Hannover 96 hat passend zur Länderspielpause einen Boxenstopp eingelegt und wechselt nach holprigem Start noch einmal das Fahrgestell. Der neue Coach, Sandro Wagner, bringt viel Energie und Expertise mit, hat in den ersten drei Wochen aber auch einiges zu tun.
Das größte Problem des aktuellen Kaders dürfte das Konditionsdefizit sein. Regelmäßig brach unsere Elf zuletzt ab der 60. Minute ein und machte schlapp. Der Coach steht nun vor der Aufgabe, die zur Verfügung stehenden Offensivakteure fitter zu bekommen, was in der quasi laufenden Saison eher schwierig wird. Ausdauer wird vor allem in der Sommervorbereitung gepumpt und das Betreuer-Team begann die Länderspielpause direkt mit einigen intensiven Einheiten, um zu retten, was noch zu retten ist.
Bringt eine Systemumstellung Hannover 96 zurück in die Spur?
Eine andere Möglichkeit wäre, die erforderlichen Werte durch eine Systemumstellung zu erreichen. Nach einer großartigen letzten Saison mit den zentralen Unterschiedsspielern Enzo Leopold (durchschnittlich 12,21 Kilometer pro Spiel) und Noel Aseko (12,51 Kilometer pro Spiel) fehlen aktuell ähnliche hoch performende Pferdelungen, die sowohl mit als auch gegen den Ball 90 Minuten plus X zwischen den Boxen Vollgas geben. In der neuen Saison trauern wir diesen beiden Spielern verständlicherweise nach.
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Lenken, Denken und Laufen werden wir in dieser Hinrunde somit leider nicht derart personifiziert bei uns finden, auch wenn sich vor allem Waniss Taibi und Maurice Neubauer noch so sehr quälen, damit wir die durch hohes Pressing entstehenden Löcher im Mittelfeld anders gestopft bekommen.
Etwa durch eine Doppel-6, die man durchaus in der Spielidee von Sandro Wagner finden kann. Oder durch die rückwärtige Arbeit von Marcel Hartel und Kolja Oudenne. Das sind Abläufe, die Sandro Wagner neu und besser definieren muss und wird.
Aktuell wird auf dem Trainingsplatz neben dem Stadion verstärkt an Intensität und Physis gearbeitet – beides sind Zeichen für mehr Feuer und Bissigkeit in der Ballgewinnung. Wagner will dieses Problem lösen, indem einer der beiden Zehner bei gegnerischem Ballbesitz konsequent in die Mittelfeldlinie zurückfällt. Dadurch entsteht ein Dreier-Mittelfeld.
Das ist auch deshalb interessant, weil Analysen seiner früheren Mannschaften genau diese Anpassung beschreiben: Wagner ließ im 3-4-2-1 situativ einen offensiven Mittelfeldspieler zurückfallen, um das Zentrum zu schließen.
Die Torwart-Entscheidung
Man möchte bei der Wahl der Nummer 1 nicht mit dem Trainerteam tauschen. Sowohl Leo Weinkauf als auch Pascal Loretz haben ihre ganz klaren Stärken und Defizite. Beide sollten zu den besten Keepern in der 2. Liga zählen. Vielleicht ist es abseits der Statistiken aber auch etwas Nichtmessbares, das den Ausschlag für einen der beiden Bewerber gibt?
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Neuzugang Pascal Loretz durfte nach dem Auftakt in Cottbus gleich den harschen Wind kennenlernen, der oft am Maschsee weht. Die Koffer vom Umzug nach Hannover waren noch nicht einmal ausgepackt, da durfte das Talent aus der Schweiz schon wieder Platz auf der Bank nehmen. Das gehört in schwierigen Situationen schon mal zum Geschäft und wird ihn nicht brechen.
Man muss einfach anerkennen, dass Leo Weinkauf mit seiner Persönlichkeit im Wellengang der ungemütlichen ersten Spiele einfach die bessere Wahl war. Einer, der den Verein und die oftmalige Unruhe kennt. Denn genau so einen Typen brauchte es.
Loretz wird sich im Laufe der Saison mit seiner modernen Ausbildung zwischen den Pfosten durchsetzen, wenn Sandro Wagner das rote Gummiboot wieder stabilisiert haben sollte. Bis dahin dürfte Weinkauf mit seiner starken Aura und als Sprachrohr des Trainers immer noch die stärkere Wahl für den emotional herausfordernden Oktober sein.
Zwar leitete der gute Leo durch Aufbaufehler gerne mal selbst gefährliche Situationen des Gegners ein, die er dann mit Glanzparaden klärte. Seine wichtigen Leader-Qualitäten stehen jedoch klar über jedem spielerischen Zweifel. Und genau solche Kerle braucht der Coach, wenn er in der Tabelle klettern will.
Apropos Leader
Zu diesem Punkt passt übrigens die Bestätigung von Stefan Teitur Thordarson als Kapitän: Unser Isländer stellt einen elementaren Baustein auf der Leader-Achse durch die Mannschaftsteile dar. Mit Weinkauf und Thordarson gewinnt das Team deutlich an Mentalität.
Chancenverwertung und Zug zum Tor
Sandro Wagner kann sich glücklich schätzen, ein eingespieltes Team und eine funktionierende Spielidee übernehmen zu können. Er muss gar nicht viel ändern, außer die letzten 25 Meter vor dem gegnerischen Tor griffiger zu gestalten. Er kann den Ballbesitz hochhalten und muss seine Jungs nur aggressiver gegen den Ball einstellen, schneller umschalten und vor allem für mehr Strafraumbesetzung sorgen. Das deckt sich bereits mit seinen eigenen Aussagen und den ersten Trainingseindrücken.
Bei Christian Titz konnte Hannover teilweise sehr viele Spieler vor dem Strafraum haben, ohne entsprechend viele in die Box zu bekommen. Wagner hat jedoch explizit angekündigt, die Strafraumbesetzung „hochzufahren“. Inklusive Flanken und intensiver Duelle im Sechzehner.
Beim „Wagner-Ball“ dürfen wir bewusstes Beschleunigen bei Angriffen erwarten, während es keine zehn Pässe vor dem Strafraum mehr geben wird. Wenn Hannover 96 hoch presst und den Ball 25–35 Meter vor dem gegnerischen Tor zurückerobert, muss die Mannschaft nicht erst wieder einen langen Angriff aufbauen.
Wagners Hoffenheimer Ansatz war stark auf aggressives, mannorientiertes Pressing und sofortiges Nachsetzen ausgerichtet. Bei Ballgewinnen sollten sich die Spieler anschließend vom Gegner lösen und Räume hinter der Kette attackieren – und das alles mit nur zwei bis drei Aktionen.
Der Coach weiß ja auch, wovon er spricht: Wagner war selbst Mittelstürmer und erwartet, dass seine Roten nicht nur um den Strafraum herumspielen, sondern Abschlüsse früher erzwingen. Nicht jeder Angriff muss bis zum perfekten letzten Pass ausgespielt werden. Stattdessen wird weniger Perfektion im letzten Drittel verlangt, dafür aber ein Plus an Gier und Dynamik. Es wird spannend zu sehen, was 96 von diesen Ideen in drei Wochen verinnerlichen kann.
Die Lieblingsfolgen vom 96Freunde-Podcast mit Altin Lala, Florian Fromlowitz und Ewald Lienen. Viel Spaß beim Reinhören!
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