From hero to zero, oder warum Hendrik Weydandt immer noch wichtig für 96 ist

von Steven Gläser

Es ist ein polarkalter Freitagabend in Hannover, 61. Minute im Spiel zwischen 96 und Paderborn, und Hendrik Weydandt sprintet nach feiner eigener Vorarbeit alleine auf das Tor der Gäste zu. Er stellt in dem Moment zwar den Speed-Spitzenwert für die Partie bei Sky auf, lässt Sekunden später aber auch diese Großchance wieder ungenutzt, indem er am gegnerischen Keeper scheitert. Leider nicht das erste Mal in dieser Saison, was sicher stellvertretend für die magere Chancenausbeute der Roten in dieser Spielzeit steht.

Es fällt sicher leicht, unseren „Märchenprinzen“ aktuell zu verdonnern und ihm jegliche Ligatauglichkeit abzusprechen. Magere 3 Tore sprechen eine klare Sprache bei unserem ausgelobten Wunderbringer. Statt „Henne regelt“ heißt es momentan eher „Henne verkegelt“. Ich möchte aber darlegen, warum man Henne damit nicht nur menschlich total Unrecht tut…

Wir lieben alle den „alten“ Fußball, mit seiner schnörkellosen, emotionalen Spielweise. Wir sind Hannover 96 und unsere Romantik ergibt sich aus dem Dreck, den wir in der 2. und 3. Liga und im oftmaligen Abstiegskampf im Oberhaus fressen mussten. Bei uns an der Leine schmecken uns Kampf, Krampf und Zitterpartien mit anschließendem Punktgewinn genauso gut wie unser „Herri“. Hier geben sich Leihspieler, Luftpumpen und „one season wonder“ die Klinke in die Hand. Fan-Lieblinge werden meist die Spieler, die Mentalität und unbedingten Einsatz auf den Rasen des Niedersachsenstadions bringen. Wer hier schwitzt und sich voll reinhaut, hat unseren Respekt und Applaus verdient.

Der „Märchenprinz“ musste zuletzt viel Kritik einstecken – doch nicht jeder scharfe Ton ist gerechtfertigt

Wenn es dann mal wieder zum Aufstieg oder eine Europa-Rundreise reicht, umso besser. Enter Märchenprinz… Als Hendrik Weydandt in seinem ersten Spiel (DFB Pokal) für Hannover am 19.8.2018 gegen Karlsruhe das 5:0 besorgt und nur eine Woche später in der Liga zur 0:1 Führung gegen Bremen einnetzt, ist die Märchen-Karriere geboren. Wir lieben Mittelstürmer, die wissen, wo die Kiste steht. Weydandt ist kein Lewandowski und auch kein Terodde, und das ist auch gut so!

Ganz im Gegenteil ist er ein ganz anderer Typ von Mittelstürmer. Eher Stoßstürmer und Sturmtank, als spielender Neuner, Box-Stürmer oder hängende Spitze. Dass er nicht simple in der Box abstaubt wie Simon Terodde vom SV aus Hamburg, ist Segen und Fluch zugleich. Unser Hannoverscher Jung ackert auch im Rückwärtsgang und holt sich seine Bälle bis rein in die eigene Hälfte. Abwehr fängt schon im Sturm an, sagt der Fußballlehrer, und da erzielt Henne Spitzenwerte in den Punkten Interception und Balleroberung. Das macht ihn natürlich leicht zu kritisieren, was seine Präsenz im Strafraum angeht. Dort wäre er gerne öfter gesehen, wie ein Blick auf seine Aktionen in der Saison 19/20 zeigen: 9 Tore (5 davon per Kopf) und 4 Vorlagen sorgten für eine versöhnliche Rückrunde. Allerdings konnte er da auch mehr Schichten direkt im gegnerischen 16er schieben und wurde vor allem von Julian Korb und Linton Maina über die rechte Seite glänzend gefüttert! Dieses Flügelspiel fehlt Hannover bisher in dieser Saison, verletzungsbedingt (Linton Maina, Franck Evina) beziehungsweise auch durch den Abgang von Julian Korb.

Hier erklärt sich übrigens auch das krampfhafte Festhalten von Kenan Kocak an Schindler, in dem er den letzten verbliebenen Flankengeber auf rechts sieht… Scharfe Reingabe von Maina von rechts in die Mitte auf Weydandt, der aus der Drehung trocken einnetzt, zack, 2:1 im Derby gegen die Eintracht, dieses Konzept hätte man so schön patentieren und gegen JEDEN Gegner in dieser Liga einsetzen können. Linton, wir vermissen Dich!

Hier noch ein Fakt für all die Kritiker des „Stolpervogels“ da draußen: Hendrik Weydandts Ballverluste bewegen sich an diesem Punkt der Saison völlig im Mittel der letzten Spielzeit! Keine Verbesserung, aber auch keine Verschlechterung, wie es einige Lästermäuler gerne suggerieren. Und mit schnell und gerne kritisierten Mittelstürmern kennen wir uns in Hannover ja aus, nicht wahr?!

Fredi Bobic, Daniel Stendel, Jiri Stajner, Martin Harnik oder auch der gute Jonathas erfuhren in ihrer Zeit eine ähnlich innige Hassliebe. Mal tauchten sie wie Fredi Bobic völlig ab, so dass der Fan dachte, man spiele nur mit 10 Mann. Dann aber mit wichtigen und entscheidenden Toren, von denen wir noch heute sprechen – siehe Jiri Stajner. Und manchmal passt das System auch nicht: Martin Harnik wurde in den letzten Monaten zugunsten von Mittelstürmer Niklas Füllkrug nur auf der Außenbahn eingesetzt, wo er kaum glänzen konnte. Grüße gehen raus an Valmir Sulejmani! Und Jonathas war trotz aller Slapstickeinlagen immer gut für eine Dosenöffnung, eine Raumöffnung, einen wichtigen Assist. Mittelstürmer ist halt oft auch einfach mehr als nur der Abstauber eines Simon Terodde.

Jemand wie Henne, der nie ein Leistungszentrum von innen gesehen hat, der sicher als einer der letzten in der Kabine noch weiß, wie man sein Bier mit den Zähnen auf macht, und der nach dem Heim-Derbysieg gegen Braunscheiß mit dem Megaphon zu den Fans an den Zaun ging, um für Party zu sorgen. Wir sollten bei all der berechtigten Kritik , bei all den verstolperten Chancen und schlecht angenommenen Bällen nie vergessen, dass Henne einer der letzten echten Typen bei 96 und in den Profi-Ligen ist!

Wir sehnen uns in all der rasant fortschreitenden Kommerzialisierung und Globalisierung des Fußballs doch nach diesen einfach gestrickten Kerlen, nach Kante und Bolzplatz-Mentalität. Weydandt ist jetzt 25 und hat noch 2 gute Jahre Vertrag bei 96. Da ist noch viel Zeit für Tore, Jubel, Haareraufen und Heldenstatus. Henne wird das schon regeln…

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