„Ich wünsche Hanover 96 den Klassenerhalt“ – Das Faninterview vor dem Gastspiel beim BVB

Kann 96 den BVB-Fans die Laune vermiesen? Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images.

Hannover – Patrick Krawczyk kommt aus Hannover und ist BVB-Fan. Wie das passieren konnte und welches Bild Hannover 96 für Außenstehende derzeit abgibt, erzählt er uns im Faninterview.

Patrick, ein BVB-Fan in Hannover. Das klingt nach einer spannenden Geschichte. Wie konnte es denn dazu kommen?

Das war ein eher schleichender Prozess. Meine Eltern und meine 11 Jahre ältere Schwester waren keine Fußballfan. In der Verwandtschaft und im Bekanntenkreis, hatte ich überwiegend entweder Bayern-, oder 96-Fans. Zu meinem sechsten Geburtstag bekam ich im Jahr 1995 Besuch von dem Aachener Teil der Familie. Zwei meine Cousins waren relativ kurzfristig BVB-Fans geworden und haben mir zum Geburtstag einen Europapokal-Schal geschenkt. Diesen Schal trage ich bis heute noch! Meine zweite emotionale Verbindung zum BVB war ein Spieler. Wenn ich als Kind TV gucken durfte und dabei Fußball lief, war ich von Andy Möller begeistert. Er war quasi der Marco Reus aus dem 1990ern und bevor er zu den Blauen gewechselt ist, war er mein absoluter Lieblingsspieler. Von da an war der BVB immer dabei, wenn ich Fußball gespielt habe. Meine Schwester bekam durch ihren Aushilfsjob bei Karstadt Prozente. Sie hat mir dann auch mein erstes BVB-Trikot für den Schulsport gekauft. 1998 war ich dann am Fernseher, als in Madrid das Tor umfiel. 2002 waren wir unterwegs und im Autoradio lief entweder die emotionale Konferenz mit der Meisterschaft des BVBs! Im Jahre 2005 habe ich das wunderschöne BVB-Netradio mit Boris und Nobby Dickel entdeckt. Die Übertragungen waren immer ein Highlight. Im selben Jahr habe ich den BVB das erste Mal im Stadion gesehen. Es war ein Fluchtlichtspiel in Hannover. Hannover ging durch Per Mertesacker mit 1:0 in Führung. Tomas Rosicky später ausgeglichen. Dann kam ein sehr bewegender Moment: Jan Koller wurde nach sehr langer und schwerer Verletzung eingewechselt. Der ganze Gästeblock feierte seine Rückkehr. Dank seiner Kopfballweiterleitung, konnte Christian Wörns das 1:2 erzielen. Das war ein magischer Moment.

Was machst du, wenn du nicht Dortmund beim Kicken zuschaust?

Das kommt in den letzten Jahren leider viel zu häufig vor. Zuletzt habe ich sogar freiwillig das Derby für 20 Minuten verpasst. Die #noNPOG Demo (Demonstration gegen das niedersächsische Polizeigesetz, Anm. d. Red.) im Dezember hatte für mich einen höherer Stellenwert. Ganz ohne das Spiel ging es dann aber doch nicht. Als die Demo beendet war und ich im Auto wegen des Verkehrs warten musste, habe ich schnell über mein Handy das Spiel angeschaltet. Meine Mitstreiterinnen in der Piratenpartei und meine Kollegen auf der Arbeit wissen alle, dass Borussia Dortmund einen großen Stellenwert für mich hat. Da kommen wir auch schon zum nächsten Punkt. Ich bin sehr engagiert bei den Piraten dabei.

Was kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du an Hannover 96 denkst?

Da geht es mir wie wohl vielen anderen auch: Ich denke zuerst an Martin Kind und seinen Kampf gegen die 50+1-Regel. In meinen Augen ist das Vorgehen eine Gefahr für den deutschen Profi-Fußball. 

Martin Kind kämpft gegen die 50+1-Regel. Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images.

In welcher Hinsicht?

Wagen wir doch einmal einen Blick rüber zum Eishockey und führen uns vor Augen, was Günter Papenburg dort gemacht hat. Er hat sein Geld rausgezogen. Dadurch ging es für den ehemaligen Deutschen Meister von der höchsten, in die dritte Spielklasse. Die Absichten von Martin Kind können ja gut gemeint sein, aber alles im Leben hat ein Ende. Was passiert nach Martin Kind? Wie ist die Nachfolge geregelt? Es gibt mehrere denkbare Szenarien: Es könnte 96 wie den Skorpione ergehen, weil plötzlich Gelder fehlen und die notwendigen Sponsoren keinen sportlichen Erfolg sehen. Oder stellen wir uns vor, dass ein reicher Besitzer seine Schulden auf Hannover 96 ablädt, weil er ein Abschreibungsobjekt braucht. 50+1 ist gut für den Fußball und verhindert genau solche Dinge.

Besuchst du auch ab und zu das Niedersachsenstadion, wenn Dortmund nicht zu Gast ist?

Eher selten. Eine sehr gute Freundin, die gerne Groundhopping macht, hatte ich vor zwei Jahren nach Hannover eingeladen. Das war zum Heimspiel in der 2. Liga gegen Bielefeld. Ich bevorzuge dann tatsächlich Arminia Hannover oder andere Amateuren-Vereinen wie den SV Linden 07.

Was ist dein Lieblingsplatz in Hannover?

Mein Stadtteil, die Nordstadt, bietet viele Möglichkeiten und ist pure Liebe. Sonst hat Hannover viel zu bieten: den Maschsee und Maschpark, unsere verschiedenen Theater-Angeboten und natürlich die grüne Lunge (Eilenriede).

Zurück zum Sport: Ganz schön knappes Ding in Leipzig, oder? Wie sehr hast du gezittert und wie dankbar bist du Roman Bürki für seine ganzen Paraden?

Romans Entwicklung der letzten drei Jahre, sind einfach überragend. Gezittert? Natürlich hat Leipzig so einige Chancen heraus gespielt, aber es ist nur Leipzig. Es ging ja nicht gegen die Bayern oder gar die Blauen. Seit dem Abschied von Jürgen Klopp, hat Lucien Favre eine Selbstverständnis in der Mannschaft erweckt, die Zuversicht und Vertrauen zurückgeholt hat.

Auch „Bruno“ Esser hatte gegen Bremen einen Sahnetag und einen neuen Bundesligarekord aufgestellt. Was muss die BVB Offensive machen, um den Hexer zu überwinden?

Mal schauen, wie viele Bälle Michael Esser parieren muss. Es kann ja ein Fehler reichen und zwischen Sieg, Unentschieden oder Niederlage entscheiden. Wo ist denn eigentlich dein Phrasenschwein? Er darf gerne gegen Bayern und die Blauen wieder so gut halten. 

„Bruno“ Esser konnte trotz Bundesligarekord die Niederlage gegen Werder nicht verhindern. Foto: Thomas Starke/Bongarts/Getty Images.

Was macht Lucien Favre besser als seine Vorgänger und glaubst du an die nächste Meisterfeier auf Borsigplatz?

Lucien Favre hat der Mannschaft wieder eine Struktur verpasst. Sie strahlt wieder Sicherheit aus und hat Selbstvertrauen. Thomas Tuchel war ein überragender Trainer, ohne Frage, er hat Spieler besser gemacht. Er hat die Mannschaft auch erfolgreich aufgestellt. Letztendlich ist er an der überzogenen Erwartung an sich selbst und dem Umfeld, sowie an den zwischenmenschlichen Probleme mit der Führung und der Mannschaft gescheitert. Dann kam der Anschlag auf die Mannschaft.Peter Bosz wäre zu einer anderen Zeit wohl deutlich erfolgreicher gewesen. Peter Stöger war sympathisch und auch immer wieder Punkte geholt. Aber das hat einfach nicht gereicht. Ab dem 33. Spieltag kann ich mir, vorausgesetzt der Punktevorsprung bleibt, eine Meisterfeier vorstellen. 

So wie sich die Breitenreiter-Elf gegen Werder präsentiert hat, ist der Klassenerhalt wohl nur theoretisch möglich. Oder hast du einen Strohhalm, an dem wir 96-Fans uns klammern können?

Ich habe Hannover 96 vor der Saison nicht da unten erwartet. Das muss ich vorwegnehmen.  Leistungsträger gingen, wurden halbherzig oder mit viel Quantität ergänzt. Aber die völlig überzogene Erwartungshaltung von Martin Kind war sicherlich nicht hilfreich. 96 agiert wie die Blauen: eine zu hohe Erwartungshaltung, falsche Personalentscheidung und eine Präsident, der keine Ahnung vom Fußball hat. Trotzdem wünsche ich den Roten den Klassenerhalt.

Gegen euch dürfte es aber wohl eher nicht für Punkte reichen. Oder siehst du das anders? Wie lautet dein Ergebnistipp?

Ich erwarte ein schweres Spiel gegen 96. Der BVB muss sicher ein Böllwerk durchbrechen und zeitgleich auf Kontern aufpassen. Darum nehme ich alles, wenn wir mindesten einen Tor mehr schießen.

Fährst du zum Spiel?

Ja, ich habe sogar eine Karte über. Willst du mit (lacht)?

Vielen Dank für das Gespräch, Patrick.

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