Drei Platzverweise, zwei Elfmeter und ein verärgerter „Pele“: So spektakulär war es 1993 gegen Osnabrück

In der HDI-Arena soll wieder ein Heimsieg her. Beim Erfolg vor 26 Jahren gegen den VfL Osnabrück war das damalige Niedersachsenstadion fast so leer wie auf diesem Bild.

Es ist der 22. Mai 1993. Hannover 96 gewinnt sein Zweitliga-Heimspiel gegen den VfL Osnabrück mit 2:1. Vor allem nach einer ersten Halbzeit ohne Tore, die genauso trostlos ist wie die Besucherzahl von 3500 Zuschauern im weiten Rund des Niedersachsenstadions, deutet noch nichts auf das Spektakel in den folgenden 45 Minuten hin. Was dann passiert – einfach verrückt. Natürlich je nach Sichtweise. Und daher mal ein Anlass, die zweite Halbzeit, die Folgen und überhaupt die zahlreichen Randaspekte aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten:

1) Der Sieger: Hannover 96

Wer es mit Hannover 96 hält, kann zufrieden sein. Die Roten gewinnen das Niedersachsen-Duell gegen Osnabrück mit 2:1, drehen dabei einen 0:1-Rückstand. Michael Schjønberg verwandelt zwei umstrittene Strafstöße, ist in der 70. und 83. Minute erfolgreich. Schjønberg und Elfmeter – da werden Erinnerungen wach. Und eben auch Wehmut… Denn es ist fast auf den Tag genau ein Jahr her, als der Däne, neben Torhüter Jörg Sievers, am 23. Mai 1992 zum Helden von Berlin wird. Sein verwandelter Elfmeter machte die Sensation perfekt und sicherte Hannover 96 mit dem Finalerfolg gegen Borussia Mönchengladbach den Gewinn des DFB-Pokals.

Mit dem Rückenwind dieses Triumphs und dazu mit der Verpflichtung von Eberhard Vogel als neuen Trainer, der in der ehemaligen DDR als Coach diverser Jugend-Auswahlmannschaften regelmäßig auf den ersten drei Plätzen bei Welt- oder Europameisterschaften gelandet war, ging 96 als Aufstiegskandidat in die Saison. Doch die „Roten“ bewegten sich eher im Niemandsland der Tabelle, am Ende landete man auf dem 9. Platz. Ernüchternd!

Vielleicht ist auch so die geringe Zuschauerzahl zu erklären. Hinzu kommt in dieser Spielzeit eine Kaugummi-Saison. Auf Grund der Eingliederung der Vereine aus der früheren DDR ist die 2. Bundesliga auf 24 Teams aufgebläht, es gibt die unfassbare Zahl von 46 Spieltagen. Fehlendes Zuschauerinteresse ist also ganz normal.

2) Der Verlierer: VfL Osnabrück

Der VfL Osnabrück kämpft im Mai 1993 um den Klassenerhalt. Weil die Sollstärke von 20 Vereinen wiederhergestellt werden muss, müssen sieben der 24 Mannschaften absteigen. Rang 17 ist daher das Ziel des VfL – nach der Niederlage in Hannover beträgt der Abstand der Osnabrücker vier Zähler auf das rettende Ufer. Und das alles drei Spieltage vor Schluss bei der Zwei-Punkte-Regelung.

Nach dem Abpfiff sprudelt es vor den TV-Kameras nur so aus Claus-Dieter Wollitz, der in der 64. Minute für das zwischenzeitliche 1:0 der Gäste sorgt, heraus: „Hier geht es um Existenzen, hier geht es um Arbeitsplätze“, poltert der spätere VfL-Trainer mit Blick auf die umstrittenen Elfmeter. „Da habe ich kein Verständnis für, tut mir leid“, sagt „Pele“ Wollitz. In den drei restlichen Partien bis Saisonende kämpfen die VfLer tatsächlich um ihre Existenz und gewinnen alle Spiele – und steigen am Ende trotzdem ab. Erst sieben Jahre später, als finanzielle Schieflage und drohende Insolvenz abgewendet werden, kehrt der VfL Osnabrück zurück in die 2. Bundesliga.

3) Der Schiri: Lutz Wagner

Der Schiedsrichter hat an diesem Nachmittag einen schweren Stand. Referee ist ein gewisser Lutz Wagner. Der damals 29-Jährige, der bis 2010 Leiter von Bundesliga-Spielen war und heute beim DFB der Schiedsrichter-Kommission Amateure angehört, ist in seiner ersten Saison in der 2. Bundesliga aktiv und übertreibt es mit seiner harten Linie in einer nicht unfairen Partie. Nach gelb-roter Karte gegen Osnabrücks Dirk Hofmann (55./Foulspiel) und Rot gegen Hannovers Milos Djelmas (57./Tätlichkeit) schickt er später auch noch den VfLer Krystof Hetmanski (78./Foulspiel) mit roter Karte in die Kabine. Dort können sich Hetmanski und Djelmas austauschen. Der Osnabrücker war nach Wagners Wahrnehmung Opfer eines Nachtretens von Djelmas. Der Serbe, in dieser Saison bereits zwei Mal vom Platz geflogen, beteuert seine Unschuld – die TV-Bilder bewiesen dies. Djelmas kommt ohne Sperre davon.

Das Spektakel vom Mai 1993 dürfte sich kaum wiederholen, wenn Hannover 96 und der VfL Osnabrück am Sonntag um 13.30 Uhr in der HDI-Arena zum aktuellen Zweitliga-Spiel aufeinandertreffen. Den 96-Fans würde es schon reichen, wenn ihre Mannschaft einfach mal wieder ein Heimspiel gewinnt.

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