Hannover 96 und der schleichende Rechtsruck – Ein Gastbeitrag

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Hannover – Die Stimmung bei 96 ist zurück. Das beschlossen gestern die Teilnehmenden des Fanszenetreffens im Club „Béi Chéz Heinz“. Eine gute Nachricht für die Fans, eine gute Nachricht für den Verein. Dass dieses Ergebnis bedeutet, dass alles wieder so sein wird, wie es vor dem Stimmungsboykott einmal war, dürfte jedoch zu bezweifeln sein.  Die Gründe liegen dabei nicht bloß darin, dass die Lage zwischen Teilen der Fanszene und Klubchef Martin Kind weiterhin angespannt bleibt. Wenn der organisierte Teil der Fanszene ihren Support wieder aufnimmt, wird dieser ein verändertes Bild abgeben.

Machtwechsel in der 96-Kurve

In der abgelaufenen Saison krachte es nicht nur beim Thema Martin Kind und 50+1, auch hinter den Kulissen der Ultraszene von Hannover 96 tat sich einiges. Der Gruppe Rising Boys Hannover wurde, offenbar unter Gewaltandrohung, das Auftreten im Stadion untersagt, weitere Gruppen wie Linden Society, Dudes, RI und auch Teile der Ultras Hannover sollen sich aus Solidarität zu RBH und aus Protest gegen den Kurs der Szene dem angeschlossen haben. Die Gründe sind politischer Natur. Mehrere Mitglieder der sich als antirassistisch verstehende Gruppe sollen dabei an verschiedenen linksgerichteten Demonstrationen teilgenommen haben – ein Dorn im Auge einiger Gruppen und durch den folgenden Rauswurf der vorläufige Höhepunkt eines sich lange entwickelnden politischen Rucks der Szene nach rechts. An dieser Stelle sei auf den Blog „Hannover rechts außen – Gegen den rechten Konsens in der aktiven Fanszene!“ hinzuweisen, der eine Chronologie der Ereignisse veröffentlicht hat.

Verlust letzter antirassistischer Gruppe

Die Szene gibt insgesamt vor, unpolitisch zu sein. Eine Kurve, die vorgibt unpolitisch zu sein, bedeutet auch bei Hannover 96 offensichtlich eines: die Verdrängung linker Gruppen mit dem gleichzeitigen Dulden Rechter. Schon 2014, als HogeSa in Hannover demonstrierte, gab es aus der Fanszene den Hinweis, dass man sich von allen Veranstaltungen fernhalten sollte. Nazi-Hools und Gegendemonstranten, alle gleich schlimm. Nach dem (nicht ganz freiwilligen) Ende von Brigade Nord im Jahre 2016 verliert die Kurve nun auch seine letzten sich antirassistisch verstehenden Gruppen. Was das bedeutet, wird sich mit der Zeit zeigen.

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Neusortierung der Kurve

Durch die Neusortierung der Kurve dürfte auch der Einfluss der Gruppen steigen, die den Kurs unterstützen und mittragen. Ultragruppen, wie die Gruppe „West Hannover“. Und diejenigen, die es nicht nur dulden sondern auch begrüßen, wenn sich Neonazis wie Timm G. in deren Umfeld bewegen. Dieser wurde jüngst wegen Zeigens des Hitler-Gruß im Trainingslager des letzten Jahres von Hannover 96 verurteilt. G. ist seit letzter Woche allerdings kein Thema mehr in der hannöverschen Szene. Wie viel Wert auf Menschen gelegt wird, die sich antidiskriminierend positionieren, zeigen auch Veröffentlichungen der Ultragruppe „Komplott Hannovera“. So bediente sich die Gruppe 2016 im eigenen Fanzine, Der Goldenen Reiter, rechter Kampfbegriffe wie „Linksfaschisten“ und setzen antirassistische Fangruppen mit der verbotenen Neonazigruppierung „Besseres Hannover“ gleich.

Nazis raus aus der Kurve

In einer durch und durch heterogenen Fankurve werden sich auch rassistische und neonazistische Menschen befinden. Da sollte man sich zumindest in Hannover keinen Illusionen hingeben. Das Klima in der Kurve sollte aber unmissverständlich sein: Rassisten und Neonazis werden nicht mal im Ansatz geduldet. Dass sich momentan Einige ermutigt fühlen, ihre Menschenverachtung offen auszuleben, zeigte nicht zuletzt der rassistisch motivierte Vorfall um Anthony Ujah und Leon Balogun. Auch sind in der jüngeren Vergangenheit wieder vermehrt Fans und kleinere Gruppen zu beobachten, die gerade bei Auswärtsspielen durch das Tragen von Szenemodemarken wie Thor Steinar oder Yakuza auffallen, von diskriminierenden Parolen mal abgesehen. Es fehlt ein Korrektiv.

Leon Balogun beklagte sich nach dem Spiel seiner Mainzer in Hannover über rassistische Beleidigungen aus der Kurve. Er spielte von 2008 bis 2010 bei Hannover 96. Foto: Joern Pollex/Bongarts/Getty Images.

Verein nicht unschuldig

Doch auch der Verein ist nicht unschuldig an der Entwicklung. So hat die erzwungene Auflösung des Fandachverbands Rote Kurve dazu geführt, dass ein Organ mit eindeutig antirassistischem Selbstverständnis der Kurve verloren ging. Dazu kommt eine DFB-esque Herangehensweise ans Thema Antirassismus. Einmal im Jahr ein „Hannover ist bunt“ Banner reicht nicht, um eine authentische Haltung zu vermitteln. Erst recht nicht, wenn man die Social Media Abteilung lieber zum Tag der Jogginghose twittern lässt als zum Holocaust Memorial Day.

Für eine diskriminierungsfreie Kurve

Bei all dem sollte nicht vergessen werden, dass es auch außerhalb der organisierten Gruppen in der Fanszene viele Menschen gibt, die sich antirassistisch engagieren, die jedes Jahr ein antirassistisches Fußballturnier ausrichten, Spaß gegen Stumpf organisieren oder ganz aktuell im Rahmen der „AntiRa-Wochen“ im September verschiedene Veranstaltungenzum Thema anbieten. Die Veröffentlichungen des angesprochenen Blogs hat schon jetzt in der Szene einiges an Staub aufgewirbelt. Zugegeben, das Thema ist grundsätzlich sehr komplex. Es wird befürchtet, dass sich der Konflikt wieder zuspitzen könnte. Doch eins ist klar: Wegschauen und Schweigen bringen nichts. Hinschauen, für eine diskriminierungsfreie Kurve. Für eine antirassistische Fan- und Ultrakultur.

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8 Kommentare

  1. Wenn linksradikale verschwinden ist es einfach erstmal nur gut. Und noch lange kein Rechtsruck. 

    Es gibt keine gute Gewalt. Es gibt keine gute Intoleranz. Und es gibt keine gute Radikalität. Punkt.

  2. Intoleranz gegenüber Faschisten, widerständige Gewalt wie einst gegen die alle Empathie und Menschlichkeit vergessenen Nationalsozialisten ist also nicht "gut" – wenn also die Demokratie versagt, wie sie auch in Zeiten zunehmender Entsolidarisierung, Autoritarisierung, mithin Demokratieentleerung und Menschenverachtung wieder tut? Klar, dann sind auch die Schubladen "links" (wer/was ist das eigentlich?) und "rechts" gleich (sic).

  3. Extreme politische Positionen, egal welcher Couleur, sind generell gefährlich. Hier ist es wichtig, dass jeder dagegen aufsteht und ein Zeichen setzt. Im Stadion ist der jeweilige Verein gefordert, gegen derartige Gruppen ggf. ein Stadionverbot  auszusprechen. 

  4. Ach, Obono. Der Faschismus ist eine linke Ideologie – Mussolini kam aus der linksextremen Gewerkschaftsbewegung. Und wenn man deine "Argumente" liest dann kann man erahnen, womit dieser Mann (und all die anderen, im Namen der ach so menschlichen Ideologien Sozialismus und Kommunismus verantwortlich waren für 80-120 mio Tote. auf dem Weg zum Paradies) seine Gewalt, seinen Widerstand gegen das Establishment, rechtfertigte.

    Wer Gewalt in gute Gewalt und böse Gewalt einteilt und darauf seine moralische Position begründet, ist einfach nur dumm.

  5. Och Hauke! Hättest du in der Schule und danach etwas aufgepasst, müsstest du hier nicht so einen albernen Unsinn verbreiten wie "Der Faschismus ist eine linke Ideologie". Das vertritt nicht ein ernstzunehmender Historiker. Der Blödsinn wird zwar in Kreisen der Neuen Rechten neuerdings immer gerne verbreitet, dass macht ihn aber nicht sinnvoller oder richtiger.

  6. Milton Rokeach? Schon mal gelesen? Jan-Willem van Prooijen und André P. M. Krouwel – schon mal was von gehört? Bildung hilft: Extreme Political Beliefs Predict Dogmatic Intolerance. Social Psychological and Personality Science. DOI: 10.1177/1948550616671403

    Wissenschaftlich kennzeichnet Sybille Steinbacher den Faschismus wie folgt:"Im Faschismus geht es um die mythische Einheit von Führer und Volk. Das ist das, was faschistische Bewegungen anstreben und dazu verstehen sie es, Gefühle anzusprechen, Leidenschaften zu mobilisieren und vor allem auf die Emotion zu setzen und vor allem auch zu vermitteln, dass Gemeinschaft ein eigener Wert sei.

    Trifft das auf Stalin nicht zu? Auf Castro? Chavez? Kim Jon Un? Haben all diese genannten nicht den Hass auf andere kultiviert – Stalin auf die Juden, die Weissrussen, die Ukrainer, etc. Chavez auf die Amerikaner, und "die Reichen". Usw. usf.

    Christof Dipper:"Faschismus ist eigentlich keine Theorie letzten Endes. Faschismus ist Praxis. Und diese Praxis des Faschismus heißt Gewalt."

    Und spätestens mit den G20 Kravallen im letzten Jahr haben selbst die etablierten Medien erkannt, das Faschismus keine allein rechte Domäne mehr ist. Google ist hier dein Freund… von der FAZ über die Welt bis zur Huff. Aber wer nur an die TAZ glaubt weiß natürlich auch hier alles besser.

    Sorry, aber ich habe nicht nur in der Schule aufgepasst, sondern mein Geschichtswissen basiert halt auch nicht nur auf n-tv Sendungen und Monitor-Beiträge. Über den Tellerrand schauen hilft. Ehrlich. 

  7. >Milton Rokeach, Jan-Willem van Prooijen und André P. M. Krouwel

    Die Herren sind allesamt Soziologen und keine Historiker.

    >Wissenschaftlich kennzeichnet Sybille Steinbacher den Faschismus wie folgt:

    Sorry, aber hier haben Sie offenbar die Holocaust-Forscherin Steinbacher mit AfD-Freundin Erika Steinbach verwechselt. Die hat tatsächlich mal getwittert, die NSDAP sei eine "linke Partei" gewesen.

    Ansonsten bewegt sich Ihre Argumentation auf dem Niveau von "Aristoteles hat einen Bart. Alle Männer haben Bärte. Alles Männer sind Aristoteles.“. Vielleicht sollten Sie bei Ihrem Blick über den Tellerrand nicht nur gebannt in eine Richtung schauen.

    So haben Sie offenbar die Seite vom Deutschlandfunk, aus der sie ihre Aussagen übernommen haben, offenbar nur sehr selektiv über den Tellerrand geschaut. Sonst wären Ihnen sicher auch noch diese Zitate von den beiden von Ihnen als Kronzeugen herangezogenen Professoren aufgefallen, die genau vor Ihrem Zitat stand:

    "Einig sind sich die Historiker Steinbacher und Dipper dann wieder beim Thema des sogenannten "Linksfaschismus". Dieser Begriff fällt bei beiden durch:

    Dipper: "Nein, das gibt es überhaupt nicht. (…) Das ist ganz falsch, weil der Faschismus mit einer rassistischen Idee – in Deutschland und Italien, um das zu betonen – zwingend in Verbindung gebracht werden muss und diese gibt es in der linken Szene aus Gründen, die man jetzt nicht weiter erklären muss, überhaupt nicht."

    Steinbacher: "Ach, wir haben auch den Begriff des 'Sozialfaschismus', der schon in den 1920er-Jahren kreiert worden ist und ja letztlich so fatal gewesen ist, weil er letztlich verhindert hat, dass es eine Einheitsfront der Linken gegen den Faschismus gegeben hat und die Linke war tief gespalten."

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/debatte-der-umstrittene-begriff-faschismus.976.de.html?dram:article_id=392044

     

  8. Nein, ich habe niemanden verwechselst. Und es wäre sinnlos mit Historikern zu kommen, denn diese würden Sie eh alle als rechts, neurechts oder minderwertig wegwischen.

    Das Steinbacher Ihrer eigenen Logik im Verlauf des Interviews nicht folgt ist mir zweifellos klar. Aber wes Geld ich nehm des Hand ich nicht beiß, gell?

    Eine (vor allem sachliche) Diskussion sprengt das Forum. Die Studie der genannten Soziologen ist aber äußerst gelungen und trifft mit seinen Merkmalsbeschreibungen auch wunderbar bei Ihnen ins schwarze. 

    Wer Gewalt rechtfertigt solange es "nur die richtigen trifft", ist ein Faschist. Punkt. Und da linksradikale sehr wohl ein rassisches Feinbild haben (sprich: "alter weißer Mann"), ist auch die gute Steinbacher an dieser Stelle in ihrer Schlußfolgerung wiederlegt (anders als in ihrer Beweisführung). Aber egal…

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