Zum 10. Todestag von Robert Enke: Hannover 96-Fans #gedENKEn

Heute vor 10 Jahren: Robert Enkes Tod löste bundesweite Anteilnahme aus.
Heute vor 10 Jahren: Robert Enkes Tod löste bundesweite Anteilnahme aus. Foto: Getty Images

Auf den Tag genau vor zehn Jahren setzte der Torhüter seinem Leben ein Ende. Fans und Freunde von Hannover 96 sprechen über den Moment, als sie die Nachricht über Robert Enkes Tod erreichte. Für 96Freunde schildern sie, wie sich ihre Sichtweise auf Depressionen geändert und ob der Profifußball sich weiterentwickelt hat.

Hannover. Bereits eine Dekade liegt der Suizid von Robert Enke zurück. Am 10. November 2009 sah der Torhüter von Hannover 96 und der deutschen Nationalmannschaft keinen anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen. Die Nachricht über seinen Tod verbreitete sich in Hannover wie ein Lauffeuer.

Noch in derselben Nacht kamen hunderte Fans am Niedersachsenstadion zusammen, um zu trauern. Enkes Suizid löste selbst fernab des Fußballs eine bundesweite Welle der Anteilnahme aus. 96Freunde.de sprach mit Fans und Freunden von Hannover 96. Sie erzählen über den Moment, als die Nachricht sie erreichte und schildern, wie sich ihre Wahrnehmung von Depressionen und der Fußball selbst verändert haben.

Karl Frahm

„Die Nachricht hat mich über einen Freund erreicht, der mich sofort angerufen hatte“, erzählt Karl Frahm. Der 35-Jährige wähnte zunächst einen schlechten Witz, stritt sich direkt mit seinem Freund. Doch als der zweite Anruf eines weiteren Freundes folgte, erkannte er, dass es sich doch um bittere Realität handeln musste. „Ich weiß noch, wie wir beim Gottesdienst alle zusammen im Regen in der Dunkelheit vor der Marktkirche standen und vom kleinsten 96er mit Roberts Trikot bis zum gestandenen Althool alle Tränen in den Augen hatten. Das hat mich sehr bewegt und das werde ich nie vergessen“, erinnert sich Frahm.

Auf die Frage, ob Enkes Suizid etwas ausgelöst hätte, antwortet er: „Ich denke schon, dass sich zumindest der Blickwinkel auf Depressionen als ernsthafte Krankheit in der Allgemeinheit auch durch Roberts Tod ein Stück weit geändert hat. Was aber leider nichts daran ändert, dass es in einer Leistungsgesellschaft wie unserer noch immer als Schwäche gilt, wenn man nicht zu jeden Zeitpunkt den Anforderungen entsprechend funktioniert.“

Jens Hauschke

„Ich habe es im Radio gehört und dann sofort ’n-tv‘ angeschaltet und den Rest des Abends bis spät in die Nacht alles geschaut und lange mit meiner damaligen Freundin und heutigen Frau darüber gesprochen, gemutmaßt und getrauert“, erzählt Jens Hauschke über den Abend, als ihn die Nachricht erreichte.

Hat sich im Leistungsgeschäft Profifußball seither etwas geändert? Hauschke meint ja: „Es hat sich verändert – auch meine eigene Wahrnehmung. Erst nach dem Buch von Ronald Reng über Enke habe ich selber verstanden, was Depression ist – bis dahin habe ich es abgetan als etwas, das man mit positiven Gedanken beeinflussen kann. Ich bin seither sehr viel achtsamer. Den Fußball sollte man da nicht mit reinrühren. Wichtig ist, dass Depressive, Süchtige und ähnliche so wahrgenommen werden, wie andere kranke Menschen, die beispielsweise Krebs haben – egal in welchem Job. Der Fußball muss sich nicht ändern. Der ist, wie er ist.“

Jens Hauschke
Jens Hauschke: „Erst nach dem Buch von Reng über Enke habe ich selber verstanden, was Depression ist – bis dahin habe ich es abgetan als etwas, das man mit positiven Gedanken beeinflussen kann.“ Foto: privat

Stephan Hartung, Autor auf 96Freunde.de

Stephan erinnert sich noch ganz genau, als seine Frau zu ihm sagte: „Du, da ist ein berühmter Spieler von 96 schwer verunglückt.“ Eigentlich wusste sie schon, wer es war, wollte es ihm aber schonend beibringen. „Ich habe dann sofort den Videotext angemacht.“ Und da stand es dann. Anschließend habe er direkt einen Freund angerufen, auch weil der, ebenfalls Anhänger der Roten, Geburtstag hatte: „Da habe ich gratuliert und dann natürlich gefragt: ‚Und, weißt du’s schon?‘ Für ihn war der Geburtstag da aber schon vorbei“.

Aber hat Enkes Tod etwas im Fußball verändert? „Man kann heute sicher offener über Dinge sprechen. Egal, ob Leute homosexuell sind oder an psychischen Erkrankungen leiden, wenngleich man immer noch wenig Leute hat, die sich tatsächlich trauen, das dann auch in die Öffentlichkeit zu tragen“, findet Stephan. Respektlosigkeit, Beschimpfungen und Beleidigungen gegenüber Menschen gäbe es jedoch noch immer: „Ich kann nicht nachvollziehen, dass die Rede von Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger so hochgehalten wurde, als er sagte ‚Fußball ist nicht alles‘. Stattdessen fährt der VfL Wolfsburg auf seinem Mannschaftsbus jetzt mit: ‚Fußball ist Alles‘.“

Kitto, 96-Blogger

Timo erreichte die Nachricht auf der Rückfahrt von einem 2-2 zwischen Liverpool FC und Birmingham im Anfield. Irgendwo zwischen Bremen und Wolfsburg unterbrach das Radioprogramm: „Alle Fans von Hannover 96 und des deutschen Fußballs müssen jetzt ganz stark sein“, sagte der Specher, ehe er die Nachricht verkündete. Timo fuhr direkt auf den nächsten Rastplatz, um zu telefonieren. Seine Eltern wussten noch von nichts, im Videotext stand auch noch nichts. Die Website von Hannover 96 war überlastet. Der Radiosprecher verkündete dann die traurige Gewissheit. Wie im Tunnel tuckerte der 96-Fan die letzten Kilometer über die Autobahn. Beim VfL Lehre, wo er 10 Jahre spielte, riefen sie ihn damals „Enke“. Auf dem Beifahrersitz klingelte das Handy unaufhörlich. Besonders der Anruf eines eingefleischten BTSV-Anhängers war ihm in Erinnerung geblieben. Unter Tränen sprach der Freund sein Mitgefühl aus. Zuhause angekommen, brachen bei Timo dann alle Dämme: „An Schlaf war nicht zu Denken.“ Auch Timo pilgerte zum Gottesdienst in die Marktkirche, um am Trauermarsch mit 35.000 weiteren Menschen teilzunehmen. Bis heute hat er zahlreiche Tageszeitungen vom 11. November 2009 aufbewahrt.

„Ich danke allen, die in der Zeit für mich da waren“, erzählt er, noch immer betroffen. „Heute, zehn Jahre später, wird mit dem Thema Depressionen weitaus offener umgegangen, als damals“, erzählt Timo. „Vor allem durch die Arbeit der Robert-Enke-Stiftung weiß man, dass es jeden treffen kann. Trotzdem werden Depressionen von vielen weiterhin als „Schwäche“ angesehen. Von einer Enttabuisierung kann leider noch keine Rede sein. Meiner Meinung nach wird die Krankheit von vereinzelten Spielern sogar als Vorwand missbraucht, um sich in Vertrags- oder Transfergesprächen Vorteile zu verschaffen“, findet Timo. Er selbst war aufgrund einer schweren reaktiven Depression ebenfalls jahrelang in psychologischer Behandlung. „Für mich war, ist und bleibt Robert Enke ein ganz besonderer Mensch“, so Krüger.

William Laing

„Ich war damals 13 und kam gerade runter ins Wohnzimmer. Meine Eltern hatten die Nachricht im Teletext gelesen und mich gerufen. Zu dem Zeitpunkt war von Suizid noch keine Rede. Es hieß, der Tod kam im Zusammenhang mit der Infektion, wegen der Enke kurz zuvor noch seine Teilnahme bei der Nationalelf abgesagt hatte. Erst nach und nach sickerten die Infos zum eigentlichen Grund des Todes durch. Ich konnte das damals noch nicht so ganz greifen. Enke war ein Held meiner Kindheit, aber den Umfang der Situation habe ich erst in den folgenden Jahren besser verstanden. Das hat auch damit zu tun, dass ich das Buch „Ein allzu kurzes Leben“ über Enke gelesen habe und die Krankheit so besser nachvollziehen konnte.

Ich denke, dass zwar suggeriert wird, dass der Fußball offen bezüglich früherer Tabuthemen ist, aber das halte ich für heuchlerisch. Wir haben immer noch kaum Fußballer, die sich frei über ihre Sexualität oder ihre Krankheiten äußern. Es scheint immer noch so, als seien solche Themen ein Zeichen der Schwäche in unserem geliebten, aber leider auch erfolgsorientierten und kapitalistischen Sport.

Eine kleine Anekdote noch, an die ich im Zusammenhang mit Enke gerne denke: vor vielen Jahren war ich mal beim Auswärtsspiel von 96 in Hamburg. Ich saß oberhalb des Gästeblocks. Die Hannover-Fans sagen mehrmals „Robert Enke, du bist der beste Mann“. Als das Spielgeschehen sich gerade in der Hälfte des HSV abspielte, weil 96 im Angriff war, drehte sich Enke kurz zu den Fans, lächelte schelmisch und hob seinen Hand zum Gruß in die Menge, die ihn fast durchgehen besang. Das werde ich nie vergessen.“

Thomas Kahl Mann

Thomas war mit seiner Frau auf einer Kreuzfahrt und wollte gerade zum Abendessen, als die 1. Meldung auf n-tv hereinrauschte. Zu dem Zeitpunkt hatte es sich jedoch noch um eine Vermutung gehandelt. Doch es folgte mit der offiziellen Bestätigung die Gewissheit. „Meine Frau und ich waren beide fassungslos“, sagt der 55-Jährige. Die Nachricht verbreitete sich auf dem Ozeanriesen in Windeseile und der Abend endete in gedämpfter, trauriger Stimmung, wie der Unternehmer erzählt. „Danach lief in der Kabine permanent ’n-tv‘ um an weitere Infos zukommen.“

Für ihn war das Thema Depression aber auch schon damals kein Neues: „Ich hatte schon vor Roberts Suizid berufliche Berührungspunkte mit Depressionen und musste daher nicht zusätzlich sensibilisiert werden.“ Der Fußball selbst habe sich in der Folge von Enkes Suizid nicht wesentlich verändert: „Es ist halt eine Menge Geld im Spiel und dadurch auch ein extrem hoher Leistungsdruck vorhanden. Wobei es im normalen Leben nicht viel anders ist. Es gibt weiterhin viel zu wenig Beratungsstellen und sehr lange Wartelisten bei Therapeuten.“

Im Video: Robert Enke – Unvergessen. U.a. mit 96Freunde.de-Autor Tobi Riemer (runnertobi)

Nathalie Wartmann, Aufsichtsrätin vom Hannoverschen Sportverein von 1896 e.V.

Wie hat Dich die Nachricht von Roberts Tod erreicht?

N.W.: „Ich weiß nur noch, dass mir die Einsamkeit meines Projektzimmers den Raum und die Möglichkeit bot, mit meinen Gefühlen klar zu kommen. Ich hatte den Abend damit zugebracht, die öffentlich-rechtlichen Nachrichten zu schauen und ansonsten mich emotional zu stabilisieren. Ich war damals gerade erst Mutter geworden und war wirklich sehr geschockt.“

Was hast Du gemacht, nachdem Du davon erfahren hattest? Hat sich durch Roberts Suizid Deine Wahrnehmung von „Depressionen“ verändert oder sensibilisiert? 

N.W.: „Es hat das Thema wieder in Erinnerung gerufen. Das sicherlich! Nichts habe ich gemacht, was ich nicht zuvor auch gemacht habe. In meinem engsten Umfeld achtete ich aber auch schon immer auf erste Anzeichen von Gesprächsbedarf und spreche auch schon immer gerne alles direkt an. Das Problem ist aber, dass die, die wirklich akut von der Krankheit betroffen sind, sich Taktiken einfallen lassen, um nicht entdeckt zu werden. Das macht es so heimtückisch. Aber ich hatte damals gedacht, dass das Thema ganz schnell wieder „out“ sein wird im Fußballgeschäft. So wie auch in unserer gesamten Gesellschaft.

Nathalie Wartmann: „Das Problem ist aber, dass die, die wirklich akut von der Krankheit betroffen sind, sich Taktiken einfallen lassen, um nicht entdeckt zu werden.“

Ein Beispiel gefällig? Mein Cousin hatte wohl Depressionen. Ich muss es vermuten, weil er vor 2 Jahren plötzlich und unerwartet verstarb. Nur hinter vorgehaltener Hand hat man von Depressionen gesprochen. Offiziell ging es nie über die Todesursache. Wiederum hinter vorgehaltener Hand aber, wurde im engeren Familienkreis die Schuld hin und her geschoben. Ist diese Art des Umgangs damit nicht grausam für Betroffene!? Wenn mein nicht in der Öffentlichkeit wahrgenommener Cousin so ‚heimlich‘ krank war, wie muss das erst bei in der Öffentlichkeit stehenden Personen sein? Ich hatte ihn alle 3-4 Jahre nur mal auf einer Familienfeier erlebt. Er war immer ein ruhiger und ausgeglichener Mann, der einen herrlichen Humor besaß und sportlich aktiv war. Das stimmt nachdenklich.“

Hat sich Deiner Meinung nach der Fußball selbst verändert?

N.W.: „Für mich als Zuschauer nicht wirklich. Die Gelder, die im Sport bewegt werden, steigen immer weiter und damit sicher auch der Druck auf die Akteure. Was soll sich da ändern? Was mich aber sehr freut ist, dass es Frau Enke geschafft hat, das Thema Depression auch langfristig so prominent zu besetzen! Ich wünsche mir, dass sie weiter im wahrsten Sinne des Wortes ‚am Ball bleibt‘.“

Henrik Zinn, Autor auf 96Freunde.de

Henrik war 2009 mit 12 Jahren noch Jugendspieler und Torwart. Robert Enke war sein absolutes Idol – ein Kindheitsheld. „Meine Mutter hat es mir am nächsten Tag in der Küche beim Frühstück gesagt. Da habe ich erst mal an nichts gedacht, dann flossen die Tränen. Ich wollte an dem Tag gar nicht mehr in die Schule, sondern mich verkriechen, weil ich nicht mit dieser Trauer umzugehen wusste.“ Seine Eltern schickten ihn trotzdem hin. „Das war ein großer Fehler. Ich wurde tausendmal drauf angesprochen. Gerade die Schul-Deppen brachten Sprüche wie ‚Mach’s wie Robert Enke, wirf dich vorn Zug‘. Ich hätte ihnen am liebsten non-verbal geantwortet“, erinnert sich Henrik. Besonders an Jahrestagen wie heute kocht das Thema für Hendrik wieder hoch.

Nach Roberts Tod kam er auch außerhalb der öffentlichen Diskussion zum Thema Depressionen mit der Krankheit in Kontakt: „Mir begegnete Suizid anschließend noch zweimal. Diesmal wirklich im persönlichen Umfeld. Man kann die Krankheit von außen aber wirklich nicht erkennen. Und das macht fertig. Man macht sich Vorwürfe. Damit klar zu kommen, das ist der schwerste Prozess.“ Eine richtige Umgangsform mit der Thematik gäbe es für ihn nicht. Obwohl es die Robert-Enke-Stiftung und auch andere Institutionen gibt, sieht Henrik keinen großartigen Wandel im Profifußball. „Gerade der Druck, der auf den Spielern lastet, ist weiterhin zu hoch“. Man sollte noch viel sensibler sein: Sowohl die Medien, als auch die Fans. Doch auch außerhalb des Profisports sei das wichtig. „Das gilt natürlich auch im gesellschaftlichen Umgang miteinander. Man kann bei jemanden mit kleinen, falschen Worten schnell eine Lawine auslösen“.

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