Hannover sucht die eierlegende Wollmilchsau

Nun also doch! Nach der blassen Offensivvorstellung gegen Rostock mit insgesamt zwölf Torschüssen, von denen die Wenigsten auf das Tor gingen, geschweige denn gefährlich wurden, fordert Trainer Jan Zimmermann offensive Verstärkung. Es soll ein neuer Stürmer her, welcher gegebenenfalls neben Marvin Ducksch auf Torejagd gehen kann. Der vereinsinterne Topscorer hing gegen Hansa nahezu gänzlich in der Luft, auf brauchbare Zuspiele wartete er vergeblich…

Ändern soll sich dies durch eine Doppelspitze, der zweite Mann im Bunde ist noch unbekannt. Zimmermann hat konkrete Vorstellungen: „Er muss uns ergänzen, jemand, der gerne die Bälle in die Vorwärtsbewegung bekommt. Das suchen wir schon, das ist die Idee.“ Priorität liegt auf „der Tiefe im Spiel, gerade aus der Spitze heraus“. Martin Kind hat das Vorhaben bereits bestätigt, doch bei Hannover 96 tut sich das altbewährte Problem auf: es mangelt am nötigen Kleingeld.

Jan Zimmermann sucht nach offensiver Verstärkung – eine anspruchsvolle Aufgabe für Marcus Mann

Die Ausgangslage ist (mal wieder) denkbar schlecht, zumal die Roten keinerlei Transfereinnahmen verzeichnen konnten. Neu-Sportdirektor Marcus Mann will sich hiervon aber nicht unterkriegen lassen. „Es ist ja kein Geheimnis, dass wir die Augen offen halten und schauen, wo wir uns noch verbessern können“, „im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen wir das Bestmögliche“.
Geschickt gewählte Worte, um den Erwartungen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Hannover-typisch könnte es auf ein Leihgeschäft, höchstwahrscheinlich ohne Kaufoption, hinauslaufen. Doch davon hat am Ende kaum jemand etwas. Der Spieler könnte Hannover 96 für eine Saison helfen – und ob an dessen Ende der Aufstieg steht, ist definitiv fraglich. Oder man versucht es auf einem anderen „bewährten“ Weg, 96 sammelt die Bankwärmer aus den niederrangigen Ligen zusammen. Beide Varianten stoßen auf geringe Begeisterung.

Attraktiv scheint hingegen ein Blick auf die Liste der vereinslosen Spieler. Natürlich sind hier Stürmer wie Diego Costa, Valère Germain oder Daniel Sturridge gelistet, welche man sich an der Leine nicht einmal mit geschlossenen Augen leisten könnte. Doch auch realisierbare Transaktionen sind im Rahmen des Möglichen…

Unter „Zimbo“ wird viel Wert auf die Jugendarbeit gelegt, eine Verpflichtung von Spielern im „Fußballrentner-Alter“ macht daher wenig Sinn. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Personalie des 23-jährigen Manuel de Luca. Der Italiener stand bis vor wenigen Tagen bei Chievo Verona unter Vertrag, aufgrund großer finanzieller Probleme und dem Ausschluss aus der Serie B ist der Leistungsträger kostenfrei zu haben. In der zurückliegenden Spielzeit absolvierte er 32 Spiele, hierbei gelangen ihm sechs Treffer und eine Vorlage. Trotz seines jungen Alters bringt de Luca einiges an Erfahrung mit, unter dem Strich stehen 168 Partien für fünf verschiedene Vereine (49 Tore).  Den Sprung zu den Profis schaffte der 1,92 Meter Hüne beim FC Turin. Seiner Größe angemessen zählt das robuste Stellungsspiel im gegnerischen Sechzehner zu seinen Stärken (durchschnittlich 8,28 Kopfballduelle pro Spiel bei einer Quote von 42 Prozent). Durchschnittlich sucht er 2,65 Abschlüsse pro Partie, die Erfolgsquote liegt bei 38,1 Prozent. Das Passspiel (69,2 Prozent) ist noch ausbaufähig, unterstützen würde er die Roten dennoch. Auch in Sachen Gehalt ist seine Personalie realistisch. Beim finanziell angeschlagenen italienischen Zweitligisten wird sein Soler entsprechend „gering“ ausgefallen sein- hier sollte 96 definitiv mithalten können. Sein Marktwert wird aktuell auf 800.000 Euro geschätzt.

Manuel de Luca war einer der Hoffnungsträger bei Chievo Verona – nach deren Zwangsabstieg ist der Shootingstar ablösefrei zu haben

Ähnlich verhält es sich mit Raúl Asencio. Der Spanier verbrachte den Großteil seiner Karriere ebenfalls in Italien, im Jahr 2017 schaffte er beim FC Genua den Sprung zu den Profis. Beim Serie-A-Teilnehmer konnte sich der 23-Jährige jedoch nie durchsetzen, weshalb er immer wieder in die Serie B verliehen wurde. Hier ging er für US Avellino, Benevento Calcio, AC Pisa, Cosenza Calcio, Delfino Pescara und SPAL auf Torejagd. In 87 Spielen kam er auf eine direkte Torbeteiligung von 28 Prozent. Der gebürtige Spanier sucht 2,3 Abschlüsse pro Partie, im direkten Vergleich zu de Luca kann er die freien Lücken etwas besser ausmachen (durchschnittlich 0,73 progressive Läufe). Seine Passquote ist ebenfalls etwas stabiler (73,4 Prozent), allerdings gilt sein Durchsetzungsvermögen in der gegnerischen Hälfte (32 Prozent) als Schwachstelle. Sein Marktwert liegt bei knapp 550.000 Euro.

Ein weiterer, interessanter Jungspund ist der Paraguayer Julio Villalba. Der 22-jährige Stürmer kennt die Bundesliga, seit 2017 stand er bei Borussia Mönchengladbach unter Vertrag. Nach eine zwischenzeitlichen kurzen Leihgeschäft zum österreichischen Erstligisten SCR Altach (8 Einsätze) ging es zurück zu den Fohlen. Ein neues Arbeitspapier erhielt er jedoch nicht. Der U20-Nationalspieler blickt erst auf zwölf Profieinsätze zurück, sein Debüttor schoss er im DFB Pokal gegen den Regionalligist SV Elversberg 07. Villalba ist vergleichsweise unerfahren und ein Transfer wäre mit dem entsprechenden Risiko verbunden. Doch sowohl Gehalts-technisch (schaffte bei Gladbach nur selten den Sprung in den Kader und zählte somit zu den Geringverdiener) als auch von seinem Spielansatz her (ein schneller Spieler mit 0,87 progressiven Läufen pro Spiel) könnte er in das Konzept von Hannover 96 passen. Villalba bewegt sich gerne in der angesprochenen Tiefe und findet mit seinen Pässen (78,8 prozentige Quote) oft die Schnittstelle im letzten Drittel (70,8 prozentige Quote). Sein Typ ist wenigstens einen Gedanken wert (MW: 350.000).

Deutlich mehr Erfahrung bei gleichem Alter bringt der Russe Egor Golenkov mit. Er schaffte im Sommer 2019 den Sprung in die erste Liga, für den russischen Klub KS Samra durfte er seitdem zehnmal auflaufen. Wirklich messen kann man seine Leistungen jedoch an dem Gezeigten in der zweiten russischen Liga, für das gleiche Team erzielte er in 36 Spielen 14 Tore und gab fünf Torvorlagen. Auch in der U19 von KS Samra drehte er mächtig auf (70 Spiele, 33 Tore, 4 Vorlagen in der 1. russischen U19-Liga). Der 1,89 Meter große Mittelstürmer ist ein bulliger Spielertyp, welcher sich im letzten Drittel durchzusetzen weis (durchschnittlich 12,28 offensive Zweikämpfe pro Spiel mit einer Erfolgsquote von 32 Prozent). Sein Angriffsspiel ist durchdacht, neben zielgerichteten, progressiven Läufen (0.88/ Spiel) zählt seine Affinität zum Abschluss (3,4 Torschüsse pro Spiel mit einer Erfolgsquote von 46,9 Prozent) zu seinen großen Stärken. Schüsse aus der zweiten Reihe fehlen bei den Roten nahezu gänzlich, Zimbo muss hier nachjustieren. Golenkov (MW: 600.000) könnte für Marcus Mann zu einer interessanten Aufgabe werden.

Cephas Malele bringt viel Erfahrung mit und könnte 96 direkt weiterhelfen

Die meiste Erfahrung würde Cephas Malele mitbringen. Der 27-jährige Schweizer und ehemalige U20-Nationalspieler blickt auf 283 Karrierespiele sowie 83 Tore und 15 Vorlagen zurück. Zuletzt stand er beim rumänischen Erstligisten FC Arges unter Vertrag, seit Juli ist er ohne Arbeitspapier. Seine Ausbildung genoss der Stürmer beim zwölffachen Schweizer Meister FC Zürich, an Talent mangelt es ihm nicht. Der gebürtig aus Angola stammende Malele ist so etwas wie der Schweizer Marco Marin, insgesamt trug er schon elf verschiedene Trikots. Highlight dürften seine Spiele für US Palermo in der italienischen Serie A gewesen sein. Trotz seiner Erfahrung im Profibereich ist er alles andere als unbezahlbar, die Gehälter in Rumänien und der zweiten portugiesischen Liga, wo er zuvor kickte, sind vergleichsweise gering. Sein Offensivspiel lebt von seinen durchdachten, in die Schnittstelle getimten Läufen (1,83 pro Spiel) und dem damit verbundenen Eindringen in den gegnerischen Strafraum. Das offensive Zweikampfvermögen (36 Prozent) und seine Steilpässe (67 Prozent) sind ebenfalls beachtlich. Cephas Malele wäre ein Mann für die direkte Hilfe, sein aktueller Marktwert wird auf eine Million Euro geschätzt.

Der Markt von vereinslosen Spielern ist definitiv einen Blick wert – eine jene Transaktion würde sich am Ende mehr lohnen, als das Investieren in einen Leihspieler ohne Spielpraxis. Knackpunkt ist wie immer das Gehalt, bei den hier gelisteten Spielern beziehungsweise bei Akteuren ohne Vertrag ist man hingegen in einer Verhandlungs-Pole-Position. Eine Ablösesumme wäre schonmal nicht fällig. Eine solche braucht Hannover 96 dringend. 

 

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