Aufwärts ins Abwärts: Entwicklung und Transferpolitik von Hannover 96

ein Kommentar von Christian Heuer

Etwa 10 Jahre sind die goldenen Zeiten der jüngsten Vergangenheit von Hannover 96 her. Siege gegen Bayern München, unvergessliche Europa-League-Abende gegen Sevilla, in Kopenhagen und selbst das Viertelfinal-Aus gegen Atletico Madrid dürfte bei den Fans, die damals im Stadion waren, noch heute Gänsehaut hervorrufen. Seitdem ist einiges, sogar fast alles schiefgelaufen, was hätte schieflaufen können. Vereine wie Eintracht Frankfurt oder Borussia Mönchengladbach, die damals bereits mit eineinhalb Beinen in Liga Zwei standen, spielen mittlerweile regelmäßig international und scheinen für Hannover nunmehr uneinholbar.

Durch die Leistungen der letzten Jahre von der Mannschaft und den Entscheidungen von den Verantwortlichen ist die Erwartungshaltung der Fans auf ein Minimum gesunken. Man erwischt sich dabei, sich noch nicht einmal mehr über Niederlagen, haarsträubende Abwehrfehler oder kläglich vergebene Torchancen aufzuregen. Es ist zu einem Normalzustand geworden. Und genau diese Situation der Gleichgültigkeit bei den Fans ist mit das Schlimmste, was einem Verein passieren kann. Jedes Jahr wird ein neuer Umbruch oder Neuanfang ausgerufen. Verändert hat sich jedoch, außer stetig wechselndem Personal, nichts. Es wirft die Frage auf, welche Strategie die Vereinsführung mit ihren Entscheidungen verfolgt? Betrachtet man die Transferpolitik der letzten beiden Sommer-Transferperioden erscheinen die Transfers auf den ersten Blick für Zweitligaverhältnisse vielversprechend. Im Winter bzw. Sommer 2020 holte man mit Dominik Kaiser und Mike Frantz zwei Führungsspieler mit reichlich Erstligaerfahrung. Beide Spieler sind jedoch auf dem Weg ihre Karriere ausklingen zu lassen.
Zudem kamen mit Sei Muroya und Niklas Hult zwei Nationalspieler, die über internationale Erfahrung verfügen. Ergänzt um Spieler wie Simon Fallette, Patrick Twumasi oder Kingsley Schindler,die allesamt zum Zeitpunkt des Wechsels nicht gerade über viel Spielpraxis verfügt haben, dennoch ebenfalls schon gute Saisons in höheren Ligen gespielt haben. Klingt zunächst erfolgsversprechen, nur sind es diese Spieler, die einen wegweisenden Umbruch bewirken können? Die das nötige Feuer mitbringen, einen Traditionsverein wieder nach oben zu führen? Die entwicklungsfähig sind einen wichtigen Leistungssprung zu schaffen? Die Ihren Marktwert durch starke Leistungen steigern können, um Transfererlöse zu erzielen? Nach der Saison 2020/2021 kann diese Frage mit einem klaren Nein beantwortet werden.
radikaler Umbruch bei Hannover 96 – schwere Aufgabe für Marcus Mann
Folglich wurde zur neuen Saison nahezu das gesamte Betreuerteam, der Manager und der Trainer ausgewechselt. Ferner neue Spieler für nahezu jede Position im Kader verpflichtet. Erneut zeigt sich ein bekanntes Bild bei den Neuzugängen. Möglichst ablösefrei müssen sie sein und sollten in der Vergangenheit bei ihren Vereinen bereits eine gute Rolle gespielt haben. So kamen mit Jannik Dehm (25, Kiel), Julian Börner (30, Sheffield), Luka Krajnc (26, Düsseldorf/Frosinone), Tom Trybull (28, Blackburn), Gael Ondoua (25, Genf), Sebastian Kerk (27, Osnabrück), Sebastian Stolze (26, Regensburg)und schließlich Lukas Hinterseer (30, Hyundai)acht Spieler zwischen 25 und 30 Jahren.Hierbei sei erwähnt, dass Sebastian Ernst (26, Fürth)die Kriterien zwar erfüllt, der aber nach einer herausragenden Saison in seine Heimatstadt zurückkehrt. Jeder dieser Neuzugänge könnte alleinstehend eine sinnvolle Verstärkung sein. Nur vermögen diese Neuzugänge vermutlich keine großen Entwicklungssprünge als Mannschaft zu erzielen und erscheinen vom Profil zu ähnlich. Wie werden sich die oben angeführten Fragen am Ende dieser Saison hinsichtlich der Neuzugänge beantworten lassen?
Rückkehrer Sebastian Ernst kann sein Potential bis jetzt noch nicht entfalten
Es ist sicherlich viel Spekulation dabei und ob des frühen Zeitpunktes der für ein Fazit noch zu früh, aber die Leistungen der ersten Wochen lassen schlimmes befürchten. Wo ist die Kreativität im Scoutingbereich? Hart gesagt hätte jeder Hobby-Fußballmanagerunter den Kriterien „ablösefrei“, „2. Liga in Deutschland, England oder Italien“, „Alter zwischen 25 und 30 Jahren“, und ein „Marktwert über 700.000 Euro“ über die Filterfunktion bei transfermarkt.de genau diese Spieler entdecken können. Was ist mit Spielern bis 23 Jahren, auch aus kleineren Ligen, aber mit größerem Entwicklungspotential, die Ihre Karriere noch vor sich haben und die der gewöhnlich Fußballinteressierte noch nicht kennt? Versprechen diese Spieler nicht vielmehr einen Umbruch, den Willen sich zu verbessern und das für die Fans so wichtige „Feuer“ zu versprühen? Denn genau diese Kategorie Spieler haben die letzten Jahre dafür gesorgt, dass vermeintlich kleinere Vereine, wie Bielefeld, Bochum oder Fürth den Aufstieg geschafft haben und an den vermeintlich großen Vereinen wie Hannover oder Hamburg in Liga 2 vorbeigezogen sind.
Wie bereits erwähnt, ist die Erwartungshaltung der Fans so weit gesunken, dass es der Mannschaft eher mit weicheren Faktoren gelingen wird die Freude am Verein zurückzuerobern. Kampfgeist, Spielfreude und einfach das Gefühl zu vermitteln, 90 Minuten alles zu geben. Das wäre ein Anfang und würde die verloren gegangene Begeisterung an Hannover 96 zurückbringen. Immerhin war das Spiel gegen St. Pauli ein erster Schritt, den es in den kommenden Wochen zu bestätigen gilt.

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