„Vereinsinterne Debatten überlagern die sportliche Situation“ – Das Faninterview vor dem Heimspiel gegen Hertha

Hertha-Fans wollen endlich wieder einen Sieg feiern. Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images.

Hannover – Am Samstag trifft Hannover 96 auf Hertha BSC. Für die Roten wird die Luft in der Bundesliga langsam immer dünner. Vor der Partie sprechen wir mit Marc von Herthabase über das Spiel und über mögliche Strafen für die Elf Maschsee.

Stell dich bitte unseren Lesern kurz vor. Wer bist du? Was machst du? Seit wann bist du Hertha-Fan und wie kam es dazu?

Ein Gut Kick in die Runde! Ich heiße Marc Schwitzky und bin Student, Sportjournalist, wie auch Betreiber des Blogs Hertha BASE, den ich mit sieben weiteren Personen führe. Hertha-Fan bin ich quasi seit meiner Geburt, da bereits mein Vater großer Anhänger des Vereins ist. Wirklich erwischt hat es mich mit ca. acht Jahren, als mich mein Vater mit ins Olympiastadion genommen hat. Damals haben Leute wie Gabor Kiraly, Marcelinho oder Arne Friedrich für den Verein gespielt und mich begeistert. Dabei ist es dann auch geblieben.

Wie zufrieden bist du mit der Sommer Transferphase bei Hertha?

Es war keine einfache Transferperiode für Sportdirektor Michael Preetz. Hertha ist weiterhin kein reicher Klub und große Sprünge sind nur möglich, wenn teuer verkauft wird. Siehe letzte Saison, als John Brooks für 20 Millionen Euro nach Wolfsburg ging und daraufhin Spieler wie Davie Selke und Valentino Lazaro geholt werden konnten.

Dieses Jahr wurde zwar Mitchell Weiser für 12 Millionen Euro verkauft, dieses Geld floss aber vor allem in finanzielle Löcher und in einen Restbetrag für Lazaro. Somit konnte nicht allzu viel Geld ausgegeben werden und es wurde vor allem in die Breite investiert. Lukas Klünter, Pascal Köpke und Derrick Luckassen sind allesamt Spieler, die noch Zeit brauchen und schwer zu beurteilen sind. Liverpool-Leihgabe Marko Grujic hingegen ist ein überragender Spieler, der das Niveau der gesamten Mannschaft zu heben weiß. Mit ihm ist Preetz ein echter Coup gelungen, den wir aber wohl nur ein Jahr halten können. Positiv hervorheben muss man, dass der Kader mit all seinen Leistungsträgern (Weiser gehörte nicht mehr dazu) zusammengehalten werden konnte und das ist auch immens viel wert – Hannover kennt das in diesem Jahr.

Nach dem Sieg gegen die Bayern, Ende September, konnte kein Ligaspiel mehr gewonnen werden. War der Erfolg letztlich vielleicht sogar schädlich?

Das ist schwer zu beantworten. Es kann sein, dass sich nach dem Sieg ein paar Spieler zu sicher gefühlt haben und es daher etwas haben schleifen lassen. Grundsätzlich würde ich aber sagen, dass andere Faktoren eine Rolle für die Mini-Krise spielen, wie z.B. der lange Ausfall von Marko Grujic, generell echt große Verletzungssorgen in der Abwehr, aber auch die fehlende Gier einiger Spieler, sich gegen Widrigkeiten zu stemmen. Nach der herben 1:4-Niederlage in Düsseldorf mussten wir die Mentalitätsfrage stellen, die wiederum gegen Hoffenheim (3:3) am vergangenen Spieltag durch eine aufopferungsvolle Aufholjagd zufriedenstellend beantwortet wurde.

Ich persönlich werde mit eurem Trainer nicht so sehr warm und weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Wie beurteilst du seine Arbeit?

Ich versuche, nicht zu weit auszuholen. Pal Dardai rettete uns einst vor dem Abstieg und schaffte es daraufhin eindrucksvoll, den gesamten Verein zu stabilisieren. Wir fuhren unerwartete Erfolge in der Liga ein, wie den Einzug in die Europa League, standen für einen klaren – wenn wir auch nicht spektakulären – Stil. Des Weiteren ist unter Dardai eine besondere Kultur im Klub entstanden, die Jugend zu fördern. Während viele Vereine sich dieses Motto auf die Fahnen schreiben, zieht Hertha es unter dem Ungarn vollends durch. Eigengewächse wie Arne Maier, Jordan Torunarigha oder Maxi Mittelstädt haben sich unter Dardai zu etablierten Bundesliga-Spielern entwickelt und auch extern dazugeholte Talente wie Mitchell Weiser, Niklas Stark oder Valentino Lazaro sind in Berlin den nächsten Schritt gegangen. Es hat also eine deutliche Profilschärfung unter Dardai stattgefunden, die man wertschätzen muss.

Zuletzt erlebte man in Berlin jedoch eine große Ernüchterung. Der Fußball von Dardai schien sich nicht weiterzuentwickeln und die Spiele plätscherten nur noch vor sich hin. Mit Platz zehn konnte niemand etwas anfangen, mit den Partien schon gar nicht. Es fehlte der Mut, die Leidenschaft und einfach etwas Spektakel – alles Dinge, die mit dem aktuellen Kader absolut möglich sind. Deshalb ist die laufende Saison eine entscheidende: kann Dardai sich weiterentwickeln und neu erfinden? Trotz der letzten Ergebnisse ist diese Frage mit ja zu beantworten. Die Mannschaft liefert seit Saisonbeginn erfrischenden Offensivfußball, ist oft nicht wiederzuerkennen und alle das mit einer blutjungen Truppe und ein paar Oldies. So macht es großen Spaß und wird Dardai weiter im Amt halten.

„Dardais Mannschaft liefert erfrischenden Offensivfußball“, sagt Hertha-Fan Marc. Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images.

Was ist für die alte Dame in dieser Saison drin? Nur Mittelfeld, oder sogar Europa?

Sollte sich die Mannschaft in den Ergebnissen stabilisieren, defensiv wieder besser stehen und sich das Verletzungspech etwas zurückschrauben, ist vieles möglich. Natürlich ist es für einen Verein wie Hertha entscheidend, wie sich die eigentlichen Favoriten auf Europa schlagen und ob man eine eventuelle Schwächephase derer ausnutzen kann. Wichtig ist erst einmal, wieder Siege einzufahren und mit einem positiven Gefühl in die Winterpause zu gehen. Sollte am Ende nur ein Mittelfeldplatz herausspringen, aber weiterhin so toller Fußball geboten werden, wäre in Berlin wohl keiner böse.

 Wie beurteilst du Hannover 96 aus der Ferne?

Während viele Fußballfans Hertha das Image der „grauen Maus“ andichten, sehe ich dieses mindestens ebenso bei Hannover 96. Ich glaube, vor längerer Zeit sagte Martin Kind einmal: „Hannover 96 weiß selbst nicht, wofür es stehen soll.“ Für mich ist es bis heute bei diesem Eindruck geblieben. Ich erkenne nicht, welches Profil der Verein haben will, welche strategische Ausrichtung außer „Hauptsache in der Bundesliga überleben.“ Dazu kommt, dass es für Beobachter von außen in Hannover selten um das Sportliche geht, sondern meist nur um Debatten über Martin Kind, 50+1, Fanboykotts oder Abwanderungsversuche von Horst Heldt. Es wirkt alles recht chaotisch. Das kann auf Dauer nicht gesund für einen Verein sein.

Denkst du, dass die Spieler von den Negativmeldungen der letzten Tage (Punktabzug, Lizenzentzug) beeinflusst werden?

Das kann ich mir vorstellen, ja. Es scheint, wie ich angeschnitten habe, ja ein großes Problem in Hannover zu sein, einfach nur auf die Mannschaft zu schauen. Das wird auf Dauer sicherlich auch auf die Spieler abfärben. Man kann solche Faktoren nie in Zahlen ausdrücken, aber dass es keinen positiven Einfluss auf die Mannschaft haben wird, ist klar.

Gerät das Sportliche vielleicht zu sehr in den Hintergrund?

Absolut. Eigentlich sollte in der Berichterstattung um Hannover die große Verletzungsmisere oder die Wegfall von bedeutenden Leistungsträgern der vergangenen Saison (Sané, Klaus, Harnik) thematisiert werden, aber man liest nur von großen vereinsinternen Debatten und nun sogar juristischen Konsequenzen. Wir haben es ja aktuell in Berlin gesehen, wie große Konflikte zwischen Vereinsführung und Fanszene Auswirkungen auf das Sportliche haben können. Der Fokus verschiebt sich komplett und die Verantwortlichen können nicht mehr unbelastet arbeiten. Eine gefährliche Angelegenheit, die viel kosten kann.

Traust du der Mannschaft sportlich den Klassenerhalt zu?

Es wird zumindest extrem schwer für euch, glaube ich. Ich halte euren Kader bis auf ein paar Lichtblicke (Bebou, Walace, Füllkrug) einfach für zu schwach, als dass ihr konstant Punkte einfahren könnt. Zwar hat Hannover immer wieder interessante Namen wie einen Muslija oder oder Maina, aber die holen dir nicht über 34 Spieltage die Kohlen aus dem Feuer. Offensiv ist 96 zu harmlos und von gewissen Spielern zu abhängig und defensiv tut der Abgang von Sané so dermaßen weh. Natürlich kann es Hannover einem Gegner schwer machen, aber es zählen nun vor allem einmal Siege und die fahrt ihr halt kaum ein. Es wird ein sehr enges Rennen für Hannover.

Welches Spiel erwartest du Samstag?

Hannover wird Hertha einen echten Kampf bieten wollen und taktisch klug verteidigen. Entscheidend wird die Frage sein, ob 96 das im Verbund über 90 Minuten bewerkstelligen kann, zuletzt war das ja nicht oft der Fall. Hertha will auf dem guten Auftritt gegen Hoffenheim aufbauen und endlich wieder einen Sieg einfahren, dementsprechend motiviert wird die Truppe sein. Ein wirklich schönes Spiel erwarte ich nicht, es wird viel im Mittelfeld stattfinden, aber ich sehe leichte Vorteile auf blau-weißer Seite.

Zum Schluss dein Tipp, bitte. Wie geht die Partie aus?

0:2-Auswärtssieg Hertha BSC.

Vielen Dank für das Gespräch, lieber Marc.

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