Zuschauer kann jeder sein – Fan nicht

Gehören solche Bilder bald der Vergangenheit an? Quelle: Internet

ein Gastbeitrag von Christopher Kleis, Leiter von „Verlängerung – Der Fußball-Podcast“ https://open.spotify.com/show/6afCOoAtTloi0WBVU3Qmi9

Eines vorweg: Die Club-Struktur in Deutschland ist einzigartig auf der Welt. In keiner anderen Liga der Welt wird so stark kontrolliert und reguliert, wer die Oberhand im Verein hat. Es wird von oben dafür gesorgt, dass keine Plastik-Clubs entstehen, wie sie in England aus dem Boden schießen. Die Fans sind ein wichtiger Bestandteil des Liga-Betriebes und der Vereine an sich. Sie setzen sich für Gleichberechtigung und Vielfalt ein. Sorgen für die gute Stimmung in den Stadien. Und protestieren gegen solche Absurditäten wie die Montagsspiele.

Die DFL und der DFB haben mittlerweile erkannt, dass man nicht einfach alles durchdrücken kann, was den Gewinn steigert. Die Fans müssen einverstanden sein. Ansonsten wird das ganze Unternehmen nichts. Wir brauchen und wollen solche Diskussionen. Denn nur so kann man am Ende ein Produkt erschaffen, dass im Sinne aller ist. Wir brauchen in der Bundesliga keine horrenden Preise für Tickets in der letzten Reihe. Wir wollen keine Stadien, in denen gefühlt die Hälfte aller Zuschauer aus aller Welt angereiste Touristen sind, die sich gerade zufällig in der Stadt befinden. So sieht die Welt in Spanien aus. Das brauchen wir nicht. In der Bundesliga gibt es noch das richtige Fanerlebnis. Bier und Wurst vor dem Spiel. Ultras und Capo stimmen Gesänge an. Das ganze Stadion fiebert und feiert gemeinsam. Das ist es, was den Fußball ausmacht. In der Bundesliga haben wir das noch.

Das wahre Fanerlebnis wird zur Rarität – in Deutschland ist dieses Gut noch vorhanden. Dies sollten wir nicht gefährden

Fan zu sein ist nicht immer leicht. Es heißt Lachen, Weinen oder Verzweifeln. Manchmal auch alles gleichzeitig. Fan wird man nicht durch Zufall. Man entscheidet sich bewusst dazu. Die Fanszene in Deutschland hat eigentlich Vorbildcharakter. Wären da nicht die Leute, die es sich herausnehmen, als Fan getarnt, wie Hooligans zu agieren. Was letzte Woche auf Schalke passiert ist, gleicht einer Ungeheuerlichkeit. Ja, die Spieler mussten sich den ebenso enttäuschten Anhängern stellen. Das ist richtig. Aber die Akteure, die mit diesem Verein abgestiegen sind, waren da schon beschämt genug. Ihnen ordentlich die Meinung zu geigen, ist total vertretbar. Dass der Ton dabei nicht aus „Wäre nett, wenn du nächstes Mal…“ besteht, war vorher schon klar. Aber dass Menschen attackiert, getreten, geschlagen und zur Flucht gezwungen werden, ist absolut ekelhaft und widerspricht allem, wofür die Fankultur steht. In England deaktivieren reihenweise Spieler ihre Social Media-Konten, weil sie dort praktisch im Minutentakt rassistisch beleidigt werden. Ein drastischer Schritt. Aber beide Vorfälle zeigen, wie weit es gekommen ist. Einige wenige machen den Ruf einer ansonsten als Institution gefeierten Sache zu Nichte.

Mit Vermerk auf den Titel dieses Kommentars lässt sich erkennen, dass es zum zweischneidigen Schwert geworden ist, Fan zu sein. Auf der einen Seite hat man die Liebe zum Verein und zum Spiel. Auf der anderen Seite stehen mittlerweile Chaoten, die sich in Hooligan-Manier des früheren Jahrhunderts ins Stadion begeben und dadurch den Ruf einer ganz viel größeren Gruppe gefährden. Fans sein ist nicht immer einfach. Aber in diesen Momenten zeigt sich, wer es wirklich ist. Wir haben den Kampf gegen Hetze und Gewalt noch nicht verloren. Aber das Fass droht allmählich überzulaufen. Jetzt wird es wichtig sein, dass sich die Leute, die sich wirklich als Fan titulieren können, zusammenstehen und gemeinsam gegen diese Verrohung vorgehen. Ähnlich, wie man es mit den Montagsspielen in der ersten Bundesliga getan hat. Denn die sind ja nun auch Geschichte.

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