Ewald Lienen im Exklusivinterview: „Wir sind dabei, uns im Fußball von der Basis zu entfernen“

Ewald Lienen sieht die Entwicklung im Profifußball sehr kritisch. Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images

Hannover – Ex-96-Trainer Ewald Lienen arbeitet als technischer Direktor beim Zweitligisten FC St. Pauli. Im Gespräch mit 96-Freunde äußert er sich kritisch über die aktuelle Entwicklung im Fußball und hat einen Rat, wie die Probleme bei Hannover 96 gelöst werden können. 

Herr Lienen, wie kam es zu dem Gastvortrag am Dienstag bei Pro Verein?

Es gab Kontakt zwischen Pro Verein und mir, um mich zu diesem Gastvortrag bei der Veranstaltung einzuladen. Dieser Einladung bin ich gerne nachgekommen.

Ewald Lienen über 50+1: „Wir dürfen nicht noch mehr aus der Hand geben.“

Wie haben Sie die Veranstaltung empfunden?

Es ist ja nicht die Frage, wie ich es, sondern wie die Gruppe Pro Verein den Abend empfunden hat. Es ist nicht nur so, dass ich mich in meiner Funktion als Technischer Direktor beim FC St. Pauli,  sondern auch als Privatperson sehr für Sportpolitik interessiere. Ich glaube, dass der Sport in unserer Gesellschaft eine unglaublich wichtige Rolle spielt, was aber nicht vielen klar ist. Vor allem unseren Politikern nicht und manchmal auch den Leuten in den Vereinen nicht. Die konzentrieren sich zu sehr auf Leistungen, zu sehr darauf, was eine erste Mannschaft macht, aber es gibt auch sehr viele Vereine und es gibt auch viele Menschen, die wissen, dass Sport in unserer Gesellschaft eine ungeheuer verbindende Rolle spielen und auch viele Werte vermitteln kann: Ob es die Gesundheit ist, lebenslanges Sporttreiben, die Vermittlung von Werten in Mannschaften, viele Dinge kannst du über den Sport transportieren.

Man kümmert sich zu oft nur um den Spitzensport oder um das Aushängeschild eines Vereins, als um die Kinder und Jugendlichen die heutzutage sowieso sehr wenig erzogen werden und oft nicht die Werte vermittelt bekommen, die wichtig sind. Das ist im Grunde genommen mein Thema. Und dabei spielt auch 50+1 eine Rolle. Ich denke, dass wir den Spitzenfußball schon viel zu sehr aus der Hand gegeben haben und das nicht noch weiter passieren darf, damit die Vereine auch weiterhin in der Lage sind, die sportpolitischen Ziele verfolgen wollen.

Ewald Lienen über steigende Ablösesummen: „Zehn Millionen sind ein Schnäppchen.“

Sehen Sie die Gefahr, dass auch die Zuschauerzahlen bei Clubs wie Hannover 96 zurückgehen könnten? 

Ob es bisher schon zu Rückgängen gekommen ist, kann ich nicht sagen, da mir hierzu die Informationen fehlen. Es besteht aber durchaus die Gefahr, dass sich die Menschen fragen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind.

So wie es bisher läuft, sind wir schon dabei uns von der Basis zu entfernen: unattraktive Anstoßzeiten, Zerstückelung der Spieltage, immer höhere Gehälter und Ablösesummen. Am Ende scheint es nur noch darum zu gehen, so viel Geld wie möglich zu generieren. Natürlich haben wir es im Fußball nicht exklusiv, aber die Entwicklungen bei Gehältern in den zweistelligen und bei Ablösesummen in den dreistelligen Millionenbereich, sind den Fans nicht mehr zu vermitteln.

1996 – ich kann mich noch erinnern – als zehn Millionen für Mijatović bezahlt wurden. Da war ich mit Jupp Heynckes in Spanien. Das wurde aber nur deswegen bezahlt, weil das seine Ausstiegsklausel bei Valencia war. Und Real Madrid hat es einfach bezahlt. Das war eine Schallmauer, die durchbrochen wurde. Heute sagst du: 10 Millionen? Das ist ja ein Schnäppchen, das ist lächerlich.

Und das ist eine besorgniserregende Entwicklung. Auch was die Gehälter angeht und das geht auch zulasten unseres Fußballs. Denn wir haben viele Spieler, die vielleicht nicht mehr hungrig genug sind. Wenn ich mit 20 Jahren schon ausgesorgt habe, weil ich schon zwei Jahre ein hohes Gehalt bekommen habe, gehe ich dann mit dem gleichen Willen ins Spiel? Dagegen stehen die ganzen Zuschauer, die das Ganze finanziert haben und wegen denen die Spieler das überhaupt verdienen können. Wie will ich das aufrecht erhalten? Natürlich gibt es auch Top-Spieler, die trotz exorbitanter Gehälter ihre Leistung konservieren. Aber es ist dennoch eine ungesunde Entwicklung.

Ewald Lienen über die Situation bei Hannover 96: „Ich teile den von Martin Kind eingeschlagenen Weg inhaltlich nicht.“

Herr Lienen, was wäre Ihr persönlicher Rat an Hannover 96?

Ich kenne ja die handelnden Personen. Ich finde es schade, dass sich die Situation so aufgeschaukelt hat. Das ist alles unnötig. Man kann sich über Dinge streiten und unterschiedlicher Meinung sein, aber man muss miteinander reden. Das ist in der notwendigen Form in den letzten Jahren nicht immer passiert.

Martin Kind ist eine absolut honorige Person, die seit Jahrzehnten ein weltweit erfolgreiches Unternehmen leitet. Und ohne ihn wäre in den letzten Jahrzehnten die Entwicklung in Hannover nicht möglich gewesen. Aber wir wissen auch, dass er nicht der beste Kommunikator ist und nicht immer alles so nach draußen kommuniziert hat, wie es nötig gewesen wäre, um ausgleichend wirken zu können.

Andererseits hat es auch unangemessene Reaktionen von Teilen der Fanszene gegeben, die zu einer zusätzlichen Konfrontation geführt haben. Inhaltlich teile ich aber den von Martin Kind eingeschlagenen Weg nicht und bin zutiefst davon überzeugt, dass wir die 50+1 Regel mit allen Mitteln erhalten und die Bedeutung und Mitbestimmungskraft der jeweiligen Vereine beibehalten müssen.

Als Trainer und Führungskraft im Verein weiß ich, dass ich durch vernünftige Kommunikation viele Konflikte lösen kann. Aber auch nur, wenn ich inhaltlich bereit bin, Kompromisse einzugehen und wenn ich die Leute abhole und sie ernst nehme. Umgekehrt hat es auch viele Äußerungen gegeben, die sich nicht gehören und die Martin Kind nicht verdient hat. So wie auch bei Dietmar Hopp, was für mich noch unverständlicher ist, angesichts der hunderte von Millionen, die er in soziale Projekte in der Region gesteckt hat.

Herr Lienen, vielen Dank für das Gespräch.

Auch mit seinem Vortrag am vergangenen Dienstagabend in Hannover sorgte Ewald Lienen für großes Aufsehen. Er ging den DFB hart an und geißelte den falschen Ehrgeiz von Eltern, die ihren Kindern den Spaß am Fußball nehmen. Er fand kritische Worte für Teile der  96-Fanszene und kritisierte gleichzeitig die Sturrheit von Martin Kind. Kurzum: Ewald Lienen gab klare Kante. Hier gibt es eine lesenswerte Zusammenfassung: www.96freunde.de/ewald-lienen-kritisiert-dfb-sportpolitik-da-krieg-ich-pickel/

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