Maulkorb statt Mundschutz: Warum sich bei Horst Heldts Verein die ganze Absurdität der Geisterspiel-Diskussion offenbart

Geisterspiele sind der falsche Weg. Ein Essay

Horst Heldt, früher Sportdirektor bei Hannover 96 und jetzt Geschäftsführer beim 1. FC Köln, ärgerte sich über ein Interview seines Kölner Spielers Birger Verstraete. Foto: Getty Images

Noch in diesem Monat wollen die 36 Profiklubs der ersten und zweiten Bundesliga beginnen, die noch ausstehenden Spieltage nachholen – ohne Publikum. Doch der Plan hängt am seidenen Faden und macht auch aus Sicht der Fans wenig Sinn. 

(Ihr seid nicht gegen, sondern für Geisterspiele? Schreibt uns eure Meinung, wir veröffentlichen sie: redaktion@96freunde.de)

Ein Essay von Christian Herde

Dass der Fußball in Deutschland eine herausragende gesellschaftliche Stellung einnimmt, war schon vor der Corona-Krise allgemein bekannt. Doch nun stellt sich heraus, dass selbst Abstandsgebote, Hygiene-Maßnahmen und persönliche Freiheitsrechte zu vernachlässigen sind, damit der Ball wieder rollen kann.

Seit Mitte März pausiert in den deutschen Fußballligen wegen der Corona-Pandemie der Spielbetrieb. Damit sich das ändert, will Bundeskanzlerin Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder heute entscheiden, ob es ab dem 16. Mai zu Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit kommen darf. Die Deutsche Fußballliga (DFL) hat, unter dem Druck der TV-Rechte-Inhaber, in den vergangenen Wochen ordentlich Lobby-Arbeit bei Politikern geleistet (siehe auch: „So geht Lobbyarbeit“, ZEIT ONLINE). Ein Konzept wurde erstellt, mit dem der Arbeitsschutz von Spielern und Mitarbeitern sichergestellt werden soll: Nur Spieler, die zwei aufeinander folgende negative Tests auf COVID-19 aufweisen, sollen trainieren und spielen dürfen. Doch drei kurz aufeinander folgende Nachrichten-Ereignisse reichten aus, um dem eh schon auf wackligen Füßen stehenden Plan die letzte Balance zu entziehen:

Verstraete (Spieler beim 1. FC Köln): „Wenn jeder Spieler anonym entscheiden dürfte, dann bin ich sehr gespannt, wie die Stimmung ausfallen würde. Alle sagen das Gleiche. Die Gesundheit der Familie steht an erster Stelle.“

Zunächst wurde bekannt, dass drei Personen, zwei Spieler und ein Physiotherapeut, beim 1.FC Köln positiv auf das Corona-Virus getestet wurden. Ausgerechnet ein Physio, der berufsbedingt jeden Tag engsten Kontakt zu den Spielern eines Vereins pflegt, und somit das Potenzial hat, im Krankheitsfall zu einem „Superspreader“ zu werden. Die drei Betroffenen wurden in die Quarantäne geschickt, das restliche Team soll das Training in Kleingruppen fortsetzen. Kritik kam von FC-Mittelfeldspieler Birger Verstraete. „Das alles einfach so weitergeht“, meinte der Belgier gegenüber einem TV-Sender aus seinem Heimatland, „ist ein bisschen bizarr.“ Einer der betroffenen Physiotherapeuten habe ihn seit Wochen behandelt. „Und mit einem der beiden fraglichen Spieler habe ich am Donnerstag im Fitnessstudio ein Duo gebildet“.

Maulkorb statt Mundschutz: Die Sorgen von Verstraete werden nicht ernst genommen

Die Sorgen des Mittelfeldspielers gelten vor allem seiner Lebensgefährtin, die Herzpatientin sei. Verstraete dürfte nicht der einzige Profifußballer in Deutschland sein, der mit besonders gefährdeten Personen zusammenlebt. „Wenn jeder Spieler anonym entscheiden dürfte, dann bin ich sehr gespannt, wie die Stimmung ausfallen würde“, so der Profi. „Alle sagen das Gleiche. Die Gesundheit der Familie steht an erster Stelle.“ Für sein mutiges Statement bekam Birger Verstraete keinen Mundschutz, sondern einen Maulkorb verpasst. Nach einem Gespräch mit der Vereinsführung um den Sport-Geschäftsführer Horst Heldt musste er die Aussagen anpassen und sich für sein aus der Emotion heraus geführtes Interview entschuldigen. Angeblich, ruderte Verstraete zurück, seien seine Aussagen missverständlich übersetzt worden: „Dabei habe ich mich an einigen Stellen falsch ausgedrückt, sodass in der Übersetzung ein missverständlicher Eindruck entstanden ist, der mir leidtut.“

Der nächsten Rückschlag für das Corona-Konzept folgte am Montag

10 von über 1700 durchgeführten Corona-Tests an Spielern, Trainerstab und Physiotherapeuten kamen positiv zurück. Das Ergebnis wirft zwei Fragen auf: Erstens, was passiert eigentlich, wenn die Zahl nach weiteren Testreihen in den kommenden Wochen deutlich nach oben geht? Die Wahrscheinlichkeit, dass gesamte Teams (und ihre letzten Gegner) vom Gesundheitsamt in die Quarantäne  geschickt werden, würde rapide steigen. Und dann?

Zweitens, sollen wirklich jede Woche um die 3500 Corona-Tests durchgeführt werden, und das ist der Plan, nur damit in den Bundesligen wieder gespielt werden kann? Ja, die Testkapazitäten in Deutschland wurden zuletzt deutlich hochgefahren, aber aus moralischer Sicht scheint es vielen unverständlich, diese Kapazitäten für Profifußballer zu nutzen, und nicht für die 1,1 Millionen Menschen, die in den Pflegeberufen arbeiten.

Zwar darf nicht vergessen werden, dass am Fußball auch 56.000 Jobs hängen – vom Pressestellenmitarbeiter bis zum Scout. Dennoch bleibt die Frage: Wäre es nicht sinnvoller, jeden Krankenpfleger einmal öfter zu testen statt jeden Profifußballer zweimal in der Woche?

Im Gegensatz zu Profifußballern sind die Krankenpfleger systemrelevant.

Physiotherapeut zu Kalou: „Sala, bitte. Sala, lösch das bitte.”

Rückschlag Nummer drei, die Kirsche auf der Corona-Torte, war am Montag dann das Facebook Live-Video von Hertha-Spieler Salomon Kalou. Mit den eindringlichen Worten ​„Sala, bitte. Sala, lösch das bitte.”, versuchte ein Physiotherapeut der Berliner das Unglück noch abzuwenden, doch es war zu spät: Der Ivorer hatte live ins Internet übertragen, wie etliche Spieler einfachste Verhaltensregeln missachteten. Händeschütteln, enges Zusammensitzen – als wären die Szenen aus der Hertha-Kabine nicht genug, ging Kalou schließlich noch einen Raum weiter, wo besagter Physiotherapeut gerade Abstriche aus dem Rachen eines Teamkollegen nahm. Er trug dabei weder den vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Schutzkittel noch eine Schutzbrille oder eine FFP2-Maske, stattdessen nur einen einfachen Mund-Nasen-Schutz.

Das Video macht deutlich, wie unwahrscheinlich es ist, dass die Spieler die Schutzregeln der DFL konsequent beachten werden. Kalou wurde suspendiert, das Problem bleibt. Wäre Hertha konsequent gewesen, hätte sie eigentlich ihre halbe Mannschaft suspendieren müssen, die sich bei Händeschütteln und engem Zusammensitzen offenbar nichts gedacht hat.

Meinungsforscher: Keine Mehrheit für Geisterspiele

Doch es sind nicht nur diese drei geschilderten Rückschläge, die gegen Geisterspiele in der Bundesliga sprechen. Es gibt auch eine emotionale Seite. Der Fußball zieht einen großen Teil seiner gesellschaftlichen Relevanz daraus, weil hunderttausende Anhänger ihn als wichtig empfinden und ihre Emotionen in ihn investieren. In seiner Reinform geschieht dieser Vorgang in den Fankurven, wo Ultragruppen und langjährige Fans ihre Mannschaft lautstark mit Gesängen und Trommel-Rhythmen unterstützen. Diese musikalische Untermalung bildet das Grundgerüst dessen, was man im Allgemeinen ‚Stimmung’ nennt. Und diese Stimmung ist es, die Fußballspielen, auch zu Hause vor dem Fernseher, eine emotionale Bedeutung gibt. Doch dieser im Wochentakt eingeübte Vorgang hat derzeit keine Priorität bei den Menschen.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presseagentur finden es 46 Prozent der Befragten falsch, so bald wie möglich die noch ausstehenden neun Spieltage ohne Zuschauer zu bestreiten. Nur 34 Prozent der waren für die Geisterspiele.

Der Fußball ist ein Showgeschäft und lebt somit von den Reaktionen des Publikums. Diesen Umstand musste zuletzt auch die WWE hinnehmen, der größte Wrestling-Veranstalter der Welt. Im März sollte eigentlich der ‚Superbowl’ des Wrestlings stattfinden, das Mega-Event ‚Wrestlemania’. Doch Corona kam den Showkämpfern kurzfristig dazwischen und die WWE musste schnell reagieren. Aus einer spektakulären Großveranstaltung vor 75.000 Zuschauern in einem Football-Stadion wurde ein auf zwei Tage aufgeteiltes Event im winzig kleinen ‚WWE Performance Center’. Natürlich fanden auch normale Wrestling-Kämpfe statt, doch die unumstrittenen Höhepunkte bildeten jeweils die Kämpfe der Wrestler ‚The Undertaker’ und ‚Bray Wyatt’. Beide Charaktere spielen mit dem Konzept übernatürlicher Fähigkeiten, ein Umstand, der Wrestlemania in diesem Jahr laut Kritikern den Hintern rettete. Denn die WWE konnte ihre Kämpfe wie Hollywoodfilme inszenieren und aus der leeren Arena verlagern: Mit außergewöhnlichen Kulissen, mit visuellen Effekten und einem intelligenten Schnitt, mit passgenau abgestimmten Dialogen zwischen den Wrestlern und Stunts, die in einem normalen Wrestlingkampf niemals möglich wären.

Die Geisterspiele werden sich bedeutungslos anfühlen

Der Gedanke: Wrestling, wie der Fußball auch, lebt unmittelbar von den Reaktionen des Publikums. Wenn dieses wegfällt, muss eben auf ein Format ausgewichen werden, das nicht davon abhängig ist. Die WWE kann das. Der Fußball jedoch nicht – wohl kein Fan der Welt wäre davon begeistert, wenn Applaus aus der Konserve und künstlicher Jubel über die Lautsprecher ertönt. Was im amerikanischen Wrestling-Geschäft funktioniert, ist im europäischen Fußball undenkbar.

Und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die von der DFL gewollten Geisterspiele für die Fans ziemlich bedeutungslos anfühlen werden. Ein Sieg wird kaum gefeiert werden, die Niederlage wird mit einem Schulterzucken hingenommen. Fußball lebt seit jeher von dem gemeinsamen Erlebnis – egal ob mit Freunden im Stadion, mit Kollegen im Biergarten oder gemeinsam mit der Familie vor dem Fernseher. Nicht nur die Fans, sondern auch Spieler wie Birger Verstraete dürften sich in der aktuellen Situation ziemlich alleingelassen fühlen.

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