Chris Gloster hat eine Chance verdient!

Mit Albornoz und Ostrzolek sind beide Linksverteidiger verletzt

Hannovers Nachwuchstalent Chris Gloster (r.) bei einem Spiel im US-amerikanischen Nationalmannschaftstrikot. Foto: Getty Images

Während Thomas Doll seit Wochen auf die gleichen alteingesessenen Spieler setzt, die keine Leistung zeigen wollen oder können, trumpfen die jungen Wilden in Hannovers Nachwuchsmannschaften auf. Warum nicht auf den Nachwuchs setzen, wenn die Mannschaft de facto bereits abgestiegen ist? Ein Plädoyer von Tim Block und Dennis Draber.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem für Thomas Doll kein Weg mehr am erfolgsversprechenden Außenverteidiger aus Hannovers zweiter Mannschaft, Chris Gloster, vorbeiführen dürfte. Denn Schlusslicht Hannover 96 muss für mehrere Wochen auf Linksverteidiger Miiko Albornoz verzichten. Der Chilene zog sich beim 0:1 gegen Schalke 04 am Sonntag einen Teilriss des Außenbandes im Sprunggelenk des linken Fußes zu. Er fällt wohl bis zum Saisonende aus. Auch Matthias Ostrzoleks dramatische Verletzung ist immer noch in Erinnerung – nach einem Zusammenprall mit Esser erlitt Ostrzolek einen Rippenserienbruch. Sogar der Notarzt musste gerufen werden, um für Ostrzolek auf dem Trainingsgelände Erste Hilfe zu leisten. Ostrzolek soll laut Hannover 96 mittlerweile wieder fit sein – bei 100% wird er nach dieser Zwangspause aber noch längst nicht sein, das wäre auch zu viel verlangt.

Möglicherweise bleibt Thomas Doll jedoch in seinen alten Denkmustern verfangen und bietet als Ersatz für Albornoz nun einen standesgemäßen Innenverteidiger wie Felipe oder Elez auf. Oder er experimentiert damit, den Rechtsverteidiger Julian Korb auf der linken Außenverteidigerposition aufzubieten. Womöglich kommt er gar auf den Gedanken, Haraguchi hinten links zu verteidigen (der sich nach eigener Aussage schon auf der rechten Außenverteidigerposition unwohl gefühlt hat). Zuzutrauen wäre es Doll leider – denn ähnlich wie Thomas Schaaf vor drei Jahren ignoriert Doll die vielversprechenden Talente in Hannovers Nachwuchsmannschaften weitestgehend. Zwar dürfen einige Talente gelegentlich in der Profimannschaft mittrainieren, doch nicht einmal für Kurzeinsätze reicht es – obwohl die Profis seit Wochen enttäuschen. Ganz gleich, ob sie nun Niklas Tarnat, Sebastian Soto, Justin Neiß, Julian Klar, Benjamin Hadzic oder Chris Gloster heißen – sein Herz für junge Talente hat Doll noch nicht entdeckt.

Chris Gloster ist amerikanischer U20-Nationalspieler. Er kam 2017 aus der Fußballakademie der NY RedBulls und ist seitdem im U19-Team unserer Roten eine echte Stütze auf der linken Verteidigerposition. Sein großes Laufpensum und das hohe Tempo, gepaart mit seiner Athletik, machen schnell klar, weshalb er die Anforderungen der NY RedBulls-Philosophie erfüllte. Seine Fähigkeiten passen sehr gut zu einem athletischen Wingback im 3-4-1-2 System. Im Aufbauspiel verhält er sich offensiv: Er traut sich, deutlich über die Mittellinie hinaus in die Hälfte des Gegners einzudringen. Um seine Fähigkeiten zu verdeutlichen, folgt hier eine virtuelle Step-by-Step Bilderstrecke.

Typischer Bewegungsablauf eines Wingbacks in der Bundesliga: Offensiver Laufweg in die gegnerische Hälfte, um zonal im bestimmten Szenario eine Überzahl generieren zu können. Team Rot wird das Spiel gleich verlagern oder das Pressing des Gegners (Team Weiß) anders bekämpfen.

Team Rot verlagert das Spiel auf die linke Außenbahn, wo Gloster nun in die Tiefe sprinten wird, um sich anzubieten. Der Gegner (Team Weiß) reagiert darauf mit defensivem Muster mit der Idee, Team Rot auf den Außen fest zu pressen.

Verlagerung und Übergangsspiel funktionieren insoweit, so dass der Gegner nun zum Handeln gezwungen wird. Mann gegen Mann verteidigen (Ballführenden attackieren), den Raum verteidigen (Deckungsschatten nutzen und Gegner stellen). Gloster hat nun zwei offensive Optionen.

Option 1: Kurzer Pass hinter die Abwehrkette in den tiefen Raum, in jenen der linke offensive Flügelspieler startet.

Option 2: Flanke auf den kurzen Pfosten. Den Ball attackiert der Mittelstürmer (9er) um zum Torabschluss zu kommen.

Diese kleinen Einblicke in die Spielweise von Chris Gloster zeigen: Der junge Amerikaner steht für eine frische, offensive Interpretation der linken Außenverteidigerrolle. In der jetzigen Verfassung sollte man ihn in Situationen zu bringen, in denen er seine Schnelligkeit ausspielen kann. Seine Kombinationsstärke in Verbindung mit seiner Dynamik ist definitiv ein Mittel, um in der Bundesliga gut zu performen.

Sicherlich ist auch der 20-jährige Gloster noch kein perfekter Spieler (deshalb spielt er ja auch in Hannovers zweiter Mannschaft und nicht bei Borussia Dortmund). Gloster hat noch großen Verbesserungsbedarf beim geordneten Spielaufbau.

Doch darum geht es letztlich gar nicht. Blicken wir drei Jahre zurück: Damals scheiterte Thomas Schaaf mit dem Profikader krachend, während sein Nachfolger Daniel Stendel in den letzten Bundesligaspielen beachtliche Erfolge feierte – weil er junge Spiele wie Waldemar Anton und Noah Joel Sarenren Bazee ins kalte Wasser schmiss. Unter Stendels Regie und seinen jungen Talenten wie Anton und Sarenren Bazee feierte Hannover 96 in den verbliebenen Bundesligaspielen bemerkenswerte Heimsiege wie gegen Borussia Mönchengladbach oder 1899 Hoffenheim. Und noch viel wichtiger: Bereits in den letzten Bundesligaspielen bildete sich ein Gerüst an Spielern für die folgende Zweitligasaison heraus, so dass Hannover 96 ohne lange Anlaufphase erfolgreich in die Spielzeit starten und direkt zu Saisonbeginn wichtige Punkte holen konnte. Ohne diesen erfolgreichen Start in die Zweitligasaison wäre der direkte Wiederaufstieg am Ende nicht möglich gewesen wäre.

Wenn Hannover 96 wirklich den direkten Wiederaufstieg anpeilen möchte, muss der Verein bereits jetzt junge hungrige Nachwuchsspieler an die Profimannschaft heranführen. Am Samstag gegen Wolfsburg bietet sich die erste Gelegenheit dafür. Worauf warten wir noch?

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