Rückkehr an Kultstätte – Pro Verein verkündet Konzept für 96-Zukunft

Pro Verein 1896 stellt das Konzept für die Zukunft von Hannover 96 vor. Bild: Flyer Pro Verin.

Hannover – Gemeinsam mit Herz und Verstand. Mit Tradition und Innovation“,
unter diesem Motto ruft die Interessengemeinschaft (IG) Pro Verein 1896 für die Vorstellung ihres Konzepts zur Zukunft von Hannover 96 aufMit dem Designhotel CongressCentrum Wienecke XI. wurde dabei ein Veranstaltungsort gewählt, der bei Hannover 96 eine lange, aber fast vergessene Tradition hat und schon für manche Überraschung im hannoverschen Sportverein gesorgt hat.

Vortrag von Ewald Lienen

Ewald Lienens Gastvortrag “Der Verein als Kernstück des modernen Profifußballs und seine gesellschaftliche Bedeutung“ lässt erahnen, wohin die Reise geht. Die IG wirbt derzeit für eine außerordentliche Mitgliederversammlung, auf der die Aufsichtsräte von Lintel, Beck und Schmidt abberufen und sofortige Neuwahlen durchgeführt werden sollen. Die Initiatoren werfen ihnen im Antrag mangelnde Integrität vor.

Verstoß gegen Lizenzordnung?

Mit einem möglichen schweren Verstoß gegen die Lizenzordnung der DFL aufgrund einer Satzungsänderung in der Hannover 96 GmbH & Co. KGaA gerieten die Niedersachsen zuletzt in die Schlagzeilen. Die deutsche Fußball Liga (DFL) hat Kinds de-facto Aushebelung der 50+1-Regel bei den Roten thematisch bisher nicht öffentlich kommentiert, gab aber an, erst nachträglich durch die Presse davon erfahren zu haben.

Turbulente Zeiten in Hannover

Unter anderem sähen die DFL-Regularieren Punktabzüge oder gar einen Lizenzentzug vor. Kind widerspricht dem. Kinds Antrag auf Ausnahme von der 50+1-Regel bei Hannover 96 wurde von der DFL im Juli abgelehnt. Begründung: Martin Kind habe den Verein nicht erheblich gefördert. Zur Zeit prüft das Bundeskartellamt die Regel nach Beantragung durch die DFL. Hannover 96 dagegen hat Klage beim Ständigen Schiedsgericht der Lizenzligen eingereicht.

Turbulente Zeiten also auch weiterhin in Hannover. Mit offenem Ende. Doch dafür könnte auch der Veranstaltungsort für morgigen Dienstag kaum passender gewählt sein: die ehemalige Wülfeler Brauereigaststätte. Mit dem Ort verbindet Hannover 96 eine jahrzehntelange Tradition, die jüngeren Fans kaum mehr geläufig sein dürfte.

Blick in die Vergangenheit

Auf der Hotelanlage des Designhotel + CongressCentrum Wienecke XI. fanden unter 96-Präsident Horst-Fredo Henze (1981-1989), genannt „Stumpen-Fredo“ , vor jeder Saison sogenannte „Beschnupper-Events“ statt. Oftmals mit Freigetränken versorgten Mitgliedern und Fans wurde hierbei der neue Kader präsentiert. Henzes Amtszeit glich in sportlichen Belangen trotz zweier Aufstiege zwar eher einer Durststrecke, doch die jährlichen Veranstaltungen in Hannovers Süden waren aber unter Anhängern beliebt und damit so manchem noch immer in guter Erinnerung.

Klogeschnatter

Legenden ranken sich um ein Ereignis im Jahr 1992. Während einer hitzigen Mitgliederversammlung in der angestaubten und verrauchten Atmosphäre der Wülfelfer Brauereigaststätte fand sich kein Nachfolger für Präsident Uwe-Jens Nonnsen, der einen hochverschuldeten Verein hinterlassen hatte. Während einer Pause wurde Rechtsanwalt und Notar Fritz Willig noch auf der Toilette überredet den Vorstandsvorsitz bei 96 zu übernehmen. Siehe da: Willigs Mut wird belohnt. Nur ein halbes Jahr später triumphierte die Sievers-Truppe unter Trainer Lorkowski überraschend im DFB-Pokal. Als Zweitligist – wohlgemerkt!

Schreckensszenarien und Polizeischutz

Das nächste große Ding in den Wülfeler Brauereigaststätten fand am 26. September 1997 statt. Utz Claassen – der von Ministerpräsident Schröder persönlich empfolene Analyst und Sanierer stufte die Situation bei Hannover 96 noch deutlich düsterer ein, als bisher angenommen. Er sah nach dem Abstieg in die Drittklassigkeit den wirtschaftliche Niedergang. Nur ein groß angelegter Sanierungsplan könnte Hannover 96 überhaupt noch helfen.

Fakt ist jedenfalls, dass die Veranstaltung aufgrund des großen öffentlichen Interesses vom HCC in einen beliebten Wülfeler Biergarten verlegt werden mussten.

Aufgrund des immensen Andrangs und wegen zahlreichen Neueintritten in den Sportverein wurde sogar per Lautsprecher nach draußen übertragen. Claassen – sich mit Leibwächtern schützend – schilderte in einer emotionalen Rede noch die Lage und seine Pläne für Sanierungsmaßnahmen. Viele Mitglieder bekundeten dies zwar noch mit Beifall, doch für seine anschließende Vertrauensfrage reichte es nicht. Claassen verkündete seinen sofortigen Rücktritt und ließ sich mit Polizeischutz vom Gelände bringen.
Noch in der selben Nacht übernahm Martin Kind, berufen durch den neugewählten Aufsichtsrat, den Vorsitz bei Hannover 96. Kind, schon damals weltweit erfolgreicher Hörgeräteunternehmer, bezeichnete Claassens Konkursszenario als dargestelltes “Schreckensszenario”. Jahre später räumte er jedoch ein, dass sein Vorgänger eine völlig richtige Einschätzung der wirtschaftlichen Situation getroffen hätte. Claassens Fehler seien somit eher taktische gegenüber der Öffentlichkeit gewesen.

Kinds Ägiden

Unter Kinds Regie passte sich 96 den modernen Profistrukturen an und fand zurück in die Spur. Highlights waren neben dem Erstligaaufstieg 2001/2002 sicher auch die zwei Europaleague-Teilnahmen (Sevilla, Kopenhagen – wir erinnern uns). Doch seit einigen Jahren mehren sich auch kritischen Stimmen in Verein und Umfeld. Der Konflikt bei Hannover 96 ist längst da und wurde durch das Ende des Stimmungsboykotts mitnichten beigelegt. Auch wenn die Fanszene die Mannschaft wieder unterstützt, bleibt der Protest bei Hannover 96 offenkundig.

Kritiker und auch die DFL in ihrem Ablehnungsschreiben bezweifeln, dass Kind 96 tatsächlich „mindestens 20 Jahre ‚erheblich‘ gefördert“ hat. Stattdessen sieht die vereinsinterne Opposition demokratische Werte, welche in Vereins- und Gemeinnützigkeitsrecht verankert sind, missachtet. Zudem sei Martin Kind laut Pro Verein eher Nutznießer denn Mäzen des Sportvereins.
Teilhaber der Investorengruppe Hannover 96 Sales & Service GmbH & Co. KG (S&S) hätten durch Einmalzahlungen dauerhafte Anteile des Firmenkonstruktes und der Marke Hannover 96 erhalten. Besonders die Abwicklung des Verkaufs der Markenrechte wird daher kritisch betrachtet und ein Modell wie bei der Frankfurter Eintracht, in denen der Stammverein jährliche Zahlungen erhält, deutlich bevorzugt.

Ein offenes Ende

Die von Pro Verein kritisierten Aufsichtsräte würden zudem ihrer Kontrollpflicht des Vorstands um 96-Präsident Martin Kind nicht nachkommen. Zuletzt habe Martin Kind so die möglicherweise lizenzgefährdende Satzungsänderung im Alleingang vornehmen können. Ob und wie die DFL dieses Vorgehen sanktionieren wird, wird sich zeigen. Kind selbst jedenfalls reagierte gelassen auf die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe, wie die „Bild“ zuerst berichtete. Um eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen, ist laut Satzung die Unterstützung von 5 % aller Mitglieder notwendig.

Morgen also rückt der Sportverein zurück ins Zentrum der Diskussion. Abermals in den Wülfelfer Brauereigaststätten könnte eine neue Richtung bei Hannover 96 eingeschlagen werden oder zumindest aufgezeigt werden. Vielleicht auch gut so: Das sogenannte “Hannover Modell” gilt als zerstritten. Kind und Rossmann werden von Baum und Wilkening beklagt – und unterliegen. Kinds Erfolg gegen 50+1 scheint längst nicht mehr “alternativlos”. Im Gegenteil: Sollte das Kartellamt die Einschätzung der DFL teilen, könnte Kinds Kampf gar aussichtslos werden. Eine gute Frage, ob der Verein und seine Mitglieder diesen Kampf dann vor einem zivilen Gericht noch mitfinanzieren möchte, gerade wenn es durch alle Instanzen gehen soll. Mit dem Neubau seines Vereinszentrums an der Stammestraße (mindestens rund 6 Millionen Euro Neuverschuldung) erfährt dieser die bislang höchste Belastung seit Clubgründung.

Gut möglich, dass der kommende Dienstag ein neues Kapitel bei Hannover 96 aufschlägt. Oder zumindest den Prolog liefert. Los geht es um 18:30, der Eintritt ist frei. Pressevertreter werden gebeten, sich vorab anzumelden.

Ein Gastbeitrag von Patrick Schiller

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