Quo Vadis 96: Wie Hannovers Ausgangslage in der zweiten Liga wirklich aussieht

Die 96-Fans fühlen sich ungerecht behandelt (Photo by PIXATHLON/PIXATHLON/SID/)

Simon Petrus: „Domine, quo vadis?“
Jesus: „Romam venio iterum crucifigi“ Johannesevangelium 13, 36

Gut, nach Rom gehen wir Roten leider (für lange Zeit) nicht mehr, sehr wohl jedoch wieder in die Zweite Liga und ja, das fühlt sich für mich wie eine sportliche Kreuzigung an. 

Von André Kahle

Am Freitag beginnt die neue Zweitliga-Saison. Viele meiner 96-Freunde freuen sich auf die Saison, auch wenn es nicht alle direkt so offen ausdrücken würden.
Ein wenig vorsichtiger Pessimismus, gepaart mit einer Prise allgemeines Motzen und natürlich der gegenseitigen Versicherung, dass man im Notfall das „Ganze“ dann im zweiten Jahr angeht, so erscheint mir die Gemütslage bei vielen.

Das Ganze… tja, um was geht es eigentlich wirklich in dieser Saison?!
Geht es um den Aufbau einer neuen Philosophie wie einige meinen? Geht es um die Emanzipierung von Kind und dem „Projekt Hannover 96 der letzten Jahre“? Geht es darum eine gute sportliche Rolle zu spielen? Geht es um den direkten Wiederaufstieg? Geht es um die Versöhnung der Fans untereinander?

Nein, nichts davon! Es geht um nichts weniger als die Zukunft des Profifußballes in Liga 1 in Hannover.

These I

Ich bin der festen Überzeugung, dass nur der direkte Wiederaufstieg in der Saison 2019/’20 Hannover 96 die Chance eröffnet in absehbarer Zeit noch Erstligafußball zu spielen.
Wohlgemerkt, nur die Chance! Selbst beim direkten Wiederaufstieg wäre der Weg, sich wieder in Liga 1 zu etablieren, verdammt steil, steinig und hart.

Ich habe Hannover 96 in der Regionalliga gesehen, ich habe Hannover 96 in der Zweiten Liga gesehen und ja, auch in Europa.
Klar, bei Sonnenschein im August / September oder im Mai macht Fußball nahezu überall Spaß.
Aber im November oder Februar, bei +2 Grad und Nieselregen sehe ich lieber ein Spiel gegen Dortmund, Leipzig oder Bremen, als gegen Sandhausen, Bochum oder Regensburg.

 

These II

Ich glaube sehr viele Zuschauer, die 25 € und mehr für ein Ticket bei Hannover 96 zahlen, stimmen mir da zu. Die wollen zurück in Liga 1 und zwar sofort. Ansonsten bleibt das Rund in Zukunft leer.

Wie der geneigte Leser unschwer erkennt, ist für mich der Wiederaufstieg nicht verhandelbar. Er ist alternativlos und das haben auch die Verantwortlichen bei Hannover 96 erkannt.
Wenn man angeblich bereits jetzt nur Platz 5 oder 6 in der zweiten Liga innehat, was den finanziellen Spielraum angeht, wie von den Herren Entscheider aus Hannover angedeutet, dann wird das in zukünftigen Spielzeiten sicherlich nicht besser werden in Liga 2.

These III

Mit Aussagen wie…
„Perspektivisch, da hat Martin Kind recht, muss 96 in die 1. Liga. Und das ist auch ganz klar mein Ziel. In dieser Saison ist es nicht leicht. Es sind große Klubs drin, es ist vielleicht die beste 2. Liga, die es jemals gegeben hat. Perspektivisch muss es im zweiten Jahr klappen.“ (Slomka, Juni 2019)
oder
„Bei einem Neuaufbau sollten wir zwar sagen: Wie wollen aufsteigen – und trotzdem die Zeit-Achse verlängern.“ (Kind, April 2019)

Mit solchen Aussagen nahmen die Verantwortlichen eindeutig den Druck raus – doch der Wiederaufstieg ist unumgänglich

… erkaufen sich die Protagonisten daher nur zwei Wochen mehr Schonzeit, falls die Ergebnisse nicht von Anfang an so laufen, wie erhofft und benötigt. Mehr aber auch nicht.

Wie dem auch sei, am Ende der Woche geht es nun los.
Beim direkten Aufstiegskonkurrenten aus Stuttgart beginnt die Missionen „Wiederaufstieg“. Besser kann dieser Termin nicht kommen, denn die Chaostage, die die Älteren von uns noch semantisch Hannover zuordnen würden, toben aktuell in Stuttgart. Ein Wahnsinn, sogar für Hannoveraner Verhältnisse.
Während das Spiel für unsere Roten noch keinerlei Weichenstellung werden wird, könnte es für den VfB direkt der Anfang vom Ende sein. Doch dafür müssten die Schwaben zu Hause verlieren und das deutlich. Mir kommt da direkt der Saisonauftakt am 05.08.2016 in den Kopf. Betze, Freitag, Flutlicht, 0:4 Sieg! Hach, das wäre doch schön!
Und KAWUMMS tappe ich in die Euphorie-Falle!
Natürlich wird 96 nicht 4:0 in Stuttgart gewinnen. Im Gegenteil, bei dem aktuellen Kader können die Roten froh sein, wenn es am Ende zu einem Remis reicht. Vorne zu harmlos, hinten zu schlecht und in der Mitte nicht eingespielt.

These IV

Am Ende steht wahrscheinlich ein 1:1. Felipe mit dem Eigentor und vorne ein Glückstreffer nach einer Ecke. Aussagewert für den Rest der Saison Null. Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, entscheidet sich dann erst nach dem 10. Spieltag. Das Spiel in Stuttgart also ein Muster ohne Wert!

Doch was muss passieren, dass Hannover 96 es nach 34 Spieltage zurück ins Oberhaus schafft?
Ganz einfach! Man muss lediglich 16 Teams hinter sich lassen. Nicht mehr, nicht weniger. Doch ist das mit dem Kader möglich?
Das erscheint mir die Kardinalfrage, die noch nicht abschließend beurteilt werden kann, denn fern ab, ob noch ein Innenverteidiger geholt wird, wie Slomka fordert oder man noch andere Spieler überzeugen kann an die Leine zu wechseln…
… entscheidend ist nicht, wer kommen wird, sondern wer noch geht.

These V

So lange ein Jonathas und ein Walace im Kader stehen, wird Hannover 96 nicht aufsteigen.

Denn diese Spieler sind Symbolfiguren für das, was uns in die zweite Liga führte und für das, was bei 96 grundlegend falsch lief.
Nur wenn dieser Umstand erkannt wird und man sich von diesen Spielern trennt – koste es, was es wolle! – kann die Mannschaft einen Geist entwickeln, der sie durch die Liga tragen könnte.
Wenn nicht, werden die beiden Spielminuten bekommen und jede Minute ist dann eine verschenkte Minute.
Nicht auszudenken einen Teuchert, Duksch, Soto oder Weydandt auf der Bank zu sehen, während ein Jonathas Spielminuten (und Prämien) bekommt. Nicht auszumalen, was es für ein Zeichen wäre einen Walace aufzustellen, in einer Liga, wo Kampf, Leidenschaft und Aufopferungsgeist als „typische Tugenden“ zählen.

Der Weg von Hannover 96 2019/’20 entscheidet sich an vielen kleinen Weggabelungen. Auf einige davon muss spontan (und möglichst richtig) im Laufe der Saison reagiert werden; andere Weichen können bereits im Vorfeld gestellt werden, doch dieses Vorfeld endet in T minus drei Tagen in Stuttgart, spätestens aber am 02. September, wenn das Transferfenster schließt.

Wir dürfen gespannt sein, ob es 96 gelingt zurückzukehren in Liga 1.
Ich hoffe es sehr, aber anders als Petrus fehlt mir der feste und unerschütterliche Glaube!

Das war ein Gastartikel von André Kahle.

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