Meine Saison in Schwarz-Weiß (und Grün)

Der Stuhl von Kenan Kocak wackelt gewaltig - kommt es morgen zu seinem Endspiel?

von Steven Gläser

Freitagabend vor dem Finale in Liga 2, 3 und 1. Obwohl nach Oben und Unten noch viel gehen kann, hat sich Ruhe, vor allem innere Ruhe, breit gemacht. Das liegt beim Verfasser dieser Zeilen weniger an der greifbaren Spannung um tolle Vereine wie Bochum, Rostock, Kiel, Fürth oder 1860 München, denen trotz oft jahrelanger, trister Exitenzen nun endlich wieder ein Aufstieg (bzw die Chance) bevor steht. Es liegt auch nicht an der Schadenfreude, die mit Blick auf den HSV aus Hamburg, Köln, Werder, Schalke, und äh, Eintracht Braunschweig mitschwingt.

Nein, dieses Saisonfinale fällt in eine Zeit, in einen Monat und speziell in eine Woche, die wie ein Leuchtturm endlich wieder Hoffnung und Euphorie in diese scheiß Pandemie wirft! Denn während die Teams ihre letzten Reserven aktivieren, um sich für eine erneut entbehrungsreiche Spielzeit zu belohnen, geht die Impfkampagne in Deutschland, Europa und großen Teilen der Welt in die Vollen. Inzidenzwerte fallen endlich, mit dem Ergebnis, daß am letzten Spieltag in einigen Stadien sogar wieder Zuschauer zugelassen werden! Beschränkungen fallen, Fans feiern, und die Menschen erobern Kneipen, Handel und Restaurants zurück. Das fühlt sich in seiner Plötzlichkeit so unverhofft wie geil an, oder?!

Diese Vorhersage wäre am grauen, chaotischen Jahresanfang noch einer naiven Träumerei gleich gekommen, ähnlich der Hoffnung, unsere Roten könnten am letzten Spieltag tatsächlich vom 2. Platz aus den direkten Aufstieg klarmachen.

Und deshalb sitze ich jetzt hier, melancholisch und bierseelig, bin zwar weniger sportlich euphorisch, als vielmehr glückseelig, daß sich für mich, für meine Familie, Freunde und alle guten Menschen auf der Welt endlich endlich ENDLICH wieder sowas wie Normalität einstellt…! Fuck yeah, wie man so schön sagt.

Ich habe genug von scheinbar sich immer wiederholendem Chaos und ständigen Fehlentscheidungen durch die Geschäftsführung im Vorfeld der Saison. Ich habe genug von zu spätem Reagieren auf einen nicht wettbewerbsfähigen Kader, von zu späten und zu schlechten Verpflichtungen! Ich habe genug davon, dass Spieler respektlos vom Hof gejagt werden, und von unnützen Rausschmissen und Abfindungen, die unsere „Handlungsfähigkeit“ ins Lächerliche ziehen. Von unserem Chef der Profiabteilung, der sich mal wieder stur und nicht lernfähig zeigt. Vom scheidenden Trainer, der sich für eine große Nummer hielt, weil er mal ein Foto mit Pep Guardiola machen durfte. Der Spiele verschenkte, in denen er keine Gegenwehr auf die Taktik und den Heißhunger des Gegners finden konnte. Der am Ende des Tages aber immer Ausreden und andere Buhmänner gefunden hatte, die uns angeblich die Punkte gekostet haben, anstatt sich mal selber ganz hart an die Nase zu greifen…

Eine turbulente Saison geht zu Ende, in der kommenden Spielzeit geht es hoffentlich mit den Fans weiter!

Weil es am Ende ohne Heimfans, ohne Fans insgesamt, ohne Kurve und asoziale Auswärtsfahrten eh egal war… Je länger die Saison ging und die Blutleere (akustisch gut eingefangen durch perfekt positionierte Sky-Mikrofone) immer greifbarer wurde, desto weniger taugte Fußball als Ausgleich und Ventil zu dem virologischen Wahnsinn rund um unser Leben. Die paar wenigen Siege taugten nicht mal mehr fur eine Diskussion auf der Frühschicht des Folgetages. Niederlagen und dumme Unentschieden machten nur noch „mütend“ (müde + wütend) und vermischten sich perfekt mit der Unfähigkeit unserer politischen „Unterschiedsspieler“ in der Regierung. Vieles konnte man auf und abseits des Platzes plötzlich nicht mehr ganz nachvollziehen. Folgerichtig wurde kapituliert und die Aufstiegsambitionen bereits im Februar abgehakt.

Apropos Februar:

96 holt im aufkommenden Schneetreiben von Braunschweig den 2. hochverdienten Derbysieg gegen hoffnungslos überforderte BTSVler, die nächsten 3 Tage schneit es nonstop in Niedersachsen und die Bob-Mannschaft der Eintracht bekommt am letzten Spieltag hoffentlich das, was sie verdient…

Zwischen dieser zweiten Rutsche und der ersten Reibe am 3.10. liegen nicht nur im Stimmungsbild von 96 quasi Welten. Der Derbysieg in Hannover fand noch euphorisch bejubelt vor knapp 10.000 Fans statt, bevor es für mehrere frustrierende Monate im Sturzflug durch mehrere Lockdowns, dunkle Tage und persönliche Krisen ging. Als hätte ich dies bereits geahnt, hatte ich die Einladung zum Stadionbesuch tatsächlich gegen das gemeinsame Sky-Gucken mit meinem Vater getauscht. Für mich rückblickend der tollste Tag in 2020. Einige viele Bierchen, für jedes Tor einen Schnaps, und hinterher ein abschließender Gang auf Currywurst und Pommes. Ich habe meinen Vater lange nicht mehr so seelig erlebt! Man muß dazu sagen, daß unsere Kleinstadt fest in gelb-blauer Hand ist, doch an diesem Nachmittag gingen wir umso stolzer in Trikot und mit Schal durch die triste Fußgängerzone! A day to remember… Wenige Tage später zog sich mein Vater einen schweren Bandscheiben-Vorfall zu und konnte bis heute, 9 Monate später, Corona-bedingt immer noch nicht operiert werden… Erzähl mir also keiner, der Nicht-Aufstieg würde so sehr schmerzen…!

Wenn mir diese Saison also eines gezeigt hat, dann daß wir jede verdammte Spielminute dankbar für die Dinge sein sollten, die wir mit unseren Familien und Freunden haben…! Demut ist hier durchaus angebracht, stay oldschool, stay gentle! Laßt die Kirche öfters mal im Dorf, seid nett zueinander und auch mal mit Platz 11 in Liga 2 zufrieden. Fragt mal in Bochum oder Rostock nach dem Genießen einfacher und auch drittklassiger Dinge…!

Valle Sulejmani spielt auf der falschen Position und Simon Falette ist eigentlich ein ganz cooler Dude. Talente werden auch weiterhin erst außerhalb von Hannover ihr wahres Können zeigen (dürfen). Nächste Saison wird Hennes Knoten platzen und die Mannschaft sich gerne öfters „belohnen“. Der Fisch stinkt vom Kopf, und trotz oder gerade alledem:

96, DU WIRST NIEMALS UNTERGEH‘N !!

Bleibt stabil, Steven

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