Neben den CL-Sensationen – Auch in Hannover wird es nicht langweilig

Wie sieht die Zukunft von Hannover 96 aus - herrscht mehr Licht oder mehr Schatten bei den Roten? Foto: Getty Images

Die letzten Tage waren für Fußballfans auf der ganzen Welt etwas Besonderes. Der K.O-Modus in den europäischen Wettbewerben sorgt für eine ungewohnt hohe Brisanz, das Spektakel der Bayern gegen Barcelona (8:2) oder den gestrigen Sieg von Olympique Lyon gegen Manchester City (3:1) konnte man so definitiv nicht erwarten.

Mit der „deutschen Fanbrille“ auf der Nase wird die Situation noch einmal komfortabler. Zwei Teilnehmer stehen im CL-Halbfinale, mit Tuchel, Nagelsmann und Flick sind es sogar drei Trainer. Auch ein nationales Finale ist möglich… Na gut, Hannover 96 ist von diesen Sphären aktuell so weit weg wie nur möglich, langweilig wird es an der Leine aber keinesfalls.

Die ersten beiden Auftaktspiele gegen den HSC Hannover (5:2) und Roda Kerkrade (3:1) offenbarten bereits gelungene Spielansätze. Mit Franck Evina (2 Tore), Mike Frantz (1 Tor) und Kingsley Schindler konnten drei der vier neuen Feldspieler schon jetzt ihre Fußspuren hinterlassen, die Transferpolitik der Neuzugänge scheint aufzugehen. Mit der Verpflichtung eines gestandenen Nationalspielers scheint man diesen Trend fortzusetzen…

Die Rede ist vom Japaner Sei Muroya. Etwas unkonventionell wurde seine Verpflichtung in der Nacht auf Freitag um 03.00 Uhr bekannt gegeben – eine Nachtschicht mit positivem Ausgang für Gerry Zuber. Der Rechtsverteidiger unterschrieb einen Dreijahresvertrag und kommt vom FC Tokyo (ablösefrei). Am gestrigen Samstag absolvierte Muroya mit dem J1-League-Team seine letzte Partie (1:0 gegen Nagoya Grampus) ehe es gen Niedersachsen ging. In der laufenden Spielzeit absolvierte er zehn Ligaspiele, hierbei gelang ihm eine Vorlage. Außerdem gelang ihm ein Treffer in der AFC-Champions League-Qualifikation. Der quirlige Rechtsfuß stand seit 2015 bei den Hauptstädtern unter Vertrag, 96 ist seine erste Station außerhalb seines Heimatlandes.

Die Vita lässt sich definitiv sehen: Insgesamt stehen 138 Einsätze in fünf verschiedenen asiatischen Wettbewerben (J1-League, J3-League, J. League Cup, Kaiserpokal, AFC Champions League) auf der Habenseite. Darüber hinaus lief er bereits zehnmal für die japanische Nationalmannschaft auf, sein Debüt im A-Kader feierte er am 09.12.2017 (1:0-Sieg gegen Nordkorea). Im Jahr 2019 feierte er an der Seite von seinem neuen Teamkollegen und Kumpel Genki Haraguchi sowie dem EX-Hannoveraner Hiroki Sakai die Vize-Asienmeisterschaft. Ein absolutes Highlight dürfte die Teilnahme mit Japan an den Olympischen Spielen im Jahr 2016 gewesen sein (an der Seite vom ehemaligen Hannoveraner Takuma Asano), nach der Vorrunde war hier jedoch Schluss.

Sei Muroya wird die Baustelle in der Hintermannschaft von 96 mit Sicherheit bereichern, mit seiner Erfahrung wird er die nötige Ruhe in die Defensive bringen. Dies ist auch bitter nötig, denn auf den Außenbahnen war man bis dato blank. Die Abgänge von Julian Korb und Co. hinterließen einen regelrechten Krater, nun hat man zumindest eine Seite abgedeckt. Ein Horrorszenario, nach welchem man beispielsweise Linton Maina auf die rechte Abwehrseite hätte versetzen müssen, kann man ein Glück abhaken. Auch qualitativ weiß Muroya zu überzeugen. Eine Passquote von 79 Prozent, durchschnittlich 3,4 Flanken pro Spiel, eine 63 prozentige Zweikampfquote sowie mehr als acht Balleroberungen pro Spiel zeugen von seinem konstant guten Defensivspiel, aber auch von dem von ihm ausgehenden Offensivdrang. Auch Zuber ist angetan von seinen Qualitäten.

„Sei Muroya ist ein technisch versierter, schneller, beidfüßiger Außenverteidiger, der gute Flanken schlägt. Er verfügt über eine große Mentalität und ist enorm laufstark. Sei Muroya kann sowohl Rechts- als auch Linksverteidiger spielen – für unseren Kader ist er ein absoluter Mehrwert“.

Sein langjährige Weggefährte Haraguchi schätzt Muroyas Qualitäten und will bei der Integration helfen

Auch Genki Haraguchi ist sich den Stärken seines Landsmanns bewusst („Er ist extrem laufstark – stärker als ich“), in Sachen Integration will ihm der langjährige Weggefährte unter die Arme greifen („Natürlich muss er sich erst einmal etwas zurechtfinden, aber ich werde ihm dabei helfen“). Neben unserer Nummer zehn dürfte sich auch alle anderen auf Sei Muroya freuen, Atatakai kangei, Sei!

Die bittere Nachricht erreichte die Schwarz-Weiß-Grüne-Fußballwelt wenig später. Der Verein und Kapitän Bakalorz gehen von nun an getrennte Wege, der noch bis 2022 gültige Vertrag wurde vorzeitig aufgelöst. Das Positive zuerst, eine Schlammschlacht wie zuletzt bei Zieler blieb Baka erspart. Das Interesse der Auflösung war beidseitig, nach eigenen Angaben hatte man einen sehr fairen Austausch und geht im Guten auseinander. Nichtsdestotrotz verlässt der 30-Jährige, welcher in 107 Spielen für Hannover 96 stets alles gegeben hat, den Verein mit einem weinenden Auge.

„Ich habe vier unfassbar ereignisreiche Jahre in Hannover gehabt, gute und weniger gute Zeiten erlebt. Vor allem die allererste Saison mit dem Aufstieg 2017 werde ich nie vergessen“. 

Und auch Sportdirektor Zuber schätzt das Engagement des Mittelfeldmannes.

„Er hat sich für Hannover 96 immer voll reingehauen. Er ist ein toller Sportsmann und hat als Kapitän gerade in der Coronazeit viele organisatorische Dinge geregelt, die man außen gar nicht mitbekommen hat. Wir danken ihm für alles, was er für Hannover 96 geleistet hat“. 

Neben seiner kämpferischen Ader wird insbesondere seine mentale Stärke auf und neben dem Platz fehlen. Marvin Bakalorz stellte sich stets vor seine Teamkameraden und war sich nie zu schade, auch mal den eigenen Kopf hinzuhalten. Auch für die Fans bedeutet sein Abgang der Verlust einer weiteren Identifikationsfigur, das Plakat „Baka als Steuermann – alles für den Neuanfang“ dürfte jeder vor Augen haben.

Ein „Vorzeige-Hannoveraner“ schlägt also einen neuen Weg ein, das finale Ziel ist noch nicht bekannt. Interessenten dürfte es genug geben, im Gespräch ist unter anderem ein Wechsel zum FC Ingolstadt. Ein kleiner Wermutstropfen ist die Tatsache, dass auch der Spieler diesen Neuanfang forciert hat. Wir wünschen unserem ehemaligen Kapitän nur das Beste für die Zukunft!

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