winterpause, Ausfälle zu kompensieren (Chakroun, Bundu und später Pichler) und legte vor dem Sommer bereits eine Liste mit potenziellen Wünschen vor, um die Ambitionen am Maschsee zu erfüllen.
Er selber weiß doch am besten, welcher Typ zu seiner Idee passt. Bekommen hat er davon keine große Verstärkung.
Qualität statt Quantität – und plötzlich fehlt die Mitte
Kenner argumentierten in weiser Voraussicht vor der Saison mit einem breiten, guten Kader, den man haben sollte. Manager konterten mit dem Ziel von „mehr Qualität statt Quantität“. Bei der ganzen komplexen Meinungshoheit um unseren Kader hat sich ein Vakuum in der Zentrale eingeschlichen, das dem Team nun alles abverlangt und diese Saison wohl negativ beeinflussen wird.
Ein zentrales Mittelfeld ist eben mehr als die Summe seiner Einzelspieler. Es ist der Ort, an dem Rhythmus, Mentalität, defensive Absicherung und spielerische Kontrolle zusammenlaufen. Und genau dort fehlt den Roten derzeit der Chef.
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