„Mit den ganzen Ausfällen kann 96 nur positiv überraschen“ – Das Faninterview vor dem Showdown gegen Werder

Die Stimmung bei den Bremer Fans ist gedämpft: "Das ohnehin optimistisch gewählte Saisonziel Europapokal scheint der Mannschaft schon entglitten zu sein." Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images.

Hannover – 96 gegen Werder. Das ist ein Spiel, das oftmals für Spektakel steht. Am Freitag kommt es erneut zu diesem Duell. Und für 96 geht es nach fünf Niederlagen in Folge um viel. Es ist so etwas wie ein Showdown. Vor der Partie lassen wir unseren Lieblingsbremer zu Wort kommen.

Vier Siege aus den letzten fünf Spielen, nur Schalke ist derzeit besser als Werder. Musst Du Dich manchmal kneifen?

Wer sind diese Menschen und was haben sie mit unserer Mannschaft gemacht? Schade, dass eine Bundesligasaison auch eine Hinrunde hat, sonst würden wir jetzt um die CL-Plätze mitspielen.

Aber im Ernst, in der Vorrunde hat Werder über weite Strecken Fußball zum Abgewöhnen gespielt der niemandem Spaß gemacht hat. In der Rückrunde kann man auch als Fan endlich wieder richtig mitfiebern und sich auf die Spiele freuen. Im Moment genieße ich einfach nur den Lauf den das Team gerade hat. Wir haben ja in den letzten beiden Jahren miterlebt, wie schnell so ein Lauf auch wieder vorbei sein kann.

Nach dem 2:1 gegen Frankfurt ist Werder endgültig gerettet, oder?

Bei zehn Punkten Vorsprung auf Platz 16 bei noch sechs Spielen kann man schon zu 95% davon ausgehen, nichts mehr mit dem Abstiegskampf zu tun zu haben. Für die letzten 5% muss noch mindestens ein Sieg aus den letzten sechs Spielen her. Es sieht jetzt aber wirklich sehr gut aus und der Plan B für die 2. Liga kann wieder ganz tief unten in der Schublade verschwinden.

Das Hinspiel gegen 96 war Euer erster Sieg in dieser Saison. Seither hat Werder eine tolle Saison gespielt. Worin liegen die Gründe dafür?

Wahrscheinlich hat beim Hinspiel kaum noch jemand damit gerechnet, dass wir das Rückspiel tatsächlich als Tabellennachbarn bestreiten. Natürlich spielt der „Neuer-Trainer-Effekt“ dabei auch eine Rolle mit der damit einhergehenden Umstellung der Spielphilosophie. Man hat als Zuschauer wieder den Eindruck, dass die Mannschaft Spaß daran hat, ihrer Arbeit nachzugehen, während unter Nouri noch alles sehr krampfig wirkte. Kohfeldt hat zudem den Spielern vermittelt, dass auch unter Nouri aussortierte Spieler wieder in der Startelf stehen können, wenn sie sich dafür im Training anbieten und nicht einfach vergessen sind. Dass man mehr Glück hat als in der Hinrunde spielt natürlich auch eine wichtige Rolle. Wo ein Ball in der Hinrunde auf die Tribüne siegelte fällt er heute hinter dem Torwart ins gegnerische Tor, wo in den ersten Spielen noch ein Gegner immer den Fuß dazwischen hatte spielt man heute den richtigen Pass am Gegner vorbei der zu einer Torchance führt. Dass man auch Glück mit Fehlern der Gegner hatte ist natürlich auch ein Faktor und auch ein Glück, dass man sich selbst erst erarbeiten muss. Fehler entstehen in den meisten Fällen erst, wenn man den Gegner unter Druck setzt und ihn in Fehler zwingt, und das ist Werder unter Nouri noch völlig abgegangen weil man nur passiv alles auf sich zusammen ließ statt aktiv auf den Ball zu gehen. Daneben trifft auch wieder das alte Sprichwort zu, wenn es mal richtig läuft, dann läuft es.

Was ist das Erfolgsgeheimnis von Florian Kohfeldt?

Es fängt natürlich damit an, dass Kohfeldt nicht Nouri ist. Schon mit dem verpassten Platz im Europapokal am Ende der vergangenen Saison setzte unter Nouri eine Negativentwicklung ein, die er nicht mehr stoppen konnte. Nouri hatte am Ende keinen wirklichen Rückhalt mehr in der Mannschaft – und das nicht nur bei den Spielern, die unter ihm nicht mehr zum Zug gekommen sind. Nouri ließ eine Defensivtaktik spielen, die die Mannschaft nicht verstanden hat und deshalb auch nicht umsetzen konnte. Die Taktik war sehr passiv und darauf ausgerichtet auf das zu reagieren, was der Gegner tut, statt eine eigene Spielidee zu entwickeln. Spätestens nach dem 0:0 gegen den HSV war das Team so frustriert, dass eine Trennung noch vor Weihnachten unumgänglich war.

Kohfeldt stellte dann auf einen aktiven Spielstil um bei dem das Ziel ist, dem Gegner seine Taktik aufzuzwingen statt umgekehrt. Aus lauffaulen Stehgeigern, die nach 70 Minuten schon platt waren, wurde ein laufstarkes Team, das über 90 Minuten gehen kann. Besonders die verbesserte Kondition ist elementar für den Fußball den Kohfeldt spielen lassen will. Nachdem er am Anfang noch taktische Fehler gemacht und falsche Formationen aussortiert hat, hat er jetzt ein Spielsystem gefunden, das für die Mannschaft funktioniert und das auch nicht in sich zusammenfällt wenn ein Spieler ausgetauscht werden muss. Bemerkenswert ist auch, dass er sich, anders als seine diversen Vorgänger, auch traut eigentlich gesetzte Stammspieler wie Junuzovic und Delaney auf die Bank zu setzen, wenn ein anderer Spieler sich mehr für das nächste Spiel angeboten hat. Gleichzeitig haben Spieler wie Johansson, die unter Nouri völlig abgemeldet waren, eine neue Chance erhalten, sich zu zeigen, was auch die Stimmung im Kader wieder verbessert hat.

Im Sommer wird er dann zeigen müssen, dass er auch selbst eine Mannschaft zusammenstellen – das Grundgerüst dafür steht schon – und Schwachstellen verbessern kann um in der nächsten Saison noch weiter oben in der Tabelle zu stehen. Während er in dieser Saison Schwächen im Team noch auf seinen Vorgänger schieben kann, der für diesen Kader und die Saisonvorbereitung verantwortlich war, ist es in der neuen Saison seine selbst zusammenstellte Mannschaft die er auf den Rasen schickt. In dieser Saison war es seine Aufgabe zu retten was noch zu retten ist, in der nächsten Saison muss er zeigen, dass er darauf auch etwas aufbauen kann.

„Kohlfeldt ist nicht Nouri“, so einfach beschreibt uns der Werder-Fan den Unterschied. Foto: Mika Volkmann/Bongarts/Getty Images.

Unter Alexander Nouri war Werder letzte Saison ähnlich erfolgreich und hätte beinahe noch den Einzug in den Europapokal geschafft. Warum wird es unter seinem Nachfolger nicht zu einem ähnlichen Einbruch (saisonübergreifend 14 Spiele ohne Sieg, Absturz auf Platz 17, Anm. d. Red.) kommen?

Dafür gibt es natürlich keine Garantie. Nachdem es zwei Mal mit Skripnik und Nouri daneben ging kann man aber hoffen, dass der Verein und vor allem Frank Baumann (Werder Sportchef, Anm. d. Red.) aus den Fehlern gelernt haben und es dieses Mal besser machen. Der erste Schritt ist schon damit getan, dass Kohfeldt mit seinem Team bis 2021 unterschrieben hat und anders als seine beiden Vorgänger unumstritten in die neue Saison gehen kann. Es hilft natürlich auch, dass Baumann viel früher als in den letzten Jahren für die neue Bundesligasaison planen kann und nicht erst nach dem letzten Spieltag wie es den vergangenen Jahren auch schon der Fall war. Das Grundgerüst der Mannschaft wird auch in der kommenden Saison bleiben und Baumann kann im Sommer nach gezielten Verstärkungen für den Kader suchen um Schwachstellen, wie ein fehlender 9er für das System mit zwei starken Flügelstürmern, der das Offensivspiel variabler machen würde, zu schließen. Kohfeldt hat als Co-Trainer von Skripnik live miterlebt, wie schnell es nach einem Höhenflug auch wieder nach unten gehen kann und aus diesem Erlebnis gelernt. Die Fehler, die Skripnik gemacht hatte, wird er hoffentlich nicht wiederholen.

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Maximilian Eggestein ist gebürtiger Hannoveraner. Welche Rolle spielt er mittlerweile bei Euch?

Maxi Eggestein ist der Mittelfeldmotor in unserem Spiel und inzwischen unumstrittener Stammspieler. Wenn Kohfeldt einen anderen Spieler im Mittelfeld bringen will nimmt er sogar eher die Führungsspieler Delaney und Junuzovic aus der Startelf. Eggestein war in den letzten Wochen der laufstärkste Spieler der kompletten Liga und reißt seine Mitspieler mit indem er wirklich jeden Weg für sie geht. Mit seinem positiven Auftreten ist einer der Hauptgründe für den Aufschwung. Und einen feinen Ball spielt er auch. Er hat sich wirklich stark weiterentwickelt und ist auf dem besten Weg, einer DER Führungs- und Schlüsselspieler in unserem Spiel zu werden.

Werders Mittelfeldmotor, Maximilian Eggestein, wechselte 2011 von Havelse nach Bremen. Foto (aus dem Jahr 2011): Michael Titgemeyer/Bongarts/Getty Images.

96 spielt hat fünf Spiele in Folge verloren. Ist das ein Vorteil, oder ein Nachteil für Euch?

Es ist natürlich eher ein Vorteil als ein Nachteil, auf eine Mannschaft zu treffen, die gerade in keiner guten Phase steckt. Man darf sich seiner Sache aber auch nicht zu sicher sein. Wenn ohnehin schon alle mit einer Niederlage des Heimteams rechnen, besonders nach den Ausfällen, die es vor dem Spiel noch gab, kann 96 eigentlich nur positiv überraschen. Das ist ein Faktor, den man nicht unterschätzen darf.

Viele 96-Fans bezeichnen Euch als den Gegner, den man noch am ehesten schlagen kann. Was entgegnest Du ihnen?

Es ist gerade nicht wirklich der beste Zeitpunkt, um gegen Werder spielen zu müssen. Wir schweben gerade fußballerisch auf der 7. Wolke und haben keine Lust, jetzt schon von dort wieder herunter zu kommen. Die Aufgabe in Stuttgart nächste Woche könnte die leichtere sein, der VfB ist schon aus dem Abstiegskampf heraus und geht nicht mit demselben Druck in die Partei, gewinnen zu müssen. Das könnte 96 für sich nutzen. Bei einem Auswärtsspiel tut 96 sich im Moment vielleicht sogar leichter als zu Hause weil die Mannschaft mit einer räumlichen Distanz zu den Diskussionen rund um den Verein spielen kann.
Die Partie läuft nicht bei Sky.


Das Spiel am Freitag ist nur im Eurosport Player zu sehen.

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Wird es für die Breitenreiter-Elf noch eng im Kampf um den Klassenerhalt?

Die Gefahr besteht natürlich, besonders in dieser Saison sollte man sich seiner Sache nie zu sicher sein. Der Abstiegskampf war praktisch schon aus den Köpfen der Spieler verschwunden, jetzt ist er wieder da, aber gefühlt hat man letzten Monat noch um die Europapokalplätze mitgespielt und hat sich noch nicht mit der neuen Situation arrangiert. Wenn, wie gerade am Wochenende geschehen, auch noch Pech mit Schiedsrichterentscheidungen dazu kommt, und man trotz einer starken Aufholjagd keine Punkte aus dem Spiel mitnimmt, kann eine Mannschaft auch schnell in eine Abwärtsspirale geraten. Gefühlt steht in Hannover auch gerade der Fußball nicht mehr im Mittelpunkt, sondern läuft nur noch nebenbei mit. Nicht nur ist Hannover zum Epizentrum der 50+1 Diskussion geworden, im Guten wie im Schlechten, sondern auch die Kontroverse rund um nicht angenommene Mitgliedsanträge und gerade am Wochenende erst um nicht zugelassene Spruchbänder ziehen den Fokus weg von dem was auf dem Rasen passiert. Dann kommt auch noch der – durchaus berechtigte weil inzwischen wirklich niemand mehr weiß was da eigentlich los ist – Ärger um den VAR dazu, der ebenfalls die Aufmerksamkeit von dem ablenkt was die Mannschaft auf den Rasen bringt, oder eben nicht. Hoffnung macht aus Sicht von 96 aber, dass es den Teams, die in der Tabelle unter 96 stehen, aber auch nicht wirklich besser geht.

Auf welche 96-Spieler müssen die Werderaner besonders aufpassen?

Niclas Füllkrug ist der Spieler, den man nicht aus den Augen lassen sollte. Er kennt nicht nur Teile der Kohfeldt-Elf noch aus seiner Zeit bei Werder, sondern hat auch in den letzten Spielen einen sehr guten Eindruck gemacht. Er hat in dieser Saison eine tolle Entwicklung in Hannover gemacht und 11 Saisontore sprechen für sich. Es sollte auch eine Extramotivation sein, dass er Baumann mit einem Tor auch noch beweisen könnte, dass es ein Fehler war, ihn nicht zurückgeholt zu haben.

Wichtig für Werder ist auch, Klaus (wenn er rechtzeitig fit ist für das Spiel) davon abzuhalten, Füllkrug mit Vorlagen zu füttern.

Konnte sich in Bremen nicht entscheidend durchsetzen: 96-Toptorjäger Niclas Füllkrug. Foto: Joern Pollex/Bongarts/Getty Images.

Freitagabend, Flutlicht, beste Voraussetzungen für ein packendes Nord-Duell, oder?

Das beste Tag für Bundesligafußball ist natürlich immer noch der Samstag. Trotzdem haben sich 5500 Werderfans angekündigt die im Stadion dabei sein wollen. Es ist schade, dass das Spiel dieses Mal von Nebengeräuschen überschattet wird weil es auch immer noch um den inoffiziellen Titel der Nummer 1 im Norden zwischen Werder und 96 geht. Aus sportlicher Sicht steht aber einer mitreißenden Partie nichts im Wege. Werder will seine Serie fortsetzen, 96 seine Negativserie beenden und beide wollen nichts mehr mit dem Tabellenkeller zu tun haben. Wir dürfen uns also alle auf ein schönes und spannendes Nord-Duell im Schein des Flutlichts freuen.


Was für ein Spiel erwartest Du?

Das Spiel könnte enger werden, als man vielleicht denkt. Je länger es 0:0 steht, desto eher entwickelt sich ein kampfbetontes, eher zerfahrenes Spiel. Nachdem 96 auch noch Ausfälle im Angriff verkraften muss wird man die Taktik eher nicht auf Kombinationsfußball auslegen sondern die Räume dicht machen und versuchen, das Kombinationsspiel von Werder zu stören. Wenn kein Spielfluss aufkommt hilft das eher 96, das eher damit zufrieden wäre, einfach nicht zu verlieren, als Werder. Mit destruktiven Gegnern tut Werder sich schwerer als mit Gegnern, die selbst das Spiel machen wollen. 96 wird darauf hoffen, vielleicht durch einen Standard oder einen Konter zu einem Torerfolg zu kommen, dort ist Werder am ehesten anfällig für Fehler in der Defensive. Während Werder versuchen wird, dem Gegner das eigene Spiel aufzuzwingen und so zum Reagieren zu zwingen, in der Hoffnung, dass 96 sich dabei aufreibt und gegen Spielende, wenn die Kondition nachlässt, anfällig für Fehler wird, um diese für ein Tor nutzen zu können wenn es nicht schon früher mit einem Treffer klappt.

Und zu guter Letzt Dein Tipp, bitte. Welches Ergebnis sehen wir nach 90 Minuten auf der Anzeigetafel?

Tut mir leid, aber Werder gewinnt. Am Ende heißt es 1:2 aus Sicht der Heimmannschaft.



Die Lieblingsfolgen vom 96Freunde-Podcast mit Altin Lala, Florian Fromlowitz und Ewald Lienen. Viel Spaß beim Reinhören!

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